Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wenn toll­wü­tige Hunde nicht nur bellen, son­dern weiß­lat­zige Katzen töten

Erträumte Par­al­lel­welten, die Angst vor der Leere des Lebens und absurd-gro­teske Daseins­be­wäl­ti­gungen tun sich als Riss im Alltag auf, wenn bis­sige Hunde aus ihrem krea­tiven Schlaf geweckt werden. Erlö­sung sucht man dabei in Dorota Masłowskas neu­estem Werk ver­geb­lich. Man kann nur ein zynisch-resi­gniertes Lachen von sich geben und hoffen, dass es nicht im Halse ste­cken bleibt.

 

maslowska_cover_dtNach nun­mehr acht Jahren Abwe­sen­heit auf dem deut­schen Buch­markt meldet sich Dorota Masłowska mit ihrem bel­le­tris­ti­schen Werk Lieb­ling, ich habe die Katzen getötet (Kochanie, zabiłam nasze koty) furios zurück und feiert so, nach inzwi­schen vier auf­ge­führten Dramen und einem Aus­flug in musi­ka­li­sche Gefilde, hier­zu­lande ihr Roman-Come­back mit ihrem dritten Buch. Das bereits 2012 in Polen erschie­nene Buch liegt erneut in der gewohnt qua­li­tativ hoch­wer­tigen Über­set­zung des Sla­wisten Olaf Kühl vor, erst­malig jedoch nicht als bro­schierte Aus­gabe. Wie bereits in den vor­he­rigen Werken weiß Masłowska mit ihrem Wort­spiel, der Über­spit­zung von Cha­rak­teren und Gescheh­nissen sowie vor allem mit ihrer fast schon gehäs­sigen Bis­sig­keit zu über­zeugen, die man also auch hier nicht zu missen braucht.

Mit der Zeit alter­nieren manche Dinge aber dann doch. Nicht nur die mitt­ler­weile zwei­und­drei­ßig­jäh­rige pol­ni­sche Autorin, die in ihren Jugend­werken noch eine teen­ager­hafte Sla­cker-Atti­tüde auf den Por­träts zur Schau stellte, die schon fast ein wenig affek­tiert wirkte, hat sich ver­än­dert. Prä­sen­tiert sie sich doch nun auf dem Buch­um­schlag als sty­lish geschminkte Blon­dine mit strengem Dutt und über­mäßig viel Kajal und wirkt in ihrem Netz­hemd, in wel­chem sich Kno­chen ver­fangen haben, gera­dezu einem Hal­lo­ween-Foto­shoo­ting ent­sprungen. Fast wie ein arti­fi­zi­elles Mar­ke­ting-Pro­dukt, eine Kari­katur ihrer selbst und ihrer Rolle. Auf­fäl­ligstes Merkmal ist indes jedoch nicht opti­scher, son­dern inhalt­li­cher Natur und offen­bart im ambi­tio­nierten und späten Dritt­lings­werk einen Wandel im Hand­lungs­schau­platz inner­halb des Œuvres.

 

Nervig-kar­ne­val­eske Pseudo-Polen in Zeiten von Fakebook

Ließen sich näm­lich ihre beiden vor­he­rigen Werke noch ein­deutig im pol­ni­schen Raum ver­orten, so ergibt sich nun eine Los­lö­sung vom natio­nalen Raum hin zum kos­mo­po­li­ti­schen Hand­lungs­raum New York, seit jeher der Inbe­griff und Schmelz­tiegel der kul­tu­rellen Diver­sität. Dieser Schau­platz wird zwar kon­kret benannt, fun­giert jedoch viel­mehr als Basis und bloße Fas­sade eines durch und durch vir­tu­ellen und inter­me­dialen Zeit­al­ters, das von seiner Pop- und Trash­kultur geprägt ist und in seiner glo­balen Meta­phorik bereits zuvor in Masłowskas Werk prä­sent war. Kreisten ihre zwei vor­he­rigen Romane und Thea­ter­stücke (zwei davon sind Adap­t­ationen der Romane) primär um die pol­ni­sche Gesell­schaft, stellt Masłowskas drittes bel­le­tris­ti­sches Werk eine Kehrt­wende in ihrem Schaffen dar. Und so heißen ihre Prot­ago­nisten auch nicht mehr Andrzej oder Sta­nisław, son­dern Joanne und Farah. Zwei Freun­dinnen, die durch eine Män­ner­be­kannt­schaft und die damit ein­her­ge­hende Eifer­sucht Farahs aus­ein­an­der­ge­bracht werden. Figuren und Kon­stel­la­tionen könnten auf den ersten Blick einem tri­vialen Frau­en­roman ent­spre­chen, mit einem Touch Sex and the City und einem Hauch Groß­stadt­neu­rotik à la Woody Allen ver­sehen. Ver­stärkt wird dieser Ein­druck noch durch das pas­tell­farben getränkte Cover, wel­ches bereits die Augen unmit­telbar in die fla­chen Gewässer der soge­nannten Chick Lit katapultiert.

