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Nationalismus ist die Luft, die wir atmen

Posted on 1. Juli 2013 by Vladimir Arsenijević
Vladimir Arsenijević, Schriftsteller und Publizist aus Belgrad, ist einer der wenigen, der den jüngsten Eklat im serbischen Literaturbetrieb – die heftigen (Über-)Reaktionen auf ein Gedicht Tomislav Markovićs – überhaupt öffentlich zur Sprache bringt. novinki übersetzt aus diesem Anlass Arsenijevićs Kommentar und sein Gespräch mit Tomislav Marković, in denen sie über die Rolle der Dichtung und über den ‚Patriotismus’ in Serbien nachdenken.

Vladimir Arsenijević, Schriftsteller und Publizist aus Belgrad (vorgestellt), ist neben dem Schriftsteller Saša Ilić (zurückgefragt) einer der wenigen, der den jüngsten Eklat im serbischen Literaturbetrieb – die heftigen (Über-)Reaktionen auf ein Gedicht Tomislav Markovićs und die gegen den Dichter vorgebrachten Drohungen – überhaupt öffentlich zur Sprache bringt. novinki übersetzt aus diesem Anlass Vladimir Arsenijevićs Kommentar und sein Gespräch mit Tomislav Marković, in denen sie über die Rolle der Dichtung und über den ‚Patriotismus’ in Serbien nachdenken.

 

Wer den Krieg sieht und nicht schaudert,
der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!

(Kurt Tucholsky)

Poesie langweilt Sie?
Sie wissen mit ihr nichts anzufangen?
Sie gehören zu jenen, die der Ansicht sind, für Dichtung gibt es in dieser, noch dazu in einer solchen, Gegenwart keinen Platz?
Sie glauben, dass diese bereits vor langer Zeit eine ihrer wesentlichen Eigenschaften – unter bestimmten Umständen eine Gefährdung der Gesundheit, der Sicherheit und mitunter sogar des Leben des Dichters darzustellen – verloren hat?
Scheiß’ auf Poesie, denken Sie, die nicht tötet. Und sie erinnern sich der selbsterfüllenden Prophezeiung der einzigen Zeile aus Miljkovićs „Epitaf“ – „Töte mich, übermächtiges Wort.“
Poesie, die nicht tötet, murmeln Sie vor sich hin, ist abscheulich wie abgestandenes Bier; die Dichter haben längst ihre scharfe Klinge eingebüßt, Schärfe hat die Dichter für immer hinter sich gelassen, die Dichtung schreit verzweifelt nach einem Leser, während der Leser keinerlei Bedürfnis nach Poesie mehr verspürt, denn diesem (und einem solchen) Leser sagt diese (und eine solche) Dichtung eben so ganz und gar nichts.
Also, schlagen Sie vor, gehen wir doch weiter ohne stehen zu bleiben. In eine zukünftige Welt ohne Dichtung.
Sozusagen, in ein besseres Morgen.

Die Dinge stehen allerdings doch nicht ganz so einfach, denn eine andere, ebenfalls wesentliche Eigenschaft der Dichtung, ihre einzigartige Fähigkeit zu überraschen, die Gesellschaft aufzuwiegeln, eine öffentliche Diskussion anzustoßen, zeigt ihre Kraft und Macht gerade dann, wenn selbst jene, die sie erschaffen haben, nicht daran glauben, dass etwas derartiges geschehen könnte. In solchen – man muss sagen überaus seltenen und immer selteneren – Augenblicken, scheint uns Poesie wieder, wenn auch nur für den Moment, unausweichlich und wichtig.

In Serbien ist unlängst genau das passiert, nachdem das Gedicht mit dem Titel Srpska duhovnost (dt.: Serbische Geistigkeit) des jungen Dichters Tomislav Marković – eines Angehörigen des Belgrader Kulturno-propagandni komplet Beton und Redakteurs des online-Portals e-novine – die Gemüter aufgebracht und jene chauvinistische Phalanx (serbisch: „Patrioten“) in Bewegung gebracht (serbisch: „mobilisiert“) hat, die stets bereit ist, kollektiv aufzukrächzen, immer bei Laune, „Nichtserben“ und „Antiserben“ unter den Serben auszumachen und „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Es geht hier also um verschiedene Aspekte der Verfolgung, der Denunzierung und der vielgestaltigen Drangsalierung freidenkender und kritisch gesinnter Geister.

Die Gedichte Tomislav Markovićs, zusammengetragen in der Sammlung Die Zeit des Todes und der Kurzweil, deren Titel einerseits zum Lachen zwingt, aber auch das Blut in den Adern gefrieren lässt – was im Übrigen das Alleinstellungsmerkmal Markovićs in der gegenwärtigen serbischen Dichtungslandschaft ausmacht – stellen uns diesen Dichter, Satiriker, Zeitungsjournalist und Redakteur als einen der schärfsten und zugleich geistreichsten Kritiker unserer Wirklichkeit vor. Er erweist sich als würdiger (poetischer) Nachfolger all dessen, was in den 1990er Jahren die feralci in Kroatien oder Petar Luković in Serbien gemacht haben, als einer, der es ausdrücklich beherrscht, die dunkelsten Strömungen in der serbischen Gesellschaft auszumachen und sie unermüdlich und unerbittlich der Kritik und dem Gelächter anheim zu stellen. Marković verschweigt dabei nichts und bedient sich als Hauptwaffen des Scharfsinns, des Humors, oft auch des Schocks.

