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Von Menschen, Bildern und Lettern

Posted on 20. Mai 2008 by Valentina Dann
Die russische Künstlerin Tatjana Miller sammelt Motive für ihr vielfältiges Schaffen zum einen in ihrer unmittelbaren Umgebung, in Fundstücken der Berliner Strassen oder Gesichtern der U-Bahn. Zum anderen greift sie auf uralte Mythologien zurück, deren Symbole und Schriftzeichen sie collageartige neu zusammenfügt und damit lesbare Bilder schafft.

Ein Interview mit Tatjana Miller

 

Die gebürtige Moskauerin Tatjana Miller ist Architektin, Graphikerin, Webdesignerin, Illustratorin und vor allem Malerin. Motive für ihr entsprechend vielfältiges Schaffen sammelt die Künstlerin zum einen in ihrer unmittelbaren Umgebung, in Fundstücken der Berliner Strassen oder Gesichtern der U-Bahn. Zum anderen greift sie auf uralte Mythologien zurück, deren Symbole und Schriftzeichen sie collageartige neu zusammenfügt und damit lesbare Bilder schafft.
Tatjana Millers Arbeiten waren schon in einigen Berliner Galerien zu sehen, beispielsweise im Rahmen des Kulturfestivals 48 Stunden Neukölln mit der Schaufensterinstallation Frauenkörper – Traumgestalten oder in der Galerie ART LAB mit dem Projekt Motive. novinki hat sich mit der Künstlerin bei der Vernissage ihrer neuesten Ausstellung Kaleidoskop in Berlin-Pankow getroffen.

 

VIDEO STILL: readymedia: Tanja Miller im Interviewnovinki: Tanja, Du bist in Moskau geboren. Seit 1994 lebst Du in Deutschland. Das ist eine lange Zeit. In der Ankündigung zu Deiner Ausstellung im Juni schrieb das Frauenzentrum RuT: „Die russische Künstlerin Tanja Miller zeigt Ihre neuesten Arbeiten“. Bist Du eine russische Künstlerin in Deutschland?

 

Tatjana Miller: Zunächst möchte ich sagen, dass ich nicht in Deutschland lebe, ich lebe in Berlin. Das ist ein großer Unterschied. Ich habe auch nicht vor, in andere Städte umzuziehen.
Ein Künstler, abgesehen davon, dass er in einem bestimmten kulturellen und visuellen Kontext groß wird, muss mit der Emigration viele Sachen in seinem Leben ändern. Er muss sich in einem neuen Umfeld zurecht finden. Ein Künstler gewöhnt sich in erster Linie an einen neuen visuellen Raum, in dem er künftig arbeiten wird. Folglich ändern sich auch seine Arbeiten, nur im Rahmen seiner Themen natürlich. Deswegen kann ich von mir nicht sagen, dass ich eine russische Künstlerin bin. Das ist eine seltsame Definition. Ich weiß nicht, wer ein russischer Künstler ist. Ist das Levitan?, Šiškin? Die Nationalität ist in diesem Zusammenhang unwichtig. Wichtig ist die Schule, aus der ein Künstler hervorgegangen ist.

 

n.: In Deinem Webprojekt Calendar sind viele Seiten Berlin gewidmet, ist das eine Liebeserklärung an Berlin? Wie würdest Du Berlin definieren?

 

M.: Berlin ist eine Transitstadt: Die Menschen ziehen hier ein und ziehen hier aus. Das ist zum Glück ein ständiger Prozess des Wechsels, der Bewegung: sowohl der Menschen als auch der Ereignisse. Dank dieser Bewegung lebt die Stadt ein sehr intensives, eigenartiges Leben. In Calendar wollte ich unter anderem Berlin und das Leben in dieser Stadt wiedergeben. Ich fotografierte die Stadt, sammelte auf den Straßen das, was mich inspirierte. So sind dann aus Fundstücken der Berliner Straßen Installationen und Collagen entstanden. Natürlich nicht ausschließlich aus Fund-stücken – an einigen Tagen zeichnete ich auch. Es war ganz spannend, einen Tag, der gerade zu Ende gegangen ist, graphisch festzuhalten und so zu definieren. Gleichzeitig war es auch eine neue Erfahrung, als Webdesignerin zu arbeiten. Das hatte ich zu dieser Zeit in Berlin studiert.

 

n.: Zuvor hast Du in Moskau eine Kunsthochschule besucht und eine Ausbildung zur Grafikerin absolviert, danach folgte ein Architekturstudium, aber als Architektin hast Du nicht lange gearbeitet.

 

M.: Nein, als Architektin habe ich nicht lange gearbeitet und habe es auch in Zukunft nicht vor. Mir gefällt nicht, was und wie heutzutage gebaut wird. Ich möchte daran nicht teilhaben.

 

n.: Deine Bilder sind schon weit in der Welt herumgekommen: Angefangen hast Du 1991 in Sankt Petersburg, dann folgten Ausstellungen in Moskau, Novosibirsk, Budapest, Köln, Berlin... Allein im letzten Jahr eröffneten in Berlin vier Ausstellungen von Dir. Macht es für Dich einen Unterschied, für welches Publikum Du arbeitest?

