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Big brothers and sisters are watching you – oder die Abwesenheit des Privaten

Posted on 13. Februar 2017 by Irine Beridze
Alissa Ganijewa nimmt in ihrem zweiten Roman "Eine Liebe im Kaukasus" ("Ženich i nevesta") das postsowjetische Dorf im Kaukasus unter die Lupe und schildert beeindruckend die fundamentale Veränderung der kulturellen, religiösen und sozialen Werte der dagestanischen Gesellschaft.

Alissa Ganijewa nimmt in ihrem zweiten Roman „Eine Liebe im Kaukasus“ („Ženich i nevesta“) das postsowjetische Dorf im Kaukasus unter die Lupe und schildert beeindruckend die fundamentale Veränderung der kulturellen, religiösen und sozialen Werte der dagestanischen Gesellschaft.

 

Das Cover der deutschsprachigen Ausgabe des zweiten Romans von Alisa Ganieva zeigt eine Fotografie von Thomas Dworzak. Im Hintergrund das Kaspische Meer. In der Bildmitte ist zwischen zwei mit dem Rücken zum Betrachter stehenden Frauen eine dritte Frauengestalt zu erkennen. Die Frauen am Strand tragen Kopftücher und sind konservativ gekleidet. Die ein Stück weit jünger wirkende Frau im Wasser hingegen trägt einen Bikini und eine schwarze Sonnenbrille und zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man kann sich den spöttischen Gesichtsausdruck der beiden Damen nur zu gut vorstellen. Nichts könnte die gespaltene Gesellschaft Dagestans, die im Fokus des Romans Eine Liebe im Kaukasus (Ženich i nevesta) von Alisa Ganieva steht, besser illustrieren.

 

Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt der Roman der jungen russischsprachigen Autorin aus Machatschkala über das Leben in einem kleinen Dorf im Kaukasus. Zwei Handlungsstränge erlauben dem Leser sowohl eine fast intime Nähe zu Figuren als auch einen eher distanzierten Blick auf das Erzählte. Die Protagonisten Marat und Petja werden als Romeo und Julia von Dagestan stilisiert. Wegen des örtlichen Oligarchen Halilbek sind die Eltern des Paares verfeindet. Marat und Petja sind hochgebildet, arbeiten in Moskau, wo die dagestanische Herkunft immer noch exotisiert wird, und lernen sich zufällig in ihrem Heimatdorf kennen. Die Eltern beider Protagonisten wünschen sich nur eins – die Kinder so bald wie möglich zu verheiraten. Die Absurdität dieses Vorhabens wird noch weiter zugespitzt: Es stellt sich heraus, dass Marats Eltern sogar schon den Hochzeitssaal für einen festen Termin reserviert haben, obwohl die Braut noch nicht ausgewählt wurde.

 

Ganieva arbeitet mit aller Deutlichkeit heraus, dass die dagestanische Gesellschaft extrem auf das Heiraten fixiert und dass Heiraten beileibe keine individuelle Entscheidung ist. Den jungen Menschen wird keine Privatsphäre gegönnt. Die Genderfrage macht hier keinen großen Unterschied. Sowohl die Mädchen als auch die jungen Männer stehen unten dem starken Einfluss der Mütter, die nur das Ziel haben, die Kinder möglichst schnell und lukrativ zu verheiraten: „Hochzeitsgeschäfte auf Schritt und Tritt. Boutiquen europäischer Designer, Zentren islamischer Brautmode, Krinolinen, Schleppe, Tüllschleier, Pelzkolliers, exklusive Kollektionen… Plakate Saalvermietung für die Brautwerbung, (…) Werbung für angesagte Schönheitssalons mit Spezialprogrammen für Bräute, Augenbrauen-Threading, Revitalisierung der Haut, Laserepilation des Intimbereichs… Alle tun nichts anderes als heiraten, heiraten und nochmals heiraten. Als gäbe es keine andere Beschäftigung.“

 

Irrationalität und Aberglauben sind die Drogen, die den Dorfbewohnern das Leben erträglicher machen. Es ist viel einfacher, an heilige Mächte oder an die höheren Kräfte des Dorfoligarchen Halilbek zu glauben, als die Wirklichkeit in ihrer ganzen Brutalität anzuerkennen. Als Russik – die Außenseiterfigur schlechthin und der Freund von Marat – von den Dorfbewohnern getötet wird, breitet sich im Dorf das Gerücht aus, dass er als Strafe für seine blasphemischen Äußerungen vom Blitz getroffen worden sei. Man nimmt es hin und stellt keine weitere Fragen, um die vermeintliche Normalität des dörflichen Lebens wieder herstellen zu können. Außerdem steht ja auch schon die nächste Hochzeit an!