 

Hier einige Fragmente aus dem umstrittenen Gedicht Srpska duhovnost:

Srpska duhovnost je etnički čista.
Redovno se tušira svetom vodicom.
Glanca čizme.
Pere ruke pre i posle jela.
Čisti kamu od skorele krvi.
Sve mora da bude bes-pre-kor-no!

Serbische Geistigkeit ist ethnisch rein.
Sie duscht regelmäßig mit Weihwasser.
Poliert die Stiefel.
Wäscht die Hände vor und nach dem Essen.
Reinigt den Dolch von getrocknetem Blut.
Alles muss ta-del-los sein!

Oder:

Srpska duhovnost voli da smišlja zagonetke.
Koliko anđela može da stane na vrh bajoneta?
Koliko pređe leš ako ide peške?
Ako je mozak prosut, da li je glava polupuna ili poluprazna?

Die serbische Geistigkeit denkt sich gern Rätsel aus.
Wie viele Engel passen auf ein Bajonett?
Wie viel legt eine Leiche zurück, wenn sie zu Fuß geht?
Wenn das Gehirn ausgelaufen ist, ist der Kopf dann halbvoll oder halbleer?

Oder sogar:

Srpska duhovnost je autobus koji vozi zarobljenike
na gubilište u Potočarima.
Hladnjača puna albanskih leševa.
Voz zaustavljen u Štrpcima.
Buldožer koji premešta zakopane ostatke ljudskih tela.
Srpska duhovnost je uvek u pokretu.

Die serbische Geistigkeit ist ein Bus, der Gefangene fährt
ins Lager in Potočari.
Eine Tiefkühltruhe voll albanischer Leichen.
Ein Zug, in Štrpci angehalten.
Ein Bulldozer, der die vergrabenen Überreste menschlicher Körper umlagert.
Die Serbische Geistigkeit ist immer in Bewegung.

Bereits volle sieben Jahre stiftet Tomislav Marković im Rahmen der Literaturzeitschrift beton und im Laufe der letzten vier, fünf Jahre auch als Redakteur der stets provokativen e-novine (dt: e-Zeitung) auf unterschiedliche Weise Unruhe und stichelt die sprichwörtlich anästhesierte serbische Öffentlichkeit, die im Wesentlichen nur zu kollektiven Ergüssen von Selbstliebe und/oder Selbstmitleid fähig ist. Insofern ist das, was in den letzten zwanzig Tagen im Zusammenhang mit den Zeilen aus dem Gedicht Srpska duhovnost ausgebrochen ist, in der Tat außergewöhnlich. Zuerst tauchte das Gedicht plötzlich auf der Internetseite (serbisch: „houmpejdž“) von etwas, das sich internetmagazin.rs nennt, auf. Neben einem Portraitfoto des Dichters, das als unverblümter Aufruf zur Lynchjustiz mit: „Das ist Tomislav Marković“ untertitelt war, und einer Abschrift des Gedichts wurde dort auch ein (selbstverständlich nicht unterzeichneter) Text mit dem Titel: „Wenn Sie nicht wissen, wie der schrecklichste Hass auf Serben aussieht, hier haben Sie Gelegenheit es zu sehen und zu lesen“ veröffentlicht – ein Text, der in selben Maße bösartig, wie dumm, ebenso ungebildet, wie geistlos ist. Dennoch hat er eine Lawine von Angriffen auf Marković losgetreten! Und die hat sich noch verschärft als derselbe Text auf eine weitere pseudo-patriotische Seite mit dem lachhaften Titel srbin.info übertragen wurde.

Marković fand sich als Journalist und Dichter unvermittelt in der paradoxalen, kaum vorherzusehenden Situation, dass die Gedichte, die er schreibt, sich als durchschlagender, um nicht zu sagen als totschlagender , erwiesen, als sein täglicher Einsatz als Autor und Herausgeber eines der meistgelesenen und in jeder Hinsicht der herausforderndsten Internetportale – den e-novine. Ich wollte wissen, was er dazu denkt.

„Die poetische Form ist viel dichter als der Zeitungstext“, sagte mir Marković, „und sie trifft eher in den Bauch, den Kopf oder was auch immer so empfindlich bei den Rechten aus dieser Ecke ist. Daher hat sie in diesem Fall auch die direkte Weise getroffen, in der darüber gesprochen wird. In dem Gedicht wird die Phrase ‚serbische Geistigkeit’ in Verbindung mit Kriegsverbrechen gebracht. Das wird nicht begründet, darüber könnte man natürlich eine Studie, ein ganzes Buch verfassen, aber im Lied ist es auf verhältnismäßig wenig Raum komprimiert und die Sprache ist ausgesprochen intensiv. Henry James fand, dass jeder rationale Schriftsteller alles der Intensität unterordnen müsste.“

„Warst du in diesem Sinne von der Gegen-Intensität der Reaktionen überrascht, die von Seiten Angehöriger der nationalistischen Rechten kamen? An die hundert furchtbarer Kommentare prasselten auf deinen Kopf nieder. Beschimpfungen, Beleidigungen ja auch ungehemmte Drohungen – wie hast du das aufgenommen?“

