Zeitdokument oder zeitlose Wahrheit: Über Fallen bei der Andrić-Lektüre

Ein Interview mit Michael Müller, Slawist, wissenschaftlicher Assistent an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln

novinki: Sie sind Autor einer Monographie zur Selbst- und Fremdwahrnehmung der bosnischen Völker in der Prosa der bosnischen Autoren Isak Samokovlija und Ivo Andrić. Wie verständigen sich die einzelnen religiösen Gemeinschaften Bosniens im Werk von Ivo Andrić? Gibt es da nur ein Gegeneinander oder auch ein Wir-Gefühl?

Michael Müller: In der historischen Prosa Andrićs, die weit in die Vergangenheit zurückgeht, ist bei der Beschreibung der osmanischen Herrschaft und des Verhältnisses der Völker in Bosnien, die unter osmanischer Herrschaft leben, kein Wir-Gefühl festzustellen. Allenfalls gibt es ein übereinstimmendes Gefühl, dass alle gemeinsam Opfer dieser bosnischen Verhältnisse sind – auf die eine oder andere Art. Aber auch dieses Bewusstsein wird nicht auf kollektiver Ebene beschrieben, sondern nur in der persönlichen Begegnung von einzelnen Menschen, die dann aber gegebenenfalls durchaus Vertreter ihrer Nation sind. Besonders ist mir aufgefallen, dass dieses Wir-Gefühl, das sich in der persönlichen Begegnung bisweilen zeigt, grundsätzlich vom Erleben von Stille und Schweigen bestimmt ist. Das heißt, dass Übereinstimmung und gemeinschaftsstiftende Wirkung von Stille und Schweigen ausgehen und nicht von Worten oder Verständigung mit Worten. Es geht also beim Wir-Gefühl immer darum, Trennendes zu verschweigen und nicht Verbindendes auszusprechen.

n.: Zu jugoslawischer Zeit galt Ivo Andrić als ein Brückenbauer zwischen den Nationen. Heute wird ihm, vor allem von bosniakischen Interpreten, zum Vorwurf gemacht, die Muslime ausschließlich negativ dargestellt, sie verteufelt zu haben. Was hat Ihre Untersuchung ergeben? Wie schildert Andrić die muslimische Welt?

M.M.: Man sollte sich zunächst einmal bewusst machen, dass Andrićs historische Prosa ein Zeitdokument ist, das heißt ein Zeitdokument nicht nur über die Handlungszeit, die es beschreibt, sondern gerade auch ein Zeitdokument über die Generation, der Andrić angehörte – also über die jugoslawische Gründergeneration. Die Verhältnisse, die er schildert, auch rückblickend weit in die Vergangenheit, schildert er aus der Perspektive, mit der die jugoslawische Gründergeneration den Zustand im Angesicht der jugoslawischen Einigung wahrgenommen hat. Und es ist vollkommen naheliegend, dass eine solche Einigungsbewegung – eine Sezessionsbewegung – betont, dass man von der Fremdherrschaft unterjocht wird und dass man dies ideologisch überhöht. Das beobachten wir ja auch in den Äußerungen, die vor zwanzig Jahren im Zuge der Sezessionsbestrebungen der westlichen jugoslawischen Republiken stattgefunden haben.

n.: Kroatien und Slowenien?

M.M.: Genau, in erster Linie Slowenien und Kroatien. Bosnien war dann ja eher etwas, was in diesen Sog der Sezession geraten ist. Aber die Sezessionsbestrebungen in Slowenien und Kroatien haben vom jugoslawischen Völkergefängnis gesprochen – ähnlich wie damals die jugoslawische Einigungsbewegung das osmanische Völkergefängnis konstruiert hat. Das war also eine Sichtweise der jugoslawischen Einigungsbewegung, die Osmanen so darzustellen und eben nicht zuzugestehen, dass sie durchaus in ihrem Staatskonstrukt eine weitreichende Liberalität haben erkennen lassen, in Glaubens- und Autonomiefragen. Die Sezessionsbestrebung hat natürlich das Gegenteil betont: Unterdrückung, Rückständigkeit und dergleichen. Da steht also Andrić für seine Generation und deshalb sollte man ihn als Zeitdokument lesen. Und das Problem jetzt im Nachhinein ist, dass man ihn eben nicht als Zeitdokument liest, sondern als absolute historische Wahrheit. Infolge der Entwicklungen nach der Nobelpreisverleihung wurde das noch verstärkt: Man glorifizierte ihn als Chronist Bosniens, als Kenner der Verhältnisse, als Fürsprecher, als Brückenbauer – und man betrachtete seine Sichtweise als zeitlose Wahrheit. Für ein eher kleines Land wie Jugoslawien war der Nobelpreis eine ungeheuer prestigeträchtige Angelegenheit. Die internationale Anerkennung führte dazu, dass Andrić ideologisch überhöht wurde und dass die Wahrnehmung im Ausland dann auch für die Innensicht in Jugoslawien selber akzeptiert wurde.

n.: Diese Begeisterung aus dem Ausland und die Ansicht, man müsse Jugoslawien und Bosnien so verstehen, wie das Ivo Andrić uns sagt, wirkte also auf Jugoslawien zurück?

