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Von Hamstern, Lebensweisheiten und Mädchenherzen

Posted on 24. Mai 2012 by Alexander Boger
Kennen Sie einen Familienvater, Blogger und Klempner aus Lettland, der urkomische Bücher schreibt? Nein?! Dann sei Ihnen das neueste deutlich autobiographische Werk von Slava Sė "Santechnik, ego kot, žena i drugie podrobnosti" ans Herz gelegt. Vjačeslav Soldatenko alias Slava Sė – das Pseudonym setzt sich aus der Koseform zum Vornamen und dem ersten Laut des Familiennamens zusammen – schreibt, lebt und arbeitet in Riga.

Slava Sės Bloggeschichtensammlung Der Klempner, sein Kater, seine Frau und weitere Einzelheiten

Kennen Sie einen Familienvater, Blogger und Klempner aus Lettland, der urkomische Bücher schreibt? Nein?! Dann sei Ihnen das neueste deutlich autobiographische Werk von Slava Sė Santechnik, ego kot, žena i drugie podrobnosti ans Herz gelegt.
Vjačeslav Soldatenko alias Slava Sė – das Pseudonym setzt sich aus der Koseform zum Vornamen und dem ersten Laut des Familiennamens zusammen – schreibt, lebt und arbeitet in Riga. Dort kam er 1969 zur Welt, belästigte etwas später die Professoren der Hochschule für Praktische Psychologie mit seinen Weisheiten und machte schließlich seinen Abschluss als Psychologe. Danach arbeitete er bei einer Firma für Personalrekrutierung, stieg zum Direktor einer Marketingagentur auf und schaffte schließlich den ‚Karrieresprung‘ zum Klempner. Selbige verdienen nämlich „nicht weniger als ein Marketing-Direktor, brauchen nur vier Stunden am Tag zu arbeiten und können sich freinehmen, wann sie wollen“, so Soldatenko in einem Interview. Seine Frau nahm diesen Karrierewechsel weniger gelassen auf und verließ den frischgebackenen Handwerker, der seitdem viel mehr Zeit hat sich als Blogger einen Namen zu machen. Slavas ‚Tagebuch-Geschichten‘ im Live Journal auf pesen-net erfreuten sich bald solcher Beliebtheit, dass der Verlag Astrel‘ ihm anbot, ein Buch aus diesen Einträgen zusammenzustellen. Von der 2010 erschienenen Kurzgeschichtensammlung Der Klempner, sein Kater, seine Frau und weitere Einzelheiten wurden auf Anhieb über 100.000 Exemplare verkauft. Den Gitarre spielenden Vater von zwei Töchtern kürten sie, ebenfalls 2010, zum beliebtesten Journalisten der Internetplattform Imchonet.
Santechnik, ego kot, žena i drugie podrobnosti besteht aus insgesamt 102 Kurzgeschichten, jeweils eingeleitet durch eine Zeichnung, die ein inhaltliches Moment der nachfolgenden Erzählung aufgreift und an Stelle einer Überschrift steht. Gäbe es diese, müssten sie in etwa lauten: „Den Kater lieben lernen“, „Oma Galja und die Soldaten“, „Sex mit zwölf Jahren“ oder „Aus dem Leben eines Hamsterverstehers“. Zu den Hauptfiguren der Erzählsammlung gehören dabei Slavas Frau Ljusja Nezabudkina sowie die kleinen Töchter Ljalja und Maša, aber auch seine Freunde, Bekannten und Kollegen. Der Erzähler Slava Sė weist dabei zwar eindeutige Parallelen zum Autor auf, gibt sich aber nicht eindeutig als dieser zu erkennen. Nahezu allen Geschichten ist eine präsente Erzählerfigur gemeinsam, die von ihren Erlebnissen und Abenteuern berichtet. Dabei gelingt es dem Erzähler auch aus normalen Alltagssituationen, die jeder nachempfinden kann, ein kurzweiliges Lesevergnügen zu bereiten. Die Aufmachung und Zeichnungen des kleinformatigen Büchleins muten zunächst kindisch an, Inhalt und Erzählweise sind es aber keineswegs. Unter der comic-artigen Oberfläche verbergen sich sarkastischer Humor, eine handfeste Ausdrucksweise und ‚Kurz-Philosophien‘ über Beziehungsprobleme, Kindererziehung oder Freizeitgestaltung, die eindeutig an Erwachsene gerichtet sind. Außerdem finden sich Verweise auf klassische Literatur und Musik – gerichtet an den anspruchsvollen Bildungsbürger. Zu den Eigenheiten seines Stils gehört auch, dass Slava Wörtern eine neue Bedeutung verleiht: seine Quasi-Neologismen – das Wort an sich ist nicht neu, bekommt aber eine neue Semantik durch den Kontext – verleihen dem prägnanten Stil semantische Tiefe und Wiedererkennungswert. Aber lassen wir das Werk selbst für sich sprechen, hier ein Auszug aus einer der Kurzgeschichten:

„Maša traf einen Hamster. Einsam, wunderschön wie Jonny Depp und genau so nützlich im Haushalt. Er überquerte die Straße unter Lebensgefahr. Mittlere Größe, brünett, traurige Augen, ledig. Gehetzt, unverstanden und offensichtlich bereits entschlossen als rosa Fleckchen auf einem Lkw-Reifen davonzueilen. Aber, er traf Maša.
Wie soll man euch bloß ein Mädchenherz erklären? Also, über die Straße kriecht Johnny Depp. Nüchtern, unglücklich, flauschig. Würden Sie ihn nicht nach Hause mitnehmen? Ich – auf keinen Fall!
Und jetzt wohnt er bei uns im Schrank, in einer Schüssel. Bevorzugt Brot, Salat und ein bisschen Toilettenpapier zum Nachtisch. Sehr gute Manieren.
Der Kater dachte zuerst, den hätten wir für ihn gebracht. Schaute uns an mit Verwunderung und Dankbarkeit. Er wünschte sich seit seiner Kindheit Hamsterfleisch. Man brachte ihm schließlich selten genug chinesisches Essen aus dem Restaurant: Vögel, Frösche, Hamster.
Dem Kater wurde es mit der Zeitung ‚um die Ohren‘ erklärt: Hamster sind unsere Freunde  – nicht bloß Fette und Vitamine! Jetzt denkt der Arme, dass wir vollkommene Idioten sind. Heute fressen wir keine Hamster, morgen befreunden wir uns mit der Pizza, küssen die Wurst auf die Nase und bald darauf heiraten wir das Butterbrot. “
(Übersetzung A. Boger)

 

Vjačeslav Soldatenkos Blog-Geschichten sind eine empfehlenswerte Lektüre für zwischendurch – zur Entspannung vom eigenen Alltag und von schwer verdaulicher Lesekost: sie sind zum Umfallen komisch, prägnant und schlagkräftig erzählt – kurzum ein Lesevergnügen.

 

Santechnik, ego kot, žena i drugie podrobnosti, bisher nur auf Russisch erschienen im Astrel‘-Verlag, Moskau 2010
Eva, Kurzgeschichten und eine Novelle, Astrel‘-Verlag, Moskau 2011

 

Von Hamstern, Lebensweisheiten und Mädchenherzen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Hams­tern, Lebens­weis­heiten und Mädchenherzen

Slava Sės Blog­ge­schich­ten­samm­lung Der Klempner, sein Kater, seine Frau und wei­tere Einzelheiten