„Ich muss schon zugeben, dass mich das ein wenig überrascht hat“, entgegnet mein Gesprächspartner. „Ich war von der Entdeckung überrascht, was ein Gedicht alles hervorrufen kann. Auch hat mich beeindruckt, dass eine große Anzahl Menschen aus irgendeinem Grund glaubt, es ginge ihnen besser im Leben, wenn sie mich töteten. Die Menge an Hass, die auf einmal hervorquoll, ist in der Tat unglaublich. In diesem Sinne erwies sich das Gedicht als unfassbar erfolgreich. Aber darin steckt auch ein anhaltendes Paradox. Also, du versuchst die Aufmerksamkeit der Leute darauf zu lenken, dass Serbien Verbrechen begangen hat, dass viele Verbrecher ungestraft davon gekommen sind, dass unter uns Mörder herumlaufen und bekommst folgende Reaktion: „Das ist nicht wahr! Serben sind keine Mörder! Wir bringen dich um, um zu beweisen, dass wir keine Mörder sind!“

Er lacht fröhlich auf und ich lache mit. „Aber es ist deprimierend, dass das alles auch weiterhin geschieht“, merke ich an.

„Eine solchermaßen verdrehte Logik“, sagt Marković dazu,  „ist nur jener spezifischen Matrix zu verdanken, der zu Folge Serben immer nur Opfer, während die Schuldigen ausschließlich andere sind. Wir leben innerhalb dieser unkritischen und ausgesprochen selbstmitleidigen Matrix irgendwo seit der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre. Konzepte, die sich der dominanten nationalistischen Matrix entgegenstellten, sind randständig geblieben. Bei uns ist Nationalismus nahezu der einzige Inhalt, praktisch die Luft, die wir atmen. Diese Gesellschaft ist in einem Augenblick durchgedreht und wurde nie mehr gebändigt. Es kam nie zu einem versöhnenden Reinigungsritual. Die Kräfte, die zu den Kriegen geführt haben, sind nicht niedergestreckt worden. Es gab nur jenen kleinen Versuch Đinđićs und was ist geschehen? Dieselben Kräfte haben sich sehr schnell reorganisiert und – ihn umgebracht. Die Situation ist heute so, dass eine gewaltige Arbeit zu leisten wäre, weil die serbische Gesellschaft vollkommen am Boden zerstört und kontaminiert ist. Diese Kontaminierung dauert bereits ein Viertel Jahrhundert an und man kann nicht erwarten, dass sie von alleine verschwindet.“

„Ja, und Vielen ist das auch angenehmer, weil es von jeglicher Ethik und Selbstkritik befreit,“ füge ich hinzu.

„Wie Bogdan Bodanović sagte: für eine Nation ist nichts verderblicher als der Nationalismus“, beendet Tomislav Marković meinen Gedanken. „In meinen Augen ist Nationalismus der ideale Zufluchtsort für Faulenzer. Du musst nicht an dir arbeiten und bist doch ein Serbe, was auch immer du tust oder nicht tust, davon bleibt diese Identität unberührt. Du wirst einfach nur geboren und akzeptierst, dass du das bist, was man dir sagte, dass du bist und fertig. Nationalismus ist in dieser Hinsicht wirklich bequem und es überrascht mich kaum, dass ihm besonders die intellektuell fauleren Menschen zugeneigt sind.“

„Und die Reaktion der breiteren Öffentlichkeit?“

„Die gab es so gut wie gar nicht. In den Medien wurde die ganze Sache totgeschwiegen. Der PEN hat wie erwartet nicht reagiert, auch die Berufsverbände haben nicht reagiert. Nur die UNS (der Serbische Journalistenverband) reagierte – weil die ganze Sache schnell breitere Kreise zog – mit der Mitteilung, dass Drohungen in der Redaktion der e-novine eingehen. Wir bekamen Mails mit Drohungen, dass man uns niederbrennen, zusammenschlagen und ähnliches werde, alles wegen des Gedichts, so dass dann die Staatsanwaltschaft und Polizei reagierten, obwohl wir keine Anzeige erstattet hatten. Sie waren wohl verpflichtet zu reagieren, denn sie kamen zu dem Schluss, dass die Sache strafrechtlich relevant ist.“

„Ist das nicht ungewöhnlich? Oder scheint das nur mir so?“

„Ein wenig schon“, gibt Tomislav Marković unter Lachen zurück, „wenigstens habe ich das nicht erwartet. Das war vorher nicht so gewesen. Auch zuvor haben wir Drohungen erhalten und nichts ist passiert. Aber jetzt hat sich da offensichtlich etwas verändert. Die Polizei meldete sich bei uns eine Woche nach der ganzen Sache und kam zu uns in die Redaktion. Wir machten etwa eineinhalb Stunden unsere Aussagen, haben erklärt, worum es geht und ihnen das Beweismaterial zur Verfügung gestellt, ihnen die Texte ausgedruckt, die Kommentare, Reaktionen, Mails, alles, was sie von uns verlangt haben. Das war schon ziemlich interessant. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass die Regierung auf meiner Seite ist.“

„Wie reagierst du“, frage ich an dieser Stelle, „auf das mehr oder weniger uniforme Ausbleiben irgendwelcher Reaktionen auf Seiten der Kollegen?“