M.M.: Genau, das hat dann auch eine Eigendynamik entwickelt. Infolgedessen hat man über drei Jahrzehnte hinweg Andrić als historische Wahrheit betrachtet. Hinzu kommt, dass in Jugoslawien auch aufgrund der totalitären Bedingungen des Kommunismus eine bestimmte Verengung der Sicht auf Andrić stattgefunden hat. Man hat Andrićs Beschreibungen historisiert betrachtet und das neue Jugoslawien als Lösung für die Probleme gesehen, über die er schrieb. Aber so hat Andrić das mit Sicherheit nicht gemeint, sondern er ist gerade von einem kreisförmigen Geschichtsbild ausgegangen, von der Wiederkehr und der Abwechslung von Ruhe und Unruhe, von Krieg und Frieden. Er hat diesen Prozess, obwohl er ihn in der Vergangenheit angesiedelt hat, nicht als abgeschlossen betrachtet.

n.: Inwiefern unterscheidet Andrić zwischen den einheimischen bosnischen Muslimen und den nichtslawischen Vertretern der Osmanen in seinen Werken?

M.M.: Die osmanische Herrschaft wird als unpersönliches abstraktes Phänomen ausschließlich negativ dargestellt. Wie gesagt, das ist naheliegend für einen Vertreter der jugoslawischen Einigungsbewegung, dass er die Fremdherrschaft, von der er sein Land befreit wissen wollte, nicht positiv darstellt. Da sind auch Einschätzungen zu finden, die aus heutiger Sicht der historischen Forschung überholt sind. Die Darstellung der osmanischen Rückständigkeit mag zutreffen, etwa, dass die Osmanen kein besonderes Interesse daran hatten, die Länder, die sie unterworfen hatten, kulturell und wirtschaftlich zu fördern. Aber die Beschreibung der Unterdrückung und der Unterjochung war sicherlich tendenziös. Wie ich schon sagte, hat ja gerade die osmanische Liberalität in Glaubens- und Autonomiefragen manche Verhältnisse in Westeuropa durchaus übertroffen. Aber das ist auch in der historischen Forschung erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt in den Blick gekommen. Lange Zeit galt durchaus diese Lesart von Andrić auch über sein Land hinaus als akzeptabel. Die Zeichnung einzelner Charaktere der Osmanen wiederum ist differenziert. Da gibt es positive und negative Charaktere, sympathische und unsympathische. Also: Die Herrschaft der Osmanen wird allgemein negativ, einzelne Charaktere werden sehr differenziert geschildert. Die einheimischen Muslime haben sich, wie aus Andrićs historischer Prosa hervorgeht, nicht nur von den nicht-muslimischen Mitbürgern abgegrenzt, sondern auch von den Osmanen selber. Sie sahen sich als Hüter des wahren Glaubens im Gegensatz zu den osmanischen Fremdherrschern. Diese erscheinen den einheimischen Muslimen in erster Linie als Menschen mit einem gewissen Hang zur Gleichgültigkeit, zur Schwerfälligkeit und vor allem auch zur Lasterhaftigkeit. Im Zuge der jugoslawischen Einigungsbewegung wird dann – zum Beispiel in Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija) – eine jüngere Generation einheimischer Muslime gezeigt, die sich von der identitätsbildenden Religionszugehörigkeit lösen möchte und die sich den aufstrebenden Serben anzupassen bereit ist. Auch das entspricht der Wahrnehmung dieser Zeit. Heute werden die Bosniaken sehr ungern mit der Feststellung konfrontiert, dass die Muslime in dieser Zeit und bis 1945 nicht als eigenständiges Volk wahrgenommen und behandelt wurden, sondern eher als eine Art Überbleibsel der Fremdherrschaft, das sich auf die eine oder andere Weise mit den anderen Völkern verbinden wird – in einer angestrebten jugoslawischen, wenn auch serbisch dominierten Identität.

n.: Wenn die Geschichtsforschung zu anderen Ergebnissen gekommen ist, ist da nicht eine gewisse Empörung in bosniakischen Kreisen heute verständlich, wenn man etwa die enorm schockierende Szene der Folterung eines Serben durch die Osmanen in Die Brücke über die Drina liest oder wenn in Wesire und Konsuln (Travnička hronika) osmanische Herrscher triumphieren, indem sie die abgeschnittenen Nasen und Ohren ihrer Gegner vorführen? Ist es nicht logisch, dass da Protest aufkommt?

