Svetlana Aleksijevič liest und spricht beim ilb über die Afghanistankriege

ilb_aleksijevic_c_peter_groth
Svetlana Aleksijevič kommt aus Weißrussland, jenem Land, in dem sie schon länger nicht mehr leben will und in dem die Menschen in den letzten Wochen und Monaten im Protest gegen das autoritäre Regime Lukaschenkos zu seltsamen Aktionen zusammen gekommen sind: um in die Hände zu klatschen zum Beispiel oder um ihre Handys gemeinsam klingeln zu lassen. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass sie seit über zehn Jahren kein neues Buch mehr geschrieben hat. Für ihre Lesung auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin, das in diesen Tagen über die Bühne geht, hatte sie so im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen jedoch den Vorteil, nicht ihre neueste Publikation vermarkten zu müssen.

Svetlana Aleksijevič, die 1998 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhielt, hat sich durch ihre Unerbittlichkeit als Kritikerin des Krieges einen Namen gemacht. Ihre dokumentarischen Bücher wagen sich an die Front der Erinnerung und lassen Hunderte von Stimmen in möglichst unverfälschter Form zu Wort kommen. Das fing bereits zu Sowjetzeiten an. Ihr erstes Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (dt. 1987, russ. U vojny ne ženskoe lico, 1985) wurde noch in der DDR veröffentlicht und als Teil des „antifaschistischen Widerstands“ verstanden: „Die Frau klagt den Faschismus an.“ (1987, S. 16). Sie dokumentiert darin den 2. Weltkrieg als ersten Krieg mit massenhafter weiblicher Beteiligung und versucht diesen weiblichen Kampf in einem männlichen Krieg in die kollektive Erinnerung einzuschreiben. Sie dokumentiert den unerhörten Wunsch junger Mädchen, zu kämpfen, verlorene Väter und Ehemänner zu rächen: „Die Wahl zwischen Leben und Tod erwies sich für viele als so einfach wie das Atmen.“ (1987, S. 33). Aleksijevič könnte das geistige Oberhaupt der „Soldatenmütter von St. Petersburg“ sein, die in Russland schon lange zu den wichtigsten zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes gehören: die Mutter der Mütter. Die Beschäftigung mit dem 2. Weltkrieg setzte sie fort in Die letzten Zeugen (dt. 1989, russ. Poslednie svideteli, 1985), einem Buch, das den Kriegskindern gewidmet ist, jenen, die im 2. Weltkrieg noch Kinder und schon in den 1980er Jahren die „letzten Zeugen“ waren. Die Unmittelbarkeit der im Kindesalter gespeicherten Eindrücke soll das im Alter Erinnerte und Erzählte zu einem „Originaldokument“ machen. Dabei sind es Menschen, die im Rückblick sagen müssen: „Ich bin immer erwachsen gewesen.“ (1989, S. 16)

