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Aus dem Alltag einer Erwachsenen

Posted on 15. April 2022 by Sina Rothert
Schüler_innen denken oft, vieles werde einfacher, wenn sie erst älter würden und die Schule verlassen könnten. Unzählige Coming-of-Age-Filme berichten von dieser Übergangszeit des Erwachsenwerdens. Dass es auch ihre Lehrer_innen nicht leicht haben, können sie sich dabei kaum vorstellen. Das kroatisch-französische Drama "Zbornica" (The Staffroom, 2021) von Sonja Tarokić (Regie und Drehbuch) erzählt von dem späteren, ebenso herausfordernden Lebensabschnitt einer Schulpädagogin und damit dem „ganz normalen Wahnsinn“ des erwachsenen Alltagslebens.

Schüler_innen denken oft, vieles werde einfacher, wenn sie erst älter würden und die Schule verlassen könnten. Unzählige Coming-of-Age-Filme berichten von dieser Übergangszeit des Erwachsenwerdens. Dass es auch ihre Lehrer_innen nicht leicht haben, können sie sich dabei kaum vorstellen. Das kroatisch-französische Drama Zbornica (The Staffroom, 2021) von Sonja Tarokić (Regie und Drehbuch) erzählt von dem späteren, ebenso herausfordernden Lebensabschnitt einer Schulpädagogin und damit dem „ganz normalen Wahnsinn“ des erwachsenen Alltagslebens.

 

Auf der Schultoilette setzt Anamarija die Plastikflasche an den Mund und leert sie in großen Zügen. Sie verzieht das Gesicht. Gleich darauf wird sie sich übergeben müssen und damit auch all ihren Frust herauslassen. Im Kollegium gibt es verschiedene Strategien, den stressigen Arbeitsalltag zu bewältigen. Dass ihre eigentliche Arbeit mit „Problemkindern“ vielversprechender verläuft als der Umgang mit ihren erwachsenen Kolleg_innen zeigt die Ironie des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Arbeitens.

 

Gestalterisch setzt der Film auf eine Anbindung an kroatische Folklore, die sowohl musikalisch als auch bildästhetisch umgesetzt wird. Wenn Anamarija verloren zwischen ihren lebhaften Kolleg_innen steht und ihr alles zu viel wird, unterstreicht neben der hektischen Kameraführung rhythmisches Klatschen ihre innere Gefühlswelt. Zu traditionellem Frauen-Acapella, auch Klapa genannt, hetzt sie durch die in Rottönen gehaltene Schule. Folklorische Muster aus Kroatien sind oft ein Zusammenspiel aus verschiedenen Facetten an Rot, symmetrischen Strukturen und Blumen, die ebenso auf Anamarijas Kleidung zu finden sind. Nicht nur einmal wird der Blick der Betrachter_innen auf ein im Flur oder Klassenzimmer angebrachtes Gemälde gelenkt, das auf die rurale Vergangenheit Kroatiens verweist. So werden die zyklischen Kreisläufe des Daseins vorgeführt. Wie die Regisseurin erklärt, ist Anamarija nicht die Erste, die mit dem emotionalen Ballast, der sich bei ihr anhäuft, zurechtkommen muss. Er liegt in der Geschichte verwurzelt.

 

Zbornica ist das Spielfilm-Debut der jungen Regisseurin und Drehbuchautorin Sonja Tarokić und wurde 2021 in der Wettbewerbs-Sektion auf dem FilmFestival Cottbus gezeigt. Kroatisches Kino behandelt nicht selten Themen, die mit der Kriegsvergangenheit in Verbindung stehen, wie der Film A bili smo vam dobri (Once We Were Good for You, 2021), der ebenfalls auf dem FilmFestival Cottbus lief und einen Veteranen-Aufstand thematisiert. Zbornica dagegen befasst sich mit den alltäglichen Kämpfen und begleitet Anamarija (Marina Redžepović) bei den Herausforderungen ihrer ersten Vollzeitstelle an einer Zagreber Grundschule. Nicht nur die Jugend ist kompliziert.