 

M.: Als Künstlerin arbeite ich mit Publikum. Wenn ich eine Arbeit fertig habe, ist es für mich wichtig sie auszustellen, um einen Abstand von der Arbeit zu gewinnen und mich mit dem nächsten Bild zu beschäftigen. Das ist eine Art Kommunikation, ein kreativer Dialog.
Was den Lebensort meines Publikums betrifft: Meine Bilder befinden sich nicht in einem bestimmten Kontext, um nur dem Zuschauer einer bestimmten Kultur verständlich zu sein. Daher es ist für mich völlig unbedeutend, in welchem Land ich Sie ausstelle.

 

miller_narr2_privatn.: Die Ausstellung, die im Juni 2007 im Frauenzentrum RuT zu sehen war, hatte den Titel: Frauenkörper – Traumgestalten. Bleiben wir erst bei dem Begriff ‚Traumgestalten’. In vielen Deiner Arbeiten könnte man die Figuren als Traumgestalten bezeichnen.Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Thema dieser Arbeiten und Deinen früheren Bildern?

 

M.: Der Titel der Ausstellung ist nicht von mir. Ich hätte die Ausstellung nicht so genannt. Das eigentliche Thema dieser Arbeiten ist „Leben und Tod“. Es geht um die Symbolik, Mythologie und um die Beziehung zwischen Leben und Tod. Es geht um die Stellung dieser wichtigen, kosmogonischen Begriffe, in verschiedenen und in erster Linie in abendländischen Kulturen. Die Mythologie beginnt in der ägyptischen Kultur, findet sich später in der griechischen Antike wieder und reicht bis in die gegenwärtige Kultur.
Was das Thema „Traum“ in meinen Arbeiten angeht... Ich beschäftige mich mit der Kunsttheorie nicht so intensiv, daher habe ich auch keine Distanz zu meinen Arbeiten, um sie zu kategorisieren. Ich weiß nur, was ich machen möchte, habe bei jeder Arbeit ein Ziel vor Augen, mehr brauche ich nicht.

 

miller_fenster_installation_privatn.: Wenn der Titel der Aus-stellung nicht so treffend ist, ist dann auch der Begriff ‚Frauen-körper’ an dieser Stelle falsch? Diese Arbeit stellt doch drei Frauenfiguren dar, deren Körper mit griechischen und ägyptischen Symbolen be-schriftet sind, was die Bilder lesbar macht. Auch in vielen anderen Bildern und Grafiken von Dir spielen Ornamente eine große Rolle. Woher ein solches Interesse an der Symbolik?

 

M.: Ich beschäftige mich schon lange mit der Symbolik und mit der Geschichte des Ornaments. Angefangen habe ich mit mexikanischen Ornamenten, später habe ich mich für die asiatischen interessiert, deshalb tauchen in vielen Grafiken und Bildern immer wieder Ornamente auf. Ornamente und Symbolik beschäftigen mich auch als die ältesten Informationsträger, die uns aus den alten Kulturen überliefert sind. Das ist eine bestimmte Sprache. Man muss diese Sprache lesen und die darin verschlüsselten Informationen verstehen können. Viele Symbole haben sich im Laufe der Mensch-heitsgeschichte bewahrt. Das spiegelt sich heute in irrationalen Ängsten wieder, z.B. waren die Schlange oder die Maus Zeichen der Götter der Unterwelt.

 

n.: Dabei spielt auch die Frau eine wichtige Rolle.

 

M.: Mich interessiert die Darstellung der Frau in der Kunst und natürlich in der Geschichte: die Zeit, als die Frau als Große Göttin dargestellt wurde und die Zeit, zu der sich das Frauenbild in der Kunst geändert hat. In den Anfängen herrschte eine duale Weltvorstellung: das Himmlische (Oben) und das Irdische (Unten) entsprechen dem Männlichen und Weiblichen. In diesem System stellt die Frau das Irdische dar, und im Unterschied zum Männlichen, das mit Hilfe einer Person dargestellt wurde, war die Darstellung der Großen Göttin vielseitig: In vielen grafischen Symbolen wurde sie als eine zweiköpfige Frau dargestellt, oder als zwei eigenständige Frauen, die gute und böse Seite der Großen Göttin symbolisierten.
Die Mutterschaft wurde als eine Gabe der Frau verstanden: Nur die Frau kann, was sonst der göttlichen Macht obliegt – Menschen zur Welt bringen. Das Schaffen neuen Lebens, das Geheimnis der Geburt und zugleich auch des Todes wurde ihr zuteil. Wie sich diese Vorstellungen von den Anfängen bis zu unserer Zeit verändert haben, ist interessant zu beobachten. Das habe ich in diesen Bildern herauszuarbeiten versucht.

 

n.: Neben den Ornamenten beschäftigst Du Dich auch mit dem Genre des Porträts, insbesondere mit Frauenporträts.

