Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Spiel mit den Zeiten

Laurus. Eine post­mo­derne Hei­li­gen­vita, die auf wun­der­same Weise vom Leben und der Rela­ti­vität der Zeiten erzählt. Der erste Roman Evgenij Vodo­lazkins in deut­scher Über­set­zung erschien 2016.

 

Glauben und Aber­glauben, der stän­dige Über­le­bens­kampf mit der Natur und der all­ge­gen­wärtig lau­ernde Tod scheinen das mensch­liche Leben im Europa des 15. Jahr­hun­derts zu bestimmen. Es ist eine zer­brech­liche Welt, die sich in stän­diger Gefahr befindet, durch Sünde, Krank­heit und Tod zu zer­bersten und das Schöne, das Leben, die Liebe in das ewig dunkle Nichts hin­fort zu reißen. In diese Zeit wird Arsenij [Arseni], der Prot­ago­nist des Romans Laurus von Evgenij Vodo­lazkin, geboren und erfährt bereits in seinen frühen Kin­der­tagen von der bevor­ste­henden Apo­ka­lypse.

 

Ein klas­si­scher His­to­rien­roman?

Erzählt wird die Bio­grafie eines Wun­der­hei­lers, der mit suspekten, teil­weise aber­wit­zigen Heil­mit­teln und Rat­schlägen den lei­denden Men­schen Lin­de­rung ver­schafft und durch fast schon sui­zi­dale Selbst­kas­teiung zu einem lebenden Hei­ligen sti­li­siert wird. Mit der kom­po­si­to­ri­schen Ein­tei­lung des Romans in ver­schie­dene Bücher, die jeweils bestimmte Phasen im Leben des Prot­ago­nisten schil­dern, greift Vodo­lazkin auf for­male Aspekte des mit­tel­al­ter­li­chen Genres der Hei­li­gen­vita, der soge­nannten Hagio­gra­phie, zurück. Mit­hilfe des Prot­ago­nisten wird der Alltag der euro­päi­schen Kultur des Spät­mit­tel­al­ters facet­ten­reich und in seiner inneren Logik glaub­haft insze­niert. Ein klas­si­scher His­to­rien­roman in Sujet und Form, könnte man annehmen. Mit­nichten! Laurus spielt mit sol­chen Kon­ven­tionen. Das gleich­zei­tige Ein­be­ziehen unter­schied­li­cher Epo­chen, durch Pro­phe­zei­ungen wie bei­spiels­weise über die Ent­de­ckung Ame­rikas, lässt die Epo­chen und Jahr­hun­derte mit­ein­ander ver­schmelzen. Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft werden zu einem mehr­di­men­sio­nalen Netz ver­flochten, wodurch gerad­linig ver­lau­fende und con­tai­ner­hafte Vor­stel­lungen zeit­li­cher Epo­chen über­wunden werden. Der Autor selbst bezeichnet seinen Roman als einen „ahis­to­ri­schen“, denn er eman­zi­piert sich gegen­über der Zeit.

 

Sprache als Spei­cher der Zeiten

Auf exem­pla­ri­sche Weise bedient sich Vodo­lazkin des Phä­no­mens, dass sich Zeit in den Wort­schatz der Sprache ein­schreibt. Die Gegen­warts­sprache des Autors geht mit Zitaten aus his­to­ri­schen Quellen – wie bei­spiels­weise mit­tel­al­ter­li­chen Geset­zes­texten, reli­giösen Schriften, Hagio­gra­phien, Chro­niken – und sowje­ti­schem Voka­bular eine sti­lis­ti­sche Sym­biose ein. Ver­wir­rend aller­dings ist, dass man sich beim Layout dazu ent­schlossen hat, Zitate aus mit­tel­al­ter­li­chen Quellen kursiv abzu­dru­cken, um den Leser*innen eine Ori­en­tie­rungs­hilfe anzu­bieten. Hat man nun aber das Nach­wort nicht vor dem Roman gelesen, erkennt man die Zitate nicht als solche und sucht erfolglos nach einer zugrun­de­lie­genden Logik. Die Ver­wen­dung von Begriffen wie „Intim­hy­giene“, „trübe Plas­tik­fla­schen“, „Rela­ti­vi­täts­theorie“ und das Wissen der Figuren, dass sie sich im „Mit­tel­alter“ befinden, wirken wie Strom­schwan­kungen, die dieses Holo­gramm einer mit­tel­al­ter­li­chen Dar­stel­lung immer wieder ver­zerren. In einem Inter­view erklärt der Autor, dass er damit die „Illu­sion der Zeit“ sichtbar machen möchte.

