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A Few Ways to Lose Friendship – Eine grenzüberschreitende Online-Premiere im Corona-Winter 2020/21

Posted on 20. Januar 2021 by Natalia Grinina
Dank der Pandemie hat das seit 2014 betriebene Dokumentartheaterprojekt von Michail Kalužskij endlich die richtige Form und Ausführung gefunden: Am 9. Dezember 2020 fand die Premiere seines Stücks „A Few Ways To Lose a Friendship” auf der Videokonferenz-Plattform Zoom statt. In Kooperation mit der Produzentin Evgenia Šermenëva wurde ein internationales russischsprachiges Team aus Theaterschaffenden aus sieben osteuropäischen Ländern berufen, um die Online-Lesung zu realisieren. novinki ist dem nachgegangen, wie der virtuelle Raum zu einem selbständigen poetischen und ästhetischen Element der Inszenierung wurde.

Dank der Pandemie hat das seit 2014 betriebene Dokumentartheaterprojekt von Michail Kalužskij endlich die richtige Form und Ausführung gefunden: Am 9. Dezember 2020 fand die Premiere seines Stücks „A Few Ways To Lose a Friendship” auf der Videokonferenz-Plattform Zoom statt. In Kooperation mit der Produzentin Evgenia Šermenëva wurde ein internationales russischsprachiges Team aus Theaterschaffenden aus sieben osteuropäischen Ländern berufen, um die Online-Lesung zu realisieren. novinki ist dem nachgegangen, wie der virtuelle Raum zu einem selbständigen poetischen und ästhetischen Element der Inszenierung wurde.

 

Das Dokumentartheaterstück „A Few Ways To Lose a Friendship” von Michail Kalužskij (geb. 1967 in Novosibirsk), einem in Berlin lebenden Dramaturgen und Publizisten, ist eine Sammlung von persönlichen Dramen im Miniaturformat. Es sind nicht erfundene Bekenntnisse von Menschen, deren enge Verbindungen zu Freund_innen einer anderen Nationalität oder politischen Gesinnung mit einem Mal aufgrund von Kriegen, militärischen Konflikten und anderen medialen Ereignissen kaputt gegangen sind.

In ihren Bekenntnissen äußern die Menschen keinen Hass auf die anderen und weisen nicht mit erhobenem Zeigefinger auf den Schuldigen. Ihre Geschichten sind voller Wehmut, Schmerz und Ratlosigkeit darüber, wie ehemals enge und ihnen vertraute Menschen plötzlich zu ihren Feinden werden konnten.

 

...Тебе лучше уйти. И не уверена, что тебе стоит приходить сюда.
...Но написать ему что-то примирительное пока не могу. Уже шестой год не могу.
…Брат говорит: “Нельзя с ним общаться, сотри номер”. Я, конечно, не стал, но недавно вижу — нет номера. Наверное, брат стер.

 

…Es ist besser, du gehst. Und ich denke nicht, dass du wiederkommen sollst.
…Ich schaffe es einfach nicht, ihm etwas Versöhnendes zu schreiben. Schon seit sechs Jahren nicht.
… Mein Bruder sagte zu mir: „Du sollst ihn nicht mehr kontaktieren. Lösche seine Nummer“. Das habe ich nicht gemacht, aber vor einiger Zeit sehe ich, dass die Nummer aus meinen Kontakten weg ist. Anscheinend hatte sie mein Bruder gelöscht.

 

Die Texte für sein Stück hat Kalužskij in Form von Interviews gesammelt, oder manchmal einfach im Straßencafé mitgehört und aufgeschrieben, und danach mit einigen Handgriffen nach dramaturgischen Regeln bearbeitet (so wurden z.B. aus manchen Monologen – Dialoge, und aus manchen Dialogen – Monologe). Manche Beiträge wurden anonymisiert und unter einen fiktiven Namen gestellt, während andere mit dem richtigen Namen der interviewten Person im Theaterstück präsentiert werden.

Die auf diese Weise entstandenen Kurzgeschichten berühren durch ihre Unmittelbarkeit: Sie betreffen sowohl politische Krisen, die seit geraumer Zeit im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent sind, wie der Krieg in der Ukraine, als auch solche, die erst vor kurzem wieder Schlagzeilen gemacht haben, wie zum Beispiel die neue Eskalation des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan im September 2020.

Das Projekt geht auf eine Masterclass zurück, die Kalužskij bereits im April 2014 im Rahmen eines Dokumentarfilm- und Theaterfestivals in Tekali (Georgien) gegeben hat. Die Interviews, die er damals mit Festivalteilnehmer_innen aus Aserbaidschan, Armenien und Georgien gemacht hat, bildeten die Materialbasis des Stücks. Später kamen noch Gespräche mit russischen und deutschen Kolleg_innen hinzu.

Dann kam das Jahr 2015 und die Annexion der Krim. Auch hier gingen aus politischen Gründen viele Freundschaften zu Bruch, sowohl innerhalb der Ukraine, als auch zwischen den Ländern. Für den aus politischen Gründen aus Russland emigrierten Kalužskij wurde die Arbeit an diesem Projekt zu einem persönlichen Anliegen. Der erschreckend unversöhnliche Ton von manchen radikalen Befürworter_innen des russischen Krieges in der Ukraine und die schiere Unbegreiflichkeit ihrer Gedanken und Einstellungen war für die Gegner der militärischen Invasion wie ihn und für die Aktivist_innen des Majdan schlichtweg traumatisierend.

 

…Так и сказал. Вот когда Игорь будет считать эту войну со стороны России справедливой и священной, вот тогда и встретимся.

 

...Genau so hat er das gesagt. Erst wenn Igor‘ zugibt, dass der russische Krieg in der Ukraine gerecht und heilig ist, dann werden wir uns wieder unterhalten können.