 

M.: Ich male nicht nur Frauenporträts, allerdings überwiegend. Ich finde, Frauengesichter sind einfach ausdrucksvoller. Aber es gibt natürlich auch interessante Männergesichter. Manchmal trifft man in der U-Bahn auf ein interessantes Gesicht. Es gibt einfach interessante und uninteressante Gesichter.

 

miller_portrait2_privatn.: Was ist für Dich ein „interessantes Gesicht“?

 

M.: Das hängt von der Aufgabe ab, die ich mir in diesem Porträt stelle. Entweder möchte ich den Charakterzug dieser Person zeigen, der im Gesicht zu sehen ist, oder den gesamten Charakter. Oder mich interessiert nur der Zusammenhang unterschiedlicher Gesichtsteile, sagen wir, Augen und Nase, also der verschiedenen Elemente, durch die wir einen Menschen erkennen. In diesem Fall möchte ich nicht den Charakter zum Ausdruck bringen, sondern die Körperteile, anhand derer wir diese Person zunächst visuell wahrnehmen. Eigentlich führen die Porträts nicht auf einzelne, konkrete Menschen zurück. Es sind eher Beobachtungen, Lebensgeschichten, auch bestimmte Charaktere, mit ihren kleinen Tragödien.

 

n.: Aber nicht nur Tragödien, viele Deiner Bilder sprechen von Lebensfreude, Unbefangenheit, Mut zur Farbe, was eher positiv wirkt.

 

M.: Ich nehme die Wirkung auf den Zuschauer sehr ernst, da Kunst im Grunde Gewalt ist. Jede Information, die in einem Kunstwerk steckt, kann für den Betrachter wichtig sein. Das kann durch Farbwahl, Bildkomposition oder das Sujet zum Ausdruck kommen. Alles zusammen hat eine unmittelbare Wirkung auf den Betrachter. Besonders, wenn er darauf nicht vorbereitet ist, nimmt er es sehr direkt und unmittelbar auf. Gerade das macht die Verantwortung von Künstlern vor dem Publikum aus. Ich bin überzeugt, dass es sie gibt, und dass sie unbedingt da sein muss.

 

miller_kot_stoit_modelju_v_n.: Im Internet sind auch Deine Animationsfilme zu sehen. Einem Film, auch einem Animationsfilm geht ein Dreh-buch voran. Schreibst Du deine Drehbücher selbst?

 

M.: Ja, das sind immer meine Geschichten.

 

n.: Wie entstehen diese Geschichten?

 

M.: Zunächst entwickle ich die Handlung: Ich zeichne sie per Hand in einen Skizzenblock: Seite für Seite entstehen Szenen. Wenn die Sujetlinie fertig ist, kommen die Figuren dazu. Darauf folgt die technische Fleißarbeit am Computer mit dem Flashprogramm.

 

n.: Die Geschichten entstehen also beim Zeichnen?

 

M.: Ja, und das nicht nur im Falle der Animationsfilme. Ich brauche einen Stift, ein Blatt Papier, ich muss mich hinsetzen und arbeiten. Ich brauche diesen Prozess. Während ich den Stift über das Blatt führe, entsteht etwas. Wenn ich aber überlege: „Was könnte ich malen?“, dann fällt mir nichts Interessantes ein . Natürlich gibt es bestimmte Themen, philosophische Themen, mit denen es mich reizt zu arbeiten. Diese sind ziemlich einfach, sogar banal, und dennoch ist kaum ein Künstler an ihnen vorbeigekommen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

 

miller_pticy_kabakovan.: Du bist auch Illustratorin. Deine ersten Erfahrungen als Grafikdesignerin und Illustratorin hast Du beim Kinderbuchverlag Černaja kurica und später in der Moskauer Literaturzeitschrift Adelfe gemacht. Als Malerin hast Du, wie Du selbst sagtest, ein Ziel vor Augen. Wie ist das als Illustratorin? Bist Du an den Text gebunden, oder verfügst Du über die Freiheit ihn zu interpretieren?

 

M.: Das ist immer individuell. Für mich ist es wichtig den Text zu präsentieren. Ich will ihn ja nicht wiederholen. Das ist Tautologie. Den gibt es ja schon in seiner ganzen Vielfältigkeit. Für mich ist es wichtig ihn einzurahmen. Ich stelle einzelne Momente und Ideen aus dem Sujet dar, die vielleicht für den Leser nicht immer ‚sichtbar’ sind. Das ist alles.

 

miller_stol-ryba_kabakovan.: Unter den Büchern, die Du illustriert hast, sind Kinder-bücher, Gedichtbände von Marina Geršenovič oder das Parabelbuch der georgischen Schriftstellerin und Wahl-berlinerin Manana Menabde Und die Zeit verging, ein philosophisches Buch. Was hat Dich dazu bewegt, dieses Buch zu illustrieren?

