Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Andrićs Bezie­hung zu Bos­nien: Von der Liebe bis zum Hass und zurück

Ein Inter­view mit Ivan Lov­re­nović, Ver­leger, Kul­tur­his­to­riker, Publi­zist, Sarajevo

novinki: Ivo Andrić ist heute zur Waffe im Kampf zwi­schen den Nationen des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien geworden. Kroaten und Serben streiten um seine Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keit, Bos­niaken und Serben um die poli­ti­sche Bot­schaft seiner Lite­ratur. In Titos Jugo­sla­wien war Andrić unum­stritten. Was für ein Ver­hältnis hatte Tito zum Nobelpreisträger?

Ivan Lov­re­nović: Ivo Andrić und Miroslav Krleža waren die beiden bedeu­tendsten jugo­sla­wi­schen Schrift­steller und zwei Sym­bole für die Kultur, die Lite­ratur, aber auch die Politik. Der Schrift­stel­ler­ver­band Jugo­sla­wiens hatte beide als Kan­di­daten für den Nobel­preis vor­ge­schlagen. Titos Favorit war Krleža. Andrić mochte er nicht. Als Andrić den Nobel­preis erhielt, war Tito sehr ent­täuscht, sogar sauer. Seine Berater konnten ihn nicht über­reden, Andrić zu emp­fangen und ihm zu seinem Nobel­preis zu gra­tu­lieren. Man tuschelte bereits von einem Skandal. Schließ­lich gab Tito nach, das Treffen fand in seiner Resi­denz, dem Weißen Hof, statt. Zufäl­li­ger­weise bin ich im Besitz eines unver­öf­fent­lichten Pro­to­kolls dieses Gesprächs. Es ist wahn­sinnig inter­es­sant, weil es voll­kommen unin­ter­es­sant ist. Welche Ziga­retten rau­chen Sie, Genosse Andrić? Ach, ich rauche nicht richtig, ich zünde mir mal eine an, wissen Sie, usw. Das ganze Gespräch ist geküns­telt, man spürt, dass der eine wie der andere es kaum erwarten können, sich zu verabschieden.

n.: Woher rührt diese Antipathie?

I.L.: In poli­ti­scher Hin­sicht gehörten sie zwei voll­kommen unter­schied­li­chen Welten an. Andrić war ein hoher Beamter des könig­li­chen Regimes, das Tito als Rebell bekämpft hatte. Andrić war ein unideo­lo­gi­scher Mensch; mit der Linken sym­pha­ti­sierte er aber nie. Man muss sich die Zwi­schen­kriegs­zeit ver­ge­gen­wär­tigen, als in Jugo­sla­wien Kultur und Lite­ratur, aber auch die Politik stark pola­ri­siert waren. Auf der einen Seite hatte man eine mäch­tige Bewe­gung der sozial enga­gierten Lite­ratur, die sich an sowje­ti­sche Vor­bilder anlehnte, auf der anderen Seite die bür­ger­liche Intel­li­genz, die bür­ger­liche Kultur, bür­ger­liche Schrift­steller. Andrić war der pro­fi­lier­teste Ver­treter dieser bür­ger­li­chen Welt, in der Politik, in der Diplo­matie, und eben auch in der Lite­ratur. Er diente also dem Regime, und zwi­schen dem Regime und der Bewe­gung Titos herrschte Todesfeindschaft.

n.: Wie konnte Andrić den­noch im sozia­lis­ti­schen Jugo­sla­wien zum Staats­schrift­steller avancieren?

