Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Natio­na­lismus ist die Luft, die wir atmen

Vla­dimir Arseni­jević, Schrift­steller und Publi­zist aus Bel­grad (vorgestellt), ist neben dem Schrift­steller Saša Ilić (zurückgefragt) einer der wenigen, der den jüngsten Eklat im ser­bi­schen Lite­ra­tur­be­trieb – die hef­tigen (Über-)Reaktionen auf ein Gedicht Tomislav Mar­ko­vićs und die gegen den Dichter vor­ge­brachten Dro­hungen – über­haupt öffent­lich zur Sprache bringt. novinki über­setzt aus diesem Anlass Vla­dimir Arseni­je­vićs Kom­mentar und sein Gespräch mit Tomislav Mar­ković, in denen sie über die Rolle der Dich­tung und über den ‚Patrio­tismus’ in Ser­bien nach­denken.

 

Wer den Krieg sieht und nicht schau­dert,
der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!

(Kurt Tucholsky)

Poesie lang­weilt Sie?
Sie wissen mit ihr nichts anzu­fangen?
Sie gehören zu jenen, die der Ansicht sind, für Dich­tung gibt es in dieser, noch dazu in einer sol­chen, Gegen­wart keinen Platz?
Sie glauben, dass diese bereits vor langer Zeit eine ihrer wesent­li­chen Eigen­schaften – unter bestimmten Umständen eine Gefähr­dung der Gesund­heit, der Sicher­heit und mit­unter sogar des Leben des Dich­ters dar­zu­stellen – ver­loren hat?
Scheiß’ auf Poesie, denken Sie, die nicht tötet. Und sie erin­nern sich der selbst­er­fül­lenden Pro­phe­zeiung der ein­zigen Zeile aus Mil­j­ko­vićs „Epitaf“ – „Töte mich, über­mäch­tiges Wort.“[*]
Poesie, die nicht tötet, mur­meln Sie vor sich hin, ist abscheu­lich wie abge­stan­denes Bier; die Dichter haben längst ihre scharfe Klinge ein­ge­büßt, Schärfe hat die Dichter für immer hinter sich gelassen, die Dich­tung schreit ver­zwei­felt nach einem Leser, wäh­rend der Leser kei­nerlei Bedürfnis nach Poesie mehr ver­spürt, denn diesem (und einem sol­chen) Leser sagt diese (und eine solche) Dich­tung eben so ganz und gar nichts.
Also, schlagen Sie vor, gehen wir doch weiter ohne stehen zu bleiben. In eine zukünf­tige Welt ohne Dich­tung.
Sozu­sagen, in ein bes­seres Morgen.

Die Dinge stehen aller­dings doch nicht ganz so ein­fach, denn eine andere, eben­falls wesent­liche Eigen­schaft der Dich­tung, ihre ein­zig­ar­tige Fähig­keit zu über­ra­schen, die Gesell­schaft auf­zu­wie­geln, eine öffent­liche Dis­kus­sion anzu­stoßen, zeigt ihre Kraft und Macht gerade dann, wenn selbst jene, die sie erschaffen haben, nicht daran glauben, dass etwas der­ar­tiges geschehen könnte. In sol­chen – man muss sagen überaus sel­tenen und immer sel­te­neren – Augen­bli­cken, scheint uns Poesie wieder, wenn auch nur für den Moment, unaus­weich­lich und wichtig.

In Ser­bien ist unlängst genau das pas­siert, nachdem das Gedicht mit dem Titel Srpska duhov­nost (dt.: Ser­bi­sche Geis­tig­keit) des jungen Dich­ters Tomislav Mar­ković – eines Ange­hö­rigen des Bel­grader Kul­turno-pro­pa­gandni kom­plet Beton[**] und Redak­teurs des online-Por­tals e‑novine – die Gemüter auf­ge­bracht und jene chau­vi­nis­ti­sche Pha­lanx (ser­bisch: „Patrioten“) in Bewe­gung gebracht (ser­bisch: „mobi­li­siert“) hat, die stets bereit ist, kol­lektiv auf­zu­krächzen, immer bei Laune, „Nichts­erben“ und „Anti­serben“ unter den Serben aus­zu­ma­chen und „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Es geht hier also um ver­schie­dene Aspekte der Ver­fol­gung, der Denun­zie­rung und der viel­ge­stal­tigen Drang­sa­lie­rung frei­den­kender und kri­tisch gesinnter Geister.

