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„Der Balkan ist klein, unsere Diaspora aber ist groß!“ – Gastkünstler-Literatur zwischen Wien und Belgrad

Posted on 12. Juni 2020 by Miranda Jakiša
Marko Dinićs 2019 erschienener Roman Die guten Tage zeichnet sich durch transkulturelle Dimensionen aus, die einer mehrfach gerichteten Lektüre befreienden Bewegungsraum verschaffen. Jugoslawische New Wave Bands wie Azra, Ekaterina Velika oder Haustor stehen neben Diasporaerfahrung, Wiener Gesellschaftsanalyse sowie Serbien-Bashing slash Belgrad-Liebe.

Marko Dinićs 2019 erschienener Roman Die guten Tage zeichnet sich durch transkulturelle Dimensionen aus, die einer mehrfach gerichteten Lektüre befreienden Bewegungsraum verschaffen. Jugoslawische New Wave Bands wie Azra, Ekaterina Velika oder Haustor stehen neben Diasporaerfahrung, Wiener Gesellschaftsanalyse sowie Serbien-Bashing slash Belgrad-Liebe. Die Hauptbewegung des Protagonisten, seine Busfahrt von Wien nach Belgrad, knüpft an den jugoslawischen Kultfilm Ko to tamo peva (1980) an, während der Ich-Erzähler und sein akademisches Alter Ego, genannt „der Nachbar“, angewandte Erinnerungspolitik für Serbien durchspielen. Erst in alle Richtungen gleichzeitig gedacht, entfaltet dieser erste Roman Dinićs sein volles Panorama, das den jugoslawischen Nachkriegskulturraum vor der Kulisse einer deutschsprachigen Diaspora-Welt zur Inspektion freigibt.

 

Auf seinen zahlreichen Lesungsterminen zum Roman Die guten Tage (2019) wird Marko Dinić gerne nach dem „Gastarbeiterexpress“ gefragt. Mit “Gastarbeiterexpress” beschreibt Dinić im Roman die Busverbindung zwischen Wien und Belgrad, die der Erzähler nimmt, um nach zehnjähriger Abwesenheit zur Beerdigung seiner heiß geliebten Großmutter Nana nach Belgrad zu fahren.

 

Ein Gastarbeiter sei er nicht, sagte Dinić im Gespräch mit Katja Gasser am Burgtheater, gastarbajter definiere ihre schwere, bis zur Erschöpfung ausgebeutete, körperliche Arbeit. Doch man kann ihm hier, so glaube ich, auch widersprechen. Dinićs Roman, der beim österreichischen Zsolnay-Verlag in der Hanser-Verlagsgruppe erschienen ist, ist Ausdruck einer neuen ‚Gastarbeiter_innen‘-Gruppe, der Gastkünstler_innen und ihrer Literatur. Was sie mit ihren historischen Vorgängern verbindet, ist weniger die soziale Zugehörigkeit zu den Arbeiter_innen. Die Gemeinsamkeit steckt vielmehr in der Wortkomponente „Gast“. Der Gast ist jemand, der zwar anwesend ist, dessen darauffolgende Abwesenheit im Geiste aber immer schon mitgedacht ist. Während der Gast an einem Ort weilt, bleibt er – in der eigenen und fremden Wahrnehmung – stets auf ein Zuhause anderswo ausgerichtet. Entsprechend fieberten die Gastarbeiter_innen dem Heimataufenthalt entgegen, schickten das verdiente Geld nach Hause und waren historisch so lange Gastarbeiter_innen, wie sie mit Blick auf die zurückgelassene Heimat lebten. Haben wir heute nicht Gastkünstler_innen aus Südosteuropa, Schriftsteller_innen, Perfomer_innen, Dramaturg_innen und andere Intellektuelle (Boris Buden, Tanja Šljivar, Ivana Sajko, Tanja Ostojić…), die auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen hier gelandet sind, aber stets in Hinsicht auf die zurückgelassene Heimat denken und bis hin zur Selbstverausgabung arbeiten? Passt dazu nicht auch wunderbar, dass in Dinićs Roman die Vergangenheit der Belgrader Jugend und Schulzeit im Präsens beschrieben, die österreichische Gegenwart hingegen aus der Distanz einer erzählerischen Vergangenheit berichtet wird? Der intradiegetisch-homodiegetische Erzähler und sein Doppelgänger, der „Nachbar“, legen bei ihrer Serbien-Abrechnung dabei eine wütende Niedergeschlagenheit an den Tag, die atmosphärisch den Roman trägt und auch ein Stimmungsbild nicht nur Serbiens, sondern des gesamten nachjugoslawischen Raums abgibt. Serbien jedenfalls, „dieses Land macht auch die Besten unter uns fertig.“