 

Kalužskijs eigene bittere Erfahrung blieb über einen längeren Zeitraum Motor und Antriebskraft, um weiter an der Geschichtensammlung zu arbeiten. Auch seine eigenen Erzählungen wurden in die Textsammlung aufgenommen. Als im September 2020 der Krieg in Berg-Karabach ausbrach, wusste er, dass er hier für sein Projekt wieder fündig wird. Erneut machte er sich auf die Suche nach Menschen, um sie nach ihren verlorenen Freundschaften zu fragen. Und so sind in das Stück weitere Dialoge und Monologe eingeflossen, die auf eine berührende Weise die Traumatisierung der Armenier_innen und der Aserbaidschaner_innen zeigen und auch die Verlorenheit von Menschen, die in ihrer jeweiligen Ideologie oder Denkweise gefangen sind:

 

…Все изменилось буквально за один день. Уровень озлобления и ненависти тогда ещё не дошел до высшей точки, но кровопролитие уже началось. И было понятно, что всё необратимо. Я забежала к своей армянской подруге-соседке и закричала: Собирайтесь быстрее, мы поможем вам уехать. Мой муж довезет вас до границы. А потом добавила: Но....мы больше никогда не будем друзьями. Вот так просто. Мне даже не пришло в голову закончить эту фразу банальным ‚к сожалению‘.

 

…Buchstäblich an einem Tag hat sich die Welt umgedreht. Der gegenseitige Hass und Erbitterung hatten damals noch nicht ihren Höhepunkt erreicht, aber das Blutvergießen hat schon begonnen. Und es war klar, dass es unumgänglich war. Ich rannte zu meiner armenischen Nachbarin und Freundin und schrie: Packt eure Sachen, wir helfen euch schnell von hier wegzukommen. Mein Mann fährt sie bis zur Grenze mit dem Auto. Und dann fügte ich hinzu: Aber… wir werden niemals wieder Freunde sein können. Einfach so. Mir kam in dem Moment nicht einmal in den Sinn, diesen Satz mit einem banalen „leider“ abzuschließen.

 

Dass das Stück, das am 9. Dezember 2020 auf der Videoplattfort ZOOM Premiere gefeiert hat, gerade im Online-Format an Ausdruckskraft gewonnen hat, ist Ergebnis der Kooperation zwischen Michail Kalužskij und Evgenija Šermenëva (geb. 1967 in Moskau), einer erfahrenen Theatermacherin und Produzentin, die in Moskau zehn Jahre lang das internationale Theaterfestival NET (New European Theatre) sowie das Festival für zeitgenössische Kunst „Territorija“ geleitet hat, bei denen u.a. Werke von deutschen Theaterregisseuren gezeigt wurden, wie z.B. von Thomas Ostermeier. Auch sie lebt seit vielen Jahren im Ausland – Riga ist zu ihrer neuen Heimat geworden, wo sie den Anschluss an das dortige gemischte russisch-lettische Kulturmilieau gefunden hat. Seit Beginn der Pandemie organisiert sie von dort transkulturelle Veranstaltungen via ZOOM. Die Realisierung von großformatigen Theaterprojekten in russischer Sprache im Online-Format (u.a. in Belarus, der Ukraine, Estland, Litauen, Lettland und Georgien) ist in diesem Jahr zu ihrem Steckenpferd geworden.

Trotz ihrer Bekanntschaft in Moskau haben sich die beiden erst im Ausland als Kolleg_innen gefunden. Im Sommer 2020, als Evgenjija ihre Zoom-Projekte eins nach dem anderen realisierte (bis zu 2 pro Monat), kam ihr und Michail die Idee, dass sein Stück für eine Online-Lesung wie gemacht zu sein scheint.

Dabei wartete das Projekt schon seit langem auf eine passende Inszenierungsmöglichkeit. Schon früh war es Kalužskij klar, dass das angesammelte Sprachmaterial sich nicht besonders gut zum Lesen auf der Bühne in einem großen Saal eignete. Er experimentierte mit verschiedenen Formaten, konnte aber keine mit dem Text organisch harmonierende Rahmung finden. Zum ersten Mal wurde das Stück in Form einer szenischen Lesung im Sakharov-Zentrum in Moskau gezeigt, danach, im Herbst 2015, wurde es als interaktives Theaterstück mit neuen Interviews im Helena-Rubinstein-Pavillion für Zeitgenössische Kunst des Tel Aviv Museum of Art realisiert.

Doch erst mit den Proben im Zoom-Format im Sommer 2020 war endlich das Gefühl da, dass hiermit das passende Medium gefunden war, um solche Dialoge einem größeren Publikum zu zeigen. Denn die Video-Plattform hatte genau die notwendigen ästhetischen Rahmenbedingungen geschaffen, die den Inhalt der Dialoge der Protagonist_innen kritisch untermalen und intensivieren konnten.

 

 

Zum Einen spiegeln sich die Meinungsunterschiede und die verschiedenen Sichtweisen auf Politik der Protagonist_innen in der physischen Distanz und Getrenntheit der Schauspieler_innen wider, die tatsächlich viele tausend Kilometer voneinander getrennt vor ihren Webkameras gespielt haben. Die Köpfe in den Kästchen, jede Person in ihrer eigenen Meinungsblase, ohne einen Weg nach ‚Draußen‘, das unterstützt die Dramatik und die Pointe jedes Dialogs. Das Nicht-Miteinander-Sprechen-Können wird so jedes Mal aufs Neue auf dezente Weise unterstrichen.