„Gut, ich erhielt schon einige Unterstützungsmails und -SMSen, aber in der Öffentlichkeit haben von dem ganzen Fall nur Vladimir Arsenić und Saša Ilić geschrieben. Ich habe den Eindruck, dass bei uns seltsame Dinge geschehen, dass die Literatur einen festgelegten Zweck erfüllt – nämlich die Schrauben des Systems zu ölen. Und, dass die Feigheit gepaart mit einem armseligen Konformismus, der lediglich winzige Vorteile bringt, auf allen Seiten überwiegt. Dabei kommen nicht einmal Privilegien heraus, die Leute wollen einfach keine Kopfschmerzen haben, sie wollen nicht an die Öffentlichkeit treten und sich mit den finsteren Kräften in dieser Gesellschaft konfrontieren, womit sie unterm Strich sich auf deren Seite stellen. Und genau darin liegt das Hauptproblem. Weil damit alles, was die meisten hier in der Literatur tun, an Bedeutung zu verlieren beginnt. Wie kann man das ernst nehmen, wenn doch so viele unter uns nicht einmal fähig sind, für elementarste Prinzipien einzutreten und für die Rede- und Meinungsfreiheit zu kämpfen?“

An dieser Stelle zitiere ich den Satz, den vor langer Zeit Kurt Tucholsky geschrieben hat und den ich als Motto dieses Textes übernommen habe – in meiner freien Übersetzung lautet er: „Wer den Krieg sieht und nicht schaudert, der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!“

Marković hat den Satz gleich erkannt, weil, wie ich von ihm erfahren konnte, auch der prominenteste der Belgrader Surrealisten, Marko Ristić, ihn in seinen Kriegsaufzeichnungen Hacer Tiempo angeführt hat. Der Zufall wollte, dass Marković ausgerechnet dieses Buch zur Zeit liest. Mitgerissen von dieser erstaunlichen Koinzidenz setzt er fort: „Ich finde allgemein die Rede von Patriotismus spannend, vom Hass und der Liebe zu Serbien. Ristić leitet daraus in seinem Buch eine schöne These ab. Nach dem Ersten Weltkrieg formierte sich ein Block, der aus Defätisten, Menschen, die entgeistert und daher strenge Anti-Militaristen sowie anti-patriotische Pazifisten waren und auf der anderen Seite entstand ein anderer, nationalistischer, patriotischer, siegeshungriger Block. Im Zweiten Weltkrieg kehrten sich diese Rollen dann um, so dass die Patrioten und Nationalisten durch die Reihe weg als Kollaborateure endeten, während die Defätisten, Pazifisten und Antipatrioten ihr Land vorm Faschismus verteidigten. Das ist sehr interessant und wichtig. Es hat mich auf den Gedanken gebracht: gut, nehmen wir mal an, dass ich, sagen wir mal, Serbien, die Serben und damit auch mich selbst – angesichts der Tatsache, dass meine Nationalität serbisch ist und ich hier lebe – hasse. Mir gegenüber haben wir auch die andere Mannschaft, die angeblich Serbien ‚liebt’, die schon sehr lange an der Macht ist und Serbien bereits ein Vierteljahrhundert fest im Griff hat. Nun, seit in Serbien Leute an der Macht sind, die Serbien ‚lieben’, geht es Serbien schlechter als je zuvor! Alles ist den Bach hinunter gegangen. Die Serben sind zu Verbrechern geworden, die Wirtschaft ist unwiderruflich implodiert, die Kultur ist dauerhaft zerstört, alles liegt am Boden und alles geht zudem beharrlich in eben diese Richtung weiter. So dass, wenn ich all das in Wechselbeziehung sehe, ich mir nicht sicher bin, wer hier eigentlich der Patriot ist.“

 

Übersetzung von Miranda Jakiša.

 

Den Originaltext können Sie auf e-novine.com nachlesen unter: http://www.e-novine.com/kultura/kultura-tema/86490-Nacionalizam-vazduh-koji-diemo.html

Nationalismus ist die Luft, die wir atmen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Natio­na­lismus ist die Luft, die wir atmen

Vla­dimir Arseni­jević, Schrift­steller und Publi­zist aus Bel­grad (vorgestellt), ist neben dem Schrift­steller Saša Ilić (zurückgefragt) einer der wenigen, der den jüngsten Eklat im ser­bi­schen Lite­ra­tur­be­trieb – die hef­tigen (Über-)Reaktionen auf ein Gedicht Tomislav Mar­ko­vićs und die gegen den Dichter vor­ge­brachten Dro­hungen – über­haupt öffent­lich zur Sprache bringt. novinki über­setzt aus diesem Anlass Vla­dimir Arseni­je­vićs Kom­mentar und sein Gespräch mit Tomislav Mar­ković, in denen sie über die Rolle der Dich­tung und über den ‚Patrio­tismus’ in Ser­bien nachdenken.

 

Wer den Krieg sieht und nicht schaudert,
der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!

