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Führt uns Frau Gretkowska an der Nase herum?

Posted on 15. Dezember 2010 by Laura Burlon
2. Preis im novinki-Wettbewerb - für das originellste Autorenportrait! „Literatura babska – Weiberliteratur“, sagte meine Freundin, Polonistikstudentin aus Poznań, als ich sie fragte, warum Olga Tokarczuk auf größeres literaturwissenschaftliches Interesse stoße als Manuela Gretkowska. Warum Erstere in Deutschland einigermaßen bekannt sei, den Namen Manuela Gretkowska jedoch hierzulande noch kaum einer gehört habe. In der polnischen Öffentlichkeit sind schließlich beide Autorinnen sehr präsent und beide werden zur Frauenliteratur gezählt.

Ein Portrait der polnischen Autorin Manuela Gretkowska

 

„Literatura babska – Weiberliteratur“, sagte meine Freundin, Polonistikstudentin aus Poznań, als ich sie fragte, warum Olga Tokarczuk auf größeres literaturwissenschaftliches Interesse stoße als Manuela Gretkowska. Warum Erstere in Deutschland einigermaßen bekannt sei, den Namen Manuela Gretkowska jedoch hierzulande noch kaum einer gehört habe. In der polnischen Öffentlichkeit sind schließlich beide Autorinnen sehr präsent und beide werden zur Frauenliteratur gezählt. Meine Freundin meinte, das liege wohl an der höheren literarischen Qualität Tokarczuks. Auch daran, dass sich in Tokarczuks Prosa mehr Ansatzpunkte für literaturwissenschaftliche Untersuchungen fänden. Kurz: Tokarczuk sei mehr Künstlerin, Gretkowskas Prosa hingegen sei oberflächlich und vor allem autobiographisch. Doch wie ich feststellen musste, ist es so einfach nicht. Manuela Gretkowska, 1964 in Łódź geboren, wurde als Autorin der Zeitschrift brulion bekannt, die der sogenannten „brulion-Generation“ ihren Namen gab und von enormer Wichtigkeit für den literarischen Umbruch Ende der 1980er und
Anfang der 1990er Jahre war. Um diese Zeitschrift versammelten sich Autoren, die sich von jeglichen politischen Ideologien und äußeren Zwängen frei machen wollten. Sie schrieben fragmentarisch, provisorisch und ästhetisch provokativ, propagierten eine zur offiziellen als auch oppositionellen alternative Kultur, wollten der polnischen Tradition eine eigene Stimme entgegensetzen. Ihre Texte sind oft autobiographisch und thematisieren die eigenen existenziellen Erfahrungen. All dies und der unbekümmerte Umgang der brulion-Autoren mit den Medien brachten ihrer Literatur – und auch Gretkowska – den Vorwurf der Oberflächlichkeit, der Kommerzialisierung und des Narzissmus ein.