I.L.: Es gibt etwas, worin Andrić mit Titos neuem Regime sehr kom­pa­tibel war, und das war die Frage Jugo­sla­wiens. Andrić war ein über­zeugter Trans-Jugo­slawe. Er selbst spricht dar­über im Buch von Ljubo Jan­drić (Jan­drić, Ljubo: Sa Ivom Andrićem, Sara­jevo 1982). Er sagt, dass er sich nie für die Natur des Regimes inter­es­siert habe, son­dern allein für Jugo­sla­wien und den Fort­be­stand Jugo­sla­wiens. Das waren sehr starke Berüh­rungs­punkte. Titos Leute ver­standen, was für eine Bedeu­tung Andrić in dieser Hin­sicht hatte, als großer Schrift­steller und als Schrift­steller mit weißer Weste. Er war ein Beamter des König­reichs gewesen, hatte aber nichts getan, was ihn dis­kre­di­tierte. Nun, es gab ein unan­ge­nehmes Detail in seiner Bio­gra­phie, er bemühte sich aber, es aus­zu­ra­dieren. Es ging um ein Foto von der Unter­zeich­nung des Drei­mäch­te­paktes in Wien. Auf dem Foto ist Minis­ter­prä­si­dent Cve­t­ković zu sehen, Rib­ben­trop, glaube ich, und hinter ihnen Andrić als der damals höchste Mann der diplo­ma­ti­schen Hier­ar­chie. Das neue Regime hat 1946 in Bel­grad eine Rie­sen­aus­stel­lung über die Ent­ste­hung des neuen Jugo­sla­wien orga­ni­siert. Sie war chro­no­lo­gisch auf­ge­baut, so dass man gleich am Ein­gang das große Foto von der Unter­zeich­nung des Drei­mäch­te­pakts sehen konnte. Mil­ovan Đilas spricht dar­über in seinen Memoiren. Andrić habe ihn ange­rufen und sehr unter­würfig gebeten, dieses Foto, wenn irgend mög­lich, weg­zu­schaffen. Đilas hat das natür­lich getan. Solange Jugo­sla­wien exis­tierte, tauchte das Foto nicht mehr auf. Dies ist nur eine kleine Anek­dote, alles in allem hatte Andrić eine weiße Weste, und er war ein über­zeugter Jugo­slawe. Im Gegen­satz zu Krleža, der eben­falls ein über­zeugter Jugo­slawe war, aller­dings ein Föde­ra­list, ver­stand sich Andrić als Inte­gra­list. Das passte damals sehr gut zu Titos Regime, denn es war abge­sehen von der Exis­tenz der sechs Repu­bliken bis zu den späten 1960er Jahren im Grunde inte­gra­lis­tisch und unita­ris­tisch. Andrić passte da per­fekt rein.

n.: In Kroa­tien schweigt man heute zumeist über Ivo Andrić. Zwar wurde er in einer kroa­ti­schen Familie in Bos­nien geboren, doch seine jugo­sla­wi­sche Ein­stel­lung erregt Anstoß. In Bel­grad beschäf­tigt sich eine Reihe von Insti­tu­tionen mit Andrić, man ver­an­staltet der­zeit sogar ein Andrić-Jahr. Wo ist Andrićs Platz in Bos­nien heute?