(Kurt Tucholsky)

Poesie lang­weilt Sie?
Sie wissen mit ihr nichts anzufangen?
Sie gehören zu jenen, die der Ansicht sind, für Dich­tung gibt es in dieser, noch dazu in einer sol­chen, Gegen­wart keinen Platz?
Sie glauben, dass diese bereits vor langer Zeit eine ihrer wesent­li­chen Eigen­schaften – unter bestimmten Umständen eine Gefähr­dung der Gesund­heit, der Sicher­heit und mit­unter sogar des Leben des Dich­ters dar­zu­stellen – ver­loren hat?
Scheiß’ auf Poesie, denken Sie, die nicht tötet. Und sie erin­nern sich der selbst­er­fül­lenden Pro­phe­zeiung der ein­zigen Zeile aus Mil­j­ko­vićs „Epitaf“ – „Töte mich, über­mäch­tiges Wort.“[*]
Poesie, die nicht tötet, mur­meln Sie vor sich hin, ist abscheu­lich wie abge­stan­denes Bier; die Dichter haben längst ihre scharfe Klinge ein­ge­büßt, Schärfe hat die Dichter für immer hinter sich gelassen, die Dich­tung schreit ver­zwei­felt nach einem Leser, wäh­rend der Leser kei­nerlei Bedürfnis nach Poesie mehr ver­spürt, denn diesem (und einem sol­chen) Leser sagt diese (und eine solche) Dich­tung eben so ganz und gar nichts.
Also, schlagen Sie vor, gehen wir doch weiter ohne stehen zu bleiben. In eine zukünf­tige Welt ohne Dichtung.
Sozu­sagen, in ein bes­seres Morgen.

Die Dinge stehen aller­dings doch nicht ganz so ein­fach, denn eine andere, eben­falls wesent­liche Eigen­schaft der Dich­tung, ihre ein­zig­ar­tige Fähig­keit zu über­ra­schen, die Gesell­schaft auf­zu­wie­geln, eine öffent­liche Dis­kus­sion anzu­stoßen, zeigt ihre Kraft und Macht gerade dann, wenn selbst jene, die sie erschaffen haben, nicht daran glauben, dass etwas der­ar­tiges geschehen könnte. In sol­chen – man muss sagen überaus sel­tenen und immer sel­te­neren – Augen­bli­cken, scheint uns Poesie wieder, wenn auch nur für den Moment, unaus­weich­lich und wichtig.

In Ser­bien ist unlängst genau das pas­siert, nachdem das Gedicht mit dem Titel Srpska duhov­nost (dt.: Ser­bi­sche Geis­tig­keit) des jungen Dich­ters Tomislav Mar­ković – eines Ange­hö­rigen des Bel­grader Kul­turno-pro­pa­gandni kom­plet Beton[**] und Redak­teurs des online-Por­tals e‑novine – die Gemüter auf­ge­bracht und jene chau­vi­nis­ti­sche Pha­lanx (ser­bisch: „Patrioten“) in Bewe­gung gebracht (ser­bisch: „mobi­li­siert“) hat, die stets bereit ist, kol­lektiv auf­zu­krächzen, immer bei Laune, „Nichts­erben“ und „Anti­serben“ unter den Serben aus­zu­ma­chen und „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Es geht hier also um ver­schie­dene Aspekte der Ver­fol­gung, der Denun­zie­rung und der viel­ge­stal­tigen Drang­sa­lie­rung frei­den­kender und kri­tisch gesinnter Geister.

Die Gedichte Tomislav Mar­ko­vićs, zusam­men­ge­tragen in der Samm­lung Die Zeit des Todes und der Kurz­weil, deren Titel einer­seits zum Lachen zwingt, aber auch das Blut in den Adern gefrieren lässt – was im Übrigen das Allein­stel­lungs­merkmal Mar­ko­vićs in der gegen­wär­tigen ser­bi­schen Dich­tungs­land­schaft aus­macht – stellen uns diesen Dichter, Sati­riker, Zei­tungs­jour­na­list und Redak­teur als einen der schärfsten und zugleich geist­reichsten Kri­tiker unserer Wirk­lich­keit vor. Er erweist sich als wür­diger (poe­ti­scher) Nach­folger all dessen, was in den 1990er Jahren die fer­alci [Mit­glieder der sati­ri­schen Zei­tung feral tri­bune, Anm. d. Red.] in Kroa­tien oder Petar Luković [kri­ti­scher Jour­na­list, Anm. d. Red.] in Ser­bien gemacht haben, als einer, der es aus­drück­lich beherrscht, die dun­kelsten Strö­mungen in der ser­bi­schen Gesell­schaft aus­zu­ma­chen und sie uner­müd­lich und uner­bitt­lich der Kritik und dem Gelächter anheim zu stellen. Mar­ković ver­schweigt dabei nichts und bedient sich als Haupt­waffen des Scharf­sinns, des Humors, oft auch des Schocks.

 

Hier einige Frag­mente aus dem umstrit­tenen Gedicht Srpska duhov­nost:

Srpska duhov­nost je etnički čista.
Redovno se tušira svetom vodicom.
Glanca čizme.
Pere ruke pre i posle jela.
Čisti kamu od skorele krvi.
Sve mora da bude bes-pre-kor-no!

Ser­bi­sche Geis­tig­keit ist eth­nisch rein.
Sie duscht regel­mäßig mit Weihwasser.
Poliert die Stiefel.
Wäscht die Hände vor und nach dem Essen.
Rei­nigt den Dolch von getrock­netem Blut.
Alles muss ta-del-los sein!