 

Der Film bedient sich einer hektischen Kameraführung und klaustrophobisch anmutenden Close-ups sowie Einstellungen, welche die Protagonistin verloren zwischen den unaufhörlich tratschenden und kramenden Kolleg_innen zeigen. Das Zentrum des Films ist das Kollegiumszimmer, in dem Machtkämpfe und Intrigen ausgetragen werden. Nur selten findet die Handlung außerhalb der Schule statt. Anamarija möchte bloß eine hilfreiche Vertrauensperson für die Kinder sein und neue Ideen umsetzen, muss dafür aber zunächst ihren Platz in der Hierarchie finden und verteidigen. Schon früh wird ihr Büro und damit die Anlaufstelle für die Schüler_innen in die hintere Ecke des Gebäudes verlegt. Ihre kreativen Vorschläge für die Umsetzung des alljährlichen Theaterstücks stoßen auf genervte Ablehnung. Als „die Neue“ wird sie nicht ernst genommen und auch mit „Mansplaining“ und Sexismus konfrontiert. Nachdem sie nicht bereit ist, wie von ihr gefordert, das unzulängliche Verhalten des psychisch labilen Geschichtslehrers Siniša zu akzeptieren, der im Unterricht Verschwörungstheorien verbreitet, eskaliert die Situation.

 

Tarokić erzählt schonungslos, sehr nah an der Protagonistin und in ausdrucksstarken symbolischen Bildern. In einer Sequenz scheint ihr der Hahn des hinter ihr hängenden Gemäldes wie eine Last auf den Schultern zu hocken. Es ist kaum möglich sich der andauernden beklemmenden Stimmung zu entziehen. Die Regisseurin schafft es so den Anstrengungen des Alltags ein größeres Gewicht zu verleihen und bildet mit dem System des Kollegiumszimmers ganze Gesellschaftsstrukturen ab. Zbornica ist eine lohnende Seherfahrung, die ohne spektakuläre Szenen an den Nerven zehrt und Systeme menschlichen Zusammenlebens hinterfragen lässt.

 

Tarokić, Sonja: Zbornica (The Staffroom). Kroatien und Frankreich, 2021, 126 Min.

 

Aus dem Alltag einer Erwachsenen – novinki
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Aus dem Alltag einer Erwachsenen

Schüler_innen denken oft, vieles werde ein­fa­cher, wenn sie erst älter würden und die Schule ver­lassen könnten. Unzäh­lige Coming-of-Age-Filme berichten von dieser Über­gangs­zeit des Erwach­sen­wer­dens. Dass es auch ihre Lehrer_innen nicht leicht haben, können sie sich dabei kaum vor­stellen. Das kroa­tisch-fran­zö­si­sche Drama Zbor­nica (The Staf­f­room, 2021) von Sonja Tarokić (Regie und Dreh­buch) erzählt von dem spä­teren, ebenso her­aus­for­dernden Lebens­ab­schnitt einer Schul­päd­agogin und damit dem „ganz nor­malen Wahn­sinn“ des erwach­senen Alltagslebens. 

 

Auf der Schul­toi­lette setzt Ana­ma­rija die Plas­tik­fla­sche an den Mund und leert sie in großen Zügen. Sie ver­zieht das Gesicht. Gleich darauf wird sie sich über­geben müssen und damit auch all ihren Frust her­aus­lassen. Im Kol­le­gium gibt es ver­schie­dene Stra­te­gien, den stres­sigen Arbeits­alltag zu bewäl­tigen. Dass ihre eigent­liche Arbeit mit „Pro­blem­kin­dern“ viel­ver­spre­chender ver­läuft als der Umgang mit ihren erwach­senen Kolleg_innen zeigt die Ironie des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens und Arbeitens.

 

