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Der Roman Vuk – eine antiutopische Vision der Zukunft Bosniens in Europa

Posted on 7. September 2010 by Velma Babić
Der Schriftsteller Veselin Gatalo beschreibt eine fiktive postapokalyptische Situation in der Zukunft: "Vuk" ist, so der Autor selbst, ein Roman über die Schuld. Gatalos fingierter Außenblick auf den historischen Kontext erfreut sich bei den Lesern Bosniens, Serbiens und Kroatiens zunehmender Beliebtheit.

gatalo„- Hör zu, Vuk …Viele Jahrhunderte lebten hier drei Völker. Drei gute, kluge und fleißige Völker lebten hier, in dem was man jetzt Ghetto nennt. Ein Mann aus einem dieser Völker erfand den Wechselstrom und Radiosignale …, dieser Mann aus dem alten Volk hat die Grundlage für Antigravitation und drahtlose Übertragung geschaffen und … und vieles mehr. Es war Krieg und man weiß bis heute nicht, warum er begonnen hat, ein Krieg, in dem alle drei Völker den Schuldigen in dem jeweils anderem fanden, in der Geschichte, in Denkmälern, in … Sie töteten sich gegenseitig und hier, wo wir jetzt stehen, ohne einen triftigen Grund, genau wie sich die Mondartigen, Würfelartigen und Adlerartigen heute töten.“

In seinem Roman Vuk richtet Gatalo den Blick auf seine Heimat Bosnien und Herzegowina (BiH). Er entwirft eine postapokalyptische Situation auf der Erde (als Folge einer ökologischen Katastrophe, verursacht durch Kriege mit Einsatz von Biowaffen) und beschreibt eine zukünftige Welt, in der die „Union“ (eine Staatenkonföderation) BiH als Ghetto umzäunt hat. Die Handlung des Romans Vuk spielt in einer nicht näher bestimmten Zeit, die Ereignisse der Vergangenheit, die zur Romangegenwart geführt haben, werden dem Leser sukzessive und retrospektiv offenbart: die ehemaligen Völker der Region, Serben, Kroaten und bosnische Muslime, nun als „stari narodi“ (alte Völker) bezeichnet, bekämpfen sich immer noch – nur unter neuem Namen.

Veselin Gatalo, geboren 1967 in Mostar (BiH), zählt zu den vielversprechenden zeitgenössischen Autoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration in seinem Land. Während seines Studiums begann er Poesie zu schreiben und später nach dem Krieg in den 1990ern auch Prosa. Seine Gedicht-Bände, Kurzgeschichten und Erzählungen zählen zu denjenigen Texten, welche die Komplexität der Erfahrungen während des Krieges veranschaulichen. Sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet: im Jahr 2003 erhielt Gatalo für seine Erzählungen im Band Rambo, Drumski i onaj treći (Rambo, der  Vagabund und der Dritte, 2005) die Auszeichnung ‚ZORO‘; im Jahr 2003 wurde die Erzählung Vuk (Der Wolf), aus der im Jahr 2006 der gleichnamige Roman hervorging, in Kroatien von Istrakon 2003 als beste Science-Fiction-Geschichte gekürt. 2004 wurde Gatalos Roman Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo (2004) für den ‚Meša Selimović‘-Preis nominiert. Im Jahr 2007 erhielt er von SKD Prosvjeta die angesehene Auszeichnung ‚Aleksa Šantić‘ für den Gedichtband Vrijeme mesinganih perli (Die Zeit der Messing-Perlen, 1998).
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Im Roman Vuk  haben kriegerische Auseinandersetzungen dazu geführt, dass eine Region, ehemals Bosnien und Herzegowina, durch eine Mauer von der übrigen Welt abgetrennt, und zusätzlich von einem bis zu fünfzehn Meilen hohen energetischen Feld eingefasst wurde. Das Motiv der Mauer übernimmt eine metonymische Funktion: Sie ist zum einen das Bauwerk, das die Region komplett isoliert. Zum anderen schafft sie eine Innen-Außen-Beziehung, welche das Ghetto zum Zentrum von etwas Größerem macht und mit diesem größeren Pendant durch Sinnzuweisungen korrespondiert. Die im Roman suggerierte utopische Idealgesellschaft des neuen Staatenbundes Union kann angesichts der Existenz einer Mauer in seinem Inneren nicht ideal sein. Vielmehr handelt es sich um eine anti-utopische Vision der Zukunft, in der Aufteilungen in Räume des Guten und Räume des Bösen zugelassen sind. Dieses Modell wirft ein kritisches Licht auf die Union (eine explizite Anspielung auf die europäische Union!) und ihr Konzept eines pazifistischen Staatenbundes, der erst nach unzähligen Kriegen überhaupt zustande kam. Die globale Katastrophe soll im Roman nun durch neue Modelle des zwischenmenschlichen Lebens wieder gut oder vergessen gemacht werden. Trotz ihrer hohen Ziele weiß sich die Union am Ort der Krise jedoch nicht anders als durch die Errichtung eines Ghettos zu helfen.