 

Die Summe meiner ein­zelnen Teile

Diese Stra­tegie geht auf. Nicht nur sprach­lich, son­dern auch im Auf­zeigen der ver­schie­denen Geschwin­dig­keiten der Zeit, die sich in den Inno­va­tions- und Trans­for­ma­ti­ons­pro­zessen von Arte­fakten, Prak­tiken und Denk­mus­tern mensch­li­cher Lebens­be­reiche mani­fes­tieren. Die Ent­fer­nung zwi­schen „Heute“ und „Damals“ ist nicht jene, die wir annehmen, son­dern eine rela­tive. Die Zeit zer­fällt in kleine Ein­heiten oder frag­men­ta­ri­sche Fetzen. Vodo­lazkin über­trägt diese Idee auf das bio­gra­fi­sche Kon­zept seines Prot­ago­nisten. Die an die Hagio­gra­phie ange­lehnte Ein­tei­lung des Romans wird nicht teleo­lo­gisch, son­dern frag­men­ta­risch-mosa­ik­haft verstanden:„Ich war Arseni, Ustin und Amw­rossi, und jetzt bin ich Laurus. Mein Leben wurde von vier ganz ver­schie­denen Men­schen gelebt, mit ver­schie­denen Kör­pern und ver­schie­denen Namen. […] Mein Leben gleicht einem Mosaik, es zer­fällt in ein­zelne Teile.“ Zur Mosa­ik­haf­tig­keit trägt auch die Mehr­fach­ko­die­rung des Namens Laurus bei. Namens­pa­tron des späten Arsenij ist der Hei­lige Laurus, der im Chris­tentum gemeinsam mit seinem Zwil­lings­bruder Florus am 18. August als Mär­tyrer ver­ehrt wird. An diesem Tag erhielt Arsenij die Mönchs­weihe und seinen Namen. Zugleich ist „Laurus“ auch die latei­ni­sche Bezeich­nung für den immer­grünen Lor­beer, der neben wei­teren sym­bo­li­schen Bedeu­tungen vor allem für Unsterb­lich­keit steht.

 

Das gekonnte Spiel mit den Leser*innen

vodolazkin_laurus_cover_ruVodo­lazkins beein­dru­ckender Schreib­stil ruft immer wieder Vor­ah­nungen und bestimmte Erwar­tungen hervor. Als Leser*in glaubt man, den wei­teren Ver­lauf der Hand­lung zu über­bli­cken, um dann im ent­schei­denden Moment mit einer uner­war­teten Wen­dung kon­fron­tiert zu werden. Auf­kom­menden Fragen und kurzen Zwei­feln beim Lesen – ein wohl beab­sich­tigter Effekt – wird sogleich mit Ant­worten begegnet. Aber ver­raten wird nie zu viel. Der Erzähler ergänzt Infor­ma­tionen gezielt und suk­zessiv wie in einem Puzzle, so dass die Leser*innen zugleich Ver­bün­dete, auf­merk­samer Schüler*innen und Augenzeug*innen des Gesche­hens werden. Die Hand­lung und das Leben des Prot­ago­nisten fügen sich all­mäh­lich zu einem großen Ganzen zusammen. Der Zusam­men­hang von frü­heren Bege­ben­heiten, Träumen und Visionen mit spä­teren Ereig­nissen wird erkennbar. „Wenn Arseni in den Ofen blickte, sah er dort manchmal sein eigenes Gesicht. Es war umrahmt von grauem Haar, das am Hin­ter­kopf zu einem Knoten zusam­men­ge­fasst war, und voller Falten. Trotzdem erkannte der Junge in diesem Bild sich selbst, nur viele Jahre später.“

An Glaub­haf­tig­keit gewinnt der Roman auch durch einen grund­sätz­lich sach­lich-nüch­ternen Erzähl­stil, durch den die reli­giöse und aber­gläu­bi­sche Welt­vor­stel­lung als ernst zu neh­mende Rea­lität des dama­ligen Russ­land erscheint und nicht iro­nisch in Zweifel gezogen wird. Erstaun­lich ist, wie die pro­sai­sche und sehr struk­tu­rierte Erzähl­weise Vodo­lazkins die Emo­tionen und Gedanken der Figuren nicht nur beschreibt, son­dern auch anhand von Kör­per­hal­tung und Ver­hal­tens­weisen meis­ter­haft in Szene setzt. Dadurch ent­steht immer wieder hohe sze­ni­sche und räum­liche Plas­ti­zität.

