Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Aus dem Alltag einer Erwachsenen

Schüler_innen denken oft, vieles werde ein­fa­cher, wenn sie erst älter würden und die Schule ver­lassen könnten. Unzäh­lige Coming-of-Age-Filme berichten von dieser Über­gangs­zeit des Erwach­sen­wer­dens. Dass es auch ihre Lehrer_innen nicht leicht haben, können sie sich dabei kaum vor­stellen. Das kroa­tisch-fran­zö­si­sche Drama Zbor­nica (The Staf­f­room, 2021) von Sonja Tarokić (Regie und Dreh­buch) erzählt von dem spä­teren, ebenso her­aus­for­dernden Lebens­ab­schnitt einer Schul­päd­agogin und damit dem „ganz nor­malen Wahn­sinn“ des erwach­senen Alltagslebens. 

 

Auf der Schul­toi­lette setzt Ana­ma­rija die Plas­tik­fla­sche an den Mund und leert sie in großen Zügen. Sie ver­zieht das Gesicht. Gleich darauf wird sie sich über­geben müssen und damit auch all ihren Frust her­aus­lassen. Im Kol­le­gium gibt es ver­schie­dene Stra­te­gien, den stres­sigen Arbeits­alltag zu bewäl­tigen. Dass ihre eigent­liche Arbeit mit „Pro­blem­kin­dern“ viel­ver­spre­chender ver­läuft als der Umgang mit ihren erwach­senen Kolleg_innen zeigt die Ironie des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens und Arbeitens.

 

Gestal­te­risch setzt der Film auf eine Anbin­dung an kroa­ti­sche Folk­lore, die sowohl musi­ka­lisch als auch bild­äs­the­tisch umge­setzt wird. Wenn Ana­ma­rija ver­loren zwi­schen ihren leb­haften Kolleg_innen steht und ihr alles zu viel wird, unter­streicht neben der hek­ti­schen Kame­ra­füh­rung rhyth­mi­sches Klat­schen ihre innere Gefühls­welt. Zu tra­di­tio­nellem Frauen-Aca­pella, auch Klapa genannt, hetzt sie durch die in Rot­tönen gehal­tene Schule. Folk­lo­ri­sche Muster aus Kroa­tien sind oft ein Zusam­men­spiel aus ver­schie­denen Facetten an Rot, sym­me­tri­schen Struk­turen und Blumen, die ebenso auf Ana­ma­rijas Klei­dung zu finden sind. Nicht nur einmal wird der Blick der Betrachter_innen auf ein im Flur oder Klas­sen­zimmer ange­brachtes Gemälde gelenkt, das auf die rurale Ver­gan­gen­heit Kroa­tiens ver­weist. So werden die zykli­schen Kreis­läufe des Daseins vor­ge­führt. Wie die Regis­seurin erklärt, ist Ana­ma­rija nicht die Erste, die mit dem emo­tio­nalen Bal­last, der sich bei ihr anhäuft, zurecht­kommen muss. Er liegt in der Geschichte verwurzelt.

 

Zbor­nica ist das Spiel­film-Debut der jungen Regis­seurin und Dreh­buch­au­torin Sonja Tarokić und wurde 2021 in der Wett­be­werbs-Sek­tion auf dem Film­Fes­tival Cottbus gezeigt. Kroa­ti­sches Kino behan­delt nicht selten Themen, die mit der Kriegs­ver­gan­gen­heit in Ver­bin­dung stehen, wie der Film A bili smo vam dobri (Once We Were Good for You, 2021), der eben­falls auf dem Film­Fes­tival Cottbus lief und einen Vete­ranen-Auf­stand the­ma­ti­siert. Zbor­nica dagegen befasst sich mit den all­täg­li­chen Kämpfen und begleitet Ana­ma­rija (Marina Redžepović) bei den Her­aus­for­de­rungen ihrer ersten Voll­zeit­stelle an einer Zagreber Grund­schule. Nicht nur die Jugend ist kompliziert.

 

Der Film bedient sich einer hek­ti­schen Kame­ra­füh­rung und klaus­tro­pho­bisch anmu­tenden Close-ups sowie Ein­stel­lungen, welche die Prot­ago­nistin ver­loren zwi­schen den unauf­hör­lich trat­schenden und kra­menden Kolleg_innen zeigen. Das Zen­trum des Films ist das Kol­le­gi­ums­zimmer, in dem Macht­kämpfe und Intrigen aus­ge­tragen werden. Nur selten findet die Hand­lung außer­halb der Schule statt. Ana­ma­rija möchte bloß eine hilf­reiche Ver­trau­ens­person für die Kinder sein und neue Ideen umsetzen, muss dafür aber zunächst ihren Platz in der Hier­ar­chie finden und ver­tei­digen. Schon früh wird ihr Büro und damit die Anlauf­stelle für die Schüler_innen in die hin­tere Ecke des Gebäudes ver­legt. Ihre krea­tiven Vor­schläge für die Umset­zung des all­jähr­li­chen Thea­ter­stücks stoßen auf genervte Ableh­nung. Als „die Neue“ wird sie nicht ernst genommen und auch mit „Mans­p­lai­ning“ und Sexismus kon­fron­tiert. Nachdem sie nicht bereit ist, wie von ihr gefor­dert, das unzu­läng­liche Ver­halten des psy­chisch labilen Geschichts­leh­rers Siniša zu akzep­tieren, der im Unter­richt Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­breitet, eska­liert die Situation.

 

Tarokić erzählt scho­nungslos, sehr nah an der Prot­ago­nistin und in aus­drucks­starken sym­bo­li­schen Bil­dern. In einer Sequenz scheint ihr der Hahn des hinter ihr hän­genden Gemäldes wie eine Last auf den Schul­tern zu hocken. Es ist kaum mög­lich sich der andau­ernden beklem­menden Stim­mung zu ent­ziehen. Die Regis­seurin schafft es so den Anstren­gungen des All­tags ein grö­ßeres Gewicht zu ver­leihen und bildet mit dem System des Kol­le­gi­ums­zim­mers ganze Gesell­schafts­struk­turen ab. Zbor­nica ist eine loh­nende Seh­erfah­rung, die ohne spek­ta­ku­läre Szenen an den Nerven zehrt und Sys­teme mensch­li­chen Zusam­men­le­bens hin­ter­fragen lässt.

 

Tarokić, Sonja: Zbor­nica (The Staf­f­room). Kroa­tien und Frank­reich, 2021, 126 Min.