In diese abgesperrte Zone werden Kriminelle aus der ganzen Welt zum lebenslänglichen Strafvollzug verbannt, so dass die offizielle Sprache im Ghetto neben dem „naški jezik“ (der Sprache der alten slawischen Bevölkerung: bosnisch-kroatisch-montenegrinisch-serbisch) Englisch ist. Die Ghettobewohner sind in drei Parteien organisiert und führen Namen, die aus den Symbolen Mond, Quadrate und Adler abgeleitet sind – abstammend von den Nationalflaggen oder religiösen Symbolen der einst verfeindeten und nun nicht mehr existenten Völker – die Mondartigen (muslimische Bosnier), die Würfelartigen (Kroaten) und die Adlerartigen (Serben). Diese drei Gruppen bzw. Banden sind auch in ähnlicher Weise wie ihre Vorläufer verfeindet, obwohl ihre Mitglieder nun mehrheitlich aus ganz anderen Ecken der Welt stammen und viel später geboren wurden. Auch sie können sich aus dem Kreislauf von Gewalt und Aggression nicht mehr befreien.

Obwohl Gatalos Ghettoentwurf recht plakative Anspielungen auf Koalitionen, Umstände und auch auf Fremdbeschreibungen der postjugoslavischen Kriegsparteien der 1990er Jahre enthält, und das Geschehen in Bosnien und Herzegovina seit 1991 bis zur Gegenwart den leicht erkennbaren, wichtigsten Referenzpunkt des Romans bildet, erzählt der Roman jenseits dieser allegorischen Komponente eine äußerst spannende Geschichte. Vuk ist die Geschichte über den einsamen Krieger Vuk und seine Hündin Chica: Vuk ist eine Art Ausnahmebewohner des Ghettos, allein aufgrund der Tatsache, dass er überhaupt, trotz strengster ‚Geburtenkontrolle‘, geboren werden konnte – ein Motiv, das im Science-Fiction-Genre vielfach zu finden ist, so etwa in Michael Campus‘ Film Z.P.G. (Zero Population Growth) von 1972. Unter widrigen Umständen gelangt Vuk als Kleinkind in eine Horde wilder Hunde, die ihn wie ihr Junges aufziehen. Bei ihnen lernt er die Jagdgesetze der Wildnis und die Hunde- und Wolfssprache kennen (auch hier stehen Filmprotagonisten von Tarzan bis Mogli Pate). Später begegnet Vuk dem verurteilten Priester Dumo, der noch die Sprache der „stari narodi“ kennt, ihn in seine Obhut nimmt, und ihn sprechen, lesen und die Bibel lehrt. Vuk bewahrt sich jedoch jene übermenschlichen Fähigkeiten, die er im Zusammenleben mit den Hunden entwickelt hat. Die wortkarge Figur erzeugt eine besondere Spannung und der Leser identifiziert sich zunehmend mit ihm.

Um eine futuristische Stimmung zu erzeugen und den Roman in den Kontext bereits vorhandener Science-Fiction-Visionen einzuordnen, ruft Gatalo in seinem Roman bekannte Filmmotive auf. Besonders postapokalyptische Szenarien verbrecherischer Banden und einer ökologisch zu Grunde gerichteten Erde, das Leben der Menschen bzw. menschlicher Klone unter der Erde, um nur einige zu nennen, nehmen intermedialen Bezug auf verschiedene Science-Fiction-Filme, besonders jedoch zu John Carpenters Escape from New York (1981), in dem ganz Manhattan in eine Art Hochsicherheitsgefängnis umfunktioniert wurde. Auch Bezüge zu George Millers Mad Max (1979) und zu Andrew/ Laurence Wachowskis Matrix (1999) sind deutlich erkennbar.