Doch nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Und so ent­puppt sich aus­ge­rechnet die ein­zige Polin im Roman, die ständig mit ihrer nim­mer­müden und durch­ge­dreht-ener­vie­renden Art und ihrem Ego-Monolog die Umge­bung mit „Piroggen, Borschtsch und Kohl­suppe“ kon­fron­tiert und eine Schlüs­sel­figur des Romans dar­stellt, schließ­lich als ledig­lich ima­gi­nierte Polin. Ist sie doch eigent­lich eine ver­kappte „Jugo­slawin“, die eth­ni­schen Vor­lieben und Trends hin­ter­her­jagt und sich dabei wie ein durch­ge­knallter Peer Gynt auf­führt. Über­haupt spielt die Ima­gi­na­tion, die Kon­tras­tie­rung von realen und kre­ierten Welten eine gewich­tige Rolle im Buch. Dem Leser führt der Roman gele­gent­lich vor Augen, dass es sich bei dem Geschehen um Fik­tio­na­li­täten han­delt, die einem krea­tiven Spiel oder Traum­se­quenzen ent­springen, die einen beacht­li­chen Teil der Hand­lung aus­ma­chen. In Zeiten von Face­book und Co, wo man „min­des­tens fünf Mil­lionen Freunde“ hat, lösen sich Wahr­heit und Iden­tität auf. Alles ist Schein, ist Ober­fläche, ein Betrug womög­lich, und die kul­tu­relle Iden­ti­täts­tüte wird im wun­der­li­chen Schmelz­tiegel New Yorks, in wel­chem jeder alles und jeder­mann sein kann, zum Platzen gebracht, zugleich auf­ge­löst und ver­mengt, wie das ganze Durch­ein­ander auf dem Mee­res­boden der Traum­se­quenzen in der Welt der langsam ster­benden Meer­jung­frauen, die immer wieder in Erschei­nung treten. Alles wird eins und die Welt ähnelt sich immer mehr und ver­west­licht bzw. ame­ri­ka­ni­siert zuse­hends, wenn vir­tu­elle Welten und Länder durch die glo­balen und all­seits bekannten Größen Google und Face­book trü­ge­risch nur ein paar Maus­clicks ent­fernt scheinen. New York ver­ge­gen­wär­tigt sich hierbei im Roman als sym­bo­li­sche Haupt­stadt eines glo­ba­li­sierten Kon­sums, als Mekka der unauf­halt­samen Mas­sen­me­dien- und Bran­ding-Mono­po­li­sie­rung mit all seinen Schat­ten­seiten, die Masłowska offen und radikal zur Schau stellt. Es ent­steht eine gro­tesk-ver­zerrte Wirk­lich­keit, in der man „acht Dollar für einen gewöhn­li­chen Kaffee“ ausgibt.

 

Grenz­aus­lo­tungen

Kochanie_zabiłam_RGBWel­chen Sinn haben in unserer heu­tigen Zeit dann über­haupt noch natio­nale Grenzen ange­sichts dieser global ima­gi­nierten Auf­lö­sung im Internet-Zeit­alter? Die bestehenden Grenzen und ein­her­ge­henden Diver­genzen lassen sich wohl in erster Linie in „arm“ und „reich“ kate­go­ri­sieren und driften immer weiter aus­ein­ander. In Ein­wan­de­rungs­län­dern wie den USA und ins­be­son­dere in New York mit all seinen Immi­granten exis­tieren diese zwei dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzten Lebens­welten neben­ein­ander. Hier leben jene, die schicke „aus Luft genähte Kla­motten“ tragen müssen, und jene, die zwar nicht unbe­dingt gelang­weilt die Luxus-Illus­trierte „Die stink­reiche Pussy von heute“ durch­blät­tern oder ihre hedo­nis­tisch-über­sät­tigte Exis­tenz durch eine „äußerst kom­pli­zierte Ich-Trans­plan­ta­tion“ mit armen indi­schen Mäd­chen tau­schen, um wieder Freude emp­finden zu können, sich aber mit albernen Ver­nis­sagen, Yoga­zeit­schriften und dem krank­haften Gebrauch von Des­in­fek­ti­onsgel durch­schlagen. Und dabei führen sie im Grunde selbst ihr Dasein ad absurdum. Doch auch hier ver­schwimmen Grenzen und Erschei­nungen, wenn sich offen­bart, wessen Spröss­ling die vor­geb­lich arme Go, die gyn­t­sche, jugo­sla­wi­sche Immi­grantin in Wirk­lich­keit ist, oder wenn die Armen mit ihrem Pil­ger­look unge­wollt im Trend liegen, sodass sich eine Klas­si­fi­zie­rung auf­grund der Schein­haf­tig­keit des Ganzen schlichtweg entzieht.

