Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die letzte Genera­tion der Fuss­ball­ro­man­tiker

Acht Autoren por­trai­tieren die Aus­tra­gungs­orte der Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Polen und der Ukraine

totalniyfutbolVorbei ist die Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2012 in der Ukraine und in Polen. Was ist vom großen Fuß­ball­fest geblieben? Neue Sta­dien, mag der eine oder andere ant­worten, moderne Flug­häfen, aus­ge­baute Straßen. Doch bleiben auch Geschichten. Geschichten, die Fuß­ball­fans von ihren Reisen mit­ge­bracht haben, und Geschichten, die Ukrainer und Polen zur EM erzählen. Diese Geschichten berichten vom Fuß­ball und ver­raten gleich­zeitig so einiges über die gast­ge­benden Länder. Denn „im Großen und Ganzen ist Fuß­ball keine par­al­lele Wirk­lich­keit“, sagt Serhij Zhadan, „Fuß­ball selbst ist Wirk­lich­keit, viel­leicht sogar in ihrer besten Erschei­nungs­form.“
Zhadan, ukrai­ni­scher Autor und selbst­er­klärter Anhänger der „letzten Genera­tion der Fuß­ball­ro­man­tiker“, trom­melte darum im Vor­feld der Euro­pa­meis­ter­schaft acht Schrift­stel­ler­kol­legen aus Polen und der Ukraine (u.a. Nat­asza Goerke, Marek Bieńczyk, Natalka Snja­d­anko und Juri Andruchow­ytsch) zusammen, um gemeinsam die Aus­tra­gungs­orte und ihre Bewohner lite­ra­risch zu por­trä­tieren. Ent­standen ist die Antho­logie Totalniy Futbol, die nicht nur auf Pol­nisch und Ukrai­nisch, son­dern auch, her­aus­ge­geben vom Suhr­kamp-Verlag, in deut­scher Sprache erschienen ist.

 