Auch auf der formalen Ebene nähert sich der Roman dem Genre Film an: Das Geschehen wird dem Leser durch Bildsequenzen vermittelt, welche die Beobachtungen Vuks oder des Journalisten Luka Kvidžik darstellen; Bilder, die teilweise auch durch die Hündin Chica perspektiviert werden. Die Handlung ist verdichtet, mit schnellem Ablauf und mit typisierten Charakteren wie dem halbzivilisierten Vuk, seinem Mentor Dumo, einem ehemaligen Priester und Mörder, dem berüchtigten Verbrecher „Der verrückte Jovan“ und dem Bandenanführer „Jamaikaner“ mit seiner Gefährtin, genannt „Die zornige Olena“. Eine sehr explizite Bezugnahme zum filmischen Science-Fiction-Genre findet sich in dem Lied, das Vuk im Kapitel „Pjesma“ („Das Lied“) singt und in dem Snake Plissken, eine Figur aus Escape from New York, erwähnt wird: „U kući bila zatvorena kokoš / Kao u Nju Jorku Zmija Plisken …” („Es war im Haus ein Huhn eingesperrt / Wie in New York die Schlange Plissken“). Eine Verdeutlichung von Vuks Situation im Ghetto, seiner Einsamkeit und seinem Einzelgängertum und ein intermediales Statement, das vom Selbstverständnis des Romans spricht.

Auch aus einem weiteren Grund taucht in Vuks Lied Snake Plissken auf. Es wird eine Parallele zwischen den Überlebensfähigkeiten und dem Einzelgängertum der beiden Protagonisten gezogen, beide Figuren befinden sich in einem Ghetto voller psychopathologischer Verbrecher. Beide sind sie nicht völlig frei von krimineller Schuld, jedoch werden ihre Vergehen angesichts der Verbrechen im Ghetto und angesichts des Lebens in einer Welt, die keine ethischen Werte vermittelt, relativiert. Die Tatsache, dass Vuk als einzig Unschuldiger im Ghetto festgehalten wird, an diesem Ort für verurteilte Verbrecher, ist Ausgangspunkt für die Frage nach Schuld und Unschuld, die sich durch den gesamten Roman zieht. Vuk unterscheidet sich von den übrigen Ghetto-Bewohnern durch seine starke Verbundenheit mit der Natur und durch seine Fähigkeiten, in der gefährlichen Wildnis alleine zurechtzukommen, ohne sich in Schutz einer der drei (Ethno-) Banden begeben zu müssen. Vuk fühlt und denkt ähnlich einem Bewohner eines von der Zivilisation unberührten Urwaldes, dessen Intelligenz und Seele im Einklang mit dieser Natur sind. Er ist der postapokalyptische Mensch und integriert Merkmale des Neuen Menschen, der von seinen früheren Sünden befreit zu sein scheint und deshalb unschuldig wirkt.

Diese Ereignisse in Gatalos Roman werden nicht chronologisch geschildert und Sujetteile werden über verschiedene Figuren vermittelt. Eine weitere Perspektive bringt der Journalist Luka Kvidžik ein, der von ‚Außen’ in das Ghetto kommt, um Vuk herauszuholen. Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich zwar kaum ein Gespräch, aber der Leser lernt hierbei Vuk über die Reflexionen des Journalisten kennen und nimmt an dessen allmählich wachsender Zuneigung zu Vuk teil. Der Journalist erörtert die Kriegsschuld der alten Völker, eine Schuld, die durch die Konfliktfortsetzung im Ghetto als eine gleichsam absurde und tragische Schuld (mit langanhaltenden Konsequenzen) bloßgelegt wird. Aber allein durch seine Anwesenheit im Ghetto sorgt der Journalist für Unruhe: Alle Banden wollen ihn unbedingt für sich haben, um auf diese Weise den geheimen Ausgang aus dem Ghetto zu erfahren, denn diese Information würde eine Vormachtstellung im Ghetto sichern. Der Journalist findet sich in einer ungewollt aktiven Rolle wieder. Die Absicht, die der Autor mit der Figur des Journalisten verfolgt, ist doppeldeutig und scheint dabei dieselbe Frage aufzuwerfen, die Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten“ stellte: Wird der Kriegsberichterstatter, einer solchen dramatischen Situation wie dem Krieg ausgesetzt, nicht durch die Beobachtung und Reflexion des Geschehens selbst zum aktiven Teilnehmer des Geschehens, ja zum Mittäter? Die aktive Rolle der Medien im Krieg wird implizit kritisiert, als Vuk dem Journalisten die Schuld für den nun ausgebrochenen Krieg im Ghetto zuweist:

