Schlaflos an blutigen Ufern

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Sonnenstadt der Träume also. Minsk. Das scheint nicht recht zusammenzugehen. Der letzte Diktator Europas residiert in der Sonnenstadt der Träume?
Es ist Artur Klinaŭ hoch anzurechnen, dass er über sämtliche 55 Kapitel und 172 Seiten seines in der edition suhrkamp gerade erschienenen Textes Präsident Aljaksandr Lukašėnka nicht einmal erwähnt. Nur im Epilog hat ER einen Kurzauftritt, in der Uniform des Generalissimus, in der Einsamkeit seiner beginnenden dritten Amtszeit. Dabei hätte Klinaŭ Grund genug, explizit auf die allzu stabile politische Situation in seiner Heimat Weißrussland einzugehen. Macht er sich doch als Schriftsteller, der in seiner Muttersprache schreibt, als Künstler, Architekt und Herausgeber des landesweit einzigen Magazins für zeitgenössische Kunst pARTisan bei den politisch Mächtigen von vornherein verdächtig, ein Gefährlicher zu sein. Aber Klinaŭ lässt sich nicht politisieren. Er erklärt in seinem Buch die Stadt selbst zur zentralen Figur, die schlaflose Njamiha an den blutigen Ufern, die Realität gewordene Utopie, die Sonnenstadt der Träume.
Der Originaltitel des in den Monaten nach der Präsidentschaftswahl vom März 2006 geschriebenen Textes lautet Putevoditel’ po gorodu solnca (Reiseführer durch die Sonnenstadt). Keimzelle dieses Textes ist ein kurzer Essay in weißrussischer Sprache zu Klinaŭs Anfang 2006 im Minsker Lohvinaŭ Verlag erschienenem Fotoalbum Horad SONca. Vizual’naja paėma pra Minsk, den der Philosoph Valjancin Akudovič begeistert als einen der besten Essays über Minsk feierte. Klinaŭ selbst sieht sein Fotoalbum nur als kleinen Baustein eines ambitionierten sozio-mythologischen Projektes. Er träumt von einem Minsk-Mythos, der unter Einbeziehung vieler verschiedener Kunstformen entstehen soll und an dem auch in pARTisan fleißig gestrickt wird. So ist ein Ballett in Planung, auch multimediale Ausstellungen oder einen Sonnenstadt-Film wünscht sich der Autor, um der Stadt und ihren Bewohnern eine Idee, ein Selbst-Bewusstsein zu geben.

Dem von Volker Weichsel ins Deutsche übertragenen Band sind mehrere Schwarzweißfotografien aus der Sonnenstadt beigefügt, die das ohnehin vielschichtige Minskbild um eine zusätzliche Ebene erweitern und Klinaŭ als sensiblen Augenmenschen ausweisen. Anhand eines skizzierten Stadtplanes kann der Leser Straßen, Plätze und Paläste verorten, die ihm bei der Lektüre begegnen. Interessanterweise kommt dieser Plan ohne Windrose aus – ein Pfeil links weist nach Berlin, ein zweiter rechts nach Moscow, damit ist vieles gesagt. Auf die Legende zum Stadtplan folgt ein Abbildungsverzeichnis, beschlossen wird das Buch durch eine aufschlussreiche Nachbemerkung zur Entstehung des Textes, Problemen der Titelübersetzung und zum Motto.

Dem Übersetzer Volker Weichsel ist ein stimmiger, ein stimmungsvoller Text gelungen, der zwischen den verschiedenen Tonlagen und Perspektiven fein differenziert. Die Übersetzung kann leider nicht an der russischen Vorlage gemessen werden, da diese nicht vorliegt – der Text entstand im Auftrag des Suhrkamp Verlages, war also von vornherein für ein deutsches Lesepublikum bestimmt.

