Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Film – ein visu­elles Museum der Revo­lu­tion

Evgenij Dobrenko ist Phi­lo­loge, Kul­tur­wis­sen­schaftler, Film­for­scher und Autor zahl­rei­cher Arbeiten zur sowje­ti­schen Kultur der Sta­lin­zeit, wie etwa: Meta­pher der Macht. Lite­ratur der sta­li­nis­ti­schen Epoche unter his­to­ri­schen Aspekten (Meta­fora vlasti. Lite­ra­tura sta­linskoj ėpochi v isto­ričeskom osveščenii, 1993), Die For­mung des sowje­ti­schen Lesers (For­movka sovets­kogo čit­atelja, engl. The Making of the State Reader: Social and Aes­thetic Con­texts of the Recep­tion of Soviet Lite­ra­ture, 1997) und Die poli­ti­sche Öko­nomie des Soz­rea­lismus (Poli­tė­ko­no­mija socrea­lizma, engl. Poli­tical Eco­nomy of Socia­list Rea­lism, 2007).

Das neue Buch von Dobrenko, das gleich­zeitig in rus­si­scher und eng­li­scher Sprache erschienen ist (der eng­li­sche Titel lautet Sta­li­nist Cinema and the Pro­duc­tion of History: Museum of the Revo­lu­tion), setzt sich mit der Reprä­sen­ta­tion von Macht im Film zur Zeit des Sta­li­nismus aus­ein­ander. Bereits in seinen frü­heren Arbeiten hatte Dobrenko eine Kon­zep­tion des Sta­li­nismus vor­ge­legt, die diesen als ein die Revo­lu­tion abschlie­ßendes poli­tisch-ästhe­ti­sches Pro­jekt auf­fasst. Das Ästhe­ti­sche tritt bei Dobrenko als ein Medium für die Ver­mitt­lung und Dar­stel­lung von sozialem und phi­lo­so­phi­schem Wissen auf.

Die Ästhe­ti­sie­rung des sta­li­nis­ti­schen Sozia­lismus vollzog sich, wie Dobrenko schon in frü­heren Arbeiten gezeigt hatte, ins­be­son­dere mit Hilfe von Lite­ratur und Film. In Museum der Revo­lu­tion ver­tieft Dobrenko nun ins­be­son­dere seine Unter­su­chung der Sozia­li­sie­rung des Films, mit der er seine Thesen zur Rolle der Lite­ratur par­tiell fort­führt. Im Kino wie schon in der Lite­ratur ent­deckt Dobrenko die Quint­essenz der tota­li­tären Epoche: Nicht zufällig waren Lite­ratur und Film die belieb­testen künst­le­ri­schen Medien der 1930er Jahre.

Bereits im Buch­titel zieht Dobrenko den Ver­gleich zwi­schen Film und Museum, welche er  als eine Form der ideo­lo­gi­schen Mon­tage begreift. Dobrenko beob­achtet, dass der Film die sta­li­nis­ti­sche Insze­nie­rung der Gegen­wart – das Spek­takel der Macht – in Geschichte kon­ver­tiert. Als sich der Sta­li­nismus, so Dobrenko, „mit der ideo­lo­gi­schen Kon­struk­tion der eigenen Legi­ti­mität und der neuen sowje­ti­schen Iden­tität mit­hilfe der Geschichte befasste, (…) stütze er sich auf das Kino, da er in dieser ‚wich­tigsten aller Künste‘, so Lenin und Stalin, die effek­tivste Form der Pro­pa­ganda und der ‚Orga­ni­sa­tion der Massen‘ sah.“