„Du bist derjenige, der schuldig ist, aber das macht nichts. In den Worten des jungen Mannes fühlte Luka Kvidžik weder Verurteilung noch Vorwurf. Bloße Feststellung und nackte Deduktion. Allerdings auf einem sehr primitiven Niveau.“

Aus dem Ghetto befreit, begegnet Vuk schließlich auf der anderen Seite der Mauer einer geklonten Gesellschaft, die aufgrund der ökologischen Katastrophe unter der Erdoberfläche leben muss. Aber auch diese fortschrittliche Gesellschaft kann die Probleme der konfliktreichen Region nicht lösen: das Ghetto wurde erschaffen, um eine maligne Gegend aus dem Körper der Union herauszuschneiden, anstatt sie zu integrieren und so vielleicht eine Besserung der Lage herbeizuführen. Lediglich wenige Öffnungen wurden in die Mauer eingelassen und ermöglichen den Zugang für humanitäre Hilfe in die umzäunte Region. Ein plakativer Hinweis auf die Zustände in BiH während des Krieges, als humanitäre Hilfe die belagerten Städte nur unter erschwerten Bedingungen erreichen konnte. Aber auch Hinweis auf den post-Daytonschen Zustand BiHs – eines in Reisefreiheit und Wirtschaftsbeziehungen isolierten Ausnahmegebiets mitten in Europa.
Der negative Stellenwert des Ghettos wird im Roman schließlich am Protagonisten umgekehrt: Während die fortschrittliche und scheinbar befriedete und zivilisierte Welt außerhalb der Mauer sein Gefängnis und seinen Untergang bedeuten würden, verschafft ihm das Ghetto trotz des täglichen Kampfes ums Überleben seine eigentliche Freiheit. In der Figur Vuks behält BiH die moralische Oberhand in einer letztlich unerträglichen äußeren Situation.

Der Roman Vuk von Veselin Gatalo ist eine Allegorie auf die innen- und außenpolitischen Verhältnisse in seiner Heimat, die den Autor dazu veranlasst haben, eine anti-utopische Vision der Zukunft zu entwickeln. Gatalo stellt im Roman die „Frage der Schuld“ auf eine neue Weise und verstrickt sich dabei nicht in nationale Standpunkte, politische Motive und historiographische Analysen über den Krieg der neunziger Jahre. Möglicherweise erfreut sich der Roman auch aus diesem Grund zunehmenden Erfolges bei einer überethnischen Leserschaft in Serbien, Kroatien und Bosnien- und Herzegowina.

 

Vrijeme mesinganih perli, 1998.
Amore al primo Binocolo, 2000.
Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo, 2004.
Rambo, Drumski i onaj treći, 2005.
Ja sam pas… i zovem se Salvatore, 2005.
Kmezavi narednici, 2006.
Geto, 2007.
Cafe Oxygen, 2007.
Priče za nemirnu noć, 2008.
Polja čemerike, 2008.
Vuk, 2009.
Salika s uspomenom
, 2009.

Der Roman Vuk – eine antiutopische Vision der Zukunft Bosniens in Europa – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Roman Vuk – eine antiuto­pi­sche Vision der Zukunft Bos­niens in Europa

gatalo„- Hör zu, Vuk …Viele Jahr­hun­derte lebten hier drei Völker. Drei gute, kluge und flei­ßige Völker lebten hier, in dem was man jetzt Ghetto nennt. Ein Mann aus einem dieser Völker erfand den Wech­sel­strom und Radio­si­gnale …[…], dieser Mann aus dem alten Volk hat die Grund­lage für Anti­gra­vi­ta­tion und draht­lose Über­tra­gung geschaffen und … und vieles mehr. Es war Krieg und man weiß bis heute nicht, warum er begonnen hat, ein Krieg, in dem alle drei Völker den Schul­digen in dem jeweils anderem fanden, in der Geschichte, in Denk­mä­lern, in … Sie töteten sich gegen­seitig und hier, wo wir jetzt stehen, ohne einen trif­tigen Grund, genau wie sich die Mond­ar­tigen, Wür­fel­ar­tigen und Adler­ar­tigen heute töten.“