 

Wiener Diaspora als Camouflage

 

Österreich indes glänzt im Roman durch weitgehende Abwesenheit oder, anders gesagt, durch eine latente Präsenz, die vor allem über Absenz hergestellt wird. Österreich ist zunächst kontrastiver Hintergrund, vor dem sich Serbien und die ambivalente Haltung des Erzählers darstellen lassen. Dieser will in seiner Belgrader Maturanten-Zeit unbedingt weg, irgendwohin, wo Deutsch gesprochen wird, denn „in der Schule war immer gut in Deutsch gewesen“, was ihm die Spitznamen „Švabo oder Hans oder Adolf oder Rudolf“ einbringt. Er wirft zu guter Letzt eine Berlin-Wien-Münze, landet so in Wien, kehrt Belgrad für eine Dekade den Rücken und „versucht krampfhaft, sein bisheriges Leben in Serbien zu vergessen, während ein anderer Teil ununterbrochen daran erinnert wurde, wie sehr Wörter wie Sehnsucht oder Heimat zur Falle werden können.“ Doch Österreich ist auch nicht einfach ersetzbar in Die guten Tage. Wiens enge Verbindung zu den Südslawen und die ausgeprägte Jugo-Diasporakultur fügen sich zum Sprecherstandpunkt, der die eingehende retrospektive Betrachtung Belgrads erst erlaubt. „Der Duden lieferte mir den Wortschatz, mein Schreiben die Routine und die Museumsbesuche die Camouflage.“ Im rauen Jargon der Belgrader Straße, der ins Deutsche übertragen zur neuen, Distanz gewährenden Beschreibungssprache wird, flucht der Erzähler sich durch seine junge Lebensgeschichte und rechnet mit Miloševićs Serbien so ab, wie wir es schon lange einmal hören wollten. Der mit negativen Attributen üppig ornamentierte Vater: „mein Vater, die Missgeburt“, „mein Vater, das Stachelschwein“, „mein Vater, dieser Bastard“, „mein Vater, diese falsche Kröte“, „mein Vater, die Mistsau“, steht dabei für die Kriegstreiber-Generation, deren Linie der Sohn sich weiterzuerzählen weigert.

 

Schriftsteller mit serbischem Schwerpunkt

 

Marko Dinić, © Mark Prohaska.

Marko Dinić, der in Österreich Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte studiert hat, wird mit Die guten Tage zum deutschsprachigen Schriftsteller mit serbischem Schwerpunkt. Als Sohn serbischer Eltern wurde er zwischen Österreich und Serbien sozialisiert, geboren in Wien, aufgewachsen in Stuttgart und Belgrad, Matura in Serbien, Studium in Salzburg. Heute lebt und arbeitet Dinić in Wien und schreibt an einem neuen Roman, der sich wieder mit Serbien und dessen jüdischer Geschichte befassen wird. Die guten Tage wird derweil von Dragoslav Dedović ins Serbische übersetzt und erscheint demnächst bei buybook in Sarajevo – zum Bedauern von Dinićs Mutter, wie er mir im Interview verrät, in lateinischer Schrift. Auf die Rezeption im nachjugoslawischen Raum dürfen wir gespannt sein, gerade weil Die guten Tage an Reichweite Serbien überschreiten.

 

Der unterbrochene Kreis des Balkan-Patriarchats

 

Über den Milošević-liebenden sowie Erinnerung-verdrängenden Vater und seine Kontrastfigur, die Großmutter, hadert Dinićs Roman mit den patriarchalen Geschlechterverhältnissen auf dem Balkan schlechthin. Die Großmutter ist die stärkste Persönlichkeit im Roman und hat den größten Einfluss auf den Erzähler, nicht etwa die Männer, die Nana zu Folge „alle schon immer unfähig waren, eine ganze Sippe von Kampfhähnen, die nichts können, außer laut schreien“. Sie ist es, die den Enkel fort aus Serbien schickt. Ihr Tod motiviert nicht nur die Bewegung des Erzählers von Wien nach Belgrad, sondern auch die meisten Reflexionen des Ich-Erzählers. Über ihre Lebensgeschichte wird das Balkan-Patriarchat, das untrennbar mit den jugoslawischen Zerfallskriegen zusammenhängt, zum Thema des Romans. Im historischen Einzugsgebiet der Zadruga-Gemeinschaft, der Sippengesellschaft, leben Männer nach einem kämpferischen Ehrenkodex, über den sie in patrilinearem Kontakt mit den Ahnen stehen, während Frauen