I.L.: Mit dem Wechsel des poli­ti­schen Para­digmas in Bos­nien-Her­ze­go­wina geschah mit Andrić etwas sehr Trau­riges. Unter den frü­heren Macht­ha­bern hatte Andrić in ganz Jugo­sla­wien, beson­ders in Bos­nien, den Status einer Kul­tur­halb­gott­heit. Immer wenn er nach Bos­nien kam, emp­fing man ihn auf höchster Staats­ebene. Er wurde auch sehr viel gelesen. Aber mit dem Para­dig­men­wechsel in den 1990er Jahren änderte sich das voll­kommen. Es ist eine lange Geschichte voller Nuancen und Ver­zwei­gungen. Man könnte tage­lang erzählen, um das alles zu erklären, und man würde doch nichts erklärt haben. Kurz gesagt geht es um Fol­gendes: Das Schicksal Bos­niens, das im Erleben der eigenen Welt in drei eth­nisch basierte Teile zer­fallen ist – in drei Ein­heiten im poli­ti­schen Leben und im Bil­dungs­wesen –, dieses Schicksal teilt auch Andrić. Auch dadurch offen­bart sich, wie schick­sal­haft er mit Bos­nien ver­bunden ist. Das, was mit Bos­nien geschieht, geschieht auch in Bos­nien mit ihm. Die größte Neu­ig­keit in der neuen Behand­lung Andrićs im neuen Bos­nien war die mus­li­mi­sche Rezep­tion von Andrić. Diese Rezep­tion gab es auch vorher jahr­zehn­te­lang, nur hatte sie kein Stimm­recht, sie hatte nur im Unter­grund rumort. Jetzt bekam sie das Stimm­recht und schöpfte es maximal aus, leider auf schlechte Weise. Wie? So, dass in der gesamten neuen bos­nia­kisch-mus­li­mi­schen Kultur, da meine ich das poli­ti­sche Estab­lish­ment und in der Folge die offi­zi­elle Kultur und das Schul­wesen, Andrić auf einmal ein sehr schlechter Platz zuge­wiesen wurde. In extremen Fällen wird er fast wie eine Art Volks­feind behan­delt. Zur Gel­tung kam jenes alte Rumoren über Andrić als Schrift­steller, der ideo­lo­gisch angeb­lich gegen die Mus­lime, gegen den Islam, sogar gegen Bos­nien gewesen sein sollte. All das beruht natür­lich darauf, dass man ihn falsch, lite­ra­risch unbe­gründet liest. Aus seiner Lite­ratur werden Teile mecha­nisch her­aus­ge­rissen, die dies belegen sollen. Jede wahre Lite­ratur ist voller sol­cher Kon­tro­versen, man kann sie benutzen, wie man möchte. Diese Rezep­tion Andrićs in mus­li­misch-bos­nia­ki­scher Manier führte dazu, dass überall, wo diese Kultur domi­niert, für Andrić ein­fach der Platz fehlt. Beson­ders im Krieg und in den Jahren danach kam das zum Aus­druck, jetzt lässt es ein wenig nach. Man kann das an einer Reihe von Details beob­achten. Nehmen Sie den öffent­li­chen Raum in Sara­jevo und stellen Sie die Frage, wo da Andrić zu finden ist. Es gibt ihn nir­gendwo. Unter den Denk­mä­lern, die wieder vor dem Ver­lags­ge­bäude von Svjet­lost stehen – sie wurden dort vor dem Krieg instal­liert, dann weg­ge­schafft, und dann doch zurück­ge­bracht – ja, da steht neben Branko Ćopić und Petar Kočić auch Andrić. Und es gibt eine Ivo-Andrić-Gasse in Dobrinja, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Berück­sich­tigt man, dass Andrić der größte Schrift­steller Sara­jevos in der Geschichte über­haupt ist, dann bedeutet dieses Miss­ver­hältnis, dass diese Stadt einen sol­chen Schrift­steller gar nicht in ihren öffent­li­chen Raum, in ihr sym­bo­li­sches Ima­gi­na­rium inte­griert hat.

n.: Wie ver­hält es sich mit der ser­bi­schen Rezep­tion nach den Kriegen?