In seinem Roman Vuk richtet Gatalo den Blick auf seine Heimat Bos­nien und Her­ze­go­wina (BiH). Er ent­wirft eine post­apo­ka­lyp­ti­sche Situa­tion auf der Erde (als Folge einer öko­lo­gi­schen Kata­strophe, ver­ur­sacht durch Kriege mit Ein­satz von Bio­waffen) und beschreibt eine zukünf­tige Welt, in der die „Union“ (eine Staa­ten­kon­fö­de­ra­tion) BiH als Ghetto umzäunt hat. Die Hand­lung des Romans Vuk spielt in einer nicht näher bestimmten Zeit, die Ereig­nisse der Ver­gan­gen­heit, die zur Roman­ge­gen­wart geführt haben, werden dem Leser suk­zes­sive und retro­spektiv offen­bart: die ehe­ma­ligen Völker der Region, Serben, Kroaten und bos­ni­sche Mus­lime, nun als „stari narodi“ (alte Völker) bezeichnet, bekämpfen sich immer noch – nur unter neuem Namen.

Veselin Gatalo, geboren 1967 in Mostar (BiH), zählt zu den viel­ver­spre­chenden zeit­ge­nös­si­schen Autoren der Kriegs- und Nach­kriegs­ge­nera­tion in seinem Land. Wäh­rend seines Stu­diums begann er Poesie zu schreiben und später nach dem Krieg in den 1990ern auch Prosa. Seine Gedicht-Bände, Kurz­ge­schichten und Erzäh­lungen zählen zu den­je­nigen Texten, welche die Kom­ple­xität der Erfah­rungen wäh­rend des Krieges ver­an­schau­li­chen. Sie wurden bereits mehr­fach aus­ge­zeichnet: im Jahr 2003 erhielt Gatalo für seine Erzäh­lungen im Band Rambo, Drumski i onaj treći (Rambo, der  Vaga­bund und der Dritte, 2005) die Aus­zeich­nung ‚ZORO‘; im Jahr 2003 wurde die Erzäh­lung Vuk (Der Wolf), aus der im Jahr 2006 der gleich­na­mige Roman her­vor­ging, in Kroa­tien von Istrakon 2003 als beste Sci­ence-Fic­tion-Geschichte gekürt. 2004 wurde Gatalos Roman Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo (2004) für den ‚Meša Selimović‘-Preis nomi­niert. Im Jahr 2007 erhielt er von SKD Pros­vjeta die ange­se­hene Aus­zeich­nung ‚Aleksa Šantić‘ für den Gedicht­band Vri­jeme mesin­ganih perli (Die Zeit der Mes­sing-Perlen, 1998).
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Im Roman Vuk  haben krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zungen dazu geführt, dass eine Region, ehe­mals Bos­nien und Her­ze­go­wina, durch eine Mauer von der übrigen Welt abge­trennt, und zusätz­lich von einem bis zu fünf­zehn Meilen hohen ener­ge­ti­schen Feld ein­ge­fasst wurde. Das Motiv der Mauer über­nimmt eine met­ony­mi­sche Funk­tion: Sie ist zum einen das Bau­werk, das die Region kom­plett iso­liert. Zum anderen schafft sie eine Innen-Außen-Bezie­hung, welche das Ghetto zum Zen­trum von etwas Grö­ßerem macht und mit diesem grö­ßeren Pen­dant durch Sinn­zu­wei­sungen kor­re­spon­diert. Die im Roman sug­ge­rierte uto­pi­sche Ide­al­ge­sell­schaft des neuen Staa­ten­bundes Union kann ange­sichts der Exis­tenz einer Mauer in seinem Inneren nicht ideal sein. Viel­mehr han­delt es sich um eine anti-uto­pi­sche Vision der Zukunft, in der Auf­tei­lungen in Räume des Guten und Räume des Bösen zuge­lassen sind. Dieses Modell wirft ein kri­ti­sches Licht auf die Union (eine expli­zite Anspie­lung auf die euro­päi­sche Union!) und ihr Kon­zept eines pazi­fis­ti­schen Staa­ten­bundes, der erst nach unzäh­ligen Kriegen über­haupt zustande kam. Die glo­bale Kata­strophe soll im Roman nun durch neue Modelle des zwi­schen­mensch­li­chen Lebens wieder gut oder ver­gessen gemacht werden. Trotz ihrer hohen Ziele weiß sich die Union am Ort der Krise jedoch nicht anders als durch die Errich­tung eines Ghettos zu helfen.