Die Ent­fes­se­lung der Krea­ti­vität als impuls­ge­bender Kata­ly­sator, um Fik­tion und Rea­lität zu ver­mengen und die Grenzen auf­zu­lösen, schafft einen Raum, in dem sich das Spiel mit den Iden­ti­täten voll­zieht. Dem­entspre­chend ließe sich auch über die bel­le­tris­ti­sche Pause von Dorota Masłowska spe­ku­lieren, wenn die Erzäh­lerin, die all­wis­sende, die alle Fäden in der Hand zu halten scheint, kühl über ihre Schreib­krise räso­niert und dem Leser offen­bart: „Ich litt sei­ner­zeit an einer äußerst läs­tigen krea­tiven Ver­stop­fung“. Diese Erzäh­lerin, die alles mes­ser­scharf ana­ly­siert und genuss­voll aus­ein­an­der­nimmt, gesteht die Über­le­gung, den Vor­schuss ihres Buches „an Heime für toll­wü­tige Hunde zu spenden. Denn wenn das so wei­ter­geht, […] werde ich bestimmt als einer von ihnen wie­der­ge­boren“; und so lässt sich spä­tes­tens hier doch ein mög­li­cher Rück­schluss auf die Erzäh­lerin als die ins­ge­heime, eigent­liche Prot­ago­nistin des Gesche­hens ziehen. Eben­diese steht auch am Ende des Romans, wenn in einer plötz­li­chen, fast kathar­ti­schen Erkenntnis und dem Moment des her­bei­ge­sehnten krea­tiven Fun­kens das aukt­o­riale Ich, das in New York ver­weilt, wieder eine Ver­knüp­fung zum Anfang des Romans her­stellt. Die Erzäh­lerin trifft ipso facto auf ihre selbst erschaf­fenen Figuren, auf deren Träume und mutiert zu eben­jenem Hund, der seine ersten zwei Sätze nie­der­schreibt, die mit dem Anfang des Buches kor­re­lieren, und sich so spie­gel­gleich ein Kreis schließt. Die tote Katze im ersten Satz ist auch die ein­zige Ver­knüp­fung zum Buch­titel, zum Spiel mit der Rolle als Autorin, der bis­sigen Hündin, die ihr Geständnis im Titel ablegt. Durch die The­ma­ti­sie­rung und Empor­he­bung der macht­vollen Fan­tasie, die Leben zu erschaffen und zu ver­nichten vermag, über­windet Masłowska die im Buch ange­spro­chene Schreib­krise. Die Erret­tung Farahs jedoch, einer des­in­fi­zier­wü­tigen Zwangs­neu­ro­ti­kerin, die am Ende des Romans aus der erträumten scheuß­lich-dre­ckigen und vom Turbo-Kapi­ta­lismus ver­müllten Par­al­lel­welt der Meer­jung­frauen her­aus­führt, ist letzten Endes womög­lich doch nur eines: näm­lich ima­gi­niert und in der Wahr­haf­tig­keit des dop­pel­bö­digen Schei­terns irgendwie allzu erschre­ckend real.

 

Masłowska, Dorota: Lieb­ling, ich habe die Katzen getötet. Aus dem Pol­ni­schen von Olaf Kühl. Köln: Kie­pen­heuer & Witsch, 2015.
Masłowska, Dorota:Kochanie, zabiłam nasze koty. Wars­zawa: Noir sur Blanc, 2012.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Kurz­bio­gra­phie auf der Web­site des Ber­liner Künstlerprogramms

„Jetzt ver­rate ich den Deut­schen die bit­tersten Geheim­nisse der Polen.“ Inter­view von Olaf Kühl mit Dorota Masłowska in Die Welt vom 13.06.2008.

Masłowska live als Sän­gerin beim Inter­fe­rence Fes­tival (Pol­nisch)

Book­trailer zum Buch vom pol­ni­schen Verlag (Pol­nisch)

Frag­ment aus dem Buch, gelesen von Wojciech Mann (Pol­nisch)

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