Zum Anderen wird der Kontakt zwischen den Menschen per se in seiner Fragilität und Instabilität aufgezeigt, da er de facto von der Qualität der Netzverbindung abhängt. Genauso fragil zeigte sich das Verständnis und Kommunikation zwischen den Figuren. Manchmal entwich das bisher vorhandene gegenseitige Verständnis zwischen den Zeilen und Sätzen, bis der Meinungsstreit abrupt in Eskalation überging.

Schließlich kann die visuelle Darstellung der Schauspieler_innen in den rechteckigen Fenstern des Zoom-Interfaces auch als ein weitreichender Kommentar zur möglichen Ursache der Vermehrung von solchen Konflikten überall auf der Welt gelesen werden. Denn mittlerweile ist eine solche Situation nicht nur für den ehemaligen Ostblock typisch: Starke Meinungsunterschiede werden überall zur Ursache von radikalen Spaltungen der Gesellschaft. Dies gilt für Deutschland seit dem Aufstieg der AfD nach der sogenannten ‘Flüchtlingskrise‘ im Jahr 2015 oder für die USA der Jahre 2016-2020, wo die Einstellung gegenüber Trump geradezu zu einem Barometer wurde, nach dem man neue Bekanntschaften einschätzte und alte Freunde aus dem Freundeskreis verbannte.

Gerade dank des Internets und der multiplizierten Medienwelten wird die Zersplitterung der Gesellschaft vorangetrieben, indem jeder Person wie einem Konsumenten nur die Inhalte vorschlagen werden, die ihn sowieso interessieren, und so seine politischen Interessen zuspitzen und die Hinterfragung seiner Meinung und somit eine Öffnung nach außen unmöglich machen. Der scheinbare Luxus, sich ein Informationsmedium nach Geschmack auszusuchen, von dem man nur bekommt, was man gerne hätte, führt unweigerlich zu immer mehr Konsensunfähigkeit.

Tatsächlich fanden viele der Gespräche, die in „A Few Ways to Lose a Friendship“ neu inszeniert werden, in den sozialen Medien statt, welche als Ort des Austragens von Konflikten und Meinungsunterschieden immer mehr einem Schlachtfeld gleich aussehen:

 

…Мы никогда не поймем взгляды друг друга. Меня тут оскорбляют. Я больше не буду комментировать твои статусы. Нам нужна дистанция.

…Wir werden die Ansichten des jeweils anderen niemals verstehen. Hier werde ich nur beleidigt, und ich werden keine deiner Posts mehr kommentieren. Wir brauchen Distanz.

 

Das Theaterstück reflektiert indirekt, wie unser individuelles Verhalten in der Informations-Konsum-Landschaft, zu der alle dank des Internets freien Zugang haben, zu einem sich stets verfestigenden Meinungsdissens führt. Es macht eine Bestandsaufnahme und zeigt eine emotionale Karte der Trauer und der Verlorenheit, welche auf politischer Ebene auch als eine kritische Momentaufnahme gedeutet werden kann.

Und trotzdem erzählt die Inszenierungsgeschichte dieses Stücks von einem Erfolg, und es spendet Trost in der Hinsicht, dass es zeigt, dass es vielen Menschen in der heutigen Welt ähnlich geht. Wie auch in vielen weiteren Theaterprojekten von Evgenija Šermenëva dient das Russische bei der Inszenierung von Michail Kalužskijs Dokumentartheaterstück als Lingua Franca und steht dabei nicht für eine Kulturhegemonie sondern für Verbindung und Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und Identitäten, trotz der bestehenden geopolitischen Konflikte.

An der Lesung waren insgesamt 17 Schauspieler_innen aus sieben Ländern (Lettland, Litauen, Belarus, Urkaine, Bulgarien, Israel, Russland) beteiligt. Zu den Kooperationspartnern zählen u.a. das CSM DAKH aus Kiev, das Malenki-Theater aus Tel Aviv und das Ivan-Radoev-Theater aus dem bulgarischen Pleven. Die Mehrheit der Schauspielenden wohnt dort, wo das Russische nicht die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung ist. Für sie ist das Russische oft entweder ihre zweite Muttersprache oder ihre erste Fremdsprache. Das Russische dieses Theaterstücks ist nicht ‚glatt‘: es zeigt eine bunte Palette an Akzenten und Intonationen, die der Diversität der Sprechenden entspricht. Einige haben einen komplexen Migrationshintergrund (oft mit Verbindungen nach Deutschland), eignen sich diese Sprache individuell an und durchbrechen somit die Stereotypisierung der ‚schönen Rede‘ wie sie beispielsweise von den staatlichen russischen Medien und Institutionen vermittelt wird. Hier zeigt sich eine Sprache, die früher in der Sowjetzeit oder auch heute spätestens seit dem Majdan von vielen als Unterdrückungsmechanismus wahrgenommen wurde, als ein Mittel zur Verbindung und Vernetzung, zur Verständigung und Kooperation über geografische Grenzen hinweg.

Für die meisten Schauspieler_innen in diesem Stück fanden das Kennenlernen und alle Proben bis zur Premiere wegen der Pandemie nur online statt. Die Produktivität und Professionalität ihrer Arbeit machte sogar den Regisseur Kalužskij stutzig. „Bei manchen hat die Chemie so gut gestimmt, dass ich nicht glauben konnte, dass sie sich gerade eben im Zoom-Raum kennengelernt haben“. So sind dank der Arbeit an einem Stück, das vom Verlust der Freundschaften erzählt, dennoch viele neue Freundschaften übers Internet geschlossen worden.

