Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Aus Kellern und Abwasserkanälen im Warschauer Stadtteil Muranów, der nach dem Krieg auf den Trümmern des Ghettos erbaut wurde, tauchen Juden als Untote auf. Am Anfang nur einige, dann werden es immer mehr und plötzlich sind sie überall. Warum? Weil sie immer noch ans Leben gebunden sind? Igor Ostachowicz spürt in seinem zweiten Roman der unterschwelligen Präsenz der Vergangenheit in der polnischen Gegenwart nach.

Im Stadtzentrum von Machatschkala in Dagestan gehen Einsatzkräfte gegen eine radikal-islamistische Gruppierung vor, die sich in einem Wohnblock verschanzt hat. Die junge Chadiža ist Augenzeugin. Sie kann nicht verstehen, weshalb Terror-anschläge verübt werden und warum Menschen auf diese Weise sterben müssen – noch nicht. In "Dnevnik Smertnicy – Chadiža" zeichnet Marina Achmedova den Weg einer jungen Frau aus Dagestan vom unbedarften Mädchen zur Selbstmordattentäterin nach.

DJ Stalingrad, "Exodus", erster Satz: „Die Sonne brennt.“ Es ist ein schmales, seltsames Buch, das soeben in deutscher Übersetzung bei Matthes & Seitz erschienen ist. Dass man dem Erzähler durch die Aneinanderreihung dieser grellen, oft brutalen Szenen folgt, ist neben einer gewissen Freude am drastischen Anarcho-Sound der Faszination geschuldet, die der Exzess hervorruft.

„Pharaonennachtschwalbe, Schmarotzerraubmöwe, Orangenbandschnäppertyrann, Veilchenkopfelfe“ − so melodisch, kunstvoll und prächtig die Namen, so schlicht die Vögel, die sich dahinter verbergen. Offenbar vom Reiz solch kurioser Vogelnamen inspiriert, erzählt Marjana Gaponenko die eigentlich unspektakuläre Geschichte vom letzten Aufbruch im Leben des 96-jährigen ukrainischen Ornithologen und Eigenbrötlers Luka Lewadski in einer raffinierten Sprache, die begeistert, amüsiert und dem Helden auf seiner letzten Reise ein treuer Gefährte ist.

Kiev, 70er Jahre. Ruinen, Abrissbagger und eine Stimmung irgendwo zwischen Melancholie und Hoffnung. Während ihre Heimatstadt im sowjetischen Stil neu erbaut wird, erlebt Julia ihren ersten Wodkarausch, unterhält sich nachts im Bett mit den Führern des Weltproletariats und verheiratet ihre Klassenkameradin in einer geheimen Geisterbeschwörung mit einem verstorbenen französischen Schauspieler.

Dass ein literarisches Werk Hass, Verachtung und Gewaltandrohung hervorrufen und einen anerkannten Autor zum ‚Volksverräter’ stempeln kann, hat der aserbaidschanische Schriftsteller, Dichter und Übersetzer, Akram Ajlisli, nach der Veröffentlichung seines Romans "Kamennye sny" (dt: Steinerne Träume) am eigenen Leib erlebt. Welches Tabuthema verbirgt sich hinter diesem unscheinbaren Titel?

Das Fleisch der Literatur sind die Worte. Jedes Buch besteht zunächst in einer Ansammlung von schönen, besonderen oder auf besondere Weise angeordneten Wörtern. Bei Olga Martynova finden wir zum Beispiel: "Pappelwolle", "Einfallsarmut", "Isabellafarbe". Es sind lyrische Worte, die selbst schon aus Metaphern gebaut sind. Martynovas Vorliebe für solche Worte entspricht dem Eindruck, dass ihre Prosa unerschrocken an die Präzisionskraft von Metaphern glaubt.