Die Gedichte Tomislav Mar­ko­vićs, zusam­men­ge­tragen in der Samm­lung Die Zeit des Todes und der Kurz­weil, deren Titel einer­seits zum Lachen zwingt, aber auch das Blut in den Adern gefrieren lässt – was im Übrigen das Allein­stel­lungs­merkmal Mar­ko­vićs in der gegen­wär­tigen ser­bi­schen Dich­tungs­land­schaft aus­macht – stellen uns diesen Dichter, Sati­riker, Zei­tungs­jour­na­list und Redak­teur als einen der schärfsten und zugleich geist­reichsten Kri­tiker unserer Wirk­lich­keit vor. Er erweist sich als wür­diger (poe­ti­scher) Nach­folger all dessen, was in den 1990er Jahren die fer­alci [Mit­glieder der sati­ri­schen Zei­tung feral tri­bune, Anm. d. Red.] in Kroa­tien oder Petar Luković [kri­ti­scher Jour­na­list, Anm. d. Red.] in Ser­bien gemacht haben, als einer, der es aus­drück­lich beherrscht, die dun­kelsten Strö­mungen in der ser­bi­schen Gesell­schaft aus­zu­ma­chen und sie uner­müd­lich und uner­bitt­lich der Kritik und dem Gelächter anheim zu stellen. Mar­ković ver­schweigt dabei nichts und bedient sich als Haupt­waffen des Scharf­sinns, des Humors, oft auch des Schocks.

 

Hier einige Frag­mente aus dem umstrit­tenen Gedicht Srpska duhov­nost:

Srpska duhov­nost je etnički čista.
Redovno se tušira svetom vod­icom.
Glanca čizme.
Pere ruke pre i posle jela.
Čisti kamu od skorele krvi.
Sve mora da bude bes-pre-kor-no!

Ser­bi­sche Geis­tig­keit ist eth­nisch rein.
Sie duscht regel­mäßig mit Weih­wasser.
Poliert die Stiefel.
Wäscht die Hände vor und nach dem Essen.
Rei­nigt den Dolch von getrock­netem Blut.
Alles muss ta-del-los sein!

Oder:

Srpska duhov­nost voli da smišlja zago­netke.
Koliko anđela može da stane na vrh bajo­neta?
Koliko pređe leš ako ide peške?
Ako je mozak prosut, da li je glava polu­puna ili polu­prazna?

Die ser­bi­sche Geis­tig­keit denkt sich gern Rätsel aus.
Wie viele Engel passen auf ein Bajo­nett?
Wie viel legt eine Leiche zurück, wenn sie zu Fuß geht?
Wenn das Gehirn aus­ge­laufen ist, ist der Kopf dann halb­voll oder halb­leer?

Oder sogar:

Srpska duhov­nost je autobus koji vozi zaro­blje­nike
na gubi­lište u Potočarima.
Hladnjača puna alb­anskih leševa.
Voz zaus­tavljen u Štrpcima.
Bul­dožer koji pre­mešta zako­pane ostatke ljudskih tela.
Srpska duhov­nost je uvek u pokretu.

Die ser­bi­sche Geis­tig­keit ist ein Bus, der Gefan­gene fährt
ins Lager in Potočari.[***]
Eine Tief­kühl­truhe voll alba­ni­scher Lei­chen.
Ein Zug, in Štrpci ange­halten.[****]
Ein Bull­dozer, der die ver­gra­benen Über­reste mensch­li­cher Körper umla­gert.
Die Ser­bi­sche Geis­tig­keit ist immer in Bewe­gung.

Bereits volle sieben Jahre stiftet Tomislav Mar­ković im Rahmen der Lite­ra­tur­zeit­schrift beton und im Laufe der letzten vier, fünf Jahre auch als Redak­teur der stets pro­vo­ka­tiven e‑novine (dt: e‑Zeitung) auf unter­schied­liche Weise Unruhe und sti­chelt die sprich­wört­lich anäs­the­sierte ser­bi­sche Öffent­lich­keit, die im Wesent­li­chen nur zu kol­lek­tiven Ergüssen von Selbst­liebe und/oder Selbst­mit­leid fähig ist. Inso­fern ist das, was in den letzten zwanzig Tagen im Zusam­men­hang mit den Zeilen aus dem Gedicht Srpska duhov­nost aus­ge­bro­chen ist, in der Tat außer­ge­wöhn­lich. Zuerst tauchte das Gedicht plötz­lich auf der Inter­net­seite (ser­bisch: „houm­pejdž“) von etwas, das sich internetmagazin.rs nennt, auf. Neben einem Por­trait­foto des Dich­ters, das als unver­blümter Aufruf zur Lynch­justiz mit: „Das ist Tomislav Mar­ković“ unter­ti­telt war, und einer Abschrift des Gedichts wurde dort auch ein (selbst­ver­ständ­lich nicht unter­zeich­neter) Text mit dem Titel: „Wenn Sie nicht wissen, wie der schreck­lichste Hass auf Serben aus­sieht, hier haben Sie Gele­gen­heit es zu sehen und zu lesen“ ver­öf­fent­licht – ein Text, der in selben Maße bös­artig, wie dumm, ebenso unge­bildet, wie geistlos ist. Den­noch hat er eine Lawine von Angriffen auf Mar­ković los­ge­treten! Und die hat sich noch ver­schärft als der­selbe Text auf eine wei­tere pseudo-patrio­ti­sche Seite mit dem lach­haften Titel srbin.info über­tragen wurde.