Gretkowskas Bücher sind tatsächlich stark von ihren persönlichen Erfahrungen beeinflusst und die autobiographischen Motive sind nicht zu übersehen. An ihren Büchern, könnte man meinen, lässt sich ihr gesamter Lebensweg ablesen. In ihrem Debüt-Roman von 1991 My zdies’ emigranty (polnische Schreibweise für Russisch: Wir sind hier Emigranten) beschrieb sie das Leben als Emigrantin in Paris, wohin sie 1988 ausgewandert war, und thematisierte somit die Erfahrungen vieler junger Menschen, die die Volksrepublik Polen zu dieser Zeit verließen. Auch die folgenden Romane Tarot Paryski (Pariser Tarot), Kabaret metafizyczny (Das metaphysische Kabarett) und Podręcznik do ludzi (Handbuch für die Menschen), die nach ihrer Rückkehr nach Polen Anfang der 1990er Jahre erschienen, handeln vom Leben in Paris. Die ersten Bücher Gretkowskas erreichten in Polen große Auflagen und riefen noch größere Irritationen hervor. Als skandalös wurde Gretkowskas Offenheit gegenüber Tabuthemen wie Sexualität, Weiblichkeit und Körper empfunden, ihre kritische Haltung gegenüber Polen, aber auch ihr selbstverständliches Überschreiten jeglicher Grenzen zwischen „hoher Kultur“ und Populärkultur. Ihre Bücher sind sowohl formal als auch inhaltlich eine Art Patchwork, in dem sich autobiographische mit fiktionalen und essayistischen Elementen mischen, der Text mit Bildern und Zeichnungen collagiert wird. Ihre Themen reichen von Erotik über Okkultismus und Religion zu Philosophie und Kunst, die neben Szenen aus dem alltäglichen Leben verhandelt werden. Die verschiedenen Ingredienzien werden vermischt, ohne einen Unterschied zwischen ‚hoch‘ und ,niedrig‘ zu machen. Ihre Sprache ist kolloquial und oft vulgär. Dies sicherte der Autorin den Platz in einigen wohlbekannten Schubladen, die nicht für große Literaten reserviert sind: Provokateurin, Skandalautorin, Feministin. Ein wenig seltsam erscheint da die Läuterung, die sich auf den ersten Blick in ihrem 2001 erschienenen Buch Polka abzeichnet. Dieses ist das Tagebuch einer Schwangerschaft, augenscheinlich ihrer eigenen Schwangerschaft, heißt die Protagonistin doch Manuela, das erwartete Kind Pola, der Lebensgefährte Piotr. Sie leben gemeinsam in Schweden und planen schließlich die Rückkehr nach Warschau. Zudem schreiben Piotr und Manuela am Drehbuch für die polnische Fernsehserie Miasteczko. Faktisch alles genau wie im Leben der realen Schriftstellerin. Und die Medien halten sich daran, wenn sie Polka als intimes Tagebuch verkaufen. Aber bei genauerem Hinschauen lässt sich nicht übersehen, dass es sich hierbei auch um einen Roman handelt, der gewissen Kompositionsstrategien folgt, und um eine Mischung aus authentischen und fiktionalen Elementen, die sich nicht voneinander trennen lassen. Gretkowska will durchaus, dass wir bestimmte Dinge auf sie selbst beziehen, aber im nächsten Moment macht sie sich darüber lustig, wie leichtgläubig wir ihre literarische Figur mit ihr selbst identifizieren.

 

gretkowska_polkaDie Manuela in Polka sowie in den anderen Büchern Gretkowskas, in welchen die Protagonistin ihren Namen trägt, ist nicht einfach mit der Schriftstellerin gleichzusetzen. Auf die Frage „Ist die Manuela, die wir aus ihren Büchern kennen, und Piotrs Manuela ein und dieselbe Person?“ antwortet Manuelas Lebensgefährte Piotr in Polka: „Meiner Meinung nach gibt es in ihren Büchern keine Manuela. Da irrt eine Chamäleon-Frau herum, jemand ohne Persönlichkeit, auf der Suche nach sich selbst. Ein Kind der modernen Welt.“ Gerade Polka, das als Tagebuch einer Schwangerschaft besonders intim daherkommt, ist ein Beispiel für die Selbstinszenierungstaktik Gretkowskas, die zeigt, wie leicht man sein Image in der Öffentlichkeit manipulieren kann. Die Lebensgeschichte, die wir an ihren Werken ablesen können, ist nicht die der realen Schriftstellerin, sondern die der von der Schriftstellerin geschaffenen „Manuela Gretkowska“.

In einem Artikel von 1998 empört sich Gretkowska darüber, dass bekannte und zumeist skandalöse Künstlerinnen ihre Mutterschaft in der Öffentlichkeit zelebrierten und dazu benutzten, sich ein ‚menschliches‘ Image zu geben. Doch genau solch ein Image schafft sich die Autorin in Polka. Sie berichtet von der perfekten Beziehung, die Nähe und Distanz vereinen kann, von Geborgenheit, Familienglück und Ruhe, und, man glaubt es kaum, von der Sehnsucht nach dem Heimatland Polen. Alles Begriffe, die in der Öffentlichkeit als absolut unvereinbar mit dem Namen Gretkowska gelten. Ist das Inkonsequenz und Anbiederung von Seiten der Autorin? Ist der Spott, den das Buch bei einigen hervorgerufen hat, verdient? Oder ist es nicht doch eher so, dass die Philosophieabsolventin Gretkowska mit ihrem Buch ganz bewusst gerade das vollzieht, was sie kritisiert? Schließlich vergleicht Manuela die Art, wie sie ihr noch nicht geborenes Kind vorführt, selbstironisch mit der Reality Show Big Brother. Die eigene Distanz der Autorin gegenüber ihrem eigenen Text gebietet Vorsicht und verlangt, mehrschichtig zu denken und Text und Autorin nicht zu vorschnell einzuordnen – denn genau darauf zielt Gretkowskas Kritik.