 

M.: Und die Zeit verging ist eine Geschichte über einen Menschen, mit dem immer etwas passiert. Etwas, was jedem von uns passieren kann – z.B. hat der Mensch seinen eigenen Namen vergessen. Jede dieser Parabeln endet mit dem gleichen Refrain: „Und die Zeit verging“, und diese Zeile fügt diese einzelnen Verse zu einem Buch zusammen. Mich hat die Figur dieses Menschen interessiert, weil Manana Menabde Georgierin ist und diese Geschichte auf Russisch geschrieben hat, was eigentlich nicht ihre Muttersprache ist. Diese Erzählung trägt etwas von der Melodie der georgischen Sprache in sich. Und das ist sehr schön. Deswegen wollte ich diese Figur frei von jeglicher Zugehörigkeit darstellen, sei es zu einem Geschlecht oder zu einer Nationalität. Mir war wichtig, dass die Georgier in diesem Menschen einen Georgier sehen, die Armenier einen Armenier usw. Es ist auch eine Art, die eigene Kultur aus der Perspektive der Emigration zu betrachten. So kann man in einer neuen Welt zu sich finden.

 

n.: Dieses Buch ist in einer sehr kleinen Auflage erschienen. Das gilt auch für die anderen Bücher, die Du illustriert hast.

 

M.: Ich betrachte ein Buch nicht nur als einen Text. Für mich ist das Buch auch als ein materielles , als ein künstlerisches Objekt interessant. Ich neige zu der Meinung, dass schon viel zu viel publiziert wurde. Mir gefällt aber die Variante Künstlerbuch. Diese Buchform ist schon an sich schön. Solche Bücher sind persönlicher, sie haben noch Wärme, Leben in sich. Sie sind nicht anonym.

 

n.: Hast Du eigene Ideen für Bücher, oder hast Du vielleicht bereits solche Bücher realisieren können?

 

M.: Ideen habe ich schon, ich muss nur die passenden Lettern finden. Die habe ich noch nicht. Der Text soll nicht von Hand geschrieben werden, das menschliche Auge ist nicht mehr an handschriftliche Texte gewöhnt. Es gibt sogar schon Druckgeräte für kleinere Auflagen. Und es soll ein minimalistischer Text sein – ein, zwei Zeilen, aber kein lyrischer Text. Vielleicht Parabeln oder Gleichnisse.

 

n.: Das Einzelne wird also zum Ganzen? So wie Deine Bilder, die auch aus verschiedenen Fragmenten zusammengesetzt sind?

 

M.: Ich kann nicht sagen, dass ich solche Arbeiten bewusst male. Die Installationen für Leben und Tod habe ich dagegen bewusst gemacht. Es war mir sehr wichtig, jedes Symbol an die richtige Stelle zu setzen. Alles sollte genau an einer bestimmten Stelle sitzen. Bei den meisten Arbeiten weiß ich am Anfang nicht, was daraus wird. Ich arbeite intuitiv, und erst wenn es fertig ist, schaue ich es mir an. Während der Arbeit bin ich auch selbst gespannt, was daraus wird.

 

n.: Für Dich ist der Prozess an sich wichtig?

 

M.: Ja, ich denke, das ist das Wichtigste an der Arbeit überhaupt. Ich weiß nicht, wie es den Schriftstellern beim Schreiben und beim Publizieren geht. Mich reizt der Prozess an sich. Im Prinzip ist er das Wichtigste für mich. Er ist wichtiger als das Resultat. Das Resultat ist schon ein Produkt und gehört nicht mehr mir. Aber am Prozess nimmt man unmittelbar teil. Das Schwierigste ist den Prozess zu beenden, rechtzeitig den Punkt zu setzen und zu sagen: Es ist vollbracht!

 

 

Das Interview führte Valentina Dann. Kamera: RM

 

Link zur virtuellen Galerie von Tanja Miller:

http://miller-design.de/start.htm

 

Von Menschen, Bildern und Lettern – novinki
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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Men­schen, Bil­dern und Lettern

Ein Inter­view mit Tat­jana Miller

 

Die gebür­tige Mos­kauerin Tat­jana Miller ist Archi­tektin, Gra­phi­kerin, Web­de­si­gnerin, Illus­tra­torin und vor allem Malerin. Motive für ihr ent­spre­chend viel­fäl­tiges Schaffen sam­melt die Künst­lerin zum einen in ihrer unmit­tel­baren Umge­bung, in Fund­stü­cken der Ber­liner Strassen oder Gesich­tern der U‑Bahn. Zum anderen greift sie auf uralte Mytho­lo­gien zurück, deren Sym­bole und Schrift­zei­chen sie col­la­ge­ar­tige neu zusam­men­fügt und damit les­bare Bilder schafft.
Tat­jana Mil­lers Arbeiten waren schon in einigen Ber­liner Gale­rien zu sehen, bei­spiels­weise im Rahmen des Kul­tur­fes­ti­vals 48 Stunden Neu­kölln mit der Schau­fens­ter­in­stal­la­tion Frau­en­körper – Traum­ge­stalten oder in der Galerie ART LAB mit dem Pro­jekt Motive. novinki hat sich mit der Künst­lerin bei der Ver­nis­sage ihrer neu­esten Aus­stel­lung Kalei­do­skop in Berlin-Pankow getroffen.