Obwohl dieses Thema in den nächsten Jahrzehnten bestimmt nicht aus der ‚Mode‘ kommen wird, fühlt sich dieser Arbeitsabschnitt für Kalužskij erstmal als abgeschlossen an. Dank der Pandemie hat der Text die richtige Form und Ausführung gefunden, womit dieses Projekt jetzt für eine Weile ruhen kann, bis der Theaterregisseur neue Zugänge zu diesem Thema erproben wird.

 

Michail Kalužskij ist außerdem als Journalist, Kurator und Menschenrechtsaktivist tätig. Er ist Autor von zahlreichen Artikeln (u.a. bei OpenDemocracy). Zwischen 2010 und 2012 kuratierte er Dokumentartheater-Projekte am Joseph-Beuys-Theater in Moskau und zwischen 2012 und 2014 das Theater-Programm im Sakharov-Zentrum. Kalužskij arbeitet oft an der Grenze zwischen verschiedenen Medien und Disziplinen (Vgl. das Stück „Vosstanie“, dt. Aufstand (2016), inszeniert im Tomsker Regionalen Museum für Heimatkunde) und nutzt die Techniken des dokumentarischen Theaters als Mittel, um aktuelle gesellschaftliche Probleme zu adressieren. Zu den dominanten Themen in seinen Werken gehört die Verarbeitung von traumatischer Geschichte, wie z.B. im Stück „Grandchildren. Second Act“ (mit A. Polivanova), in dem er sich mit dem kollektiven und individuellen Gedächtnis der Generation der Enkel der Täter des stalinistischen Regimes auseinandersetzt. (Die englische Übersetzung ist 2014 bei Sputnik erschienen: http://sputniktheatre.co.uk/publications/).

Vor kurzem sind seine fiktionalen und autobiographisch geprägten Skizzen unter dem Titel „Einige Geschichten. Fragmente“ in der Kolumne von Ilja Daniševskij auf Snob.ru erschienen.

Sein neues Stück „Poslednie Ljudi“ (dt.: die letzten Menschen), anlässlich des 800-Jährigen Jubiläums von Nižnij Novgorod, wird unter Herausgabe von Kirill Kobrin im Sammelband „Peresborka. Istorii goroda i ego ljudej“ (dt.: Neuzusammensetzung. Geschichten der Stadt und seiner Menschen) im Jahr 2021 erscheinen.

 

Evgenia Šermenëva ist Leiterin der unabhängigen Produktionskompagnie KatlZ in Riga (gegründet im Jahre 2018). Eines ihrer Projekte war bei dem diesjährigen Theaterfestival POSTWEST an der Volksbühne Berlin zu Gast. Über ihre weiteren Projekte kann man sich über den Youtube-Kanal von KatlZ informieren. Unter den bemerkenswerten Produktionen dieses Jahres ist der fünfstündige Lesemarathon des Stücks von Mark Ravenhill SHOOT. GET TREASURE. REPEAT (in Russisch, Lettisch und Englisch) zu erwähnen, organisiert in Unterstützung der Protestierenden in Belarus.

Außerdem wurden in der Zeit der Pandemie zwei Stücke von Marius Ivaškevičius online realisiert: „Spjaščie“ (dt.: die Schlafenen) und „Obmorok“ (dt.: Ohnmacht) nach Svetlana Alexievičs „Cinkovye Mal’čiki“ (Zinkjungen).

 

Beide wurden unter Beteiligung von namhaften russischen Schauspieler_innen (wie z.B. Lija Ahedžakova) und mit einem Spendenaufruf für mehrere gemeinnützige Stiftungen organisiert.

In alphabetischer Reihenfolge: Samira Adgezalova (Riga), Yulya Berngardte (Riga), Gintaras Grajauskas (Klaipėda), Ilya Domanov (Tel-Aviv), Maria Danilyuk (Riga – Moskau), Marietta Kalopova (Pleven), Ruslana Khazipova (Kiev), Ksenia Markuze (Tel-Aviv), Vladimir Mirzoev (Moskau), Aramais Mirakyan (Minsk), Genadiy Nikolov (Pleven), Iva Nikolova (Pleven), Andriy Palatny (Kiev), Nikita Shchetinin (Moskau), Ekaterina Stoyanova (Pleven), Andis Strods (Riga), Tetyana Troitska (Kiev).

A Few Ways to Lose Friendship – Eine grenzüberschreitende Online-Premiere im Corona-Winter 2020/21 – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

A Few Ways to Lose Friendship – Eine grenz­über­schrei­tende Online-Pre­miere im Corona-Winter 2020/21

Dank der Pan­demie hat das seit 2014 betrie­bene Doku­men­tar­thea­ter­pro­jekt von Michail Kalužskij end­lich die rich­tige Form und Aus­füh­rung gefunden: Am 9. Dezember 2020 fand die Pre­miere seines Stücks „A Few Ways To Lose a Friendship” auf der Video­kon­fe­renz-Platt­form Zoom statt. In Koope­ra­tion mit der Pro­du­zentin Evgenia Šer­menëva wurde ein inter­na­tio­nales rus­sisch­spra­chiges Team aus Thea­ter­schaf­fenden aus sieben ost­eu­ro­päi­schen Län­dern berufen, um die Online-Lesung zu rea­li­sieren. novinki ist dem nachgegangen, wie der vir­tu­elle Raum zu einem selb­stän­digen poe­ti­schen und ästhe­ti­schen Ele­ment der Insze­nie­rung wurde.

 

Das Doku­men­tar­thea­ter­stück „A Few Ways To Lose a Friendship” von Michail Kalužskij (geb. 1967 in Novo­si­birsk), einem in Berlin lebenden Dra­ma­turgen und Publi­zisten, ist eine Samm­lung von per­sön­li­chen Dramen im Minia­tur­format. Es sind nicht erfun­dene Bekennt­nisse von Men­schen, deren enge Ver­bin­dungen zu Freund_innen einer anderen Natio­na­lität oder poli­ti­schen Gesin­nung mit einem Mal auf­grund von Kriegen, mili­tä­ri­schen Kon­flikten und anderen medialen Ereig­nissen kaputt gegangen sind.