Wie Mar­shall McLuhan sieht Dobrenko das Museum im Kon­text kom­mu­ni­ka­tiver Stra­te­gien des 20. Jahr­hun­derts ver­ortet und begreift den Raum des Museums als einen ästhe­ti­schen Raum. Dabei zeigt er, dass das sta­li­nis­ti­sche Kino seinen expe­ri­men­tellen Cha­rakter in keinster Weise ver­loren hat. Wäh­rend in der Sta­lin­zeit viele bedeu­tende Schrift­steller mar­gi­na­li­siert wurden, rückten die Film­re­gis­seure hin­gegen ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit, ohne die ästhe­ti­schen Expe­ri­mente der 1920er Jahre auf­geben zu müssen: Sergej Ėjzenš­tejn, Vse­volod Pudovkin, Alek­sandr Dovženko, Gri­gorij Kozincev, Leonid Trau­berg, Michail Čiau­reli, Mark Donskoj und andere konnten ihr expe­ri­men­telles Kino in den 1930er und 1940er Jahren fort­führen und einige von ihnen wurden sogar mit dem Sta­lin­preis aus­ge­zeichnet. Dobrenko argu­men­tiert hier gegen die These des Mos­kauer Phi­lo­so­phen Valerij Podo­roga, das ideo­lo­gi­sche Poten­tial des sta­li­nis­ti­schen Kinos habe das künst­le­ri­sche Expe­ri­ment als sol­ches ver­nichtet. Dobrenko ver­steht das Kino viel­mehr als eine zugleich ideo­lo­gi­sche und ästhe­ti­sche Erschei­nung. Wie das Museum sei das Kino in der Lage gewesen, die an das sta­li­nis­ti­sche Gesamt­kunst­werk gestellten Erwar­tungen zu erfüllen. Gerade das Kino erwies sich in dieser Zeit als fähig, so ver­schie­dene künst­le­ri­sche Prak­tiken wie Lite­ratur, Theater, Musik und bil­dende Kunst zu syn­the­ti­sieren. Die syn­the­ti­sche Natur des Films war gera­dezu die Basis für Expe­ri­mente und Inno­va­tionen. Anzu­merken bleibt hier ledig­lich, dass in dieser Hin­sicht nur noch der Zirkus mit dem Kino kon­kur­rieren konnte: Nicht umsonst wurden beide nach der Revo­lu­tion von Lenin zu den wich­tigsten Künsten erklärt.
Dobrenko kon­zen­triert sich im ersten Kapitel des Buches auf die Wech­sel­be­zie­hung von Geschichte und Ästhetik: Den Film der sta­li­nis­ti­schen Epoche betrachtet er als einen Mecha­nismus zur Kon­struk­tion des poli­tisch Dar­stell­baren und als eine ideo­lo­gi­sche Instanz zur Her­vor­brin­gung von Geschichte. Einen wich­tigen Teil der Über­le­gungen Dobrenkos bilden die Thesen zu Erfah­rung und Trauma. Indem Erfah­rung und Trauma sich in ein legi­ti­mie­rendes poli­ti­sches Nar­rativ ver­wan­deln, bilden sie in der sta­li­nis­ti­schen Epoche die Quelle einer neuen Iden­tität. In gewisser Weise folgt Dobrenko in seiner Inter­pre­ta­tion von Erfah­rung Walter Ben­jamin, der den Begriff der Erfah­rung Kants natur­wis­sen­schaft­li­cher Erkenntnis gegen­über­stellte und durch eine aura­ti­sche Erfah­rung ersetzte.

Im zweiten Kapitel werden Meta­su­jets und Meta­genres des sta­li­nis­ti­schen Kinos anhand von his­to­risch-bio­gra­phi­schen Filmen wie Stepan Razin von Ivan Pravov und Ol’ga Preo­bražens­kaja, Peter I. von Vla­dimir Petrov, Georgij Saakadze von Michail Čiau­reli, Ivan Groznyj und Alek­sandr Nevskij von Sergej Ejzenš­tejn, Suvorov von Vse­volod Pudovkin und Michail Doller und vielen anderen ana­ly­siert. Der his­to­risch-bio­gra­phi­sche Film wird von Dobrenko als ein domi­nie­rendes Meta­genre beschrieben, das es erlaubte, gleich­zeitig den wider­sprüch­li­chen Kon­zepten der Masse und des Helden anzu­hängen, wobei der Held der Masse das „revo­lu­tio­näre Klas­sen­be­wusst­sein“ ver­lieh.
Im zweiten Kapitel zeigt Dobrenko zudem, wie sich der Film in Kon­kur­renz zur Lite­ratur wei­ter­ent­wi­ckelte, da er ver­suchte, den lite­ra­ri­schen Dis­kurs durch die Ver­fil­mung ‚aner­kannter‘ Klas­siker zu adap­tieren und ihn sich zu unter­werfen. So ermög­lichte das Genre der Lite­ra­tur­ver­fil­mung die Schaf­fung eines visu­ellen tota­li­tären Raumes.