 

VIDEO STILL: readymedia: Tanja Miller im Interview

novinki: Tanja, Du bist in Moskau geboren. Seit 1994 lebst Du in Deutsch­land. Das ist eine lange Zeit. In der Ankün­di­gung zu Deiner Aus­stel­lung im Juni schrieb das Frau­en­zen­trum RuT: „Die rus­si­sche Künst­lerin Tanja Miller zeigt Ihre neu­esten Arbeiten“. Bist Du eine rus­si­sche Künst­lerin in Deutschland?

 

Tat­jana Miller: Zunächst möchte ich sagen, dass ich nicht in Deutsch­land lebe, ich lebe in Berlin. Das ist ein großer Unter­schied. Ich habe auch nicht vor, in andere Städte umzuziehen.
Ein Künstler, abge­sehen davon, dass er in einem bestimmten kul­tu­rellen und visu­ellen Kon­text groß wird, muss mit der Emi­gra­tion viele Sachen in seinem Leben ändern. Er muss sich in einem neuen Umfeld zurecht finden. Ein Künstler gewöhnt sich in erster Linie an einen neuen visu­ellen Raum, in dem er künftig arbeiten wird. Folg­lich ändern sich auch seine Arbeiten, nur im Rahmen seiner Themen natür­lich. Des­wegen kann ich von mir nicht sagen, dass ich eine rus­si­sche Künst­lerin bin. Das ist eine selt­same Defi­ni­tion. Ich weiß nicht, wer ein rus­si­scher Künstler ist. Ist das Levitan?, Šiškin? [lacht] Die Natio­na­lität ist in diesem Zusam­men­hang unwichtig. Wichtig ist die Schule, aus der ein Künstler her­vor­ge­gangen ist.

 

n.: In Deinem Web­pro­jekt Calendar sind viele Seiten Berlin gewidmet, ist das eine Lie­bes­er­klä­rung an Berlin? Wie wür­dest Du Berlin definieren?

 

M.: Berlin ist eine Tran­sit­stadt: Die Men­schen ziehen hier ein und ziehen hier aus. Das ist zum Glück ein stän­diger Pro­zess des Wech­sels, der Bewe­gung: sowohl der Men­schen als auch der Ereig­nisse. Dank dieser Bewe­gung lebt die Stadt ein sehr inten­sives, eigen­ar­tiges Leben. In Calendar wollte ich unter anderem Berlin und das Leben in dieser Stadt wie­der­geben. Ich foto­gra­fierte die Stadt, sam­melte auf den Straßen das, was mich inspi­rierte. So sind dann aus Fund­stü­cken der Ber­liner Straßen Instal­la­tionen und Col­lagen ent­standen. Natür­lich nicht aus­schließ­lich aus Fund-stü­cken – an einigen Tagen zeich­nete ich auch. Es war ganz span­nend, einen Tag, der gerade zu Ende gegangen ist, gra­phisch fest­zu­halten und so zu defi­nieren. Gleich­zeitig war es auch eine neue Erfah­rung, als Web­de­si­gnerin zu arbeiten. Das hatte ich zu dieser Zeit in Berlin studiert.

 

n.: Zuvor hast Du in Moskau eine Kunst­hoch­schule besucht und eine Aus­bil­dung zur Gra­fi­kerin absol­viert, danach folgte ein Archi­tek­tur­stu­dium, aber als Archi­tektin hast Du nicht lange gearbeitet.

 

M.: Nein, als Archi­tektin habe ich nicht lange gear­beitet und habe es auch in Zukunft nicht vor. Mir gefällt nicht, was und wie heut­zu­tage gebaut wird. Ich möchte daran nicht teilhaben.

 

n.: Deine Bilder sind schon weit in der Welt her­um­ge­kommen: Ange­fangen hast Du 1991 in Sankt Peters­burg, dann folgten Aus­stel­lungen in Moskau, Novo­si­birsk, Buda­pest, Köln, Berlin… Allein im letzten Jahr eröff­neten in Berlin vier Aus­stel­lungen von Dir. Macht es für Dich einen Unter­schied, für wel­ches Publikum Du arbeitest?

 

M.: Als Künst­lerin arbeite ich mit Publikum. Wenn ich eine Arbeit fertig habe, ist es für mich wichtig sie aus­zu­stellen, um einen Abstand von der Arbeit zu gewinnen und mich mit dem nächsten Bild zu beschäf­tigen. Das ist eine Art Kom­mu­ni­ka­tion, ein krea­tiver Dialog.
Was den Lebensort meines Publi­kums betrifft: Meine Bilder befinden sich nicht in einem bestimmten Kon­text, um nur dem Zuschauer einer bestimmten Kultur ver­ständ­lich zu sein. Daher es ist für mich völlig unbe­deu­tend, in wel­chem Land ich Sie ausstelle.