M.M.: Das Problem ist gerade, dass man diese Schilderungen über Jahrzehnte als historische Wahrheit wahrgenommen hat, und dass die ehemals jugoslawische Öffentlichkeit in allen Republiken auf die eine oder andere Weise Schwierigkeiten hat, sich von dieser Sichtweise zu lösen. Wenn man von Anfang an bereit gewesen wäre, sich bewusst zu machen, dass es sich um ein Zeitdokument handelt, das wiedergibt wie die jugoslawische Gründergeneration die osmanische Fremdherrschaft wahrgenommen hat, wie sie diese auch dramatisch überhöht hat in ihrer negativen Wirkung, dann hätte man sich auch zu den einzelnen konkreten Schilderungen distanzierter positionieren können.

n.: Aber da gibt es auch ein Problem in dem Literatur- und Geschichtsverständnis von Ivo Andrić selbst, der mal gesagt hat, dass die literarische Ausdrucksform die bessere Form sei, die Geschichte zu begreifen und wahrhaftig darzustellen…

M.M.: Eine literaturtheoretische Diskussion über die historische Prosa zu führen ist besonders kompliziert. Es ist schwierig, hier das Verhältnis von Erzählerstimme und Autor konkret voneinander abzugrenzen, weil ja gerade die Langprosa von Andrić sich als chronikalische Prosa versteht, weil sie mit historischen Fakten umgeht und diese zum Teil authentisch, zum Teil fiktionalisierend verarbeitet. Das ist ein interessantes Beispiel auch für eine literaturtheoretische Debatte über die Vermischung von Fiktionalität und Faktualität. Aber es hat hier eine Polarisierung und eine solche Schwierigkeit im Umgang mit Andrić sicher nur deshalb gegeben, weil sich die Rezeptionsgeschichte so problematisch unter dem Einfluss der totalitär-kommunistischen Herrschaft und unter dem Einfluss der Glorifizierung durch den Nobelpreis entwickelt hat. Durch diese Rezeptionsgeschichte, aus der sich jetzt keine Seite so richtig lösen kann, hat man nun diese Schwierigkeiten, sich zum Autor und zum Werk zu positionieren – in einer Weise, die Andrić gerecht wird und ihn eben nicht verteufelt.

n.: Wir haben viel über die Bosniaken gesprochen. Wie werden denn die anderen Nationen in Andrićs Werk dargestellt? Wie erscheinen bei ihm die Serben, die Kroaten oder die Roma?

M.M.: Die Serben werden als besonders unbeugsame Nation beschrieben. Deren Widerspenstigkeit macht sie einerseits zu besonderen Opfern der Repressionsmaßnahmen der Osmanen. Andererseits verläuft dann die Entwicklung im 19. Jahrhundert für die Serben in Serbien fast kontinuierlich positiv, hin zu immer stärkerer Eigenstaatlichkeit, zu immer größeren militärischen Erfolgen, so dass die Hoffnung auch der anderen Volksgruppen auf Befreiung von der Fremdherrschaft und auf eine jugoslawische Vereinigung in die erstarkenden Serben projiziert wird. Die Serben sind also der Motor, sowohl in moralischer Hinsicht als auch hinsichtlich der politischen Entwicklung. Sie werden in diesem Zusammenhang durchgehend als besonders durchsetzungsfähig, als besonders stolz und als besonders freiheitsliebend dargestellt. Daraus geht hervor, dass die jugoslawische Gründergeneration den Serben – die ja im Anschluss auch auf der Siegerseite des Ersten Weltkriegs standen – eine Führungsrolle im gemeinsamen Jugoslawien zugestanden hat. Man empfand es als kleinlich, wenn kurz nach der Gründung des gemeinsamen Staates von der slowenischen und der kroatischen Seite Einwände gegen ein zu stark serbisch dominiertes Gemeinschaftsgefüge kamen. Für Andrićs Generation ist die serbische Führungsrolle aus den Leistungen der Serben im 19. Jahrhundert natürlich hervorgegangen, und das kann man in seiner historischen Prosa auch beobachten, zum Beispiel in Die Brücke über die Drina, wo aus einer kollektiven Perspektive ein Wir-Erzähler aus serbischer Sicht spricht.

n.: Muss man Ivo Andrić deshalb als Gegner des multikulturellen Bosnien sehen?