I.L.: Die ser­bi­sche Geschichte über Andrić ist mehr oder weniger bekannt und klar. Noch zu Andrićs Leb­zeiten stellte man ihn als einen ser­bi­schen Schrift­steller vor. Es ist sehr inter­es­sant, zu ana­ly­sieren, was er zu diesem Thema gesagt hat. Wenn man das tut, wird man fest­stellen, dass man da bei ihm gar nicht fündig wird. Und man kann auch gar nicht fündig werden, denn Andrićs Wesen ist trans­eth­nisch. Auf­grund seiner Lite­ratur und auf­grund seiner Sicht auf Jugo­sla­wien kann er nie­mandem spe­ziell gehören. Den­noch ist diese Vor­stel­lung ent­standen, er lebte in Bel­grad, schrieb in der eka­vi­schen Vari­ante, die ser­bi­sche Kultur inte­grierte ihn sehr stark, er ver­öf­fent­lichte dort, war Mit­glied der Ser­bi­schen Aka­demie der Wis­sen­schaften und Künste. Es geht also um tau­send Ele­mente, die lite­ra­risch kei­nes­wegs von Bedeu­tung sind, aber im bür­ger­li­chen, pri­vaten Sinne sind sie es. Andrić wurde also in der Öffent­lich­keit zugleich als jugo­sla­wi­scher, aber auch als ser­bi­scher Schrift­steller sti­li­siert. Und nach dem Zer­fall Jugo­sla­wiens wurde er irgendwie von selbst immer mehr zum ser­bi­schen Schrift­steller. Im Krieg benutzte man ihn als natio­nales Symbol. Dies ging so weit, dass Dobrica Ćosić – sei­ner­seits ein großes Sinn­bild der ser­bi­schen Kultur – vor einigen Jahren in Više­grad erklärte, dass Ivo Andrić ganz bestimmt, wäre er noch am Leben, im Krieg und danach „mit uns“ gewesen wäre. Hier han­delt es sich um eine Spe­ku­la­tion, die, berück­sich­tigt man das gesamte künst­le­ri­sche Werk Andrićs und seine Bio­gra­phie, nicht nur falsch ist, son­dern auch eine Mani­pu­la­tion. In diesem popu­lis­ti­schen Dis­kurs neigt man dazu, Andrić auf den Roman Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija) zu redu­zieren, denn aus ser­bi­scher Per­spek­tive lässt sich dieses Werk am ehesten für natio­nale Ziele instrumentalisieren.

n.: Was lässt sich über die dritte bos­ni­sche Per­spek­tive, die kroa­ti­sche, sagen?

I.L.: In Mostar, dem poli­ti­schen und kul­tu­rellen Zen­trum der Kroaten, ist man ein wenig zur Ver­nunft gekommen. Andrić ist ja Nobel­preis­träger, so dass man eine kleine Tagung an der Uni­ver­sität in Mostar ver­an­staltet hat. Aber das ist alles nicht der Rede wert. For­mu­lieren wir es so: Die Kroaten brauchten Andrić nie. Die Kroaten in Bos­nien, d.h. ihre wich­tigste poli­ti­sche Strö­mung hier war seit den 1990er Jahren bis heute ledig­lich ein Trans­mis­si­ons­riemen für die Ereig­nisse in Kroa­tien. In Sara­jevo gibt es indes eine Filiale der in Zagreb ansäs­sigen natio­nalen Insti­tu­tion Matica hrvatska. Dank eines ein­zigen dort tätigen Men­schen, ich meine den Schrift­steller Mirko Mar­ja­nović, hat diese Filiale der Matica hrvatska vor etwa zehn Jahren eine Reihe ins Leben gerufen: „Kroa­ti­sche Lite­ratur Bos­nien-Her­ze­go­winas in hun­dert Bänden“. Mar­ja­nović hat mir vor­ge­schlagen, in dieser Reihe Ivo Andrić vor­zu­stellen. Wir haben eine Aus­wahl in vier Bänden gemacht, und das war das ein­zige solide Zei­chen einer kroa­ti­schen Ach­tung gegen­über Ivo Andrić in Bos­nien-Her­ze­go­wina seit den 1990er Jahren.

n.: Um diese vier Bände streiten sich die Matica hrvatska in Sara­jevo und die Ivo-Andrić-Stif­tung in Bel­grad vor Gericht. Die Stif­tung war dagegen, dass Andrić mit dem Eti­kett „kroa­ti­scher Schrift­steller“ in Druck geht. In erster Instanz ent­schied ein Gericht in Sara­jevo zugunsten der Bel­grader Stif­tung. Wie kam es dazu?