In diese abge­sperrte Zone werden Kri­mi­nelle aus der ganzen Welt zum lebens­läng­li­chen Straf­vollzug ver­bannt, so dass die offi­zi­elle Sprache im Ghetto neben dem „naški jezik“ (der Sprache der alten sla­wi­schen Bevöl­ke­rung: bos­nisch-kroa­tisch-mon­te­ne­gri­nisch-ser­bisch) Eng­lisch ist. Die Ghet­to­be­wohner sind in drei Par­teien orga­ni­siert und führen Namen, die aus den Sym­bolen Mond, Qua­drate und Adler abge­leitet sind – abstam­mend von den Natio­nal­flaggen oder reli­giösen Sym­bolen der einst ver­fein­deten und nun nicht mehr exis­tenten Völker – die Mond­ar­tigen (mus­li­mi­sche Bos­nier), die Wür­fel­ar­tigen (Kroaten) und die Adler­ar­tigen (Serben). Diese drei Gruppen bzw. Banden sind auch in ähn­li­cher Weise wie ihre Vor­läufer ver­feindet, obwohl ihre Mit­glieder nun mehr­heit­lich aus ganz anderen Ecken der Welt stammen und viel später geboren wurden. Auch sie können sich aus dem Kreis­lauf von Gewalt und Aggres­sion nicht mehr befreien.

Obwohl Gatalos Ghet­to­ent­wurf recht pla­ka­tive Anspie­lungen auf Koali­tionen, Umstände und auch auf Fremd­be­schrei­bungen der post­ju­go­s­la­vi­schen Kriegs­par­teien der 1990er Jahre ent­hält, und das Geschehen in Bos­nien und Her­ze­go­vina seit 1991 bis zur Gegen­wart den leicht erkenn­baren, wich­tigsten Refe­renz­punkt des Romans bildet, erzählt der Roman jen­seits dieser alle­go­ri­schen Kom­po­nente eine äußerst span­nende Geschichte. Vuk ist die Geschichte über den ein­samen Krieger Vuk und seine Hündin Chica: Vuk ist eine Art Aus­nah­me­be­wohner des Ghettos, allein auf­grund der Tat­sache, dass er über­haupt, trotz strengster ‚Gebur­ten­kon­trolle‘, geboren werden konnte – ein Motiv, das im Sci­ence-Fic­tion-Genre viel­fach zu finden ist, so etwa in Michael Campus‘ Film Z.P.G. (Zero Popu­la­tion Growth) von 1972. Unter wid­rigen Umständen gelangt Vuk als Klein­kind in eine Horde wilder Hunde, die ihn wie ihr Junges auf­ziehen. Bei ihnen lernt er die Jagd­ge­setze der Wildnis und die Hunde- und Wolfs­sprache kennen (auch hier stehen Film­prot­ago­nisten von Tarzan bis Mogli Pate). Später begegnet Vuk dem ver­ur­teilten Priester Dumo, der noch die Sprache der „stari narodi“ kennt, ihn in seine Obhut nimmt, und ihn spre­chen, lesen und die Bibel lehrt. Vuk bewahrt sich jedoch jene über­mensch­li­chen Fähig­keiten, die er im Zusam­men­leben mit den Hunden ent­wi­ckelt hat. Die wort­karge Figur erzeugt eine beson­dere Span­nung und der Leser iden­ti­fi­ziert sich zuneh­mend mit ihm.

Um eine futu­ris­ti­sche Stim­mung zu erzeugen und den Roman in den Kon­text bereits vor­han­dener Sci­ence-Fic­tion-Visionen ein­zu­ordnen, ruft Gatalo in seinem Roman bekannte Film­mo­tive auf. Beson­ders post­apo­ka­lyp­ti­sche Sze­na­rien ver­bre­che­ri­scher Banden und einer öko­lo­gisch zu Grunde gerich­teten Erde, das Leben der Men­schen bzw. mensch­li­cher Klone unter der Erde, um nur einige zu nennen, nehmen inter­me­dialen Bezug auf ver­schie­dene Sci­ence-Fic­tion-Filme, beson­ders jedoch zu John Car­pen­ters Escape from New York (1981), in dem ganz Man­hattan in eine Art Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis umfunk­tio­niert wurde. Auch Bezüge zu George Mil­lers Mad Max (1979) und zu Andrew/ Lau­rence Wachow­skis Matrix (1999) sind deut­lich erkennbar.