Oder:

Srpska duhov­nost voli da smišlja zagonetke.
Koliko anđela može da stane na vrh bajoneta?
Koliko pređe leš ako ide peške?
Ako je mozak prosut, da li je glava polu­puna ili poluprazna?

Die ser­bi­sche Geis­tig­keit denkt sich gern Rätsel aus.
Wie viele Engel passen auf ein Bajonett?
Wie viel legt eine Leiche zurück, wenn sie zu Fuß geht?
Wenn das Gehirn aus­ge­laufen ist, ist der Kopf dann halb­voll oder halbleer?

Oder sogar:

Srpska duhov­nost je autobus koji vozi zarobljenike
na gubi­lište u Potočarima.
Hladnjača puna alb­anskih leševa.
Voz zaus­tavljen u Štrpcima.
Bul­dožer koji pre­mešta zako­pane ostatke ljudskih tela.
Srpska duhov­nost je uvek u pokretu.

Die ser­bi­sche Geis­tig­keit ist ein Bus, der Gefan­gene fährt
ins Lager in Potočari.[***]
Eine Tief­kühl­truhe voll alba­ni­scher Leichen.
Ein Zug, in Štrpci ange­halten.[****]
Ein Bull­dozer, der die ver­gra­benen Über­reste mensch­li­cher Körper umlagert.
Die Ser­bi­sche Geis­tig­keit ist immer in Bewegung.

Bereits volle sieben Jahre stiftet Tomislav Mar­ković im Rahmen der Lite­ra­tur­zeit­schrift beton und im Laufe der letzten vier, fünf Jahre auch als Redak­teur der stets pro­vo­ka­tiven e‑novine (dt: e‑Zeitung) auf unter­schied­liche Weise Unruhe und sti­chelt die sprich­wört­lich anäs­the­sierte ser­bi­sche Öffent­lich­keit, die im Wesent­li­chen nur zu kol­lek­tiven Ergüssen von Selbst­liebe und/oder Selbst­mit­leid fähig ist. Inso­fern ist das, was in den letzten zwanzig Tagen im Zusam­men­hang mit den Zeilen aus dem Gedicht Srpska duhov­nost aus­ge­bro­chen ist, in der Tat außer­ge­wöhn­lich. Zuerst tauchte das Gedicht plötz­lich auf der Inter­net­seite (ser­bisch: „houm­pejdž“) von etwas, das sich internetmagazin.rs nennt, auf. Neben einem Por­trait­foto des Dich­ters, das als unver­blümter Aufruf zur Lynch­justiz mit: „Das ist Tomislav Mar­ković“ unter­ti­telt war, und einer Abschrift des Gedichts wurde dort auch ein (selbst­ver­ständ­lich nicht unter­zeich­neter) Text mit dem Titel: „Wenn Sie nicht wissen, wie der schreck­lichste Hass auf Serben aus­sieht, hier haben Sie Gele­gen­heit es zu sehen und zu lesen“ ver­öf­fent­licht – ein Text, der in selben Maße bös­artig, wie dumm, ebenso unge­bildet, wie geistlos ist. Den­noch hat er eine Lawine von Angriffen auf Mar­ković los­ge­treten! Und die hat sich noch ver­schärft als der­selbe Text auf eine wei­tere pseudo-patrio­ti­sche Seite mit dem lach­haften Titel srbin.info über­tragen wurde.

Mar­ković fand sich als Jour­na­list und Dichter unver­mit­telt in der para­doxalen, kaum vor­her­zu­se­henden Situa­tion, dass die Gedichte, die er schreibt, sich als durch­schla­gender, um nicht zu sagen als tot­schla­gender [nicht über­setz­bares Wort­spiel mit probitačan/ubitačan, Anm. d. Red.], erwiesen, als sein täg­li­cher Ein­satz als Autor und Her­aus­geber eines der meist­ge­le­senen und in jeder Hin­sicht der her­aus­for­derndsten Inter­net­por­tale – den e‑novine. Ich wollte wissen, was er dazu denkt.

„Die poe­ti­sche Form ist viel dichter als der Zei­tungs­text“, sagte mir Mar­ković, „und sie trifft eher in den Bauch, den Kopf oder was auch immer so emp­find­lich bei den Rechten aus dieser Ecke ist. Daher hat sie in diesem Fall auch die direkte Weise getroffen, in der dar­über gespro­chen wird. In dem Gedicht wird die Phrase ‚ser­bi­sche Geis­tig­keit’ in Ver­bin­dung mit Kriegs­ver­bre­chen gebracht. Das wird nicht begründet, dar­über könnte man natür­lich eine Studie, ein ganzes Buch ver­fassen, aber im Lied ist es auf ver­hält­nis­mäßig wenig Raum kom­pri­miert und die Sprache ist aus­ge­spro­chen intensiv. Henry James fand, dass jeder ratio­nale Schrift­steller alles der Inten­sität unter­ordnen müsste.“

„Warst du in diesem Sinne von der Gegen-Inten­sität der Reak­tionen über­rascht, die von Seiten Ange­hö­riger der natio­na­lis­ti­schen Rechten kamen? An die hun­dert furcht­barer Kom­men­tare pras­selten auf deinen Kopf nieder. Beschimp­fungen, Belei­di­gungen ja auch unge­hemmte Dro­hungen – wie hast du das aufgenommen?“