Der Erfolg von Polka, des einzigen ins Deutsche übersetzten Buchs, und seine Nominierung für den Literaturpreis Nike führten tatsächlich dazu, dass die Autorin in einem neuen Licht erschien. Doch ist der Tagebuchroman noch immer ein typisches Gretkowska-Buch mit den typischen Gretkowska-Themen, die provozieren: Erotik, Sex und Körperlichkeit, Attacken auf die Rollenklischees von Mann und Frau, den polnischen Literatur- und Medienbetrieb, die Kirche. Manuela Gretkowska ist nach wie vor eine kontroverse Erscheinung in den Medien: Einer ihrer Artikel in der Zeitschrift Sukces – ihre Antwort auf eine Beschwerde von Seiten der damaligen Regierung der Kaczyński-Brüder bezüglich eines anderen von ihr verfassten Artikels – wurde auf Geheiß des Herausgebers nachträglich fein säuberlich mit einem Messer aus jedem einzelnen Exemplar entfernt.

Gretkowska versteht ihre Literatur sicherlich nicht nur als postmodernes Spiel mit Realität und Fiktion, sondern sehr wohl als engagierte Literatur. Dies wird in Polka vor allem an den vielen essayistischen Passagen deutlich, die sich aktuellen politischen und kulturellen Themen zuwenden. Die beiden als Fortsetzung von Polka konzipierten Bücher Europejka (Die Europäerin) und Obywatelka (Die Bürgerin) tendieren immer mehr zur Dokumentarizität: In Ersterem geht es um den Beitritt Polens zur EU, in Letzterem um die Gründung der Frauenpartei in Polen. Im Jahr 2007 beschäftigte Gretkowska die Medien einmal mehr aus ganz unliterarischen Gründen: als Initiatorin der Bewegung Polska jest kobietą (Polen ist eine Frau) und Gründerin der Frauenpartei Partia kobiet, die bei den letzten polnischen Parlamentswahlen antrat. Gerade das Image Gretkowskas als Feministin schadet wohl ihrem Ruf als Literatin; aber auch dies ist wiederum zu hinterfragen.

Sicherlich sind es die zutiefst polnischen Themen und Probleme, die Gretkowskas Literatur außerhalb des Landes nicht für alle interessant macht. Außerdem lässt das häufige Aufgreifen des Genderthemas die eine oder andere Augenbraue gelangweilt hoch wandern. Es irritiert, dass die Autorin ein wenig zu oft ihre Meinung direkt präsentiert und ein wenig zu sehr ihr Privatleben in der Öffentlichkeit darlegt. Aber die Beurteilung ihrer Prosa als oberflächlich und rein autobiographisch basiert selbst auf einer nur oberflächlichen Lektüre. Das Gefühl bleibt, dass Frau Gretkowska uns irgendwie an der Nase herumführt, dass sie genau weiß, in welche Schubladen wir sie stecken und dass sie alles auch genau so plant. Und uns dann – nach der Manier: Hab ich’s doch gesagt! Ich kenn euch ganz genau! – die Zunge rausstreckt und ... ein neues Buch herausbringt.

 

Literatur von Manuela Gretkowska in Auswahl:
My zdies’ emigranty. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 1991.
Tarot Paryski. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 1993.
Kabaret metafizyczny. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 1994.
Podręcznik do ludzi. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 1996.
Polka. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 2001.
Europejka. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 2004.
Obywatelka. Warszawa: Wydawnicto W.A.B. 2008.

 

auf Deutsch:
Polka. Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2004.

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Führt uns Frau Gretkowska an der Nase herum? – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Führt uns Frau Gret­kowska an der Nase herum?

Ein Por­trait der pol­ni­schen Autorin Manuela Gretkowska

 