Totalniy Futbol ist weder Rei­se­hand­buch noch Spor­tal­ma­nach. In den acht Kapi­teln über Breslau, Krakau, Danzig und War­schau, über Lem­berg, Kiew, Donezk und Charkiw ver­knüpfen die Autoren auf 242 Seiten den Fuß­ball mit der Lite­ratur und machen ihn dabei zum Spiegel der Gesell­schaft. Für die deutsch­spra­chige Leser­schaft stellt die Antho­logie ein Gegen­ge­wicht zur all­ge­meinen Pres­se­be­richt­erstat­tung dar. Diese kon­tras­tierte im Vor­lauf der Euro­pa­meis­ter­schaft gerne die Erfolgs­ge­schichte eines demo­kra­ti­sierten und in Europa auf­stre­benden Polens mit Skan­dal­mel­dungen über einen semi­au­to­ri­tären ukrai­ni­schen Staats­ap­parat. In Totalniy Futbol hin­gegen wird bewusst die kul­tu­relle Zusam­men­ge­hö­rig­keit der beiden Länder arti­ku­liert: „Die Ukraine ist Polens Halb­schwester, und auch wenn sie bisher nicht zur EU gehört, im Zuge der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung wird sie viel­leicht doch noch irgend­wann auf­ge­nommen“, schreibt Nat­asza Goerke.
Stim­mungs­volle Foto­gra­fien des in Deutsch­land lebenden Ukrai­ners Kirill Golov­chenko geben den Kapi­teln einen opti­schen Rahmen. Die in schwarz-weiß gehal­tenen Bilder fangen Momente ein, in denen sich der Fuß­ball wie selbst­ver­ständ­lich in all­täg­liche Land­schaften und Lebens­welten ein­fügt, die jedoch meist eine Note des Her­un­ter­ge­kom­menen und Ver­wahr­losten tragen. In dieser Hin­sicht unter­malt das Fotoessay die Texte, die sich bis­weilen eben­falls des Kli­schees des wilden Ostens bedienen: „Beim Zoo steigt man in die Stra­ßen­bahn und rum­pelt über löch­rige Bou­le­vards, über unzäh­lige Brü­cken durch eine Land­schaft des sto­ckenden Rhythmus: Platz – Altbau – leerer Platz. Bis Berlin sind es drei Auto­stunden, bis Prag zwei­ein­halb. Bis zur Haupt­stadt, nach Wars­zawa – fünf und mehr, auf mise­ra­bler Fahr­bahn, ver­stopft von litaui­schen LKW. Endlos weit“, so wird Breslau von Piotr Sie­mion ver­ortet.
In den teils doku­men­ta­ri­schen und teils fik­tio­nalen Texten singen die Autoren bei weitem keine ver­klärte Lobes­hymne auf die beiden Gast­ge­ber­länder, son­dern über­ra­schen mit einer Samm­lung von Essays, in denen sie die (Fußball-)Geschichten ihrer Städte schil­dern. Sie geben nicht nur Ein­blick in die Fuß­ball­kultur Polens und der Ukraine, son­dern vor allem in Lebens- und Denk­weisen, lokale Kurio­si­täten und Men­ta­li­täten. Nicht in allen Bei­trägen jedoch ent­puppt sich der Sport als lite­ra­ri­sche Muse. Dort aber, wo man den Autoren echte Fuß­ball­liebe anmerkt und dort, wo die Fuß­ball­ver­narrten der ein­zelnen Städte selbst zu Wort kommen, über­zeugen die Texte.
„Fuß­ball spielen, Schreiben, Tore schießen, Erzählen, all das hat sich zu einem ganzen Abschnitt in unserem Leben ver­woben“, heißt es bei­spiels­weise in Marek Bieńc­zyks Bei­trag Der letzte Elf­meter, in dem er eine Gruppe von War­schauer Freunden über ihre gemein­samen Fuß­ball­ver­gan­gen­heit befragt. In ihren Erzäh­lungen sind es die Neben­sätze und bei­läu­figen Details, die so viel über das Leben, den Fuß­ball und die Stadt ver­raten. „Ja, die Erin­ne­rungen, ich hab mir eine Karte für das Eröff­nungs­spiel gekauft, ach was, woher denn, nicht offi­ziell, son­dern wie sich es gehört, damit Sie nur nicht denken, im Kapi­ta­lismus wär ver­dammt noch mal alles anders als früher, naja, jeden­falls hab ich jetzt eine, die Kumpel, mit denen ich ‘90 vorm Kul­tur­pa­last Sachen auf Feld­betten ver­kauft hab, sitzen heute an bes­seren Stellen…“ Durch die ver­schie­denen Stimmen, die Bieńczyk zu Wort kommen lässt, ent­steht vor dem Auge des Lesers ein facet­ten­rei­ches Bild der pol­ni­schen Haupt­stadt, in dem das neue Natio­nal­sta­dion einmal als „Korb“ und „Haufen Scheiße“ und später als „unbe­kanntes Flug­ob­jekt“ erscheint.
