Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Führt uns Frau Gret­kowska an der Nase herum?

Ein Por­trait der pol­ni­schen Autorin Manuela Gret­kowska

 

„Lite­ra­tura babska – Wei­ber­li­te­ratur“, sagte meine Freundin, Polo­nis­tik­stu­dentin aus Poznań, als ich sie fragte, warum Olga Tokar­czuk auf grö­ßeres lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Inter­esse stoße als Manuela Gret­kowska. Warum Ers­tere in Deutsch­land eini­ger­maßen bekannt sei, den Namen Manuela Gret­kowska jedoch hier­zu­lande noch kaum einer gehört habe. In der pol­ni­schen Öffent­lich­keit sind schließ­lich beide Autorinnen sehr prä­sent und beide werden zur Frau­en­li­te­ratur gezählt. Meine Freundin meinte, das liege wohl an der höheren lite­ra­ri­schen Qua­lität Tokar­c­zuks. Auch daran, dass sich in Tokar­c­zuks Prosa mehr Ansatz­punkte für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Unter­su­chungen fänden. Kurz: Tokar­czuk sei mehr Künst­lerin, Gret­kowskas Prosa hin­gegen sei ober­fläch­lich und vor allem auto­bio­gra­phisch. Doch wie ich fest­stellen musste, ist es so ein­fach nicht. Manuela Gret­kowska, 1964 in Łódź geboren, wurde als Autorin der Zeit­schrift bru­lion bekannt, die der soge­nannten „bru­lion-Genera­tion“ ihren Namen gab und von enormer Wich­tig­keit für den lite­ra­ri­schen Umbruch Ende der 1980er und
Anfang der 1990er Jahre war. Um diese Zeit­schrift ver­sam­melten sich Autoren, die sich von jeg­li­chen poli­ti­schen Ideo­lo­gien und äußeren Zwängen frei machen wollten. Sie schrieben frag­men­ta­risch, pro­vi­so­risch und ästhe­tisch pro­vo­kativ, pro­pa­gierten eine zur offi­zi­ellen als auch oppo­si­tio­nellen alter­na­tive Kultur, wollten der pol­ni­schen Tra­di­tion eine eigene Stimme ent­ge­gen­setzen. Ihre Texte sind oft auto­bio­gra­phisch und the­ma­ti­sieren die eigenen exis­ten­zi­ellen Erfah­rungen. All dies und der unbe­küm­merte Umgang der bru­lion-Autoren mit den Medien brachten ihrer Lite­ratur – und auch Gret­kowska – den Vor­wurf der Ober­fläch­lich­keit, der Kom­mer­zia­li­sie­rung und des Nar­zissmus ein.