 

miller_narr2_privat

n.: Die Aus­stel­lung, die im Juni 2007 im Frau­en­zen­trum RuT zu sehen war, hatte den Titel: Frau­en­körper – Traum­ge­stalten. Bleiben wir erst bei dem Begriff ‚Traum­ge­stalten’. In vielen Deiner Arbeiten könnte man die Figuren als Traum­ge­stalten bezeichnen.Welcher Zusam­men­hang besteht zwi­schen dem Thema dieser Arbeiten und Deinen frü­heren Bildern?

 

M.: Der Titel der Aus­stel­lung ist nicht von mir. Ich hätte die Aus­stel­lung nicht so genannt. Das eigent­liche Thema dieser Arbeiten ist „Leben und Tod“. Es geht um die Sym­bolik, Mytho­logie und um die Bezie­hung zwi­schen Leben und Tod. Es geht um die Stel­lung dieser wich­tigen, kosmo­go­ni­schen Begriffe, in ver­schie­denen und in erster Linie in abend­län­di­schen Kul­turen. Die Mytho­logie beginnt in der ägyp­ti­schen Kultur, findet sich später in der grie­chi­schen Antike wieder und reicht bis in die gegen­wär­tige Kultur.
Was das Thema „Traum“ in meinen Arbeiten angeht… Ich beschäf­tige mich mit der Kunst­theorie nicht so intensiv, daher habe ich auch keine Distanz zu meinen Arbeiten, um sie zu kate­go­ri­sieren. Ich weiß nur, was ich machen möchte, habe bei jeder Arbeit ein Ziel vor Augen, mehr brauche ich nicht.

 

miller_fenster_installation_privat

n.: Wenn der Titel der Aus-stel­lung nicht so tref­fend ist, ist dann auch der Begriff ‚Frauen-körper’ an dieser Stelle falsch? Diese Arbeit stellt doch drei Frau­en­fi­guren dar, deren Körper mit grie­chi­schen und ägyp­ti­schen Sym­bolen be-schriftet sind, was die Bilder lesbar macht. Auch in vielen anderen Bil­dern und Gra­fiken von Dir spielen Orna­mente eine große Rolle. Woher ein sol­ches Inter­esse an der Symbolik?

 

M.: Ich beschäf­tige mich schon lange mit der Sym­bolik und mit der Geschichte des Orna­ments. Ange­fangen habe ich mit mexi­ka­ni­schen Orna­menten, später habe ich mich für die asia­ti­schen inter­es­siert, des­halb tau­chen in vielen Gra­fiken und Bil­dern immer wieder Orna­mente auf. Orna­mente und Sym­bolik beschäf­tigen mich auch als die ältesten Infor­ma­ti­ons­träger, die uns aus den alten Kul­turen über­lie­fert sind. Das ist eine bestimmte Sprache. Man muss diese Sprache lesen und die darin ver­schlüs­selten Infor­ma­tionen ver­stehen können. Viele Sym­bole haben sich im Laufe der Mensch-heits­ge­schichte bewahrt. Das spie­gelt sich heute in irra­tio­nalen Ängsten wieder, z.B. waren die Schlange oder die Maus Zei­chen der Götter der Unterwelt.

 

n.: Dabei spielt auch die Frau eine wich­tige Rolle.

 

M.: Mich inter­es­siert die Dar­stel­lung der Frau in der Kunst und natür­lich in der Geschichte: die Zeit, als die Frau als Große Göttin dar­ge­stellt wurde und die Zeit, zu der sich das Frau­en­bild in der Kunst geän­dert hat. In den Anfängen herrschte eine duale Welt­vor­stel­lung: das Himm­li­sche (Oben) und das Irdi­sche (Unten) ent­spre­chen dem Männ­li­chen und Weib­li­chen. In diesem System stellt die Frau das Irdi­sche dar, und im Unter­schied zum Männ­li­chen, das mit Hilfe einer Person dar­ge­stellt wurde, war die Dar­stel­lung der Großen Göttin viel­seitig: In vielen gra­fi­schen Sym­bolen wurde sie als eine zwei­köp­fige Frau dar­ge­stellt, oder als zwei eigen­stän­dige Frauen, die gute und böse Seite der Großen Göttin symbolisierten.
Die Mut­ter­schaft wurde als eine Gabe der Frau ver­standen: Nur die Frau kann, was sonst der gött­li­chen Macht obliegt – Men­schen zur Welt bringen. Das Schaffen neuen Lebens, das Geheimnis der Geburt und zugleich auch des Todes wurde ihr zuteil. Wie sich diese Vor­stel­lungen von den Anfängen bis zu unserer Zeit ver­än­dert haben, ist inter­es­sant zu beob­achten. Das habe ich in diesen Bil­dern her­aus­zu­ar­beiten versucht.

 

n.: Neben den Orna­menten beschäf­tigst Du Dich auch mit dem Genre des Por­träts, ins­be­son­dere mit Frauenporträts.