„Lite­ra­tura babska – Wei­ber­li­te­ratur“, sagte meine Freundin, Polo­nis­tik­stu­dentin aus Poznań, als ich sie fragte, warum Olga Tokar­czuk auf grö­ßeres lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Inter­esse stoße als Manuela Gret­kowska. Warum Ers­tere in Deutsch­land eini­ger­maßen bekannt sei, den Namen Manuela Gret­kowska jedoch hier­zu­lande noch kaum einer gehört habe. In der pol­ni­schen Öffent­lich­keit sind schließ­lich beide Autorinnen sehr prä­sent und beide werden zur Frau­en­li­te­ratur gezählt. Meine Freundin meinte, das liege wohl an der höheren lite­ra­ri­schen Qua­lität Tokar­c­zuks. Auch daran, dass sich in Tokar­c­zuks Prosa mehr Ansatz­punkte für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Unter­su­chungen fänden. Kurz: Tokar­czuk sei mehr Künst­lerin, Gret­kowskas Prosa hin­gegen sei ober­fläch­lich und vor allem auto­bio­gra­phisch. Doch wie ich fest­stellen musste, ist es so ein­fach nicht. Manuela Gret­kowska, 1964 in Łódź geboren, wurde als Autorin der Zeit­schrift bru­lion bekannt, die der soge­nannten „bru­lion-Genera­tion“ ihren Namen gab und von enormer Wich­tig­keit für den lite­ra­ri­schen Umbruch Ende der 1980er und
Anfang der 1990er Jahre war. Um diese Zeit­schrift ver­sam­melten sich Autoren, die sich von jeg­li­chen poli­ti­schen Ideo­lo­gien und äußeren Zwängen frei machen wollten. Sie schrieben frag­men­ta­risch, pro­vi­so­risch und ästhe­tisch pro­vo­kativ, pro­pa­gierten eine zur offi­zi­ellen als auch oppo­si­tio­nellen alter­na­tive Kultur, wollten der pol­ni­schen Tra­di­tion eine eigene Stimme ent­ge­gen­setzen. Ihre Texte sind oft auto­bio­gra­phisch und the­ma­ti­sieren die eigenen exis­ten­zi­ellen Erfah­rungen. All dies und der unbe­küm­merte Umgang der bru­lion-Autoren mit den Medien brachten ihrer Lite­ratur – und auch Gret­kowska – den Vor­wurf der Ober­fläch­lich­keit, der Kom­mer­zia­li­sie­rung und des Nar­zissmus ein.

Gret­kowskas Bücher sind tat­säch­lich stark von ihren per­sön­li­chen Erfah­rungen beein­flusst und die auto­bio­gra­phi­schen Motive sind nicht zu über­sehen. An ihren Büchern, könnte man meinen, lässt sich ihr gesamter Lebensweg ablesen. In ihrem Debüt-Roman von 1991 My zdies’ emi­granty (pol­ni­sche Schreib­weise für Rus­sisch: Wir sind hier Emi­granten) beschrieb sie das Leben als Emi­grantin in Paris, wohin sie 1988 aus­ge­wan­dert war, und the­ma­ti­sierte somit die Erfah­rungen vieler junger Men­schen, die die Volks­re­pu­blik Polen zu dieser Zeit ver­ließen. Auch die fol­genden Romane Tarot Paryski (Pariser Tarot), Kabaret meta­fi­zy­czny (Das meta­phy­si­sche Kaba­rett) und Podręcznik do ludzi (Hand­buch für die Men­schen), die nach ihrer Rück­kehr nach Polen Anfang der 1990er Jahre erschienen, han­deln vom Leben in Paris. Die ersten Bücher Gret­kowskas erreichten in Polen große Auf­lagen und riefen noch grö­ßere Irri­ta­tionen hervor. Als skan­dalös wurde Gret­kowskas Offen­heit gegen­über Tabu­themen wie Sexua­lität, Weib­lich­keit und Körper emp­funden, ihre kri­ti­sche Hal­tung gegen­über Polen, aber auch ihr selbst­ver­ständ­li­ches Über­schreiten jeg­li­cher Grenzen zwi­schen „hoher Kultur“ und Popu­lär­kultur. Ihre Bücher sind sowohl formal als auch inhalt­lich eine Art Patch­work, in dem sich auto­bio­gra­phi­sche mit fik­tio­nalen und essay­is­ti­schen Ele­menten mischen, der Text mit Bil­dern und Zeich­nungen col­la­giert wird. Ihre Themen rei­chen von Erotik über Okkul­tismus und Reli­gion zu Phi­lo­so­phie und Kunst, die neben Szenen aus dem all­täg­li­chen Leben ver­han­delt werden. Die ver­schie­denen Ingre­di­en­zien werden ver­mischt, ohne einen Unter­schied zwi­schen ‚hoch‘ und ‚niedrig‘ zu machen. Ihre Sprache ist kol­lo­quial und oft vulgär. Dies sicherte der Autorin den Platz in einigen wohl­be­kannten Schub­laden, die nicht für große Lite­raten reser­viert sind: Pro­vo­ka­teurin, Skan­dal­au­torin, Femi­nistin. Ein wenig seltsam erscheint da die Läu­te­rung, die sich auf den ersten Blick in ihrem 2001 erschie­nenen Buch Polka abzeichnet. Dieses ist das Tage­buch einer Schwan­ger­schaft, augen­schein­lich ihrer eigenen Schwan­ger­schaft, heißt die Prot­ago­nistin doch Manuela, das erwar­tete Kind Pola, der Lebens­ge­fährte Piotr. Sie leben gemeinsam in Schweden und planen schließ­lich die Rück­kehr nach War­schau. Zudem schreiben Piotr und Manuela am Dreh­buch für die pol­ni­sche Fern­seh­serie Mias­teczko. Fak­tisch alles genau wie im Leben der realen Schrift­stel­lerin. Und die Medien halten sich daran, wenn sie Polka als intimes Tage­buch ver­kaufen. Aber bei genauerem Hin­schauen lässt sich nicht über­sehen, dass es sich hierbei auch um einen Roman han­delt, der gewissen Kom­po­si­ti­ons­stra­te­gien folgt, und um eine Mischung aus authen­ti­schen und fik­tio­nalen Ele­menten, die sich nicht von­ein­ander trennen lassen. Gret­kowska will durchaus, dass wir bestimmte Dinge auf sie selbst beziehen, aber im nächsten Moment macht sie sich dar­über lustig, wie leicht­gläubig wir ihre lite­ra­ri­sche Figur mit ihr selbst identifizieren.