M.M.: Nein, auf keinen Fall. Denn seine Schilderungen, ich wiederhole mich, aber das ist die Quintessenz dessen, was ich vermitteln möchte, seine Schilderungen sind Zeitdokument und authentische Wiedergabe der Stimmung seiner jugoslawischen Gründergeneration. In dieser Zeit war es nicht ehrenrührig, ein Jugoslawien zu ersehnen, das serbisch dominiert war. Das ist als für alle Völker von Interesse geschildert worden. Und insofern wird es Andrić nicht gerecht, wenn man in der Nachbetrachtung diese historische Sichtweise zum Anlass nimmt, um ihn als Gegner multikulturellen Zusammenlebens darzustellen.

n.: Sie haben schon die nächste Frage praktisch in verschiedener Hinsicht beantwortet, dennoch noch einmal die Frage zugespitzt: Andrić wird beschuldigt, das Terrain für die Kriegsverbrechen gegen die bosnischen Muslime der 1990-er Jahre bereitet zu haben. Was würden Sie solchen Interpreten entgegnen?

M.M.: Einen solchen Vorwurf finde ich wirklich völlig abwegig. Es handelt sich um Einzelstimmen von bosniakischer Seite, die Anfang der neunziger Jahre auch aus Deutschland von einigen wenigen Fürsprechern unterstützt wurden. Man übertrug bestimmte Details aus Andrićs politischem Wirken auf sein Werk und zog dann Querverbindungen. Man zog Andrićs Doktorarbeit zu Rate, auf die er in seinen öffentlichen Äußerungen aber später gar nicht mehr zurückgekommen ist. Insofern sind das Vorwürfe, die konstruiert sind und die ich wirklich für tendenziös und für absolut nicht nachvollziehbar halte.

n.: Wie korrespondiert denn Andrićs Literatur mit seiner politischen Tätigkeit, mit seinen politischen Auffassungen, die er öffentlich vorgetragen hat?

M.M.: Andrić hat sich im engeren Sinne politisch in der Zeit des Königreichs Jugoslawien geäußert, als er ja auch politische Funktionen innehatte, sehr hohe politische Funktionen bis zum stellvertretenden Außenminister und zum Botschafter in Berlin. Da haben diese politischen Äußerungen und historischen Wertungen seinen Einschätzungen entsprochen, die man auch in der Literatur wiederfinden mag – also von der Führungsrolle der Serben, die ihnen auch historisch zusteht und die eben nicht gegen die anderen Völker gerichtet ist, sondern allen Völkern zugute kommt. Er hat die Gründung des ersten Jugoslawien – sowohl als Literat als auch als Politiker und auch als Einzelperson, wie seine ganze Generation – sehr euphorisch wahrgenommen. Die Gründung des zweiten, des kommunistischen Jugoslawiens hat er mit weitaus weniger Illusionen und weitaus weniger Euphorie verfolgt. Da hatte ja schon das Scheitern des ersten Jugoslawien zu einer ganz anderen Einstellung geführt, zum Bewusstsein, dass die Gründung Jugoslawiens die Probleme nicht hat dauerhaft lösen und die Gewalt und den Hass zwischen den Völkern nicht hat dauerhaft unterdrücken können. Erst durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs hat sich dann das pessimistische Weltbild Andrićs dauerhaft formiert, die Vorstellung von der kreisförmigen Wiederkehr historischer Prozesse, der man nicht entrinnen kann. Er hat sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Jugoslawien kaum noch politisch geäußert, dieses pessimistische Weltbild verarbeitet er dann literarisch in historisierter Form. In seinen historischen Chroniken, in seinen großen Romanen, die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, hat er geradezu ein soziologisches Konstrukt über die Wiederkehr historischer Prozesse in kreisförmiger Form entworfen, wobei er diese Theorie in der Vergangenheit angesiedelt hat – quasi mit dem Abschluss 1914. Das ist im kommunistischen Jugoslawien als Zugeständnis an den neuen Staat wahrgenommen worden, welcher diese fatale kreisförmige Wiederkehr historischer Prozesse überwunden hätte. Aber so hat Andrić das nicht gemeint, sondern er hat die kreisförmige Wiederkehr als dauerhaft angesehen. Dazu hat er sich sinnigerweise in außerliterarischen Stellungnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geäußert.

Das Interview führten Ksenija Cvetković-Sander und Martin Sander.

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