für die Gemeinschaft und Geschichte bedeutungslos bleiben. Doch Dinićs ‚Anti-Protagonist‘ spricht erzählerisch in seinen Erinnerungen der Großmutter als Figur Würde, Größe und Kraft zu, nicht etwa dem Vater! Bei der Beerdigung beobachtet der Erzähler dann die männliche Verwandtschaft: „Und nun standen sie da, dieselben Väter, in Reih und Glied, mit nichts als ihren Schwänzen in den Händen, und spielten immerzu dieselbe Leier – gealtert, vergessen, jämmerlich, nichts Ruhmvolles mehr.“ Als er zuletzt der aufgebahrten Toten den an ihn weitergegebenen Ring des Großvaters in den Rachen legt, schreibt er gar die Tradition am Balkan um und unterbricht seine Verbindung zur männlichen Verwandtschaft unwiderruflich. Der neue Ritus des Ringdeponierens, der vielleicht in einem Hollywood-Thriller, bestimmt aber nicht in der Balkantradition seine Vorlage hat, macht ein Symbol des Patriarchats zur Grab-Beilage einer Frau.

 

Sehnsuchtsort Deutsche Sprache

 

Marko Dinićs intertextuell dicht gewebter Roman, der Ilse-Aichinger-Zitate ebenso enthält wie die gogoleske Figur des Busnachbarn oder eine regelrechte Plagiatspassage aus Joseph Conrads Heart of Darkness, ist ein wütend bitterer Abgesang auf ein glücklicherweise untergehendes Serbien und ein Loblied auf dessen Auferstehung aus dem Geist der deutschsprachigen Literatur. Einen Eindruck davon geben die Liebeserklärungen an Belgrad: „Und je näher man dem Stadtkern entgegendonnerte, desto schwieriger entkam man dem Sog, den Belgrad wie keine andere Stadt entwickeln konnte: ein ausgeleiertes Fließband aus hastigen Bewegungen, Gebrüll, Schweiß, Gestank, Verwesung, Abgas, Smog, Beton, Asphalt, Armut – Balkan. Das Vibrieren monströser Motoren unter angespannt schwitzenden Ärschen, die Menschen und ihre lose schaukelnden Köpfe nun in neuen, ansehnlicheren Bussen der Stadtverwaltung – eine Spende der Stadt Basel, nicht wie üblich in Rot, sondern in Signalgelb.“ Der Sehnsuchtsort Deutsche Sprache kulminiert im Roman in Übersetzungen von Popsongs, wie Milan Mladenovićs Metak „Ich bin ein Weltbürger, ich kaufe das Vergessen“ oder sedimentiert auch mal ins Rilke-Zitat: „Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“

 

Dinićs Roman sagt über Serbien, was längst gesagt werden musste, und verleiht zugleich einer neuen Diaspora eine Stimme. Wenn sein Erzähler am Ende des Romans sein „ewiges Gastarbeitertum“ als „Camouflage“ abwertet, kann man ihm entgegenhalten, dass diese Tarnung ihn immerhin hat frei aufsprechen lassen.

 

 

Literatur

Marko Dinić. Die guten Tage. Zsolnay, Wien 2019

„Der Balkan ist klein, unsere Diaspora aber ist groß!“ – Gastkünstler-Literatur zwischen Wien und Belgrad – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Der Balkan ist klein, unsere Dia­spora aber ist groß!“ – Gast­künstler-Lite­ratur zwi­schen Wien und Belgrad

Marko Dinićs 2019 erschie­nener Roman Die guten Tage zeichnet sich durch trans­kul­tu­relle Dimen­sionen aus, die einer mehr­fach gerich­teten Lek­türe befrei­enden Bewe­gungs­raum ver­schaffen. Jugo­sla­wi­sche New Wave Bands wie Azra, Eka­te­rina Velika oder Haustor stehen neben Dia­spora­er­fah­rung, Wiener Gesell­schafts­ana­lyse sowie Ser­bien-Bashing slash Bel­grad-Liebe. Die Haupt­be­we­gung des Prot­ago­nisten, seine Bus­fahrt von Wien nach Bel­grad, knüpft an den jugo­sla­wi­schen Kult­film Ko to tamo peva (1980) an, wäh­rend der Ich-Erzähler und sein aka­de­mi­sches Alter Ego, genannt „der Nachbar“, ange­wandte Erin­ne­rungs­po­litik für Ser­bien durch­spielen. Erst in alle Rich­tungen gleich­zeitig gedacht, ent­faltet dieser erste Roman Dinićs sein volles Pan­orama, das den jugo­sla­wi­schen Nach­kriegs­kul­tur­raum vor der Kulisse einer deutsch­spra­chigen Dia­spora-Welt zur Inspek­tion freigibt.