Mar­ković fand sich als Jour­na­list und Dichter unver­mit­telt in der para­doxalen, kaum vor­her­zu­se­henden Situa­tion, dass die Gedichte, die er schreibt, sich als durch­schla­gender, um nicht zu sagen als tot­schla­gender [nicht über­setz­bares Wort­spiel mit probitačan/ubitačan, Anm. d. Red.], erwiesen, als sein täg­li­cher Ein­satz als Autor und Her­aus­geber eines der meist­ge­le­senen und in jeder Hin­sicht der her­aus­for­derndsten Inter­net­por­tale – den e‑novine. Ich wollte wissen, was er dazu denkt.

„Die poe­ti­sche Form ist viel dichter als der Zei­tungs­text“, sagte mir Mar­ković, „und sie trifft eher in den Bauch, den Kopf oder was auch immer so emp­find­lich bei den Rechten aus dieser Ecke ist. Daher hat sie in diesem Fall auch die direkte Weise getroffen, in der dar­über gespro­chen wird. In dem Gedicht wird die Phrase ‚ser­bi­sche Geis­tig­keit’ in Ver­bin­dung mit Kriegs­ver­bre­chen gebracht. Das wird nicht begründet, dar­über könnte man natür­lich eine Studie, ein ganzes Buch ver­fassen, aber im Lied ist es auf ver­hält­nis­mäßig wenig Raum kom­pri­miert und die Sprache ist aus­ge­spro­chen intensiv. Henry James fand, dass jeder ratio­nale Schrift­steller alles der Inten­sität unter­ordnen müsste.“

„Warst du in diesem Sinne von der Gegen-Inten­sität der Reak­tionen über­rascht, die von Seiten Ange­hö­riger der natio­na­lis­ti­schen Rechten kamen? An die hun­dert furcht­barer Kom­men­tare pras­selten auf deinen Kopf nieder. Beschimp­fungen, Belei­di­gungen ja auch unge­hemmte Dro­hungen – wie hast du das auf­ge­nommen?“

„Ich muss schon zugeben, dass mich das ein wenig über­rascht hat“, ent­gegnet mein Gesprächs­partner. „Ich war von der Ent­de­ckung über­rascht, was ein Gedicht alles her­vor­rufen kann. Auch hat mich beein­druckt, dass eine große Anzahl Men­schen aus irgend­einem Grund glaubt, es ginge ihnen besser im Leben, wenn sie mich töteten. Die Menge an Hass, die auf einmal her­vor­quoll, ist in der Tat unglaub­lich. In diesem Sinne erwies sich das Gedicht als unfassbar erfolg­reich. Aber darin steckt auch ein anhal­tendes Paradox. Also, du ver­suchst die Auf­merk­sam­keit der Leute darauf zu lenken, dass Ser­bien Ver­bre­chen begangen hat, dass viele Ver­bre­cher unge­straft davon gekommen sind, dass unter uns Mörder her­um­laufen und bekommst fol­gende Reak­tion: „Das ist nicht wahr! Serben sind keine Mörder! Wir bringen dich um, um zu beweisen, dass wir keine Mörder sind!“

Er lacht fröh­lich auf und ich lache mit. „Aber es ist depri­mie­rend, dass das alles auch wei­terhin geschieht“, merke ich an.