 

Durch den Perspektivwechsel zwischen Ich-Erzählerin und allwissendem Erzähler wird der unmittelbare Wandel, der die vertraute dörfliche Ordnung langsam durchbricht, immer deutlicher erkennbar. Dabei entsteht das Gefühl, dass die Veränderungen und die fundamentalen gesellschaftlichen Umbrüche erst noch anstehen. Die Spaltung der dörflichen Gesellschaft nimmt im Roman eine weitere Dimension an, wenn es um Religion geht. Die religiösen Gruppen, die Außenstehende den Wahhabiten zuordnen, finden in der Moschee ihre Zuflucht, obwohl es auch innerhalb dieser oppositionell gestimmten Gruppe Konflikte gibt. Überhaupt lässt sich dort ein wichtiger Wandel beobachten: Die Religiosität des Einzelnen hat einen höchst politischen Charakter. Glaube wird automatisch mit Terrorismus gleichgesetzt, Frauen im Niqab werden argwöhnisch beäugt und erwecken bei den Nachbarn großes Misstrauen.

 

Marat und Petja dürfen schließlich doch heiraten. Die beiden Familien und das Dorf müssen die Entscheidung des hartnäckigen Paares letztendlich akzeptieren. Doch das größte Unglück lauert noch auf das Brautpaar – Marat wird entführt. In der Schlussszene entflieht Petja Richtung Meer. Doch es handelt sich nicht um eine einfache Flucht mit einem romantischen Sonnenuntergang und dem üblichen Möwengeschrei im Hintergrund. Es ist viel mehr: Petja bricht aus dem Vakuum aus, in dem sie verzweifelt nach Luft schnappt. Mit großer Eindringlichkeit nehmen hier die Leser wahr, wie die Luft in ihrem Zimmer am Tag ihrer Hochzeit, nach dem mysteriösen Verschwinden ihres Geliebten Marat, immer dicker wird. Ihr bleibt nur die Flucht, und wohin, wenn nicht zum kaspischen Meer: „Endlich ruckte der Zug an, und die Siedlung glitt langsam zur Seite. Und das Meer kam immer näher, immer näher. (…) In der Ferne wanderte eine weibliche Gestalt am Ufer entlang, knietief im Wasser, den Saum ihres unförmigen Kleides eintauchend. (…) Alles war so gut, dass es gar nicht besser sein konnte. In einem Punkt beschlossen.“

 

Das Meer ist eine der Schlüsselmetaphern des Romans. Für die Figuren hat das Kaspische Meer eindeutig einen befreienden Charakter. Diese kathartische Wirkung evoziert den Eindruck, dass es hier um viel mehr geht als um zwei gebrochene junge Herzen. Es bleibt das Gefühl, dass Petjas Ausbruch aus diesem geschlossenen Kreis als ein erstes Anzeichen für die grundlegende gesellschaftliche Wende in Dagestan aufzufassen ist, die noch ansteht.

 

Ganijewa, Alissa: Eine Liebe im Kaukasus. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Berlin: Suhrkamp, 2016.
Ganieva, Alisa: Ženich i nevesta. Moskva: AST-EKSMO, 2015.

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Big brothers and sisters are watching you – oder die Abwesenheit des Privaten – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Unter den Linden 6
10099 Berlin

Big bro­thers and sis­ters are watching you – oder die Abwe­sen­heit des Privaten

Alissa Gani­jewa nimmt in ihrem zweiten Roman „Eine Liebe im Kau­kasus“ („Ženich i nevesta“) das post­so­wje­ti­sche Dorf im Kau­kasus unter die Lupe und schil­dert beein­dru­ckend die fun­da­men­tale Ver­än­de­rung der kul­tu­rellen, reli­giösen und sozialen Werte der dage­sta­ni­schen Gesellschaft.