In ihren Bekennt­nissen äußern die Men­schen keinen Hass auf die anderen und weisen nicht mit erho­benem Zei­ge­finger auf den Schul­digen. Ihre Geschichten sind voller Wehmut, Schmerz und Rat­lo­sig­keit dar­über, wie ehe­mals enge und ihnen ver­traute Men­schen plötz­lich zu ihren Feinden werden konnten.

 

…Тебе лучше уйти. И не уверена, что тебе стоит приходить сюда.
…Но написать ему что-то примирительное пока не могу. Уже шестой год не могу.
…Брат говорит: “Нельзя с ним общаться, сотри номер”. Я, конечно, не стал, но недавно вижу — нет номера. Наверное, брат стер.

 

…Es ist besser, du gehst. Und ich denke nicht, dass du wie­der­kommen sollst.
…Ich schaffe es ein­fach nicht, ihm etwas Ver­söh­nendes zu schreiben. Schon seit sechs Jahren nicht.
… Mein Bruder sagte zu mir: „Du sollst ihn nicht mehr kon­tak­tieren. Lösche seine Nummer“. Das habe ich nicht gemacht, aber vor einiger Zeit sehe ich, dass die Nummer aus meinen Kon­takten weg ist. Anschei­nend hatte sie mein Bruder gelöscht.

 

Die Texte für sein Stück hat Kalužskij in Form von Inter­views gesam­melt, oder manchmal ein­fach im Stra­ßen­café mit­ge­hört und auf­ge­schrieben, und danach mit einigen Hand­griffen nach dra­ma­tur­gi­schen Regeln bear­beitet (so wurden z.B. aus man­chen Mono­logen – Dia­loge, und aus man­chen Dia­logen – Mono­loge). Manche Bei­träge wurden anony­mi­siert und unter einen fik­tiven Namen gestellt, wäh­rend andere mit dem rich­tigen Namen der inter­viewten Person im Thea­ter­stück prä­sen­tiert werden.

Die auf diese Weise ent­stan­denen Kurz­ge­schichten berühren durch ihre Unmit­tel­bar­keit: Sie betreffen sowohl poli­ti­sche Krisen, die seit geraumer Zeit im Bewusst­sein der Öffent­lich­keit prä­sent sind, wie der Krieg in der Ukraine, als auch solche, die erst vor kurzem wieder Schlag­zeilen gemacht haben, wie zum Bei­spiel die neue Eska­la­tion des Kon­flikts zwi­schen Arme­nien und Aser­bai­dschan im Sep­tember 2020.

Das Pro­jekt geht auf eine Mas­ter­class zurück, die Kalužskij bereits im April 2014 im Rahmen eines Doku­men­tar­film- und Thea­ter­fes­ti­vals in Tekali (Geor­gien) gegeben hat. Die Inter­views, die er damals mit Festivalteilnehmer_innen aus Aser­bai­dschan, Arme­nien und Geor­gien gemacht hat, bil­deten die Mate­ri­al­basis des Stücks. Später kamen noch Gespräche mit rus­si­schen und deut­schen Kolleg_innen hinzu.

Dann kam das Jahr 2015 und die Anne­xion der Krim. Auch hier gingen aus poli­ti­schen Gründen viele Freund­schaften zu Bruch, sowohl inner­halb der Ukraine, als auch zwi­schen den Län­dern. Für den aus poli­ti­schen Gründen aus Russ­land emi­grierten Kalužskij wurde die Arbeit an diesem Pro­jekt zu einem per­sön­li­chen Anliegen. Der erschre­ckend unver­söhn­liche Ton von man­chen radi­kalen Befürworter_innen des rus­si­schen Krieges in der Ukraine und die schiere Unbe­greif­lich­keit ihrer Gedanken und Ein­stel­lungen war für die Gegner der mili­tä­ri­schen Inva­sion wie ihn und für die Aktivist_innen des Majdan schlichtweg traumatisierend.

 

…Так и сказал. Вот когда Игорь будет считать эту войну со стороны России справедливой и священной, вот тогда и встретимся.

 

…Genau so hat er das gesagt. Erst wenn Igor‘ zugibt, dass der rus­si­sche Krieg in der Ukraine gerecht und heilig ist, dann werden wir uns wieder unter­halten können.

 

Kalužs­kijs eigene bit­tere Erfah­rung blieb über einen län­geren Zeit­raum Motor und Antriebs­kraft, um weiter an der Geschich­ten­samm­lung zu arbeiten. Auch seine eigenen Erzäh­lungen wurden in die Text­samm­lung auf­ge­nommen. Als im Sep­tember 2020 der Krieg in Berg-Kara­bach aus­brach, wusste er, dass er hier für sein Pro­jekt wieder fündig wird. Erneut machte er sich auf die Suche nach Men­schen, um sie nach ihren ver­lo­renen Freund­schaften zu fragen. Und so sind in das Stück wei­tere Dia­loge und Mono­loge ein­ge­flossen, die auf eine berüh­rende Weise die Trau­ma­ti­sie­rung der Armenier_innen und der Aserbaidschaner_innen zeigen und auch die Ver­lo­ren­heit von Men­schen, die in ihrer jewei­ligen Ideo­logie oder Denk­weise gefangen sind:

 

…Все изменилось буквально за один день. Уровень озлобления и ненависти тогда ещё не дошел до высшей точки, но кровопролитие уже началось. И было понятно, что всё необратимо. Я забежала к своей армянской подруге-соседке и закричала: Собирайтесь быстрее, мы поможем вам уехать. Мой муж довезет вас до границы. А потом добавила: Но.…мы больше никогда не будем друзьями. Вот так просто. Мне даже не пришло в голову закончить эту фразу банальным ‚к сожалению‘.