Auch auf der for­malen Ebene nähert sich der Roman dem Genre Film an: Das Geschehen wird dem Leser durch Bild­se­quenzen ver­mit­telt, welche die Beob­ach­tungen Vuks oder des Jour­na­listen Luka Kvi­džik dar­stellen; Bilder, die teil­weise auch durch die Hündin Chica per­spek­ti­viert werden. Die Hand­lung ist ver­dichtet, mit schnellem Ablauf und mit typi­sierten Cha­rak­teren wie dem halb­zi­vi­li­sierten Vuk, seinem Mentor Dumo, einem ehe­ma­ligen Priester und Mörder, dem berüch­tigten Ver­bre­cher „Der ver­rückte Jovan“ und dem Ban­den­an­führer „Jamai­kaner“ mit seiner Gefährtin, genannt „Die zor­nige Olena“. Eine sehr expli­zite Bezug­nahme zum fil­mi­schen Sci­ence-Fic­tion-Genre findet sich in dem Lied, das Vuk im Kapitel „Pjesma“ („Das Lied“) singt und in dem Snake Plissken, eine Figur aus Escape from New York, erwähnt wird: „U kući bila zat­vorena kokoš / Kao u Nju Jorku Zmija Plisken …” („Es war im Haus ein Huhn ein­ge­sperrt / Wie in New York die Schlange Plissken“). Eine Ver­deut­li­chung von Vuks Situa­tion im Ghetto, seiner Ein­sam­keit und seinem Ein­zel­gän­gertum und ein inter­me­diales State­ment, das vom Selbst­ver­ständnis des Romans spricht.

Auch aus einem wei­teren Grund taucht in Vuks Lied Snake Plissken auf. Es wird eine Par­al­lele zwi­schen den Über­le­bens­fä­hig­keiten und dem Ein­zel­gän­gertum der beiden Prot­ago­nisten gezogen, beide Figuren befinden sich in einem Ghetto voller psy­cho­pa­tho­lo­gi­scher Ver­bre­cher. Beide sind sie nicht völlig frei von kri­mi­neller Schuld, jedoch werden ihre Ver­gehen ange­sichts der Ver­bre­chen im Ghetto und ange­sichts des Lebens in einer Welt, die keine ethi­schen Werte ver­mit­telt, rela­ti­viert. Die Tat­sache, dass Vuk als einzig Unschul­diger im Ghetto fest­ge­halten wird, an diesem Ort für ver­ur­teilte Ver­bre­cher, ist Aus­gangs­punkt für die Frage nach Schuld und Unschuld, die sich durch den gesamten Roman zieht. Vuk unter­scheidet sich von den übrigen Ghetto-Bewoh­nern durch seine starke Ver­bun­den­heit mit der Natur und durch seine Fähig­keiten, in der gefähr­li­chen Wildnis alleine zurecht­zu­kommen, ohne sich in Schutz einer der drei (Ethno-) Banden begeben zu müssen. Vuk fühlt und denkt ähn­lich einem Bewohner eines von der Zivi­li­sa­tion unbe­rührten Urwaldes, dessen Intel­li­genz und Seele im Ein­klang mit dieser Natur sind. Er ist der post­apo­ka­lyp­ti­sche Mensch und inte­griert Merk­male des Neuen Men­schen, der von seinen frü­heren Sünden befreit zu sein scheint und des­halb unschuldig wirkt.

Diese Ereig­nisse in Gatalos Roman werden nicht chro­no­lo­gisch geschil­dert und Sujet­teile werden über ver­schie­dene Figuren ver­mit­telt. Eine wei­tere Per­spek­tive bringt der Jour­na­list Luka Kvi­džik ein, der von ‚Außen’ in das Ghetto kommt, um Vuk her­aus­zu­holen. Zwi­schen den beiden unglei­chen Män­nern ent­wi­ckelt sich zwar kaum ein Gespräch, aber der Leser lernt hierbei Vuk über die Refle­xionen des Jour­na­listen kennen und nimmt an dessen all­mäh­lich wach­sender Zunei­gung zu Vuk teil. Der Jour­na­list erör­tert die Kriegs­schuld der alten Völker, eine Schuld, die durch die Kon­flikt­fort­set­zung im Ghetto als eine gleichsam absurde und tra­gi­sche Schuld (mit lang­an­hal­tenden Kon­se­quenzen) bloß­ge­legt wird. Aber allein durch seine Anwe­sen­heit im Ghetto sorgt der Jour­na­list für Unruhe: Alle Banden wollen ihn unbe­dingt für sich haben, um auf diese Weise den geheimen Aus­gang aus dem Ghetto zu erfahren, denn diese Infor­ma­tion würde eine Vor­macht­stel­lung im Ghetto sichern. Der Jour­na­list findet sich in einer unge­wollt aktiven Rolle wieder. Die Absicht, die der Autor mit der Figur des Jour­na­listen ver­folgt, ist dop­pel­deutig und scheint dabei die­selbe Frage auf­zu­werfen, die Susan Son­tags Essay „Das Leiden anderer betrachten“ stellte: Wird der Kriegs­be­richt­erstatter, einer sol­chen dra­ma­ti­schen Situa­tion wie dem Krieg aus­ge­setzt, nicht durch die Beob­ach­tung und Refle­xion des Gesche­hens selbst zum aktiven Teil­nehmer des Gesche­hens, ja zum Mit­täter? Die aktive Rolle der Medien im Krieg wird implizit kri­ti­siert, als Vuk dem Jour­na­listen die Schuld für den nun aus­ge­bro­chenen Krieg im Ghetto zuweist:

„Du bist der­je­nige, der schuldig ist, aber das macht nichts. […] In den Worten des jungen Mannes fühlte Luka Kvi­džik weder Ver­ur­tei­lung noch Vor­wurf. Bloße Fest­stel­lung und nackte Deduk­tion. Aller­dings auf einem sehr pri­mi­tiven Niveau.“

Aus dem Ghetto befreit, begegnet Vuk schließ­lich auf der anderen Seite der Mauer einer geklonten Gesell­schaft, die auf­grund der öko­lo­gi­schen Kata­strophe unter der Erd­ober­fläche leben muss. Aber auch diese fort­schritt­liche Gesell­schaft kann die Pro­bleme der kon­flikt­rei­chen Region nicht lösen: das Ghetto wurde erschaffen, um eine maligne Gegend aus dem Körper der Union her­aus­zu­schneiden, anstatt sie zu inte­grieren und so viel­leicht eine Bes­se­rung der Lage her­bei­zu­führen. Ledig­lich wenige Öff­nungen wurden in die Mauer ein­ge­lassen und ermög­li­chen den Zugang für huma­ni­täre Hilfe in die umzäunte Region. Ein pla­ka­tiver Hin­weis auf die Zustände in BiH wäh­rend des Krieges, als huma­ni­täre Hilfe die bela­gerten Städte nur unter erschwerten Bedin­gungen errei­chen konnte. Aber auch Hin­weis auf den post-Day­ton­schen Zustand BiHs – eines in Rei­se­frei­heit und Wirt­schafts­be­zie­hungen iso­lierten Aus­nah­me­ge­biets mitten in Europa.
Der nega­tive Stel­len­wert des Ghettos wird im Roman schließ­lich am Prot­ago­nisten umge­kehrt: Wäh­rend die fort­schritt­liche und scheinbar befrie­dete und zivi­li­sierte Welt außer­halb der Mauer sein Gefängnis und seinen Unter­gang bedeuten würden, ver­schafft ihm das Ghetto trotz des täg­li­chen Kampfes ums Über­leben seine eigent­liche Frei­heit. In der Figur Vuks behält BiH die mora­li­sche Ober­hand in einer letzt­lich uner­träg­li­chen äußeren Situation.

Der Roman Vuk von Veselin Gatalo ist eine Alle­gorie auf die innen- und außen­po­li­ti­schen Ver­hält­nisse in seiner Heimat, die den Autor dazu ver­an­lasst haben, eine anti-uto­pi­sche Vision der Zukunft zu ent­wi­ckeln. Gatalo stellt im Roman die „Frage der Schuld“ auf eine neue Weise und ver­strickt sich dabei nicht in natio­nale Stand­punkte, poli­ti­sche Motive und his­to­rio­gra­phi­sche Ana­lysen über den Krieg der neun­ziger Jahre. Mög­li­cher­weise erfreut sich der Roman auch aus diesem Grund zuneh­menden Erfolges bei einer über­eth­ni­schen Leser­schaft in Ser­bien, Kroa­tien und Bos­nien- und Herzegowina.

 

Vri­jeme mesin­ganih perli, 1998.
Amore al primo Binocolo, 2000.
Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo, 2004.
Rambo, Drumski i onaj treći, 2005.
Ja sam pas… i zovem se Sal­va­tore, 2005.
Kme­zavi nared­nici, 2006.
Geto, 2007.
Cafe Oxygen, 2007.
Priče za nemirnu noć, 2008.
Polja čeme­rike, 2008.
Vuk, 2009.
Salika s uspo­menom
, 2009.