 

gretkowska_polkaDie Manuela in Polka sowie in den anderen Büchern Gret­kowskas, in wel­chen die Prot­ago­nistin ihren Namen trägt, ist nicht ein­fach mit der Schrift­stel­lerin gleich­zu­setzen. Auf die Frage „Ist die Manuela, die wir aus ihren Büchern kennen, und Piotrs Manuela ein und die­selbe Person?“ ant­wortet Manuelas Lebens­ge­fährte Piotr in Polka: „Meiner Mei­nung nach gibt es in ihren Büchern keine Manuela. Da irrt eine Cha­mä­leon-Frau herum, jemand ohne Per­sön­lich­keit, auf der Suche nach sich selbst. Ein Kind der modernen Welt.“ Gerade Polka, das als Tage­buch einer Schwan­ger­schaft beson­ders intim daher­kommt, ist ein Bei­spiel für die Selbst­in­sze­nie­rungs­taktik Gret­kowskas, die zeigt, wie leicht man sein Image in der Öffent­lich­keit mani­pu­lieren kann. Die Lebens­ge­schichte, die wir an ihren Werken ablesen können, ist nicht die der realen Schrift­stel­lerin, son­dern die der von der Schrift­stel­lerin geschaf­fenen „Manuela Gretkowska“.

In einem Artikel von 1998 empört sich Gret­kowska dar­über, dass bekannte und zumeist skan­da­löse Künst­le­rinnen ihre Mut­ter­schaft in der Öffent­lich­keit zele­brierten und dazu benutzten, sich ein ‚mensch­li­ches‘ Image zu geben. Doch genau solch ein Image schafft sich die Autorin in Polka. Sie berichtet von der per­fekten Bezie­hung, die Nähe und Distanz ver­einen kann, von Gebor­gen­heit, Fami­li­en­glück und Ruhe, und, man glaubt es kaum, von der Sehn­sucht nach dem Hei­mat­land Polen. Alles Begriffe, die in der Öffent­lich­keit als absolut unver­einbar mit dem Namen Gret­kowska gelten. Ist das Inkon­se­quenz und Anbie­de­rung von Seiten der Autorin? Ist der Spott, den das Buch bei einigen her­vor­ge­rufen hat, ver­dient? Oder ist es nicht doch eher so, dass die Phi­lo­so­phie­ab­sol­ventin Gret­kowska mit ihrem Buch ganz bewusst gerade das voll­zieht, was sie kri­ti­siert? Schließ­lich ver­gleicht Manuela die Art, wie sie ihr noch nicht gebo­renes Kind vor­führt, selbst­iro­nisch mit der Rea­lity Show Big Bro­ther. Die eigene Distanz der Autorin gegen­über ihrem eigenen Text gebietet Vor­sicht und ver­langt, mehr­schichtig zu denken und Text und Autorin nicht zu vor­schnell ein­zu­ordnen – denn genau darauf zielt Gret­kowskas Kritik.