 

…Buch­stäb­lich an einem Tag hat sich die Welt umge­dreht. Der gegen­sei­tige Hass und Erbit­te­rung hatten damals noch nicht ihren Höhe­punkt erreicht, aber das Blut­ver­gießen hat schon begonnen. Und es war klar, dass es unum­gäng­lich war. Ich rannte zu meiner arme­ni­schen Nach­barin und Freundin und schrie: Packt eure Sachen, wir helfen euch schnell von hier weg­zu­kommen. Mein Mann fährt sie bis zur Grenze mit dem Auto. Und dann fügte ich hinzu: Aber… wir werden nie­mals wieder Freunde sein können. Ein­fach so. Mir kam in dem Moment nicht einmal in den Sinn, diesen Satz mit einem banalen „leider“ abzuschließen. 

 

Dass das Stück, das am 9. Dezember 2020 auf der Video­platt­fort ZOOM Pre­miere gefeiert hat, gerade im Online-Format an Aus­drucks­kraft gewonnen hat, ist Ergebnis der Koope­ra­tion zwi­schen Michail Kalužskij und Evge­nija Šer­menëva (geb. 1967 in Moskau), einer erfah­renen Thea­ter­ma­cherin und Pro­du­zentin, die in Moskau zehn Jahre lang das inter­na­tio­nale Thea­ter­fes­tival NET (New Euro­pean Theatre) sowie das Fes­tival für zeit­ge­nös­si­sche Kunst „Ter­ri­to­rija“ geleitet hat, bei denen u.a. Werke von deut­schen Thea­ter­re­gis­seuren gezeigt wurden, wie z.B. von Thomas Oster­meier. Auch sie lebt seit vielen Jahren im Aus­land – Riga ist zu ihrer neuen Heimat geworden, wo sie den Anschluss an das dor­tige gemischte rus­sisch-let­ti­sche Kul­tur­mi­lieau gefunden hat. Seit Beginn der Pan­demie orga­ni­siert sie von dort trans­kul­tu­relle Ver­an­stal­tungen via ZOOM. Die Rea­li­sie­rung von groß­for­ma­tigen Thea­ter­pro­jekten in rus­si­scher Sprache im Online-Format (u.a. in Belarus, der Ukraine, Est­land, Litauen, Lett­land und Geor­gien) ist in diesem Jahr zu ihrem Ste­cken­pferd geworden.

Trotz ihrer Bekannt­schaft in Moskau haben sich die beiden erst im Aus­land als Kolleg_innen gefunden. Im Sommer 2020, als Evgen­jija ihre Zoom-Pro­jekte eins nach dem anderen rea­li­sierte (bis zu 2 pro Monat), kam ihr und Michail die Idee, dass sein Stück für eine Online-Lesung wie gemacht zu sein scheint.

Dabei war­tete das Pro­jekt schon seit langem auf eine pas­sende Insze­nie­rungs­mög­lich­keit. Schon früh war es Kalužskij klar, dass das ange­sam­melte Sprach­ma­te­rial sich nicht beson­ders gut zum Lesen auf der Bühne in einem großen Saal eig­nete. Er expe­ri­men­tierte mit ver­schie­denen For­maten, konnte aber keine mit dem Text orga­nisch har­mo­nie­rende Rah­mung finden. Zum ersten Mal wurde das Stück in Form einer sze­ni­schen Lesung im Sak­harov-Zen­trum in Moskau gezeigt, danach, im Herbst 2015, wurde es als inter­ak­tives Thea­ter­stück mit neuen Inter­views im Helena-Rubin­stein-Pavil­lion für Zeit­ge­nös­si­sche Kunst des Tel Aviv Museum of Art realisiert.

Doch erst mit den Proben im Zoom-Format im Sommer 2020 war end­lich das Gefühl da, dass hiermit das pas­sende Medium gefunden war, um solche Dia­loge einem grö­ßeren Publikum zu zeigen. Denn die Video-Platt­form hatte genau die not­wen­digen ästhe­ti­schen Rah­men­be­din­gungen geschaffen, die den Inhalt der Dia­loge der Protagonist_innen kri­tisch unter­malen und inten­si­vieren konnten.

 

 

Zum Einen spie­geln sich die Mei­nungs­un­ter­schiede und die ver­schie­denen Sicht­weisen auf Politik der Protagonist_innen in der phy­si­schen Distanz und Getrennt­heit der Schauspieler_innen wider, die tat­säch­lich viele tau­send Kilo­meter von­ein­ander getrennt vor ihren Web­ka­meras gespielt haben. Die Köpfe in den Käst­chen, jede Person in ihrer eigenen Mei­nungs­blase, ohne einen Weg nach ‚Draußen‘, das unter­stützt die Dra­matik und die Pointe jedes Dia­logs. Das Nicht-Mit­ein­ander-Spre­chen-Können wird so jedes Mal aufs Neue auf dezente Weise unterstrichen.

Zum Anderen wird der Kon­takt zwi­schen den Men­schen per se in seiner Fra­gi­lität und Insta­bi­lität auf­ge­zeigt, da er de facto von der Qua­lität der Netz­ver­bin­dung abhängt. Genauso fragil zeigte sich das Ver­ständnis und Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Figuren. Manchmal ent­wich das bisher vor­han­dene gegen­sei­tige Ver­ständnis zwi­schen den Zeilen und Sätzen, bis der Mei­nungs­streit abrupt in Eska­la­tion überging.