Ein wei­teres Kapitel ist den Ver­fil­mungen von Maksim Gor’­kijs Roman Die Mutter (Mat’) durch Vse­volod Pudovkin im Jahre 1926 (im Ver­gleich zu den Ver­fil­mungen von Mark Donskoj 1955 und Gleb Pan­filov 1990) und von Texten von Nikolaj Gogol’, Anton Čechov und Alek­sandr Ost­rovskij gewidmet. Die lite­ra­ri­schen Ver­fil­mungen, die Dobrenko in Anleh­nung an Gri­gorij Rošal’ als ein beson­deres Ver­fahren der Arbeit mit dem Ver­gan­genen ver­steht, gaben dem Zuschauer die Mög­lich­keit, jenen ver­gan­genen Alltag zu sehen, der in den his­to­ri­schen und bio­gra­phi­schen Filmen jener Zeit fehlte. Die Ver­fil­mungen der Klas­siker (nicht nur der rus­si­schen) arbei­teten beson­ders erfolg­reich mit dem kol­lek­tiven Zuschau­er­be­wusst­sein.

Das dritte Kapitel „Muzej revo­lucii: meždu isto­riej i nas­to­jaščim“ (Museum der Revo­lu­tion: zwi­schen Geschichte und Gegen­wart) ist vor allem his­to­risch-revo­lu­tio­nären Filmen der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gewidmet, d.h. Filmen jener Periode, in der der Legi­ti­ma­ti­ons­pro­zess des sta­li­nis­ti­schen Regimes zum Abschluss kam. Zu diesen Filmen gehörten u.a. Trio­lo­gija o Mak­sime (Tri­logie über Maksim) von Gri­gorij Kozincev und Leonid Trau­berg, Dilo­gija o Lenine (Zwei­teiler über Lenin) von Michail Romm, der aus Lenin v Oktjabre (Lenin im Oktober) und Lenin v 1918 godu (Lenin im Jahre 1918) bestand, sowie Velikij Graž­danin (Der her­aus­ra­gende Bürger) von Frid­rich Ėrmler. Dobrenko unter­sucht die für die zweite Hälfte der 1930er Jahre cha­rak­te­ris­ti­sche künst­le­ri­sche Beschäf­ti­gung mit der Revo­lu­tion und die para­do­xer­weise spie­gel­ver­kehrte Trans­for­ma­tion des Revo­lu­tio­närs in einen Kon­ter­re­vo­lu­tionär.

Dobrenkos Buch eröffnet nicht nur neue theo­re­ti­sche Hori­zonte zur Erfor­schung des Films und ins­be­son­dere der Lite­ra­tur­ver­fil­mung im Sta­li­nismus, son­dern ist auch span­nend und unter­haltsam geschrieben. Dobrenko ver­steht es, grosse Mengen von Mate­rial, von lite­ra­ri­schen und fil­mi­schen Quellen so zu mon­tieren, dass er stets den kon­zep­tu­ellen Über­blick behält und das Gleich­ge­wicht zwi­schen einer ästhe­ti­schen Sicht­weise auf die Kultur einer­seits und der wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Ana­lyse ande­rer­seits nicht ver­liert.

Aus dem Rus­si­schen von Oliver Meckler.

 

Evgenij Dobrenko, Muzej Revol­jucii: Sovetskoe kino i sta­linskij isto­ričeskij nar­rativ, Moskva: NLO 2008.

Evgeny Dobrenko, Sta­li­nist Cinema and the Pro­duc­tion of History: Museum of the Revo­lu­tion, Edin­burgh: Edin­burgh Uni­ver­sity Press & New Haven, Yale Uni­ver­sity Press, 2008.

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