Kennen Sie einen Fami­li­en­vater, Blogger und Klempner aus Lett­land, der urko­mi­sche Bücher schreibt? Nein?! Dann sei Ihnen das neu­este deut­lich auto­bio­gra­phi­sche Werk von Slava Sė San­technik, ego kot, žena i drugie pod­robnosti ans Herz gelegt.
Vjačeslav Sol­da­tenko alias Slava Sė – das Pseud­onym setzt sich aus der Kose­form zum Vor­namen und dem ersten Laut des Fami­li­en­na­mens zusammen – schreibt, lebt und arbeitet in Riga. Dort kam er 1969 zur Welt, beläs­tigte etwas später die Pro­fes­soren der Hoch­schule für Prak­ti­sche Psy­cho­logie mit seinen Weis­heiten und machte schließ­lich seinen Abschluss als Psy­cho­loge. Danach arbei­tete er bei einer Firma für Per­so­nal­re­kru­tie­rung, stieg zum Direktor einer Mar­ke­ting­agentur auf und schaffte schließ­lich den ‚Kar­rie­re­sprung‘ zum Klempner. Sel­bige ver­dienen näm­lich „nicht weniger als ein Mar­ke­ting-Direktor, brau­chen nur vier Stunden am Tag zu arbeiten und können sich frei­nehmen, wann sie wollen“, so Sol­da­tenko in einem Inter­view. Seine Frau nahm diesen Kar­rie­re­wechsel weniger gelassen auf und ver­ließ den frisch­ge­ba­ckenen Hand­werker, der seitdem viel mehr Zeit hat sich als Blogger einen Namen zu machen. Slavas ‚Tage­buch-Geschichten‘ im Live Journal auf pesen-net erfreuten sich bald sol­cher Beliebt­heit, dass der Verlag Astrel‘ ihm anbot, ein Buch aus diesen Ein­trägen zusam­men­zu­stellen. Von der 2010 erschie­nenen Kurz­ge­schich­ten­samm­lung Der Klempner, sein Kater, seine Frau und wei­tere Ein­zel­heiten wurden auf Anhieb über 100.000 Exem­plare ver­kauft. Den Gitarre spie­lenden Vater von zwei Töch­tern kürten sie, eben­falls 2010, zum belieb­testen Jour­na­listen der Inter­net­platt­form Imchonet.
San­technik, ego kot, žena i drugie pod­robnosti besteht aus ins­ge­samt 102 Kurz­ge­schichten, jeweils ein­ge­leitet durch eine Zeich­nung, die ein inhalt­li­ches Moment der nach­fol­genden Erzäh­lung auf­greift und an Stelle einer Über­schrift steht. Gäbe es diese, müssten sie in etwa lauten: „Den Kater lieben lernen“, „Oma Galja und die Sol­daten“, „Sex mit zwölf Jahren“ oder „Aus dem Leben eines Hams­ter­ver­ste­hers“. Zu den Haupt­fi­guren der Erzähl­samm­lung gehören dabei Slavas Frau Ljusja Nezabud­kina sowie die kleinen Töchter Ljalja und Maša, aber auch seine Freunde, Bekannten und Kol­legen. Der Erzähler Slava Sė weist dabei zwar ein­deu­tige Par­al­lelen zum Autor auf, gibt sich aber nicht ein­deutig als dieser zu erkennen. Nahezu allen Geschichten ist eine prä­sente Erzäh­ler­figur gemeinsam, die von ihren Erleb­nissen und Aben­teuern berichtet. Dabei gelingt es dem Erzähler auch aus nor­malen All­tags­si­tua­tionen, die jeder nach­emp­finden kann, ein kurz­wei­liges Lese­ver­gnügen zu bereiten. Die Auf­ma­chung und Zeich­nungen des klein­for­ma­tigen Büch­leins muten zunächst kin­disch an, Inhalt und Erzähl­weise sind es aber kei­nes­wegs. Unter der comic-artigen Ober­fläche ver­bergen sich sar­kas­ti­scher Humor, eine hand­feste Aus­drucks­weise und ‚Kurz-Phi­lo­so­phien‘ über Bezie­hungs­pro­bleme, Kin­der­er­zie­hung oder Frei­zeit­ge­stal­tung, die ein­deutig an Erwach­sene gerichtet sind. Außerdem finden sich Ver­weise auf klas­si­sche Lite­ratur und Musik – gerichtet an den anspruchs­vollen Bil­dungs­bürger. Zu den Eigen­heiten seines Stils gehört auch, dass Slava Wör­tern eine neue Bedeu­tung ver­leiht: seine Quasi-Neo­lo­gismen – das Wort an sich ist nicht neu, bekommt aber eine neue Semantik durch den Kon­text – ver­leihen dem prä­gnanten Stil seman­ti­sche Tiefe und Wie­der­erken­nungs­wert. Aber lassen wir das Werk selbst für sich spre­chen, hier ein Auszug aus einer der Kurzgeschichten:

„Maša traf einen Hamster. Einsam, wun­der­schön wie Jonny Depp und genau so nütz­lich im Haus­halt. Er über­querte die Straße unter Lebens­ge­fahr. Mitt­lere Größe, brü­nett, trau­rige Augen, ledig. Gehetzt, unver­standen und offen­sicht­lich bereits ent­schlossen als rosa Fleck­chen auf einem Lkw-Reifen davon­zu­eilen. Aber, er traf Maša.
Wie soll man euch bloß ein Mäd­chen­herz erklären? Also, über die Straße kriecht Johnny Depp. Nüch­tern, unglück­lich, flau­schig. Würden Sie ihn nicht nach Hause mit­nehmen? Ich – auf keinen Fall!
Und jetzt wohnt er bei uns im Schrank, in einer Schüssel. Bevor­zugt Brot, Salat und ein biss­chen Toi­let­ten­pa­pier zum Nach­tisch. Sehr gute Manieren.
Der Kater dachte zuerst, den hätten wir für ihn gebracht. Schaute uns an mit Ver­wun­de­rung und Dank­bar­keit. Er wünschte sich seit seiner Kind­heit Hams­ter­fleisch. Man brachte ihm schließ­lich selten genug chi­ne­si­sches Essen aus dem Restau­rant: Vögel, Frö­sche, Hamster.
Dem Kater wurde es mit der Zei­tung ‚um die Ohren‘ erklärt: Hamster sind unsere Freunde  – nicht bloß Fette und Vit­amine! Jetzt denkt der Arme, dass wir voll­kom­mene Idioten sind. Heute fressen wir keine Hamster, morgen befreunden wir uns mit der Pizza, küssen die Wurst auf die Nase und bald darauf hei­raten wir das Butterbrot. […]“
(Über­set­zung A. Boger)

 

Vjačeslav Sol­da­tenkos Blog-Geschichten sind eine emp­feh­lens­werte Lek­türe für zwi­schen­durch – zur Ent­span­nung vom eigenen Alltag und von schwer ver­dau­li­cher Lese­kost: sie sind zum Umfallen komisch, prä­gnant und schlag­kräftig erzählt – kurzum ein Lesevergnügen.

 

San­technik, ego kot, žena i drugie pod­robnosti, bisher nur auf Rus­sisch erschienen im Astrel‘-Verlag, Moskau 2010
Eva, Kurz­ge­schichten und eine Novelle, Astrel‘-Verlag, Moskau 2011