 

M.: Ich male nicht nur Frau­en­por­träts, aller­dings über­wie­gend. Ich finde, Frau­en­ge­sichter sind ein­fach aus­drucks­voller. Aber es gibt natür­lich auch inter­es­sante Män­ner­ge­sichter. Manchmal trifft man in der U‑Bahn auf ein inter­es­santes Gesicht. Es gibt ein­fach inter­es­sante und unin­ter­es­sante Gesichter.

 

miller_portrait2_privat

n.: Was ist für Dich ein „inter­es­santes Gesicht“?

 

M.: Das hängt von der Auf­gabe ab, die ich mir in diesem Por­trät stelle. Ent­weder möchte ich den Cha­rak­terzug dieser Person zeigen, der im Gesicht zu sehen ist, oder den gesamten Cha­rakter. Oder mich inter­es­siert nur der Zusam­men­hang unter­schied­li­cher Gesichts­teile, sagen wir, Augen und Nase, also der ver­schie­denen Ele­mente, durch die wir einen Men­schen erkennen. In diesem Fall möchte ich nicht den Cha­rakter zum Aus­druck bringen, son­dern die Kör­per­teile, anhand derer wir diese Person zunächst visuell wahr­nehmen. Eigent­lich führen die Por­träts nicht auf ein­zelne, kon­krete Men­schen zurück. Es sind eher Beob­ach­tungen, Lebens­ge­schichten, auch bestimmte Cha­rak­tere, mit ihren kleinen Tragödien.

 

n.: Aber nicht nur Tra­gö­dien, viele Deiner Bilder spre­chen von Lebens­freude, Unbe­fan­gen­heit, Mut zur Farbe, was eher positiv wirkt.

 

M.: Ich nehme die Wir­kung auf den Zuschauer sehr ernst, da Kunst im Grunde Gewalt ist. Jede Infor­ma­tion, die in einem Kunst­werk steckt, kann für den Betrachter wichtig sein. Das kann durch Farb­wahl, Bild­kom­po­si­tion oder das Sujet zum Aus­druck kommen. Alles zusammen hat eine unmit­tel­bare Wir­kung auf den Betrachter. Beson­ders, wenn er darauf nicht vor­be­reitet ist, nimmt er es sehr direkt und unmit­telbar auf. Gerade das macht die Ver­ant­wor­tung von Künst­lern vor dem Publikum aus. Ich bin über­zeugt, dass es sie gibt, und dass sie unbe­dingt da sein muss.

 

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n.: Im Internet sind auch Deine Ani­ma­ti­ons­filme zu sehen. Einem Film, auch einem Ani­ma­ti­ons­film geht ein Dreh-buch voran. Schreibst Du deine Dreh­bü­cher selbst?

 

M.: Ja, das sind immer meine Geschichten.

 

n.: Wie ent­stehen diese Geschichten?

 

M.: Zunächst ent­wickle ich die Hand­lung: Ich zeichne sie per Hand in einen Skiz­zen­block: Seite für Seite ent­stehen Szenen. Wenn die Sujet­linie fertig ist, kommen die Figuren dazu. Darauf folgt die tech­ni­sche Fleiß­ar­beit am Com­puter mit dem Flashprogramm.

 

n.: Die Geschichten ent­stehen also beim Zeichnen?

 

M.: Ja, und das nicht nur im Falle der Ani­ma­ti­ons­filme. Ich brauche einen Stift, ein Blatt Papier, ich muss mich hin­setzen und arbeiten. Ich brauche diesen Pro­zess. Wäh­rend ich den Stift über das Blatt führe, ent­steht etwas. Wenn ich aber über­lege: „Was könnte ich malen?“, dann fällt mir nichts Inter­es­santes ein [lacht]. Natür­lich gibt es bestimmte Themen, phi­lo­so­phi­sche Themen, mit denen es mich reizt zu arbeiten. Diese sind ziem­lich ein­fach, sogar banal, und den­noch ist kaum ein Künstler an ihnen vor­bei­ge­kommen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

 

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n.: Du bist auch Illus­tra­torin. Deine ersten Erfah­rungen als Gra­fik­de­si­gnerin und Illus­tra­torin hast Du beim Kin­der­buch­verlag Čer­naja kurica und später in der Mos­kauer Lite­ra­tur­zeit­schrift Adelfe gemacht. Als Malerin hast Du, wie Du selbst sag­test, ein Ziel vor Augen. Wie ist das als Illus­tra­torin? Bist Du an den Text gebunden, oder ver­fügst Du über die Frei­heit ihn zu interpretieren?

 

M.: Das ist immer indi­vi­duell. Für mich ist es wichtig den Text zu prä­sen­tieren. Ich will ihn ja nicht wie­der­holen. Das ist Tau­to­logie. Den gibt es ja schon in seiner ganzen Viel­fäl­tig­keit. Für mich ist es wichtig ihn ein­zu­rahmen. Ich stelle ein­zelne Momente und Ideen aus dem Sujet dar, die viel­leicht für den Leser nicht immer ‚sichtbar’ sind. Das ist alles.