Juri Andruchow­ytschs Essay Lobans Rechen­künste ist zwar in der deut­schen, jedoch nicht in der ukrai­ni­schen Ver­sion der Antho­logie erschienen (dort ist es der Text Bälle von Evhen Polozhij). Der Autor, der sich hier­zu­lande einen Namen als lite­ra­ri­scher Bot­schafter der pro-euro­päi­schen Ukraine machte, the­ma­ti­siert jedoch nicht den inne­ru­krai­ni­schen Iden­ti­täts­kon­flikt zwi­schen West und Ost, zwi­schen Europa und Russ­land. Viel­mehr widmet er sich der Haupt­stadt Kiew und beschreibt Höhen­flüge und Abstürze des Fuß­ball­klubs Dynamo sowie der sowje­ti­schen Natio­nal­mann­schaft. Andruchow­ytsch beschwört die Welt der ukrai­ni­schen Fuß­ball­le­genden der 1960er bis 1980er Jahre herauf. „Jetzt weiß Europa, auch wir können spielen!“, schreibt der Autor und erklärt, wie der Rote Loban (Valeri Loba­now­skyj) und sein Freund Basyl (Oleh Basy­l­ewytsch) den totalen Fuß­ball (Totalniy Futbol) aus den Nie­der­landen in die Ukraine brachten und ihrem Verein damit euro­pa­weit einen Namen machten.
In der Mehr­zahl der Texte gibt die Sehn­sucht nach den guten alten Zeiten den Ton an, als die Jungs noch in den Hin­ter­höfen kickten und abends nicht vom Platz zu jagen waren. Durch den Titel Schwarzes Gold der Hoff­nung, den man als Anspie­lung auf den ersten Vers der „Todes­fuge“ Paul Celans ver­stehen kann, gibt auch Zhadan seinem Essay einen his­to­ri­schen Bezugs­rahmen. Doch führt er diese Linie im Text nicht weiter fort, son­dern stürzt sich viel­mehr ins Hier und Jetzt der Donezker Fuß­ball­welt. In diesem Zusam­men­hang erin­nert die Meta­pher „schwarzes Gold“ an die Tra­di­tion des Koh­le­berg­baus, der der Verein Schachtar seinen Namen ver­dankt.
Zhadan schil­dert seine Begeg­nungen mit den Ultras des Fuß­ball­klubs und betrachtet Hoo­li­gans dabei nicht „als stän­dige Quelle von Aggres­sion und Desta­bi­li­sie­rung“, son­dern stellt sie dem Leser als Men­schen vor, die über­ra­schen­der­weise „unter­ein­ander ziem­lich ver­schieden sind“. Er erklärt, wie das Geld der Olig­ar­chen mit dem Erfolg der Ver­eine ver­quickt ist und wie das neue Sta­dion, die „Perle des Donbas“, als Ersatz für man­gelnde Theater und Museen die Men­schen in Scharen anzieht. Kurzum, in seinem kurz­wei­ligen Text gelingt es dem Schrift­steller, das Paradox des ukrai­ni­schen Fuß­balls zu offen­baren: Einer­seits ist Sport in der Ukraine nicht ohne Politik zu denken, ande­rer­seits dient den Men­schen der Besuch im Sta­dion als apo­li­ti­scher Rück­zugsort.
Dort, „wo man sich noch nicht einmal über die eigenen Pro­bleme, Wün­sche und Ste­reo­typen im klaren ist“, schreibt Zhadan im Vor­wort, habe Fuß­ball das Poten­tial, die Men­schen mit­ein­ander zu ver­einen. In seinen ein­lei­tenden Worten tritt der Her­aus­geber selbst als Bot­schafter seines Landes auf und for­dert den Leser dazu auf, wäh­rend des Tur­niers „Ste­reo­type gegen Infor­ma­tionen und Vor­ur­teile gegen Sym­pa­thie, ja Liebe“ ein­zu­tau­schen. Über das Ansehen Polens macht er sich hin­gegen wenig Sorgen, da das EU-Land dem Leser „ver­mut­lich nicht nur geo­gra­phisch näher­steht“.

 

Totalniy Futbol nicht nur einen anre­genden Ein­blick in die Welt des ukrai­ni­schen und pol­ni­schen Fuß­balls, son­dern auch in die Gegen­warts­li­te­ratur der beiden Länder. Denn die Suche nach der eigenen Iden­tität, die Pro­bleme der Trans­for­ma­tion oder das Erbe der Sowjet­union stehen hier einmal nicht im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit, son­dern schwingen in den Geschichten über das runde Leder mit.

 

Totalniy Futbol. Eine pol­nisch-ukrai­ni­sche Fuß­ball­reise. Berlin: Suhr­kamp Verlag, 2012.

 

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