Artur Klinaŭ stellt seinem Text ein Fragment aus Tommaso Campanellas Civitas Solis voran, das im Folgenden genauso immer wieder durchscheint wie Thomas Morus’ Utopia. So berichtet der Erzähler:
„Ich wurde in der Sonnenstadt der Träume geboren, in der es zwei Städte gab – eine Gesellschaft des Glücks, an die man glaubte, und die Stadt selbst. Die erste Stadt schmolz dahin, die zweite blieb als Monument des Strebens nach dem Unrealisierbaren, als grandioses Drehbuch für ein romantisches, erhabenes Stück mit dem Titel Glück. Die Utopie wurde Realität. Die Insel, die es nicht gibt, gibt es doch. Dafür stehen zwei Zeugen. Die Sonnenstadt und ich.“

Und Klinaŭ legt beredt Zeugnis ab, erweist sich als einfühlsamer und kompetenter Reiseführer, der dem Leser auf ganz verschiedenen Wegen Zugang zu seiner Stadt verschafft. Immer wieder öffnet er den Blick für überraschende Verbindungen. Etwa, wenn er die grausamen Bilder der Schlacht an der Njamiha 1067, wie sie der Chronist des Igorliedes schildert, in Beziehung setzt zu den Bildern von der Katastrophe im Sommer 1999 an gleicher Stelle, als fünfzig junge Menschen ums Leben kamen. Immer wieder spürt er doppelte Böden auf, verschafft er dem Gesehenen zusätzliche Resonanzräume.

„Über den verwilderten Hofparks hing eine Zeitlosigkeit wie über den entvölkerten Ruinen Karthagos, eine Utopie im Wortsinn. Ihre pseudoantiken Gipsvasen standen, von Kletten und Fliedergebüsch umrankt, in der unbekannten Zeit eines unbekannten Ortes. Durch die Wipfel der Pappeln schimmerten die Rückfassaden der Paläste mit ihren vereinzelten Renaissancefenstern, die aus den unverputzten Ziegelmauern hervorstachen, mit den verzierten Gesimsen, den abgebrochenen Karniesen, den eingefallenen Dächern der Balkonschuppen, den korinthischen Pilastern der auf den Platz führenden Bögen. Unter den Pappeln sprangen Kinder mit ihren Phantasiemaschinenpistolen herum und spielten Krieg, alte Männer mit roten Nasen gingen mit sehr realen Wodkaflaschen in der Hand vorbei, Hausfrauen hängten Wäsche auf.
Es entstand ein Eindruck von Ewigkeit und Zeitlosigkeit, als seien dies die Ruinen einer Zivilisation, deren Zeit in Fragmente zerfallen ist, die sich wie Glassteinchen eines Kaleidoskops zu seltsam bizarren Mustern zusammensetzen. Diese Muster waren real und gespenstisch zugleich. Man konnte zu einer Vase gehen und ihre rauhe, weiße Oberfläche berühren. Zugleich war sie aber auch eine Illusion, ihre Präsenz an diesem Ort hatte etwas Irreales, sie war in die Einsamkeit dieser schlafenden Stadt geworfen, aus einer unbekannten Kultur, aus einer unbekannten Zeit, aus einer Zivilisation, die es nicht gibt, aus einer Zeit, die es nicht gibt.“

Artur Klinaŭ hat die Gabe, mit unterschiedlichen Augen auf seine Stadt schauen zu können und ist daher auch in der Lage, ihre unterschiedlichen Verkörperungen zu erkennen und sie Wort werden zu lassen. Mit klinaŭschen Kinderaugen darf der Leser eine endlose Folge schier unüberwindlicher Betonplatten bestaunen, mit dem Blick des Fotografen bizarre Schatten und Orchideenorte entdecken oder als studierter Städtebauer auf der Suche nach den Zonen des Irrationalen durch die Straßen der Stadt und die verqueren Gehirnwindungen ihrer Planer wandeln. Dabei begegnen ihm so schillernde Figuren wie der armlose Felix, das fröhliche Kaninchen Stepaška, die kleine Frau Molekül, der geniale Kim Chadeev, die Flaschen sammelnde Enkelin Lenins oder der fliegende Schaumstoffmetaphysikus höchstselbst. Wie klein wird da ein Lukašėnka.

Thomas Weiler

 

Artur Klinau: Minsk. Sonnenstadt der Träume. Aus dem Russischen von Volker Weichsel. edition suhrkamp. Frankfurt a.M. 2006.

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