„Eine sol­cher­maßen ver­drehte Logik“, sagt Mar­ković dazu,  „ist nur jener spe­zi­fi­schen Matrix zu ver­danken, der zu Folge Serben immer nur Opfer, wäh­rend die Schul­digen aus­schließ­lich andere sind. Wir leben inner­halb dieser unkri­ti­schen und aus­ge­spro­chen selbst­mit­lei­digen Matrix irgendwo seit der zweiten Hälfte der Acht­ziger Jahre. Kon­zepte, die sich der domi­nanten natio­na­lis­ti­schen Matrix ent­ge­gen­stellten, sind rand­ständig geblieben. Bei uns ist Natio­na­lismus nahezu der ein­zige Inhalt, prak­tisch die Luft, die wir atmen. Diese Gesell­schaft ist in einem Augen­blick durch­ge­dreht und wurde nie mehr gebän­digt. Es kam nie zu einem ver­söh­nenden Rei­ni­gungs­ri­tual. Die Kräfte, die zu den Kriegen geführt haben, sind nicht nie­der­ge­streckt worden. Es gab nur jenen kleinen Ver­such Đinđićs und was ist geschehen? Die­selben Kräfte haben sich sehr schnell reor­ga­ni­siert und – ihn umge­bracht. Die Situa­tion ist heute so, dass eine gewal­tige Arbeit zu leisten wäre, weil die ser­bi­sche Gesell­schaft voll­kommen am Boden zer­stört und kon­ta­mi­niert ist. Diese Kon­ta­mi­nie­rung dauert bereits ein Viertel Jahr­hun­dert an und man kann nicht erwarten, dass sie von alleine ver­schwindet.“

„Ja, und Vielen ist das auch ange­nehmer, weil es von jeg­li­cher Ethik und Selbst­kritik befreit,“ füge ich hinzu.

„Wie Bogdan Boda­nović sagte: für eine Nation ist nichts ver­derb­li­cher als der Natio­na­lismus“, beendet Tomislav Mar­ković meinen Gedanken. „In meinen Augen ist Natio­na­lismus der ideale Zufluchtsort für Fau­lenzer. Du musst nicht an dir arbeiten und bist doch ein Serbe, was auch immer du tust oder nicht tust, davon bleibt diese Iden­tität unbe­rührt. Du wirst ein­fach nur geboren und akzep­tierst, dass du das bist, was man dir sagte, dass du bist und fertig. Natio­na­lismus ist in dieser Hin­sicht wirk­lich bequem und es über­rascht mich kaum, dass ihm beson­ders die intel­lek­tuell fau­leren Men­schen zuge­neigt sind.“

„Und die Reak­tion der brei­teren Öffent­lich­keit?“

„Die gab es so gut wie gar nicht. In den Medien wurde die ganze Sache tot­ge­schwiegen. Der PEN hat wie erwartet nicht reagiert, auch die Berufs­ver­bände haben nicht reagiert. Nur die UNS (der Ser­bi­sche Jour­na­lis­ten­ver­band) reagierte – weil die ganze Sache schnell brei­tere Kreise zog – mit der Mit­tei­lung, dass Dro­hungen in der Redak­tion der e‑novine ein­gehen. Wir bekamen Mails mit Dro­hungen, dass man uns nie­der­brennen, zusam­men­schlagen und ähn­li­ches werde, alles wegen des Gedichts, so dass dann die Staats­an­walt­schaft und Polizei reagierten, obwohl wir keine Anzeige erstattet hatten. Sie waren wohl ver­pflichtet zu reagieren, denn sie kamen zu dem Schluss, dass die Sache straf­recht­lich rele­vant ist.“

„Ist das nicht unge­wöhn­lich? Oder scheint das nur mir so?“

„Ein wenig schon“, gibt Tomislav Mar­ković unter Lachen zurück, „wenigs­tens habe ich das nicht erwartet. Das war vorher nicht so gewesen. Auch zuvor haben wir Dro­hungen erhalten und nichts ist pas­siert. Aber jetzt hat sich da offen­sicht­lich etwas ver­än­dert. Die Polizei mel­dete sich bei uns eine Woche nach der ganzen Sache und kam zu uns in die Redak­tion. Wir machten etwa ein­ein­halb Stunden unsere Aus­sagen, haben erklärt, worum es geht und ihnen das Beweis­ma­te­rial zur Ver­fü­gung gestellt, ihnen die Texte aus­ge­druckt, die Kom­men­tare, Reak­tionen, Mails, alles, was sie von uns ver­langt haben. Das war schon ziem­lich inter­es­sant. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass die Regie­rung auf meiner Seite ist.“

„Wie reagierst du“, frage ich an dieser Stelle, „auf das mehr oder weniger uni­forme Aus­bleiben irgend­wel­cher Reak­tionen auf Seiten der Kol­legen?“