Gret­kowskas Bücher sind tat­säch­lich stark von ihren per­sön­li­chen Erfah­rungen beein­flusst und die auto­bio­gra­phi­schen Motive sind nicht zu über­sehen. An ihren Büchern, könnte man meinen, lässt sich ihr gesamter Lebensweg ablesen. In ihrem Debüt-Roman von 1991 My zdies’ emi­granty (pol­ni­sche Schreib­weise für Rus­sisch: Wir sind hier Emi­granten) beschrieb sie das Leben als Emi­grantin in Paris, wohin sie 1988 aus­ge­wan­dert war, und the­ma­ti­sierte somit die Erfah­rungen vieler junger Men­schen, die die Volks­re­pu­blik Polen zu dieser Zeit ver­ließen. Auch die fol­genden Romane Tarot Paryski (Pariser Tarot), Kabaret meta­fi­zy­czny (Das meta­phy­si­sche Kaba­rett) und Podręcznik do ludzi (Hand­buch für die Men­schen), die nach ihrer Rück­kehr nach Polen Anfang der 1990er Jahre erschienen, han­deln vom Leben in Paris. Die ersten Bücher Gret­kowskas erreichten in Polen große Auf­lagen und riefen noch grö­ßere Irri­ta­tionen hervor. Als skan­dalös wurde Gret­kowskas Offen­heit gegen­über Tabu­themen wie Sexua­lität, Weib­lich­keit und Körper emp­funden, ihre kri­ti­sche Hal­tung gegen­über Polen, aber auch ihr selbst­ver­ständ­li­ches Über­schreiten jeg­li­cher Grenzen zwi­schen „hoher Kultur“ und Popu­lär­kultur. Ihre Bücher sind sowohl formal als auch inhalt­lich eine Art Patch­work, in dem sich auto­bio­gra­phi­sche mit fik­tio­nalen und essay­is­ti­schen Ele­menten mischen, der Text mit Bil­dern und Zeich­nungen col­la­giert wird. Ihre Themen rei­chen von Erotik über Okkul­tismus und Reli­gion zu Phi­lo­so­phie und Kunst, die neben Szenen aus dem all­täg­li­chen Leben ver­han­delt werden. Die ver­schie­denen Ingre­di­en­zien werden ver­mischt, ohne einen Unter­schied zwi­schen ‚hoch‘ und ‚niedrig‘ zu machen. Ihre Sprache ist kol­lo­quial und oft vulgär. Dies sicherte der Autorin den Platz in einigen wohl­be­kannten Schub­laden, die nicht für große Lite­raten reser­viert sind: Pro­vo­ka­teurin, Skan­dal­au­torin, Femi­nistin. Ein wenig seltsam erscheint da die Läu­te­rung, die sich auf den ersten Blick in ihrem 2001 erschie­nenen Buch Polka abzeichnet. Dieses ist das Tage­buch einer Schwan­ger­schaft, augen­schein­lich ihrer eigenen Schwan­ger­schaft, heißt die Prot­ago­nistin doch Manuela, das erwar­tete Kind Pola, der Lebens­ge­fährte Piotr. Sie leben gemeinsam in Schweden und planen schließ­lich die Rück­kehr nach War­schau. Zudem schreiben Piotr und Manuela am Dreh­buch für die pol­ni­sche Fern­seh­serie Mias­teczko. Fak­tisch alles genau wie im Leben der realen Schrift­stel­lerin. Und die Medien halten sich daran, wenn sie Polka als intimes Tage­buch ver­kaufen. Aber bei genauerem Hin­schauen lässt sich nicht über­sehen, dass es sich hierbei auch um einen Roman han­delt, der gewissen Kom­po­si­ti­ons­stra­te­gien folgt, und um eine Mischung aus authen­ti­schen und fik­tio­nalen Ele­menten, die sich nicht von­ein­ander trennen lassen. Gret­kowska will durchaus, dass wir bestimmte Dinge auf sie selbst beziehen, aber im nächsten Moment macht sie sich dar­über lustig, wie leicht­gläubig wir ihre lite­ra­ri­sche Figur mit ihr selbst iden­ti­fi­zieren.

 

gretkowska_polkaDie Manuela in Polka sowie in den anderen Büchern Gret­kowskas, in wel­chen die Prot­ago­nistin ihren Namen trägt, ist nicht ein­fach mit der Schrift­stel­lerin gleich­zu­setzen. Auf die Frage „Ist die Manuela, die wir aus ihren Büchern kennen, und Piotrs Manuela ein und die­selbe Person?“ ant­wortet Manuelas Lebens­ge­fährte Piotr in Polka: „Meiner Mei­nung nach gibt es in ihren Büchern keine Manuela. Da irrt eine Cha­mä­leon-Frau herum, jemand ohne Per­sön­lich­keit, auf der Suche nach sich selbst. Ein Kind der modernen Welt.“ Gerade Polka, das als Tage­buch einer Schwan­ger­schaft beson­ders intim daher­kommt, ist ein Bei­spiel für die Selbst­in­sze­nie­rungs­taktik Gret­kowskas, die zeigt, wie leicht man sein Image in der Öffent­lich­keit mani­pu­lieren kann. Die Lebens­ge­schichte, die wir an ihren Werken ablesen können, ist nicht die der realen Schrift­stel­lerin, son­dern die der von der Schrift­stel­lerin geschaf­fenen „Manuela Gret­kowska“.

In einem Artikel von 1998 empört sich Gret­kowska dar­über, dass bekannte und zumeist skan­da­löse Künst­le­rinnen ihre Mut­ter­schaft in der Öffent­lich­keit zele­brierten und dazu benutzten, sich ein ‚mensch­li­ches‘ Image zu geben. Doch genau solch ein Image schafft sich die Autorin in Polka. Sie berichtet von der per­fekten Bezie­hung, die Nähe und Distanz ver­einen kann, von Gebor­gen­heit, Fami­li­en­glück und Ruhe, und, man glaubt es kaum, von der Sehn­sucht nach dem Hei­mat­land Polen. Alles Begriffe, die in der Öffent­lich­keit als absolut unver­einbar mit dem Namen Gret­kowska gelten. Ist das Inkon­se­quenz und Anbie­de­rung von Seiten der Autorin? Ist der Spott, den das Buch bei einigen her­vor­ge­rufen hat, ver­dient? Oder ist es nicht doch eher so, dass die Phi­lo­so­phie­ab­sol­ventin Gret­kowska mit ihrem Buch ganz bewusst gerade das voll­zieht, was sie kri­ti­siert? Schließ­lich ver­gleicht Manuela die Art, wie sie ihr noch nicht gebo­renes Kind vor­führt, selbst­iro­nisch mit der Rea­lity Show Big Bro­ther. Die eigene Distanz der Autorin gegen­über ihrem eigenen Text gebietet Vor­sicht und ver­langt, mehr­schichtig zu denken und Text und Autorin nicht zu vor­schnell ein­zu­ordnen – denn genau darauf zielt Gret­kowskas Kritik.