„Ich muss schon zugeben, dass mich das ein wenig über­rascht hat“, ent­gegnet mein Gesprächs­partner. „Ich war von der Ent­de­ckung über­rascht, was ein Gedicht alles her­vor­rufen kann. Auch hat mich beein­druckt, dass eine große Anzahl Men­schen aus irgend­einem Grund glaubt, es ginge ihnen besser im Leben, wenn sie mich töteten. Die Menge an Hass, die auf einmal her­vor­quoll, ist in der Tat unglaub­lich. In diesem Sinne erwies sich das Gedicht als unfassbar erfolg­reich. Aber darin steckt auch ein anhal­tendes Paradox. Also, du ver­suchst die Auf­merk­sam­keit der Leute darauf zu lenken, dass Ser­bien Ver­bre­chen begangen hat, dass viele Ver­bre­cher unge­straft davon gekommen sind, dass unter uns Mörder her­um­laufen und bekommst fol­gende Reak­tion: „Das ist nicht wahr! Serben sind keine Mörder! Wir bringen dich um, um zu beweisen, dass wir keine Mörder sind!“

Er lacht fröh­lich auf und ich lache mit. „Aber es ist depri­mie­rend, dass das alles auch wei­terhin geschieht“, merke ich an.

„Eine sol­cher­maßen ver­drehte Logik“, sagt Mar­ković dazu,  „ist nur jener spe­zi­fi­schen Matrix zu ver­danken, der zu Folge Serben immer nur Opfer, wäh­rend die Schul­digen aus­schließ­lich andere sind. Wir leben inner­halb dieser unkri­ti­schen und aus­ge­spro­chen selbst­mit­lei­digen Matrix irgendwo seit der zweiten Hälfte der Acht­ziger Jahre. Kon­zepte, die sich der domi­nanten natio­na­lis­ti­schen Matrix ent­ge­gen­stellten, sind rand­ständig geblieben. Bei uns ist Natio­na­lismus nahezu der ein­zige Inhalt, prak­tisch die Luft, die wir atmen. Diese Gesell­schaft ist in einem Augen­blick durch­ge­dreht und wurde nie mehr gebän­digt. Es kam nie zu einem ver­söh­nenden Rei­ni­gungs­ri­tual. Die Kräfte, die zu den Kriegen geführt haben, sind nicht nie­der­ge­streckt worden. Es gab nur jenen kleinen Ver­such Đinđićs und was ist geschehen? Die­selben Kräfte haben sich sehr schnell reor­ga­ni­siert und – ihn umge­bracht. Die Situa­tion ist heute so, dass eine gewal­tige Arbeit zu leisten wäre, weil die ser­bi­sche Gesell­schaft voll­kommen am Boden zer­stört und kon­ta­mi­niert ist. Diese Kon­ta­mi­nie­rung dauert bereits ein Viertel Jahr­hun­dert an und man kann nicht erwarten, dass sie von alleine verschwindet.“

„Ja, und Vielen ist das auch ange­nehmer, weil es von jeg­li­cher Ethik und Selbst­kritik befreit,“ füge ich hinzu.

„Wie Bogdan Boda­nović sagte: für eine Nation ist nichts ver­derb­li­cher als der Natio­na­lismus“, beendet Tomislav Mar­ković meinen Gedanken. „In meinen Augen ist Natio­na­lismus der ideale Zufluchtsort für Fau­lenzer. Du musst nicht an dir arbeiten und bist doch ein Serbe, was auch immer du tust oder nicht tust, davon bleibt diese Iden­tität unbe­rührt. Du wirst ein­fach nur geboren und akzep­tierst, dass du das bist, was man dir sagte, dass du bist und fertig. Natio­na­lismus ist in dieser Hin­sicht wirk­lich bequem und es über­rascht mich kaum, dass ihm beson­ders die intel­lek­tuell fau­leren Men­schen zuge­neigt sind.“

„Und die Reak­tion der brei­teren Öffentlichkeit?“

„Die gab es so gut wie gar nicht. In den Medien wurde die ganze Sache tot­ge­schwiegen. Der PEN hat wie erwartet nicht reagiert, auch die Berufs­ver­bände haben nicht reagiert. Nur die UNS (der Ser­bi­sche Jour­na­lis­ten­ver­band) reagierte – weil die ganze Sache schnell brei­tere Kreise zog – mit der Mit­tei­lung, dass Dro­hungen in der Redak­tion der e‑novine ein­gehen. Wir bekamen Mails mit Dro­hungen, dass man uns nie­der­brennen, zusam­men­schlagen und ähn­li­ches werde, alles wegen des Gedichts, so dass dann die Staats­an­walt­schaft und Polizei reagierten, obwohl wir keine Anzeige erstattet hatten. Sie waren wohl ver­pflichtet zu reagieren, denn sie kamen zu dem Schluss, dass die Sache straf­recht­lich rele­vant ist.“

„Ist das nicht unge­wöhn­lich? Oder scheint das nur mir so?“

„Ein wenig schon“, gibt Tomislav Mar­ković unter Lachen zurück, „wenigs­tens habe ich das nicht erwartet. Das war vorher nicht so gewesen. Auch zuvor haben wir Dro­hungen erhalten und nichts ist pas­siert. Aber jetzt hat sich da offen­sicht­lich etwas ver­än­dert. Die Polizei mel­dete sich bei uns eine Woche nach der ganzen Sache und kam zu uns in die Redak­tion. Wir machten etwa ein­ein­halb Stunden unsere Aus­sagen, haben erklärt, worum es geht und ihnen das Beweis­ma­te­rial zur Ver­fü­gung gestellt, ihnen die Texte aus­ge­druckt, die Kom­men­tare, Reak­tionen, Mails, alles, was sie von uns ver­langt haben. Das war schon ziem­lich inter­es­sant. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass die Regie­rung auf meiner Seite ist.“