Der Erfolg von Polka, des ein­zigen ins Deut­sche über­setzten Buchs, und seine Nomi­nie­rung für den Lite­ra­tur­preis Nike führten tat­säch­lich dazu, dass die Autorin in einem neuen Licht erschien. Doch ist der Tage­buch­roman noch immer ein typi­sches Gret­kowska-Buch mit den typi­schen Gret­kowska-Themen, die pro­vo­zieren: Erotik, Sex und Kör­per­lich­keit, Atta­cken auf die Rol­len­kli­schees von Mann und Frau, den pol­ni­schen Lite­ratur- und Medi­en­be­trieb, die Kirche. Manuela Gret­kowska ist nach wie vor eine kon­tro­verse Erschei­nung in den Medien: Einer ihrer Artikel in der Zeit­schrift Sukces – ihre Ant­wort auf eine Beschwerde von Seiten der dama­ligen Regie­rung der Kac­zyński-Brüder bezüg­lich eines anderen von ihr ver­fassten Arti­kels – wurde auf Geheiß des Her­aus­ge­bers nach­träg­lich fein säu­ber­lich mit einem Messer aus jedem ein­zelnen Exem­plar entfernt.

Gret­kowska ver­steht ihre Lite­ratur sicher­lich nicht nur als post­mo­dernes Spiel mit Rea­lität und Fik­tion, son­dern sehr wohl als enga­gierte Lite­ratur. Dies wird in Polka vor allem an den vielen essay­is­ti­schen Pas­sagen deut­lich, die sich aktu­ellen poli­ti­schen und kul­tu­rellen Themen zuwenden. Die beiden als Fort­set­zung von Polka kon­zi­pierten Bücher Euro­pejka (Die Euro­päerin) und Oby­wa­telka (Die Bür­gerin) ten­dieren immer mehr zur Doku­men­ta­ri­zität: In Ers­terem geht es um den Bei­tritt Polens zur EU, in Letz­terem um die Grün­dung der Frau­en­partei in Polen. Im Jahr 2007 beschäf­tigte Gret­kowska die Medien einmal mehr aus ganz unli­te­ra­ri­schen Gründen: als Initia­torin der Bewe­gung Polska jest kobietą (Polen ist eine Frau) und Grün­derin der Frau­en­partei Partia kobiet, die bei den letzten pol­ni­schen Par­la­ments­wahlen antrat. Gerade das Image Gret­kowskas als Femi­nistin schadet wohl ihrem Ruf als Lite­ratin; aber auch dies ist wie­derum zu hinterfragen.

Sicher­lich sind es die zutiefst pol­ni­schen Themen und Pro­bleme, die Gret­kowskas Lite­ratur außer­halb des Landes nicht für alle inter­es­sant macht. Außerdem lässt das häu­fige Auf­greifen des Gen­der­themas die eine oder andere Augen­braue gelang­weilt hoch wan­dern. Es irri­tiert, dass die Autorin ein wenig zu oft ihre Mei­nung direkt prä­sen­tiert und ein wenig zu sehr ihr Pri­vat­leben in der Öffent­lich­keit dar­legt. Aber die Beur­tei­lung ihrer Prosa als ober­fläch­lich und rein auto­bio­gra­phisch basiert selbst auf einer nur ober­fläch­li­chen Lek­türe. Das Gefühl bleibt, dass Frau Gret­kowska uns irgendwie an der Nase her­um­führt, dass sie genau weiß, in welche Schub­laden wir sie ste­cken und dass sie alles auch genau so plant. Und uns dann – nach der Manier: Hab ich’s doch gesagt! Ich kenn euch ganz genau! – die Zunge raus­streckt und … ein neues Buch herausbringt.

 

Lite­ratur von Manuela Gret­kowska in Auswahl:
My zdies’ emi­granty. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1991.
Tarot Paryski. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1993.
Kabaret meta­fi­zy­czny. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1994.
Podręcznik do ludzi. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 1996.
Polka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2001.
Euro­pejka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2004.
Oby­wa­telka. Wars­zawa: Wydaw­nicto W.A.B. 2008.

 

auf Deutsch:
Polka. Aus dem Pol­ni­schen von Pau­lina Schulz. Mün­chen: dtv 2004.

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