 

Auf seinen zahl­rei­chen Lesungs­ter­minen zum Roman Die guten Tage (2019) wird Marko Dinić gerne nach dem „Gast­ar­bei­ter­ex­press“ gefragt. Mit “Gast­ar­bei­ter­ex­press” beschreibt Dinić im Roman die Bus­ver­bin­dung zwi­schen Wien und Bel­grad, die der Erzähler nimmt, um nach zehn­jäh­riger Abwe­sen­heit zur Beer­di­gung seiner heiß geliebten Groß­mutter Nana nach Bel­grad zu fahren.

 

Ein Gast­ar­beiter sei er nicht, sagte Dinić im Gespräch mit Katja Gasser am Burg­theater, gas­tar­bajter defi­niere ihre schwere, bis zur Erschöp­fung aus­ge­beu­tete, kör­per­liche Arbeit. Doch man kann ihm hier, so glaube ich, auch wider­spre­chen. Dinićs Roman, der beim öster­rei­chi­schen Zsolnay-Verlag in der Hanser-Ver­lags­gruppe erschienen ist, ist Aus­druck einer neuen ‚Gastarbeiter_innen‘-Gruppe, der Gastkünstler_innen und ihrer Lite­ratur. Was sie mit ihren his­to­ri­schen Vor­gän­gern ver­bindet, ist weniger die soziale Zuge­hö­rig­keit zu den Arbeiter_innen. Die Gemein­sam­keit steckt viel­mehr in der Wort­kom­po­nente „Gast“. Der Gast ist jemand, der zwar anwe­send ist, dessen dar­auf­fol­gende Abwe­sen­heit im Geiste aber immer schon mit­ge­dacht ist. Wäh­rend der Gast an einem Ort weilt, bleibt er – in der eigenen und fremden Wahr­neh­mung – stets auf ein Zuhause anderswo aus­ge­richtet. Ent­spre­chend fie­berten die Gastarbeiter_innen dem Hei­mat­auf­ent­halt ent­gegen, schickten das ver­diente Geld nach Hause und waren his­to­risch so lange Gastarbeiter_innen, wie sie mit Blick auf die zurück­ge­las­sene Heimat lebten. Haben wir heute nicht Gastkünstler_innen aus Süd­ost­eu­ropa, Schriftsteller_innen, Perfomer_innen, Dramaturg_innen und andere Intel­lek­tu­elle (Boris Buden, Tanja Šljivar, Ivana Sajko, Tanja Ostojić…), die auf der Suche nach bes­seren Arbeits­be­din­gungen hier gelandet sind, aber stets in Hin­sicht auf die zurück­ge­las­sene Heimat denken und bis hin zur Selbst­ver­aus­ga­bung arbeiten? Passt dazu nicht auch wun­derbar, dass in Dinićs Roman die Ver­gan­gen­heit der Bel­grader Jugend und Schul­zeit im Prä­sens beschrieben, die öster­rei­chi­sche Gegen­wart hin­gegen aus der Distanz einer erzäh­le­ri­schen Ver­gan­gen­heit berichtet wird? Der intra­die­ge­tisch-homo­die­ge­ti­sche Erzähler und sein Dop­pel­gänger, der „Nachbar“, legen bei ihrer Ser­bien-Abrech­nung dabei eine wütende Nie­der­ge­schla­gen­heit an den Tag, die atmo­sphä­risch den Roman trägt und auch ein Stim­mungs­bild nicht nur Ser­biens, son­dern des gesamten nach­ju­go­sla­wi­schen Raums abgibt. Ser­bien jeden­falls, „dieses Land macht auch die Besten unter uns fertig.“

 

Wiener Dia­spora als Camouflage

 