I.L.: Dem Gericht standen nur bestimmte formal-recht­liche Infor­ma­tionen zur Ver­fü­gung. Die Stif­tung ver­tritt formal die Rechte von Ivo Andrić, sie hat das Recht, ein Angebot eines Ver­le­gers ohne Erklä­rung abzu­lehnen. Wesent­lich ist Fol­gendes: Die Stif­tung wurde als jugo­sla­wi­sche Insti­tu­tion gegründet. Andrićs Werke ver­öf­fent­lichten die soge­nannten ver­ei­nigten jugo­sla­wi­schen Ver­leger. Das waren Ver­leger aus dem ganzen Land, von Slo­we­nien bis Make­do­nien. Dem­entspre­chend sah die Struktur des Ver­wal­tungs­rates der Stif­tung aus. Dort waren Schrift­steller und Kul­tur­ar­beiter aus allen Repu­bliken und Nationen ver­treten, darauf ach­teten die Kom­mu­nisten sehr. Auf diese Weise hatte die Stif­tung einen jugo­sla­wi­schen, trans­na­tio­nalen Cha­rakter. Durch den Zer­fall Jugo­sla­wiens wurde sie ser­bisch und begann, sich wie ein ser­bi­scher Ver­treter von Ivo Andrić auf­zu­führen. Und hier muss man ein Argu­ment anführen, das viel­leicht nicht formal-recht­lich gilt, aber lite­ra­risch und im Sinne des gesunden Men­schen­ver­stands: Wenn Ivo Andrić tat­säch­lich ein jugo­sla­wi­scher Schrift­steller war, wenn er in seinem Werk seine Auf­merk­sam­keit mit der glei­chen lite­ra­ri­schen, künst­le­ri­schen, auch phi­lo­so­phi­schen Neu­gier auf das gesamte jugo­sla­wi­sche und ins­be­son­dere auf das bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­sche Mosaik rich­tete, dann wäre es logisch, dass er pro­blemlos in ver­gleich­baren Reihen jeder der Natio­nal­li­te­ra­turen behan­delt werden kann. Meines Erach­tens sogar vor allem in der bos­nia­ki­schen, weil er mit dem Haupt­teil seines Œuvres dorthin gehört. In diesem Sinne ist das Argu­ment der Stif­tung sehr schwach. Nun ja, es gibt diese for­male legale Basis, die das Gericht ver­wirrte. Man wird sehen, wie in der zweiten Instanz ent­schieden wird.

n.: Die Stif­tung besteht darauf, dass Andrić Serbe sei und belegt das mit Doku­menten, in denen er in der Rubrik für die natio­nale Zuge­hö­rig­keit „ser­bisch“ ein­ge­tragen hat.

I.L.: Vor einigen Tagen fiel mir ein, dass es sehr inter­es­sant wäre, zu prüfen, wie die aktu­elle ukrai­ni­sche Kultur Gogol’ behan­delt, der seiner Geburt nach Ukrainer und zugleich ein hef­tiger rus­si­scher Natio­na­list war, der Rus­sisch schrieb. Ich glaube nicht, dass die Ukrainer auf Gogol’ ver­zichten wollen. Stellen wir uns vor, irgend­eine Insti­tu­tion aus Moskau geht wegen ukrai­ni­scher Pro­jekte mit Gogol’ vor Gericht, weil er in Wirk­lich­keit ein rus­si­scher Autor sei. Lächerlich.

n.: Kommen wir auf Bos­nien zurück. Wie schreibt Andrić über Bos­nien? Wie schil­dert er die Reli­gi­ons­ge­mein­schaften, ist er einer von ihnen mehr zuge­neigt als den anderen? Wie stellt er die Bezie­hungen zwi­schen diesen Gemein­schaften dar?