 

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n.: Unter den Büchern, die Du illus­triert hast, sind Kinder-bücher, Gedicht­bände von Marina Gerše­novič oder das Para­bel­buch der geor­gi­schen Schrift­stel­lerin und Wahl-ber­li­nerin Manana Men­abde Und die Zeit ver­ging, ein phi­lo­so­phi­sches Buch. Was hat Dich dazu bewegt, dieses Buch zu illustrieren?

 

M.: Und die Zeit ver­ging ist eine Geschichte über einen Men­schen, mit dem immer etwas pas­siert. Etwas, was jedem von uns pas­sieren kann – z.B. hat der Mensch seinen eigenen Namen ver­gessen. Jede dieser Para­beln endet mit dem glei­chen Refrain: „Und die Zeit ver­ging“, und diese Zeile fügt diese ein­zelnen Verse zu einem Buch zusammen. Mich hat die Figur dieses Men­schen inter­es­siert, weil Manana Men­abde Geor­gierin ist und diese Geschichte auf Rus­sisch geschrieben hat, was eigent­lich nicht ihre Mut­ter­sprache ist. Diese Erzäh­lung trägt etwas von der Melodie der geor­gi­schen Sprache in sich. Und das ist sehr schön. Des­wegen wollte ich diese Figur frei von jeg­li­cher Zuge­hö­rig­keit dar­stellen, sei es zu einem Geschlecht oder zu einer Natio­na­lität. Mir war wichtig, dass die Geor­gier in diesem Men­schen einen Geor­gier sehen, die Arme­nier einen Arme­nier usw. Es ist auch eine Art, die eigene Kultur aus der Per­spek­tive der Emi­gra­tion zu betrachten. So kann man in einer neuen Welt zu sich finden.

 

n.: Dieses Buch ist in einer sehr kleinen Auf­lage erschienen. Das gilt auch für die anderen Bücher, die Du illus­triert hast.

 

M.: Ich betrachte ein Buch nicht nur als einen Text. Für mich ist das Buch auch als ein mate­ri­elles , als ein künst­le­ri­sches Objekt inter­es­sant. Ich neige zu der Mei­nung, dass schon viel zu viel publi­ziert wurde. Mir gefällt aber die Vari­ante Künst­ler­buch. Diese Buch­form ist schon an sich schön. Solche Bücher sind per­sön­li­cher, sie haben noch Wärme, Leben in sich. Sie sind nicht anonym.

 

n.: Hast Du eigene Ideen für Bücher, oder hast Du viel­leicht bereits solche Bücher rea­li­sieren können?

 

M.: Ideen habe ich schon, ich muss nur die pas­senden Let­tern finden. Die habe ich noch nicht. Der Text soll nicht von Hand geschrieben werden, das mensch­liche Auge ist nicht mehr an hand­schrift­liche Texte gewöhnt. Es gibt sogar schon Druck­ge­räte für klei­nere Auf­lagen. Und es soll ein mini­ma­lis­ti­scher Text sein – ein, zwei Zeilen, aber kein lyri­scher Text. Viel­leicht Para­beln oder Gleichnisse.

 

n.: Das Ein­zelne wird also zum Ganzen? So wie Deine Bilder, die auch aus ver­schie­denen Frag­menten zusam­men­ge­setzt sind?

 

M.: Ich kann nicht sagen, dass ich solche Arbeiten bewusst male. Die Instal­la­tionen für Leben und Tod habe ich dagegen bewusst gemacht. Es war mir sehr wichtig, jedes Symbol an die rich­tige Stelle zu setzen. Alles sollte genau an einer bestimmten Stelle sitzen. Bei den meisten Arbeiten weiß ich am Anfang nicht, was daraus wird. Ich arbeite intuitiv, und erst wenn es fertig ist, schaue ich es mir an. Wäh­rend der Arbeit bin ich auch selbst gespannt, was daraus wird.

 

n.: Für Dich ist der Pro­zess an sich wichtig?

 

M.: Ja, ich denke, das ist das Wich­tigste an der Arbeit über­haupt. Ich weiß nicht, wie es den Schrift­stel­lern beim Schreiben und beim Publi­zieren geht. Mich reizt der Pro­zess an sich. Im Prinzip ist er das Wich­tigste für mich. Er ist wich­tiger als das Resultat. Das Resultat ist schon ein Pro­dukt und gehört nicht mehr mir. Aber am Pro­zess nimmt man unmit­telbar teil. Das Schwie­rigste ist den Pro­zess zu beenden, recht­zeitig den Punkt zu setzen und zu sagen: Es ist vollbracht!

 

 

Das Inter­view führte Valen­tina Dann. Kamera: RM

 

Link zur vir­tu­ellen Galerie von Tanja Miller:

http://miller-design.de/start.htm [Illus­tra­tionen zum Buch von Manana Men­abde Und die Zeit ver­ging]