Der Erfolg von Polka, des ein­zigen ins Deut­sche über­setzten Buchs, und seine Nomi­nie­rung für den Lite­ra­tur­preis Nike führten tat­säch­lich dazu, dass die Autorin in einem neuen Licht erschien. Doch ist der Tage­buch­roman noch immer ein typi­sches Gret­kowska-Buch mit den typi­schen Gret­kowska-Themen, die pro­vo­zieren: Erotik, Sex und Kör­per­lich­keit, Atta­cken auf die Rol­len­kli­schees von Mann und Frau, den pol­ni­schen Lite­ratur- und Medi­en­be­trieb, die Kirche. Manuela Gret­kowska ist nach wie vor eine kon­tro­verse Erschei­nung in den Medien: Einer ihrer Artikel in der Zeit­schrift Sukces – ihre Ant­wort auf eine Beschwerde von Seiten der dama­ligen Regie­rung der Kac­zyński-Brüder bezüg­lich eines anderen von ihr ver­fassten Arti­kels – wurde auf Geheiß des Her­aus­ge­bers nach­träg­lich fein säu­ber­lich mit einem Messer aus jedem ein­zelnen Exem­plar ent­fernt.

Gret­kowska ver­steht ihre Lite­ratur sicher­lich nicht nur als post­mo­dernes Spiel mit Rea­lität und Fik­tion, son­dern sehr wohl als enga­gierte Lite­ratur. Dies wird in Polka vor allem an den vielen essay­is­ti­schen Pas­sagen deut­lich, die sich aktu­ellen poli­ti­schen und kul­tu­rellen Themen zuwenden. Die beiden als Fort­set­zung von Polka kon­zi­pierten Bücher Euro­pejka (Die Euro­päerin) und Oby­wa­telka (Die Bür­gerin) ten­dieren immer mehr zur Doku­men­ta­ri­zität: In Ers­terem geht es um den Bei­tritt Polens zur EU, in Letz­terem um die Grün­dung der Frau­en­partei in Polen. Im Jahr 2007 beschäf­tigte Gret­kowska die Medien einmal mehr aus ganz unli­te­ra­ri­schen Gründen: als Initia­torin der Bewe­gung Polska jest kobietą (Polen ist eine Frau) und Grün­derin der Frau­en­partei Partia kobiet, die bei den letzten pol­ni­schen Par­la­ments­wahlen antrat. Gerade das Image Gret­kowskas als Femi­nistin schadet wohl ihrem Ruf als Lite­ratin; aber auch dies ist wie­derum zu hin­ter­fragen.

Sicher­lich sind es die zutiefst pol­ni­schen Themen und Pro­bleme, die Gret­kowskas Lite­ratur außer­halb des Landes nicht für alle inter­es­sant macht. Außerdem lässt das häu­fige Auf­greifen des Gen­der­themas die eine oder andere Augen­braue gelang­weilt hoch wan­dern. Es irri­tiert, dass die Autorin ein wenig zu oft ihre Mei­nung direkt prä­sen­tiert und ein wenig zu sehr ihr Pri­vat­leben in der Öffent­lich­keit dar­legt. Aber die Beur­tei­lung ihrer Prosa als ober­fläch­lich und rein auto­bio­gra­phisch basiert selbst auf einer nur ober­fläch­li­chen Lek­türe. Das Gefühl bleibt, dass Frau Gret­kowska uns irgendwie an der Nase her­um­führt, dass sie genau weiß, in welche Schub­laden wir sie ste­cken und dass sie alles auch genau so plant. Und uns dann – nach der Manier: Hab ich’s doch gesagt! Ich kenn euch ganz genau! – die Zunge raus­streckt und … ein neues Buch her­aus­bringt.

 

Lite­ratur von Manuela Gret­kowska in Aus­wahl:
My zdies’ emi­granty. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1991.
Tarot Paryski. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1993.
Kabaret meta­fi­zy­czny. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1994.
Podręcznik do ludzi. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1996.
Polka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2001.
Euro­pejka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2004.
Oby­wa­telka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2008.

 

auf Deutsch:
Polka. Aus dem Pol­ni­schen von Pau­lina Schulz. Mün­chen: dtv 2004.

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