I.L.: Das ist die inter­es­san­teste Frage. Bevor man ins Detail geht, ist es wichtig, Fol­gendes zu berück­sich­tigen: Andrićs emo­tio­nale, gedank­liche, his­to­risch-phi­lo­so­phi­sche Bezie­hung zu Bos­nien war sehr ambi­va­lent, in sich dyna­misch, kei­nes­wegs ein­fach und kei­nes­wegs ein­seitig, son­dern eben ambi­va­lent. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Bezie­hung, die eine Ampli­tude von der Liebe bis zum Hass und zurück besitzt. Ohne das gäbe es diese groß­ar­tige Lite­ratur gar nicht, es würde sich um eine pro­pa­gan­dis­ti­sche, poli­ti­sche Lite­ratur han­deln. Das muss man ver­stehen. Was für Andrić dar­über hinaus sehr wichtig ist, und da reicht ihm bis heute meiner Mei­nung nach kein anderer bos­ni­scher Schrift­steller das Wasser, ist die Tat­sache, dass ihn in mate­ri­eller, fak­ti­scher, kon­kreter Hin­sicht ganz Bos­nien inter­es­sierte. Er recher­chierte in Bos­nien wie ein Wis­sen­schaftler, wie ein Anthro­po­loge, ein
His­to­riker. Und wenn wir von Mus­limen, Katho­liken, Ortho­doxen, Juden spre­chen, machte er da keinen Unter­schied. Man kann, das muss auch gesagt werden, in einer Nuance, aber wirk­lich nur einer Nuance, davon spre­chen, dass das Schicksal des ser­bi­schen Volkes in Bos­nien-Her­ze­go­wina aus seiner Sicht ab und zu ein etwas stär­keres Mit­ge­fühl her­vor­rief. Das bemerkt man hier und dort und es ist daraus begreifbar, was Andrić in der Ent­wick­lung der süd­sla­wi­schen Kultur seit Anfang des 19. Jahr­hun­derts vor­aus­ging, etwa das Erbe der Autoren der Romantik, die jugo­sla­wi­sche Ideo­logie, die ser­bi­sche Rolle in der Inte­gra­tion dieses Raums. Aber kei­nes­wegs darf man den Schluss ziehen, dass er die Einen bevor­zugte, die Anderen ver­nach­läs­sigte oder noch etwas Schlim­meres; denn dafür gibt es keine Bestä­ti­gung in seiner Lite­ratur. Ich pole­mi­siere ständig mit einigen Autoren der mus­li­mi­schen Seite, die Andrić als Isla­mo­phoben sehen. Ich bemühe mich zu beweisen, dass Andrić – das lässt sich auch aus seiner Lite­ratur her­aus­lesen – im tie­feren Sinne des Wortes viel­leicht mehr durch den Islam geprägt ist als durch etwas anderes. Wenn von Andrićs Ver­hältnis zu Bos­nien die Rede ist, dann ist die einzig pro­duk­tive Her­an­ge­hens­weise an ihn die Aner­ken­nung der Ambi­va­lenz – auf der einen Seite die Fas­zi­na­tion, die ihn sein Leben lang an diese Welt und deren Erfor­schung bindet, auf der anderen Seite die Tat­sache, dass er, ein so durch­drin­gender Beob­achter, das ganze his­to­ri­sche Unglück Bos­niens erkennt, das sich in aktu­elles Unglück ver­wan­delt. Dabei ist er ein Schrift­steller, der davor nicht flieht, im Gegen­teil: Er ist am stärksten dort, wo er dem Unglück ins Gesicht sieht, wäh­rend er es beschreibt. Daraus ergeben sich viel­leicht all die Missverständnisse.

n.: Was würden Sie denen ent­gegnen, die Andrićs Hass gegen­über den Mus­limen mit seiner Dok­tor­ar­beit belegen wollen, die ihrer Mei­nung nach die osma­ni­sche Herr­schaft in Bos­nien dämo­ni­siert? Im lite­ra­ri­schen Werk stellen sie vor allem die Szene der Pfäh­lung eines ser­bi­schen Bauern durch die Osmanen in der Brücke über die Drina heraus. Die Szene sei so brutal, sagen sie, dass sie bei ser­bi­schen Lesern nichts anderes als Hass gegen­über den Mus­limen her­vor­rufen könne. Die Serben bei Andrić, kri­ti­sieren diese Inter­preten, seien alle­samt posi­tive Figuren, oft Helden.