Öster­reich indes glänzt im Roman durch weit­ge­hende Abwe­sen­heit oder, anders gesagt, durch eine latente Prä­senz, die vor allem über Absenz her­ge­stellt wird. Öster­reich ist zunächst kon­tras­tiver Hin­ter­grund, vor dem sich Ser­bien und die ambi­va­lente Hal­tung des Erzäh­lers dar­stellen lassen. Dieser will in seiner Bel­grader Matu­ranten-Zeit unbe­dingt weg, irgend­wohin, wo Deutsch gespro­chen wird, denn „in der Schule war [er] immer gut in Deutsch gewesen“, was ihm die Spitz­namen „Švabo oder Hans oder Adolf oder Rudolf“ ein­bringt. Er wirft zu guter Letzt eine Berlin-Wien-Münze, landet so in Wien, kehrt Bel­grad für eine Dekade den Rücken und „ver­sucht krampf­haft, s[m]ein bis­he­riges Leben in Ser­bien zu ver­gessen, wäh­rend ein anderer Teil unun­ter­bro­chen daran erin­nert wurde, wie sehr Wörter wie Sehn­sucht oder Heimat zur Falle werden können.“ Doch Öster­reich ist auch nicht ein­fach ersetzbar in Die guten Tage. Wiens enge Ver­bin­dung zu den Süd­slawen und die aus­ge­prägte Jugo-Dia­spor­akultur fügen sich zum Spre­cher­stand­punkt, der die ein­ge­hende retro­spek­tive Betrach­tung Bel­grads erst erlaubt. „Der Duden lie­ferte mir den Wort­schatz, mein Schreiben die Rou­tine und die Muse­ums­be­suche [in Wien] die Camou­flage.“ Im rauen Jargon der Bel­grader Straße, der ins Deut­sche über­tragen zur neuen, Distanz gewäh­renden Beschrei­bungs­sprache wird, flucht der Erzähler sich durch seine junge Lebens­ge­schichte und rechnet mit Miloše­vićs Ser­bien so ab, wie wir es schon lange einmal hören wollten. Der mit nega­tiven Attri­buten üppig orna­men­tierte Vater: „mein Vater, die Miss­ge­burt“, „mein Vater, das Sta­chel­schwein“, „mein Vater, dieser Bas­tard“, „mein Vater, diese fal­sche Kröte“, „mein Vater, die Mistsau“, steht dabei für die Kriegs­treiber-Genera­tion, deren Linie der Sohn sich wei­ter­zu­er­zählen weigert.

 

Schrift­steller mit ser­bi­schem Schwerpunkt

 

Marko Dinić, © Mark Prohaska.

Marko Dinić, der in Öster­reich Ger­ma­nistik und Jüdi­sche Kul­tur­ge­schichte stu­diert hat, wird mit Die guten Tage zum deutsch­spra­chigen Schrift­steller mit ser­bi­schem Schwer­punkt. Als Sohn ser­bi­scher Eltern wurde er zwi­schen Öster­reich und Ser­bien sozia­li­siert, geboren in Wien, auf­ge­wachsen in Stutt­gart und Bel­grad, Matura in Ser­bien, Stu­dium in Salz­burg. Heute lebt und arbeitet Dinić in Wien und schreibt an einem neuen Roman, der sich wieder mit Ser­bien und dessen jüdi­scher Geschichte befassen wird. Die guten Tage wird der­weil von Dra­goslav Dedović ins Ser­bi­sche über­setzt und erscheint dem­nächst bei buy­book in Sara­jevo – zum Bedauern von Dinićs Mutter, wie er mir im Inter­view verrät, in latei­ni­scher Schrift. Auf die Rezep­tion im nach­ju­go­sla­wi­schen Raum dürfen wir gespannt sein, gerade weil Die guten Tage an Reich­weite Ser­bien überschreiten.

 

Der unter­bro­chene Kreis des Balkan-Patriarchats

 

Über den Milošević-lie­benden sowie Erin­ne­rung-ver­drän­genden Vater und seine Kon­trast­figur, die Groß­mutter, hadert Dinićs Roman mit den patri­ar­chalen Geschlech­ter­ver­hält­nissen auf dem Balkan schlechthin. Die Groß­mutter ist die stärkste Per­sön­lich­keit im Roman und hat den größten Ein­fluss auf den Erzähler, nicht etwa die Männer, die Nana zu Folge „alle schon immer unfähig waren, eine ganze Sippe von Kampf­hähnen, die nichts können, außer laut schreien“. Sie ist es, die den Enkel fort aus Ser­bien schickt. Ihr Tod moti­viert nicht nur die Bewe­gung des Erzäh­lers von Wien nach Bel­grad, son­dern auch die meisten Refle­xionen des Ich-Erzäh­lers. Über ihre Lebens­ge­schichte wird das Balkan-Patri­ar­chat, das untrennbar mit den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­kriegen zusam­men­hängt, zum Thema des Romans. Im his­to­ri­schen Ein­zugs­ge­biet der Zadruga-Gemein­schaft, der Sip­pen­ge­sell­schaft, leben Männer nach einem kämp­fe­ri­schen Ehren­kodex, über den sie in patri­li­nearem Kon­takt mit den Ahnen stehen, wäh­rend Frauen