 

Das Cover der deutsch­spra­chigen Aus­gabe des zweiten Romans von Alisa Ganieva [Alissa Gani­jewa] zeigt eine Foto­grafie von Thomas Dworzak. Im Hin­ter­grund das Kas­pi­sche Meer. In der Bild­mitte ist zwi­schen zwei mit dem Rücken zum Betrachter ste­henden Frauen eine dritte Frau­en­gestalt zu erkennen. Die Frauen am Strand tragen Kopf­tü­cher und sind kon­ser­vativ gekleidet. Die ein Stück weit jünger wir­kende Frau im Wasser hin­gegen trägt einen Bikini und eine schwarze Son­nen­brille und zieht die ganze Auf­merk­sam­keit auf sich. Man kann sich den spöt­ti­schen Gesichts­aus­druck der beiden Damen nur zu gut vor­stellen. Nichts könnte die gespal­tene Gesell­schaft Dage­stans, die im Fokus des Romans Eine Liebe im Kau­kasus (Ženich i nevesta) von Alisa Ganieva steht, besser illustrieren.

 

Aus zwei unter­schied­li­chen Per­spek­tiven erzählt der Roman der jungen rus­sisch­spra­chigen Autorin aus Machatschkala über das Leben in einem kleinen Dorf im Kau­kasus. Zwei Hand­lungs­stränge erlauben dem Leser sowohl eine fast intime Nähe zu Figuren als auch einen eher distan­zierten Blick auf das Erzählte. Die Prot­ago­nisten Marat und Petja werden als Romeo und Julia von Dage­stan sti­li­siert. Wegen des ört­li­chen Olig­ar­chen Hali­lbek sind die Eltern des Paares ver­feindet. Marat und Petja sind hoch­ge­bildet, arbeiten in Moskau, wo die dage­sta­ni­sche Her­kunft immer noch exo­ti­siert wird, und lernen sich zufällig in ihrem Hei­mat­dorf kennen. Die Eltern beider Prot­ago­nisten wün­schen sich nur eins – die Kinder so bald wie mög­lich zu ver­hei­raten. Die Absur­dität dieses Vor­ha­bens wird noch weiter zuge­spitzt: Es stellt sich heraus, dass Marats Eltern sogar schon den Hoch­zeits­saal für einen festen Termin reser­viert haben, obwohl die Braut noch nicht aus­ge­wählt wurde.

 

Ganieva arbeitet mit aller Deut­lich­keit heraus, dass die dage­sta­ni­sche Gesell­schaft extrem auf das Hei­raten fixiert und dass Hei­raten bei­leibe keine indi­vi­du­elle Ent­schei­dung ist. Den jungen Men­schen wird keine Pri­vat­sphäre gegönnt. Die Gen­der­frage macht hier keinen großen Unter­schied. Sowohl die Mäd­chen als auch die jungen Männer stehen unten dem starken Ein­fluss der Mütter, die nur das Ziel haben, die Kinder mög­lichst schnell und lukrativ zu ver­hei­raten: „Hoch­zeits­ge­schäfte auf Schritt und Tritt. Bou­ti­quen euro­päi­scher Desi­gner, Zen­tren isla­mi­scher Braut­mode, Kri­no­linen, Schleppe, Tüll­schleier, Pelz­kol­liers, exklu­sive Kol­lek­tionen… Pla­kate Saal­ver­mie­tung für die Braut­wer­bung, (…) Wer­bung für ange­sagte Schön­heits­sa­lons mit Spe­zi­al­pro­grammen für Bräute, Augen­brauen-Threa­ding, Revi­ta­li­sie­rung der Haut, Lasere­pi­la­tion des Intim­be­reichs… Alle tun nichts anderes als hei­raten, hei­raten und noch­mals hei­raten. Als gäbe es keine andere Beschäftigung.“

 

Irra­tio­na­lität und Aber­glauben sind die Drogen, die den Dorf­be­woh­nern das Leben erträg­li­cher machen. Es ist viel ein­fa­cher, an hei­lige Mächte oder an die höheren Kräfte des Dor­fo­li­g­ar­chen Hali­lbek zu glauben, als die Wirk­lich­keit in ihrer ganzen Bru­ta­lität anzu­er­kennen. Als Russik – die Außen­sei­ter­figur schlechthin und der Freund von Marat – von den Dorf­be­woh­nern getötet wird, breitet sich im Dorf das Gerücht aus, dass er als Strafe für seine blas­phe­mi­schen Äuße­rungen vom Blitz getroffen worden sei. Man nimmt es hin und stellt keine wei­tere Fragen, um die ver­meint­liche Nor­ma­lität des dörf­li­chen Lebens wieder her­stellen zu können. Außerdem steht ja auch schon die nächste Hoch­zeit an!