I.L.: Das sind zwei Dinge, die zwei Ant­worten erfor­dern. Was die Dis­ser­ta­tion betrifft: Das ist ein aus einer Zwangs­lage ent­stan­dener und vor allem kein lite­ra­risch-künst­le­ri­scher Text. Ich will nicht behaupten, dass Andrić ihn nicht geschrieben hat, natür­lich hat er ihn geschrieben, und natür­lich kam das Bild Bos­niens, über das wir gespro­chen haben, hier zur Gel­tung. Aber es ist nicht alles so, wie die Inter­preten es behaupten, es ist nicht so vulgär. Andrić hat da einige große Ideen. Und was nun den famosen Pfahl an der Brücke in Više­grad betrifft: Wenn diese Art von Inter­pre­ta­tion von Lite­ratur Schule macht, dann müssten wir auf min­des­tens 80 % der Welt­li­te­ratur ver­zichten oder wir müssten sie für wertlos oder für gefähr­lich erklären. Was würden wir mit dem ganzen Natu­ra­lismus machen? Und dass Andrić solche Dinge den anderen nicht zuschreibt, das ist ein­fach unwahr. Nehmen Sie diese fürch­ter­liche Erzäh­lung Anikas Zeiten (Anikina vre­mena), dort sind alle Prot­ago­nisten Serben aus der Gegend von Više­grad. Die Erzäh­lung ist der­maßen blutig und mor­bide, dass man ebenso ruhigen Gewis­sens behaupten könnte, sie sei anti­ser­bisch. Lite­ra­risch gesehen sind das voll­kommen lächer­liche Argumente.

n.: Der Fil­me­ma­cher Emir Kus­tu­rica baut zur Zeit in Više­grad ein ganzes Viertel, das Andrić gewidmet sein soll: eine Andrić-Stadt. Die Reak­tionen auf dieses Mam­mut­pro­jekt waren in Sara­jevo bereits vor Beginn der Bau­ar­beiten meist negativ. Wie sehen Sie Kus­tu­ricas Pro­jekt? Wird seine Andrić-Stadt etwas bringen?

I.L.: Ich glaube nicht. Es geht um ein klas­si­sches potem­kin­sches Dorf. Wäre Andrić für Kus­tu­rica ein Vor­bild, wie er es behauptet, dann hätte er sich an dessen Taten ori­en­tieren können. Durch eine Geste hat Andrić sich selbst zum größten Erb­lasser in der modernen Geschichte Bos­nien-Her­ze­go­winas gemacht. Er hat näm­lich seinen Nobel­preis für die Ent­wick­lung des Biblio­theks­we­sens in Bos­nien-Her­ze­go­wina gespendet. Bis zum Zer­fall Jugo­sla­wiens gab es im Kul­tur­mi­nis­te­rium einen Ivo-Andrić-Fonds, aus dem Gemein­de­bü­che­reien und erste Publi­ka­tionen junger Schrift­steller finan­ziert wurden. Das war eine groß­ar­tige Geste, die mit den Bedürf­nissen der Gesell­schaft im Ein­klang stand, der sie zuge­dacht war – bei uns gab es im kul­tu­rellen Bereich immer Defi­zite. Und das, was Kus­tu­rica macht? Das ist eine Marotte eines offen­sicht­lich starken, begabten Fil­me­ma­chers, aber zugleich eines Men­schen, der sich nicht an wirk­li­chen Bedürf­nissen ori­en­tiert, son­dern aus dem eigenen Bedürfnis heraus han­delt, seine Eitel­keit zu befriedigen.

n.: Viele Bürger von Više­grad sind begeis­tert, der Bür­ger­meister sieht in Kus­tu­ricas Pro­jekt ein großes Poten­tial für den Tou­rismus und erwartet, dass an der Kunst­aka­demie, welche Kus­tu­rica in der Andrić-Stadt eröffnen möchte, junge Men­schen aus der ganzen Welt stu­dieren werden. Die Više­grader sagen, Kus­tu­ricas Pro­jekt würde Andrić und die huma­ni­täre Bot­schaft seiner Lite­ratur verbreiten.