für die Gemein­schaft und Geschichte bedeu­tungslos bleiben. Doch Dinićs ‚Anti-Prot­ago­nist‘ spricht erzäh­le­risch in seinen Erin­ne­rungen der Groß­mutter als Figur Würde, Größe und Kraft zu, nicht etwa dem Vater! Bei der Beer­di­gung beob­achtet der Erzähler dann die männ­liche Ver­wandt­schaft: „Und nun standen sie da, die­selben Väter, in Reih und Glied, mit nichts als ihren Schwänzen in den Händen, und spielten immerzu die­selbe Leier – geal­tert, ver­gessen, jäm­mer­lich, nichts Ruhm­volles mehr.“ Als er zuletzt der auf­ge­bahrten Toten den an ihn wei­ter­ge­ge­benen Ring des Groß­va­ters in den Rachen legt, schreibt er gar die Tra­di­tion am Balkan um und unter­bricht seine Ver­bin­dung zur männ­li­chen Ver­wandt­schaft unwi­der­ruf­lich. Der neue Ritus des Ring­de­po­nie­rens, der viel­leicht in einem Hol­ly­wood-Thriller, bestimmt aber nicht in der Bal­kan­tra­di­tion seine Vor­lage hat, macht ein Symbol des Patri­ar­chats zur Grab-Bei­lage einer Frau.

 

Sehn­suchtsort Deut­sche Sprache

 

Marko Dinićs inter­tex­tuell dicht gewebter Roman, der Ilse-Aichinger-Zitate ebenso ent­hält wie die gogo­leske Figur des Bus­nach­barn oder eine regel­rechte Pla­gi­ats­pas­sage aus Joseph Con­rads Heart of Darkness, ist ein wütend bit­terer Abge­sang auf ein glück­li­cher­weise unter­ge­hendes Ser­bien und ein Lob­lied auf dessen Auf­er­ste­hung aus dem Geist der deutsch­spra­chigen Lite­ratur. Einen Ein­druck davon geben die Lie­bes­er­klä­rungen an Bel­grad: „Und je näher man dem Stadt­kern ent­ge­gen­don­nerte, desto schwie­riger entkam man dem Sog, den Bel­grad wie keine andere Stadt ent­wi­ckeln konnte: ein aus­ge­lei­ertes Fließ­band aus has­tigen Bewe­gungen, Gebrüll, Schweiß, Gestank, Ver­we­sung, Abgas, Smog, Beton, Asphalt, Armut – Balkan. Das Vibrieren mons­tröser Motoren unter ange­spannt schwit­zenden Ärschen, die Men­schen und ihre lose schau­kelnden Köpfe nun in neuen, ansehn­li­cheren Bussen der Stadt­ver­wal­tung – eine Spende der Stadt Basel, nicht wie üblich in Rot, son­dern in Signal­gelb.“ Der Sehn­suchtsort Deut­sche Sprache kul­mi­niert im Roman in Über­set­zungen von Pop­songs, wie Milan Mla­de­no­vićs Metak „Ich bin ein Welt­bürger, ich kaufe das Ver­gessen“ oder sedi­men­tiert auch mal ins Rilke-Zitat: „Wir ord­nens. Es zer­fällt. Wir ord­nens wieder und zer­fallen selbst.“

 

Dinićs Roman sagt über Ser­bien, was längst gesagt werden musste, und ver­leiht zugleich einer neuen Dia­spora eine Stimme. Wenn sein Erzähler am Ende des Romans sein „ewiges Gast­ar­bei­tertum“ als „Camou­flage“ abwertet, kann man ihm ent­ge­gen­halten, dass diese Tar­nung ihn immerhin hat frei auf­spre­chen lassen.

 

 

Lite­ratur

Marko Dinić. Die guten Tage. Zsolnay, Wien 2019