Schließ­lich kann die visu­elle Dar­stel­lung der Schauspieler_innen in den recht­eckigen Fens­tern des Zoom-Inter­faces auch als ein weit­rei­chender Kom­mentar zur mög­li­chen Ursache der Ver­meh­rung von sol­chen Kon­flikten überall auf der Welt gelesen werden. Denn mitt­ler­weile ist eine solche Situa­tion nicht nur für den ehe­ma­ligen Ost­block typisch: Starke Mei­nungs­un­ter­schiede werden überall zur Ursache von radi­kalen Spal­tungen der Gesell­schaft. Dies gilt für Deutsch­land seit dem Auf­stieg der AfD nach der soge­nannten ‘Flücht­lings­krise‘ im Jahr 2015 oder für die USA der Jahre 2016–2020, wo die Ein­stel­lung gegen­über Trump gera­dezu zu einem Baro­meter wurde, nach dem man neue Bekannt­schaften ein­schätzte und alte Freunde aus dem Freun­des­kreis verbannte.

Gerade dank des Inter­nets und der mul­ti­pli­zierten Medi­en­welten wird die Zer­split­te­rung der Gesell­schaft vor­an­ge­trieben, indem jeder Person wie einem Kon­su­menten nur die Inhalte vor­schlagen werden, die ihn sowieso inter­es­sieren, und so seine poli­ti­schen Inter­essen zuspitzen und die Hin­ter­fra­gung seiner Mei­nung und somit eine Öff­nung nach außen unmög­lich machen. Der schein­bare Luxus, sich ein Infor­ma­ti­ons­me­dium nach Geschmack aus­zu­su­chen, von dem man nur bekommt, was man gerne hätte, führt unwei­ger­lich zu immer mehr Konsensunfähigkeit.

Tat­säch­lich fanden viele der Gespräche, die in „A Few Ways to Lose a Friendship“ neu insze­niert werden, in den sozialen Medien statt, welche als Ort des Aus­tra­gens von Kon­flikten und Mei­nungs­un­ter­schieden immer mehr einem Schlacht­feld gleich aussehen:

 

…Мы никогда не поймем взгляды друг друга. Меня тут оскорбляют. Я больше не буду комментировать твои статусы. Нам нужна дистанция.

…Wir werden die Ansichten des jeweils anderen nie­mals ver­stehen. Hier werde ich nur belei­digt, und ich werden keine deiner Posts mehr kom­men­tieren. Wir brau­chen Distanz.

 

Das Thea­ter­stück reflek­tiert indi­rekt, wie unser indi­vi­du­elles Ver­halten in der Infor­ma­tions-Konsum-Land­schaft, zu der alle dank des Inter­nets freien Zugang haben, zu einem sich stets ver­fes­ti­genden Mei­nungs­dis­sens führt. Es macht eine Bestands­auf­nahme und zeigt eine emo­tio­nale Karte der Trauer und der Ver­lo­ren­heit, welche auf poli­ti­scher Ebene auch als eine kri­ti­sche Moment­auf­nahme gedeutet werden kann.

Und trotzdem erzählt die Insze­nie­rungs­ge­schichte dieses Stücks von einem Erfolg, und es spendet Trost in der Hin­sicht, dass es zeigt, dass es vielen Men­schen in der heu­tigen Welt ähn­lich geht. Wie auch in vielen wei­teren Thea­ter­pro­jekten von Evge­nija Šer­menëva dient das Rus­si­sche bei der Insze­nie­rung von Michail Kalužs­kijs Doku­men­tar­thea­ter­stück als Lingua Franca und steht dabei nicht für eine Kul­tur­he­ge­monie son­dern für Ver­bin­dung und Brücke zwi­schen ver­schie­denen Kul­turen und Iden­ti­täten, trotz der bestehenden geo­po­li­ti­schen Konflikte.

An der Lesung waren ins­ge­samt 17 Schauspieler_innen[1] aus sieben Län­dern (Lett­land, Litauen, Belarus, Urkaine, Bul­ga­rien, Israel, Russ­land) betei­ligt. Zu den Koope­ra­ti­ons­part­nern zählen u.a. das CSM DAKH aus Kiev, das Malenki-Theater aus Tel Aviv und das Ivan-Radoev-Theater aus dem bul­ga­ri­schen Pleven. Die Mehr­heit der Schau­spie­lenden wohnt dort, wo das Rus­si­sche nicht die Sprache der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist. Für sie ist das Rus­si­sche oft ent­weder ihre zweite Mut­ter­sprache oder ihre erste Fremd­sprache. Das Rus­si­sche dieses Thea­ter­stücks ist nicht ‚glatt‘: es zeigt eine bunte Palette an Akzenten und Into­na­tionen, die der Diver­sität der Spre­chenden ent­spricht. Einige haben einen kom­plexen Migra­ti­ons­hin­ter­grund (oft mit Ver­bin­dungen nach Deutsch­land), eignen sich diese Sprache indi­vi­duell an und durch­bre­chen somit die Ste­reo­ty­pi­sie­rung der ‚schönen Rede‘ wie sie bei­spiels­weise von den staat­li­chen rus­si­schen Medien und Insti­tu­tionen ver­mit­telt wird. Hier zeigt sich eine Sprache, die früher in der Sowjet­zeit oder auch heute spä­tes­tens seit dem Majdan von vielen als Unter­drü­ckungs­me­cha­nismus wahr­ge­nommen wurde, als ein Mittel zur Ver­bin­dung und Ver­net­zung, zur Ver­stän­di­gung und Koope­ra­tion über geo­gra­fi­sche Grenzen hinweg.

