Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bis dass das Brot uns scheidet – Über jugo­sla­wi­sche Berg­bauern und die nackte Ver­su­chung

“Schön­heit der Sünde” (Lepota poroka, 1986) von Živko Nikolić wurde dem Publikum in der Sek­tion „Spot­light Mon­te­negro“ auf dem 29. Film­Fes­tival Cottbus (FFC) vor­ge­führt. Die 2018 restau­rierte Ver­fil­mung aus den 1980ern bietet einen scho­nungs­losen Blick in die Ver­gan­gen­heit. Jugo­sla­wi­sche ‚Schnurr­bart­ge­sell­schaft‘ trifft auf blanke FKK.

 

Ein Mann erwischt seine Frau beim Ehe­bruch. Der ‚Tod‘-Sünde über­führt, bäckt sie ihr letztes Brot, ihr Todes­brot sozu­sagen. Ja, richtig gelesen, denn das Bizarre an der ganzen Geschichte folgt am nächsten Morgen. Schwei­gend besteigt das Noch-Ehe­paar einen scheinbar ganz bestimmten Fels­vor­sprung, beschattet von einigen schau­lus­tigen Groß­müt­ter­chen. Die Frau hat ihr langes dunkles Haar sorg­fältig geflochten, trägt schwarze Tracht. Sie ist noch jung, doch spielt das keine Rolle mehr. Ihr Mann, der ihr den ganzen Weg dicht gefolgt ist, hält einen großen knüppel-artigen Holz­hammer in seinen Händen. Am Hori­zont geht die rote Sonne auf, als die Frau sich ihrem Schicksal fügt. Nicht etwa unfrei­willig, nein, ganz bewusst, dem Brauch ergeben, plat­ziert sie den großen Laib Brot auf ihrem Kopf. Ein letzter auf­rich­tiger Blick, bevor der Hammer dumpf auf Brot und Frau ein­schlägt. Sie ist tot.

Die Szene lässt einen zuge­geben sprachlos zurück. Man fragt sich: Ist das gerade wirk­lich pas­siert? Unter­malt durch ernste, düs­tere Musik und alt­mo­disch anmu­tende Bild­qua­lität trifft der Hammer auch die Zuschau­enden.

Neue Szene. Luka und Jaglika – ein anderes Paar – sind frisch ver­hei­ratet, als sie der Ein­la­dung ihres Paten Djrodje (bzw. George, weil das moderner klingt) folgen, der an der Küste Fuß gefasst hat und vom guten Leben, den schönen Frauen und der vielen Arbeits­mög­lich­keiten schwärmt. Das tra­di­ti­ons­be­wusste Paar lebt in einer Ehe nach Vor­schrift, in der der Mann die Hosen anhat. Wenn er sie mal nicht anhat, legt er der Frau ein schwarzes Tuch über die Augen, bevor er sie besteigt. Dagegen bleibt die Gattin wie ein steifes emo­ti­ons­loses Brett liegen – so muss es sein. Das moderne Stadt­leben ist für die beiden durchaus befrem­dend. Beim Paten unter­ge­kommen, findet beson­ders Luka nicht so recht Anschluss, weder am Arbeits­platz noch in der Gesell­schaft. Djordje, der sich als dubioser Geschäfts­mann und Frau­en­held her­aus­stellt, begegnet ihnen auch immer mehr mit eigen­nüt­zigem Charme. So kommt es schließ­lich zum Supergau des patri­ar­chalen Haus­halts, die Frau muss das Geld ver­dienen, und das aus­ge­rechnet in einem FKK-Hotel. Ver­ängs­tigt von der vielen nackten Haut
arbeitet Jaglika (gespielt von Mira Furlan) als Zim­mer­mäd­chen unter son­nen­ba­denden Nudisten. Ein beson­ders auf­fäl­liger Kon­trast, da die Haus­mäd­chen im Gegen­satz zu den nackten Gästen wie Nonnen gekleidet sind. Die Hotel­an­lage ist abge­schirmt von den über­wie­gend männ­li­chen Gaf­fern. Nach anfäng­li­chen Berüh­rungs­ängsten lernt sie ein aus­län­di­sches Paar kennen, das ihr zeigt, das­sdie Sünde schön sein kann. Die drei ent­wi­ckeln ein inniges, aber vor­über­ge­hendes Ver­hältnis, das dazu führt, dass auch Jaglika ihre Hüllen
fallen lässt, wohl wis­send, wel­ches Schicksal ihr bevor­steht.

„Spot­light Mon­te­negro“ zeigte mit ins­ge­samt sieb­zehn ver­tre­tenen Filmen die land­schafts­be­dingten Gegen­sätze in der Gesell­schaft eines noch jungen Staates im Balkan. Bereits in jugo­sla­wi­schen Zeiten als Motiv von Regis­seuren wie Nikolić auf­ge­nommen, erweisen sich diese Werke heute als Fun­da­ment eines sich ent­wi­ckelnden mon­te­ne­gri­ni­schen Film­lands. Sei­ner­zeit por­trä­tierte Nikolić die Gesell­schaft auf sar­kas­tisch-schwarz­hu­mo­rige Art und Weise. Das schon etwas ältere Werk des bereits ver­stor­benen Regis­seurs über Bräuche, Reli­gion, Offen­heit, Moderne, Familie und nicht zuletzt die Liebe visua­li­siert das Auf­ein­an­der­treffen von Berg­bauern und Nudisten, streng-ortho­doxer Berg­kultur, ver­wur­zelt im Patri­ar­chat, und offener Küste, Tum­mel­platz für den Tou­rismus und seine Mit­bringsel.

Obwohl der Film viele unter­wür­fige Frauen prä­sen­tiert, ver­al­bert er umso mehr eine von Män­nern domi­nierte ‚Schnurr­bart­ge­sell­schaft‘, die sich in ihren Prin­zi­pien – zumin­dest teil­weise – selbst wider­spricht. Mit weniger roman­ti­schen Aspekten, als der Titel zunächst ver­muten lässt, wirkt er sogar in einigen Momenten leicht kit­schig, viel­leicht wegen der gele­gent­lich zu abge­hackten Dia­loge, aber auch des zu über­höhten Ein­satzes himm­li­schen Engels­ge­sangs als Begleit­musik. Den­noch bietet der Film ein eigen­ar­tiges, herz­lich scho­nungs­loses Doku­ment
einer Kul­tur­in­ter­pre­ta­tion, die sei­ner­zeit auf­grund zu offen gezeigter Erotik für Dis­kus­si­ons­stoff sorgte und – zumin­dest für prüde Gemüter – auch noch sorgen mag. Es ist ein ver­zerrter, ent­hül­lender Blick in die Ver­gan­gen­heit, in jeder Hin­sicht ein Ein­blick in eine fremd wir­kende Welt, die wegen ihrer Derb­heit doch neu­gierig macht! Niko­lićs maka­bres Ver­mächtnis war wegen seiner Frei­zü­gig­keit durchaus umstritten, ist aber eine fins­tere Retro­spek­tive, eine Ent­blö­ßung, wenn man so will, die den Zuschau­enden eine alte Geschichte aus dem neuen Mon­te­negro erzählt, das sie so noch nicht kannten.

 

Nikolić, Živko: Lepota poroka (Schöne Sünde). Jugo­sla­wien, 1986, 105 Min.