I.L.: Ich sehe das nicht. Više­grad zu errei­chen, ist auch aus Bel­grad nicht ein­fach. Von hier aus, durch Bos­nien, ist es noch schwie­riger. Wie könnte dieses Više­grad ohne Res­sourcen ein sol­ches Zen­trum werden? Da ist auch noch etwas, was sehr schmerzt und den­noch nicht uner­wähnt bleiben darf. Više­grad hat eine ent­setz­liche Erfah­rung aus dem letzten Krieg und diese ist aus­schließ­lich eine Erfah­rung der mus­li­mi­schen Više­grader. Ich möchte nicht sagen, dass Kus­tu­rica dies mit seinem Pro­jekt beab­sich­tigt, aber durch die Art der Wer­bung für das Pro­jekt wird diese Tat­sache zwangs­läufig vom Tisch gewischt.

n.: Kus­tu­rica wird vor­ge­worfen, Andrićs Werk zu miss­brau­chen, um zu beweisen, dass ein fried­li­ches Mit­ein­ander von Nationen in Bos­nien nicht mög­lich sei. Wie sehen Sie das?

I.L.: Nein, ich glaube nicht, dass es bei Kus­tu­rica darum geht. Das ist nicht die Leit­idee. Ande­rer­seits gibt es schon die Absicht, Andrić mög­lichst fest in der ser­bi­schen Kultur und Men­ta­lität zu verankern.

n.: War Andrić jemand, der das nega­tive Bild von der osma­ni­schen Herr­schaft auf dem Balkan prägte? Ein sol­ches Bild herrschte im sozia­lis­ti­schen Jugo­sla­wien vor.

I.L.: Der Anti­os­ma­nismus ist in der gesamten süd­sla­wi­schen Kul­tur­ideo­logie ein sehr aus­ge­prägter Trend, beson­ders seit den Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gungen in Politik und Kultur zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts. Es ist auch klar, dass sich Ivo Andrić, wie mehr oder minder seine gesamte Genera­tion, an diesen Trend ange­lehnt hat. Dieser Trend ist sehr mächtig, weil er aus den Befrei­ungs­ideen des 19. Jahr­hun­derts her­rührt, als man die Anwe­sen­heit der Osmanen als Fremd­herr­schaft erlebte, die man los­werden wollte. Es ist sehr inter­es­sant, dass die beiden jugo­sla­wi­schen Regime, das könig­liche und das kom­mu­nis­ti­sche, obwohl sie in ideo­lo­gi­scher Hin­sicht über Kreuz lagen, im Blick auf die gene­relle Deu­tung der Geschichte doch voll­kommen kom­pa­tibel mit­ein­ander waren. Der Trend, von dem ich spreche, setzte sich im Kom­mu­nismus also fort und ver­kör­perte ein domi­nantes Muster in der offi­zi­ellen Geschichts­schrei­bung und an den Schulen. Aller­dings tauchten schon in den 1960er Jahren in der jugo­sla­wi­schen, ins­be­son­dere in der bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­schen His­to­rio­gra­phie, andere Stimmen auf. Es gab eine ganze Reihe von Pro­jekten, die von der Aka­demie der Wis­sen­schaften unter­stützt wurden, und die die Rolle des Osma­ni­schen Rei­ches in Bos­nien-Her­ze­go­wina neu bewer­teten. So exis­tierten bereits in den 1970er Jahren, vor allem in Bos­nien-Her­ze­go­wina, zwei ent­ge­gen­ge­setzte Dis­kurse, der alt­her­ge­brachte und ein neuer, der die Dinge zu rela­ti­vieren ver­suchte. Das führte damals schon zu Kon­tro­versen. Es ent­stand eine Art Gleich­ge­wicht. Warum erzähle ich das alles? Es ist schlecht, dass sich im heu­tigen Bos­nien diese beiden Dis­kurse in ihre Extreme ver­wan­delten. Grob gesagt kann der eine osma­no­phob, der andere osma­no­phil genannt werden. Keiner von beiden sucht nach Wahr­heit. Und das schadet Andrić am meisten. Andrić hat sich mit all diesen ver­trackten Fragen und Bezie­hungen befasst, aber man kann nicht sagen, er hätte sich auf die eine oder andere Seite geschlagen.

Das Inter­view führten Kse­nija Cve­t­ković-Sander und Martin Sander.

Über­set­zung von Kse­nija Cvetković-Sander