Gestal­te­risch setzt der Film auf eine Anbin­dung an kroa­ti­sche Folk­lore, die sowohl musi­ka­lisch als auch bild­äs­the­tisch umge­setzt wird. Wenn Ana­ma­rija ver­loren zwi­schen ihren leb­haften Kolleg_innen steht und ihr alles zu viel wird, unter­streicht neben der hek­ti­schen Kame­ra­füh­rung rhyth­mi­sches Klat­schen ihre innere Gefühls­welt. Zu tra­di­tio­nellem Frauen-Aca­pella, auch Klapa genannt, hetzt sie durch die in Rot­tönen gehal­tene Schule. Folk­lo­ri­sche Muster aus Kroa­tien sind oft ein Zusam­men­spiel aus ver­schie­denen Facetten an Rot, sym­me­tri­schen Struk­turen und Blumen, die ebenso auf Ana­ma­rijas Klei­dung zu finden sind. Nicht nur einmal wird der Blick der Betrachter_innen auf ein im Flur oder Klas­sen­zimmer ange­brachtes Gemälde gelenkt, das auf die rurale Ver­gan­gen­heit Kroa­tiens ver­weist. So werden die zykli­schen Kreis­läufe des Daseins vor­ge­führt. Wie die Regis­seurin erklärt, ist Ana­ma­rija nicht die Erste, die mit dem emo­tio­nalen Bal­last, der sich bei ihr anhäuft, zurecht­kommen muss. Er liegt in der Geschichte verwurzelt.

 

Zbor­nica ist das Spiel­film-Debut der jungen Regis­seurin und Dreh­buch­au­torin Sonja Tarokić und wurde 2021 in der Wett­be­werbs-Sek­tion auf dem Film­Fes­tival Cottbus gezeigt. Kroa­ti­sches Kino behan­delt nicht selten Themen, die mit der Kriegs­ver­gan­gen­heit in Ver­bin­dung stehen, wie der Film A bili smo vam dobri (Once We Were Good for You, 2021), der eben­falls auf dem Film­Fes­tival Cottbus lief und einen Vete­ranen-Auf­stand the­ma­ti­siert. Zbor­nica dagegen befasst sich mit den all­täg­li­chen Kämpfen und begleitet Ana­ma­rija (Marina Redžepović) bei den Her­aus­for­de­rungen ihrer ersten Voll­zeit­stelle an einer Zagreber Grund­schule. Nicht nur die Jugend ist kompliziert.

 

Der Film bedient sich einer hek­ti­schen Kame­ra­füh­rung und klaus­tro­pho­bisch anmu­tenden Close-ups sowie Ein­stel­lungen, welche die Prot­ago­nistin ver­loren zwi­schen den unauf­hör­lich trat­schenden und kra­menden Kolleg_innen zeigen. Das Zen­trum des Films ist das Kol­le­gi­ums­zimmer, in dem Macht­kämpfe und Intrigen aus­ge­tragen werden. Nur selten findet die Hand­lung außer­halb der Schule statt. Ana­ma­rija möchte bloß eine hilf­reiche Ver­trau­ens­person für die Kinder sein und neue Ideen umsetzen, muss dafür aber zunächst ihren Platz in der Hier­ar­chie finden und ver­tei­digen. Schon früh wird ihr Büro und damit die Anlauf­stelle für die Schüler_innen in die hin­tere Ecke des Gebäudes ver­legt. Ihre krea­tiven Vor­schläge für die Umset­zung des all­jähr­li­chen Thea­ter­stücks stoßen auf genervte Ableh­nung. Als „die Neue“ wird sie nicht ernst genommen und auch mit „Mans­p­lai­ning“ und Sexismus kon­fron­tiert. Nachdem sie nicht bereit ist, wie von ihr gefor­dert, das unzu­läng­liche Ver­halten des psy­chisch labilen Geschichts­leh­rers Siniša zu akzep­tieren, der im Unter­richt Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­breitet, eska­liert die Situation.

 

Tarokić erzählt scho­nungslos, sehr nah an der Prot­ago­nistin und in aus­drucks­starken sym­bo­li­schen Bil­dern. In einer Sequenz scheint ihr der Hahn des hinter ihr hän­genden Gemäldes wie eine Last auf den Schul­tern zu hocken. Es ist kaum mög­lich sich der andau­ernden beklem­menden Stim­mung zu ent­ziehen. Die Regis­seurin schafft es so den Anstren­gungen des All­tags ein grö­ßeres Gewicht zu ver­leihen und bildet mit dem System des Kol­le­gi­ums­zim­mers ganze Gesell­schafts­struk­turen ab. Zbor­nica ist eine loh­nende Seh­erfah­rung, die ohne spek­ta­ku­läre Szenen an den Nerven zehrt und Sys­teme mensch­li­chen Zusam­men­le­bens hin­ter­fragen lässt.

 

Tarokić, Sonja: Zbor­nica (The Staf­f­room). Kroa­tien und Frank­reich, 2021, 126 Min.