„Gut, ich erhielt schon einige Unter­stüt­zungs­mails und ‑SMSen, aber in der Öffent­lich­keit haben von dem ganzen Fall nur Vla­dimir Arsenić und Saša Ilić geschrieben. Ich habe den Ein­druck, dass bei uns selt­same Dinge geschehen, dass die Lite­ratur einen fest­ge­legten Zweck erfüllt – näm­lich die Schrauben des Sys­tems zu ölen. Und, dass die Feig­heit gepaart mit einem arm­se­ligen Kon­for­mismus, der ledig­lich win­zige Vor­teile bringt, auf allen Seiten über­wiegt. Dabei kommen nicht einmal Pri­vi­le­gien heraus, die Leute wollen ein­fach keine Kopf­schmerzen haben, sie wollen nicht an die Öffent­lich­keit treten und sich mit den fins­teren Kräften in dieser Gesell­schaft kon­fron­tieren, womit sie unterm Strich sich auf deren Seite stellen. Und genau darin liegt das Haupt­pro­blem. Weil damit alles, was die meisten hier in der Lite­ratur tun, an Bedeu­tung zu ver­lieren beginnt. Wie kann man das ernst nehmen, wenn doch so viele unter uns nicht einmal fähig sind, für ele­men­tarste Prin­zi­pien ein­zu­treten und für die Rede- und Mei­nungs­frei­heit zu kämpfen?“

An dieser Stelle zitiere ich den Satz, den vor langer Zeit Kurt Tucholsky geschrieben hat und den ich als Motto dieses Textes über­nommen habe – in meiner freien Über­set­zung lautet er: „Wer den Krieg sieht und nicht schau­dert, der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!“

Mar­ković hat den Satz gleich erkannt, weil, wie ich von ihm erfahren konnte, auch der pro­mi­nen­teste der Bel­grader Sur­rea­listen, Marko Ristić, ihn in seinen Kriegs­auf­zeich­nungen Hacer Tiempo ange­führt hat. Der Zufall wollte, dass Mar­ković aus­ge­rechnet dieses Buch zur Zeit liest. Mit­ge­rissen von dieser erstaun­li­chen Koin­zi­denz setzt er fort: „Ich finde all­ge­mein die Rede von Patrio­tismus span­nend, vom Hass und der Liebe zu Ser­bien. Ristić leitet daraus in seinem Buch eine schöne These ab. Nach dem Ersten Welt­krieg for­mierte sich ein Block, der aus Defä­tisten, Men­schen, die ent­geis­tert und daher strenge Anti-Mili­ta­risten sowie anti-patrio­ti­sche Pazi­fisten waren und auf der anderen Seite ent­stand ein anderer, natio­na­lis­ti­scher, patrio­ti­scher, sie­ges­hung­riger Block. Im Zweiten Welt­krieg kehrten sich diese Rollen dann um, so dass die Patrioten und Natio­na­listen durch die Reihe weg als Kol­la­bo­ra­teure endeten, wäh­rend die Defä­tisten, Pazi­fisten und Anti­pa­trioten ihr Land vorm Faschismus ver­tei­digten. Das ist sehr inter­es­sant und wichtig. Es hat mich auf den Gedanken gebracht: gut, nehmen wir mal an, dass ich, sagen wir mal, Ser­bien, die Serben und damit auch mich selbst – ange­sichts der Tat­sache, dass meine Natio­na­lität ser­bisch ist und ich hier lebe – hasse. Mir gegen­über haben wir auch die andere Mann­schaft, die angeb­lich Ser­bien ‚liebt’, die schon sehr lange an der Macht ist und Ser­bien bereits ein Vier­tel­jahr­hun­dert fest im Griff hat. Nun, seit in Ser­bien Leute an der Macht sind, die Ser­bien ‚lieben’, geht es Ser­bien schlechter als je zuvor! Alles ist den Bach hin­unter gegangen. Die Serben sind zu Ver­bre­chern geworden, die Wirt­schaft ist unwi­der­ruf­lich implo­diert, die Kultur ist dau­er­haft zer­stört, alles liegt am Boden und alles geht zudem beharr­lich in eben diese Rich­tung weiter. So dass, wenn ich all das in Wech­sel­be­zie­hung sehe, ich mir nicht sicher bin, wer hier eigent­lich der Patriot ist.“

 

Über­set­zung von Miranda Jakiša.

 

Den Ori­gi­nal­text können Sie auf e‑novine.com nach­lesen unter: http://www.e‑novine.com/kultura/kultura-tema/86490-Nacionalizam-vazduh-koji-diemo.html