Für die meisten Schauspieler_innen in diesem Stück fanden das Ken­nen­lernen und alle Proben bis zur Pre­miere wegen der Pan­demie nur online statt. Die Pro­duk­ti­vität und Pro­fes­sio­na­lität ihrer Arbeit machte sogar den Regis­seur Kalužskij stutzig. „Bei man­chen hat die Chemie so gut gestimmt, dass ich nicht glauben konnte, dass sie sich gerade eben im Zoom-Raum ken­nen­ge­lernt haben“. So sind dank der Arbeit an einem Stück, das vom Ver­lust der Freund­schaften erzählt, den­noch viele neue Freund­schaften übers Internet geschlossen worden.

Obwohl dieses Thema in den nächsten Jahr­zehnten bestimmt nicht aus der ‚Mode‘ kommen wird, fühlt sich dieser Arbeits­ab­schnitt für Kalužskij erstmal als abge­schlossen an. Dank der Pan­demie hat der Text die rich­tige Form und Aus­füh­rung gefunden, womit dieses Pro­jekt jetzt für eine Weile ruhen kann, bis der Thea­ter­re­gis­seur neue Zugänge zu diesem Thema erproben wird.

 

Michail Kalužskij ist außerdem als Jour­na­list, Kurator und Men­schen­rechts­ak­ti­vist tätig. Er ist Autor von zahl­rei­chen Arti­keln (u.a. bei Open­De­mo­cracy). Zwi­schen 2010 und 2012 kura­tierte er Doku­men­tar­theater-Pro­jekte am Joseph-Beuys-Theater in Moskau und zwi­schen 2012 und 2014 das Theater-Pro­gramm im Sak­harov-Zen­trum. Kalužskij arbeitet oft an der Grenze zwi­schen ver­schie­denen Medien und Dis­zi­plinen (Vgl. das Stück „Voss­tanie“, dt. Auf­stand (2016), insze­niert im Tomsker Regio­nalen Museum für Hei­mat­kunde) und nutzt die Tech­niken des doku­men­ta­ri­schen Thea­ters als Mittel, um aktu­elle gesell­schaft­liche Pro­bleme zu adres­sieren. Zu den domi­nanten Themen in seinen Werken gehört die Ver­ar­bei­tung von trau­ma­ti­scher Geschichte, wie z.B. im Stück „Grand­children. Second Act“ (mit A. Poli­v­a­nova), in dem er sich mit dem kol­lek­tiven und indi­vi­du­ellen Gedächtnis der Genera­tion der Enkel der Täter des sta­li­nis­ti­schen Regimes aus­ein­an­der­setzt. (Die eng­li­sche Über­set­zung ist 2014 bei Sputnik erschienen: http://sputniktheatre.co.uk/publications/).

Vor kurzem sind seine fik­tio­nalen und auto­bio­gra­phisch geprägten Skizzen unter dem Titel „Einige Geschichten. Frag­mente“ in der Kolumne von Ilja Daniševskij auf Snob.ru erschienen.

Sein neues Stück „Pos­lednie Ljudi“ (dt.: die letzten Men­schen), anläss­lich des 800-Jäh­rigen Jubi­läums von Nižnij Nov­gorod, wird unter Her­aus­gabe von Kirill Kobrin im Sam­mel­band „Peres­borka. Istorii goroda i ego ljudej“ (dt.: Neu­zu­sam­men­set­zung. Geschichten der Stadt und seiner Men­schen) im Jahr 2021 erscheinen.

 

Evgenia Šer­menëva ist Lei­terin der unab­hän­gigen Pro­duk­ti­ons­kom­pa­gnie KatlZ in Riga (gegründet im Jahre 2018). Eines ihrer Pro­jekte war bei dem dies­jäh­rigen Thea­ter­fes­tival POSTWEST an der Volks­bühne Berlin zu Gast. Über ihre wei­teren Pro­jekte kann man sich über den You­tube-Kanal von KatlZ infor­mieren. Unter den bemer­kens­werten Pro­duk­tionen dieses Jahres ist der fünf­stün­dige Lese­ma­ra­thon des Stücks von Mark Raven­hill SHOOT. GET TREASURE. REPEAT (in Rus­sisch, Let­tisch und Eng­lisch) zu erwähnen, orga­ni­siert in Unter­stüt­zung der Pro­tes­tie­renden in Belarus.

Außerdem wurden in der Zeit der Pan­demie zwei Stücke von Marius Ivaš­ke­vičius online rea­li­siert: „Spjaščie“ (dt.: die Schla­fenen) und „Obmorok“ (dt.: Ohn­macht) nach Svet­lana Ale­xie­vičs „Cin­kovye Mal’čiki“ (Zink­jungen).

 

Beide wurden unter Betei­li­gung von nam­haften rus­si­schen Schauspieler_innen (wie z.B. Lija Ahe­dža­kova) und mit einem Spen­den­aufruf für meh­rere gemein­nüt­zige Stif­tungen organisiert.

[1] In alpha­be­ti­scher Rei­hen­folge: Samira Adge­zalova (Riga), Yulya Bern­gardte (Riga), Gin­taras Gra­jauskas (Klai­pėda), Ilya Domanov (Tel-Aviv), Maria Dani­lyuk (Riga – Moskau), Mari­etta Kalo­pova (Pleven), Rus­lana Kha­zi­pova (Kiev), Ksenia Mar­kuze (Tel-Aviv), Vla­dimir Mir­zoev (Moskau), Ara­mais Mirakyan (Minsk), Genadiy Nikolov (Pleven), Iva Nikolova (Pleven), Andriy Palatny (Kiev), Nikita Shche­tinin (Moskau), Eka­te­rina Stoya­nova (Pleven), Andis Strods (Riga), Tetyana Troitska (Kiev).