„Wie reagierst du“, frage ich an dieser Stelle, „auf das mehr oder weniger uni­forme Aus­bleiben irgend­wel­cher Reak­tionen auf Seiten der Kollegen?“

„Gut, ich erhielt schon einige Unter­stüt­zungs­mails und ‑SMSen, aber in der Öffent­lich­keit haben von dem ganzen Fall nur Vla­dimir Arsenić und Saša Ilić geschrieben. Ich habe den Ein­druck, dass bei uns selt­same Dinge geschehen, dass die Lite­ratur einen fest­ge­legten Zweck erfüllt – näm­lich die Schrauben des Sys­tems zu ölen. Und, dass die Feig­heit gepaart mit einem arm­se­ligen Kon­for­mismus, der ledig­lich win­zige Vor­teile bringt, auf allen Seiten über­wiegt. Dabei kommen nicht einmal Pri­vi­le­gien heraus, die Leute wollen ein­fach keine Kopf­schmerzen haben, sie wollen nicht an die Öffent­lich­keit treten und sich mit den fins­teren Kräften in dieser Gesell­schaft kon­fron­tieren, womit sie unterm Strich sich auf deren Seite stellen. Und genau darin liegt das Haupt­pro­blem. Weil damit alles, was die meisten hier in der Lite­ratur tun, an Bedeu­tung zu ver­lieren beginnt. Wie kann man das ernst nehmen, wenn doch so viele unter uns nicht einmal fähig sind, für ele­men­tarste Prin­zi­pien ein­zu­treten und für die Rede- und Mei­nungs­frei­heit zu kämpfen?“

An dieser Stelle zitiere ich den Satz, den vor langer Zeit Kurt Tucholsky geschrieben hat und den ich als Motto dieses Textes über­nommen habe – in meiner freien Über­set­zung lautet er: „Wer den Krieg sieht und nicht schau­dert, der ist kein Mensch. Der ist ein Patriot!“

Mar­ković hat den Satz gleich erkannt, weil, wie ich von ihm erfahren konnte, auch der pro­mi­nen­teste der Bel­grader Sur­rea­listen, Marko Ristić, ihn in seinen Kriegs­auf­zeich­nungen Hacer Tiempo ange­führt hat. Der Zufall wollte, dass Mar­ković aus­ge­rechnet dieses Buch zur Zeit liest. Mit­ge­rissen von dieser erstaun­li­chen Koin­zi­denz setzt er fort: „Ich finde all­ge­mein die Rede von Patrio­tismus span­nend, vom Hass und der Liebe zu Ser­bien. Ristić leitet daraus in seinem Buch eine schöne These ab. Nach dem Ersten Welt­krieg for­mierte sich ein Block, der aus Defä­tisten, Men­schen, die ent­geis­tert und daher strenge Anti-Mili­ta­risten sowie anti-patrio­ti­sche Pazi­fisten waren und auf der anderen Seite ent­stand ein anderer, natio­na­lis­ti­scher, patrio­ti­scher, sie­ges­hung­riger Block. Im Zweiten Welt­krieg kehrten sich diese Rollen dann um, so dass die Patrioten und Natio­na­listen durch die Reihe weg als Kol­la­bo­ra­teure endeten, wäh­rend die Defä­tisten, Pazi­fisten und Anti­pa­trioten ihr Land vorm Faschismus ver­tei­digten. Das ist sehr inter­es­sant und wichtig. Es hat mich auf den Gedanken gebracht: gut, nehmen wir mal an, dass ich, sagen wir mal, Ser­bien, die Serben und damit auch mich selbst – ange­sichts der Tat­sache, dass meine Natio­na­lität ser­bisch ist und ich hier lebe – hasse. Mir gegen­über haben wir auch die andere Mann­schaft, die angeb­lich Ser­bien ‚liebt’, die schon sehr lange an der Macht ist und Ser­bien bereits ein Vier­tel­jahr­hun­dert fest im Griff hat. Nun, seit in Ser­bien Leute an der Macht sind, die Ser­bien ‚lieben’, geht es Ser­bien schlechter als je zuvor! Alles ist den Bach hin­unter gegangen. Die Serben sind zu Ver­bre­chern geworden, die Wirt­schaft ist unwi­der­ruf­lich implo­diert, die Kultur ist dau­er­haft zer­stört, alles liegt am Boden und alles geht zudem beharr­lich in eben diese Rich­tung weiter. So dass, wenn ich all das in Wech­sel­be­zie­hung sehe, ich mir nicht sicher bin, wer hier eigent­lich der Patriot ist.“

 

Über­set­zung von Miranda Jakiša.

 

Den Ori­gi­nal­text können Sie auf e‑novine.com nach­lesen unter: http://www.e‑novine.com/kultura/kultura-tema/86490-Nacionalizam-vazduh-koji-diemo.html