 

Durch den Per­spek­tiv­wechsel zwi­schen Ich-Erzäh­lerin und all­wis­sendem Erzähler wird der unmit­tel­bare Wandel, der die ver­traute dörf­liche Ord­nung langsam durch­bricht, immer deut­li­cher erkennbar. Dabei ent­steht das Gefühl, dass die Ver­än­de­rungen und die fun­da­men­talen gesell­schaft­li­chen Umbrüche erst noch anstehen. Die Spal­tung der dörf­li­chen Gesell­schaft nimmt im Roman eine wei­tere Dimen­sion an, wenn es um Reli­gion geht. Die reli­giösen Gruppen, die Außen­ste­hende den Wah­ha­biten zuordnen, finden in der Moschee ihre Zuflucht, obwohl es auch inner­halb dieser oppo­si­tio­nell gestimmten Gruppe Kon­flikte gibt. Über­haupt lässt sich dort ein wich­tiger Wandel beob­achten: Die Reli­gio­sität des Ein­zelnen hat einen höchst poli­ti­schen Cha­rakter. Glaube wird auto­ma­tisch mit Ter­ro­rismus gleich­ge­setzt, Frauen im Niqab werden arg­wöh­nisch beäugt und erwe­cken bei den Nach­barn großes Misstrauen.

 

Marat und Petja dürfen schließ­lich doch hei­raten. Die beiden Fami­lien und das Dorf müssen die Ent­schei­dung des hart­nä­ckigen Paares letzt­end­lich akzep­tieren. Doch das größte Unglück lauert noch auf das Braut­paar – Marat wird ent­führt. In der Schluss­szene ent­flieht Petja Rich­tung Meer. Doch es han­delt sich nicht um eine ein­fache Flucht mit einem roman­ti­schen Son­nen­un­ter­gang und dem übli­chen Möwen­ge­schrei im Hin­ter­grund. Es ist viel mehr: Petja bricht aus dem Vakuum aus, in dem sie ver­zwei­felt nach Luft schnappt. Mit großer Ein­dring­lich­keit nehmen hier die Leser wahr, wie die Luft in ihrem Zimmer am Tag ihrer Hoch­zeit, nach dem mys­te­riösen Ver­schwinden ihres Geliebten Marat, immer dicker wird. Ihr bleibt nur die Flucht, und wohin, wenn nicht zum kas­pi­schen Meer: „End­lich ruckte der Zug an, und die Sied­lung glitt langsam zur Seite. Und das Meer kam immer näher, immer näher. (…) In der Ferne wan­derte eine weib­liche Gestalt am Ufer ent­lang, knie­tief im Wasser, den Saum ihres unför­migen Kleides ein­tau­chend. (…) Alles war so gut, dass es gar nicht besser sein konnte. In einem Punkt beschlossen.“

 

Das Meer ist eine der Schlüs­sel­me­ta­phern des Romans. Für die Figuren hat das Kas­pi­sche Meer ein­deutig einen befrei­enden Cha­rakter. Diese kathar­ti­sche Wir­kung evo­ziert den Ein­druck, dass es hier um viel mehr geht als um zwei gebro­chene junge Herzen. Es bleibt das Gefühl, dass Petjas Aus­bruch aus diesem geschlos­senen Kreis als ein erstes Anzei­chen für die grund­le­gende gesell­schaft­liche Wende in Dage­stan auf­zu­fassen ist, die noch ansteht.

 

Gani­jewa, Alissa: Eine Liebe im Kau­kasus. Aus dem Rus­si­schen von Chris­tiane Körner. Berlin: Suhr­kamp, 2016.
Ganieva, Alisa: Ženich i nevesta. Moskva: AST-EKSMO, 2015.

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