Nicht zuletzt gegen den Mythos der Kameradschaft kommen in erzählten Erinnerungen nicht nur die vielen kleinen Assoziationen zur Sprache, die symbolisch für das Ganze der Kriegsgräuel stehen, sondern auch die nicht auszumerzenden psychischen und körperlichen Folgen: Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Schwindel, Gefühllosigkeit, nicht zuletzt Schuldgefühle. Das Töten, so erklärt uns Aleksijevič, sei eigentlich ein metaphysisches Problem: Es interessiere sie, wie Menschen es rechtfertigen, das zu übernehmen, was eigentlich Gott oder irgendeinem höheren Prinzip vorbehalten ist. Ihre paradoxe Aufgabe könne man also auf einen Nenner bringen: menschliche Worte für unmenschliche Taten finden.
Die Vielzahl der angeführten Stimmen braucht es – wie sie im Gespräch sagt –, um ein „episches Bild“, eine „Symphonie“ zu erschaffen, die einzig der Komplexität der Geschichte gerecht werden könne. Diese Symphonie oder Polyphonie führt zur Kürze der Erzählungen; es sind Miniaturen. Aleksijevič schreibt eine Prosa der Erschütterung, die ihr Ziel aber nicht immer erreicht. Der Krieg generiert erstaunliche Bilder, welche von der Erzählerin nur gesammelt, selektiert und geordnet werden müssen. Doch darin liegt auch eine Gefahr. In ihrem Erschütterungswillen balanciert Aleksijevič eben auch an der Grenze zur Lust am Spektakel, spielt mit dem Realismus des Krieges. Während der Lesung zumindest ist im Gesicht der Dolmetscherin eine Betroffenheit zu erkennen, die den anderen Gesichtern fehlt – dem Moderator, der Vorleserin der deutschen Version, im Publikum. Vielleicht wusste die Dolmetscherin einfach nicht genau, was sie hier erwartet, wofür sie engagiert wurde. In ihrem Gesicht, so scheint es zumindest, ist die Erschütterung, auf die Aleksijevič zielt, offen sichtbar. Bei anderen aber verfehlt sie ihre Absicht sicherlich auch deshalb, weil sie den Leser von der ersten Seite an abhärtet, vorwarnt, immunisiert.

Aleksijevič schreibt Bücher über den Alltag des Krieges, die für uns heute erneut Aktualität besitzen, weil der Krieg leider wieder alltäglicher geworden ist – auch mit europäischer Beteiligung. Deshalb ist es kein Zufall, dass sie in Berlin gerade aus dem Buch Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen (dt. 1992, russ. Cinkovye mal’čiki, 1991) über den sowjetischen Afghanistankrieg (1979-1989) liest. Für dieses Buch arbeitet Aleksijevič gerade an einer Neuausgabe, in der nicht nur die alten Stimmen, auf denen noch der Druck der Behörden lastete, sondern auch „neue freie Menschen“ zu Wort kommen sollen. Daneben arbeitet sie an einem neuen Buch über das „Ende des roten Menschen“. Bei den Zinkjungen kommt die Sprache aber natürlich schnell auf den heute nur offiziell für beendet erklärten Afghanistankrieg. Die Frage, ob es nicht gut sei, dass die Deutschen dort heute Straßen, Schulen und Krankenhäuser bauen würden, kann Aleksijevič nicht beantworten, stellt aber klar: Das eben sei schon damals das Seltsame eines solchen Krieges in den Augen der dort lebenden Menschen gewesen – sie kommen, töten Frauen und Kinder, zerstören Brücken, Schulen und Häuser, und wenn sie damit fertig sind, dann bauen sie die Straßen wieder auf, errichten neue Häuser, neue Schulen und Krankenhäuser. Das sei heute nicht anders. Es handle sich um eine radikale „Parallelwelt“, in der es uns nicht gelingen kann, „Ordnung zu schaffen“. Und dann kommt aus dem Publikum eine spannende Frage: War der Afghanistankrieg zusammen mit Tschernobyl (auch hierüber schrieb Aleksijevič in Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, dt. 1998, russ. Černobyl’skaja molitva: chronika buduščego, 1997)  nicht der Anfang des Zerfalls der Sowjetunion? Natürlich, antwortet Aleksijevič, und ich denke, man könnte weiter fragen: Was sagt uns das über unseren heutigen Afghanistankrieg, zehn Jahre nach seinem Beginn und mitten in einer handfesten Systemkrise? An dieser Stelle aber ist das Zeitlimit der Veranstaltung überschritten und das Gespräch muss abgebrochen werden.

 von Roman Widder

 

Ausgewählte Literatur:
Swetlana Alexijewitsch. Tschernobyl. Eine Chronik der  Zukunft. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin. 2011.

Swetlana Alexijewitsch. Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin. 2004.

Swetlana Alexijewitsch. Seht mal, wie ihr lebt. Russische Schicksale nach dem Umbruch. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin. 1999.

Swetlana Alexijewitsch. Zinkjungen. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 1992.

druckdatei

Top