 

Die pro­fes­sio­nellen Spieler*innen

Laurus ist der zweite Roman Evgenij Vodo­lazkins, der, 1964 in Kiew geboren, seit 1990 als Wis­sen­schaftler und Spe­zia­list für alt­rus­si­sche Lite­ratur am Institut für Rus­si­sche Lite­ratur der Aka­demie der Wis­sen­schaften (dem berühmten „Puškin-Haus“) in Sankt Peters­burg arbeitet. Auch als Autor ist der aus­ge­wie­sene Mit­tel­al­ter­spe­zia­list seit einigen Jahren sehr erfolg­reich, was zahl­reiche Preise und Über­set­zungen, dar­unter auch die deut­sche Über­set­zung seines Romans Laurus beim Zür­cher Dör­le­mann Verlag, zeigen.

Olga Radetz­kaja, Über­set­zerin und Redak­teurin der Zeit­schrift Ost­eu­ropa, hat sich der Her­aus­for­de­rung gestellt, diesen sti­lis­tisch hoch­kom­plexen Roman für eine deutsch­spra­chige Leser­schaft zu rekon­stru­ieren. Text­stellen, die aus mit­tel­al­ter­li­chen rus­si­schen Quellen zitiert wurden, werden durch deut­sche Ent­spre­chungen vor allem aus früh­neu­hoch­deut­schen Texten des 16. Jahr­hun­derts ersetzt. Um im Deut­schen eine dem rus­si­schen Ori­ginal äqui­va­lente Wir­kung und Stim­mung zu erzeugen, nutzt sie Zitate aus den Werken von Martin Luther, Hans Sachs, Sebas­tian Brant, Andreas Gry­phius, Erhard Hegen­wald und Bern­hard von Brei­den­bach.

Die Les­arten von Laurus sind viel­fältig und es bleibt jedem*r Leser*in selbst über­lassen, wie er*sie diesen Roman liest: als His­to­rien­roman oder post­mo­derne Hagio­grafie, als Saga oder Pro­phe­zeiung. In jedem Fall sollte nicht unbe­rück­sich­tigt bleiben, dass es ein zeit­ge­nös­si­scher Roman ist, der eine gegen­warts­be­zo­gene Betrach­tung nicht nur zulässt, son­dern for­dert. Auch unsere heu­tige Welt mit ihrer relativ sta­bilen Lebens­ord­nung befindet sich in stän­diger Bedro­hung, durch neuen Aber­glauben oder Fana­tismus in eine Insta­bi­lität mit­tel­al­ter­li­cher Prä­gung abzu­driften. In diesem Sinne kann Laurus auch als Appell an Tole­ranz und Ver­ant­wor­tung jedes ein­zelnen Men­schen gelesen werden, die nicht an schein­baren kul­tu­rellen Grenzen enden sollten.

In jedem Fall wird Vodo­lazkins Laurus zu einer wahr­haft wun­der­samen Lese­reise, bei der nur von einem abzu­raten wäre: die obskuren Heil­mittel und frag­wür­digen medi­zi­ni­schen Rat­schläge Arsenijs in die Tat umzu­setzen.

 

Lite­ratur:
Vodo­lazkin, Evgenij: Laurus. Aus dem Rus­si­schen von Olga Radetz­kaja. Zürich: Dör­le­mann Verlag, 2016.
Vodo­lazkin, Evgenij: Lavr. Neis­to­ri­ceskij roman. Moskva: Astrel’, 2012.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Vach­edin, Dmitry: Evgenij Vodo­lazkin: „Ich spüre in Russ­land eine neue Energie“. Bei­trag in: Russia beyond the head­lines. Russ­land und Deutsch­land.

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