Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Preis der Berufung

Wenn der Wahn an die Tür einer hete­ro­nor­ma­tiven Kern­fa­milie klopft und sich das Empusa-Wesen Namens „Manananggal“ erhebt, wenn die Selbst­ver­wirk­li­chung einer Mutter und Haus­frau zu bersten beginnt, gar eine sexu­elle Revo­lu­tion ein­zu­leiten droht, dann befindet sich das kol­lektiv-erschro­ckene Publikum mitten in Ana Uru­schadses inter­na­tional preis­ge­kröntem Drama-Debüt – Saschi­schi Deda (Scary Mother, 2017).

 

107 Minuten rät­sel­hafter Bildatmosphäre

Monu­men­tale Sur­rea­lität leckt an labilen, grau­be­to­nierten Hoch­haus­fronten. Stumm­träume laufen, Nebel­schwaden gleich, wag­halsig Brü­cken­kor­ri­dore ent­lang. Bela­denes Archi­tek­tur­ma­te­rial, das Ein­drücke beher­bergt, und poe­ti­sierte Bild­sprache in elek­tri­sierten Publi­kum­saugen. Leben und Form in der Fes­tung Familie. Manana (Nato Mur­wa­nidse) treibt es auf die Straßen, vorbei an Indus­trie­parks, den All­tags­ekel bewäl­ti­gend. Die Haus­frau­en­tä­tig­keiten sind zu normal, zu bieder, zu wider­wärtig, um sie anders abzu­schüt­teln. Der Morgen zählt gerade einmal fünf Uhr. Seit Manana an ihrem neuen Buch schreibt, gibt es für sie keinen gere­gelten Tages­ab­lauf mehr. Unsere Prot­ago­nistin, immerzu treu vom blauen Mantel umschlossen, ringt nach kurz­le­bigen Atem­pausen – dem eigenen hun­gernden Gemüt aus­ge­lie­fert. Woge um Woge bre­chen kom­pli­ziert-facet­tierte Impulse hervor. Affekte ver­schlingen sie. Ihr Kreis­lauf gleicht der einer Schrift­stel­le­rin­nen­exis­tenz. Manana ist eine Frau, die von ihren Ideen ver­zehrt, dem eigenen Schreib­diktat unter­worfen ist und alle geschrie­benen Hand­lungen, Motive, gar deren Kon­se­quenzen am eigenen Leib durch­lebt. Selbst der sie umge­bende fil­mi­sche Bild­raum wird von fros­tiger Melan­cholie durch­zogen. Die kühlen Farb­ar­ran­ge­ments, die nackten Wände, die Manana selbst im Freien zu folgen scheinen, auch die fami­liären Szenen spie­geln keine Hei­ter­keit. Sie ermahnen zur Flucht durch ihre töd­liche Langeweile.

 

 

Ruhe? Rast? Sucht sie ver­ge­bens und mit ihr das gebannte Publikum. Das eigene Dop­pel­leben nicht mehr ver­heim­li­chen wollen, müssen und können. Die grau­same Ent­hül­lung leisten – Schreiben nach Plaisir und Gusto. Das Schreiben als lebens­ver­län­gernde Maß­nahme, um der ver­meint­li­chen Rea­lität zu trotzen. Nach logi­schen Gesetzen einer ver­hee­renden Fan­ta­sie­welt. Manana lebt nach Visionen. Ihr neues lite­ra­ri­sches Werk trägt sie am Körper. Krude Notizen auf beiden Armen zieren sie und ver­ewigen den Tatort Fan­tasie. Durch die so selbst­ge­schaf­fene Insze­nie­rung wird sie Opfer ihrer Vorstellungen.

 

Harte Sym­me­trie auf ernstem Frauengesicht

Das enge Kon­ven­ti­ons­kor­sett, das bereits beim Auf­wa­chen allerlei von Manana abver­langt, drückt schmerz­haft. Der schnei­dende Riemen von Geboten und Ver­boten zeigt klare Grenzen zwi­schen der unfreien Haus­frau, zwi­schen ihrer heim­li­chen Lust, ihren Träumen und ihrem lite­ra­ri­schen Genie einer­seits, und den Vor­stel­lungen ihres Mannes Anri (Dimitri Tatisch­vili), ihren Kin­dern (Luka Natsch­kebia, Lili Chu­riti, Lascha Gabunia) und dem gesell­schaft­li­chen Nar­rativ ande­rer­seits. Der zeit­ge­nös­si­sche soziale Frau­en­status, dem Manana unter­worfen ist, lässt die Ver­sor­gung der Familie unver­einbar erscheinen mit dem Autorin­nen­da­sein. Ulti­maten zerren an der mani­schen Schrift­stel­lerin. Ihre Klei­der­wahl miss­fällt, ihr nach­ge­wach­sener Haar­an­satz und die mit Tinte beschmierten Arme lösen Todes­ängste aus. Ver­kör­pert, mate­ria­li­siert – als Spei­cher­me­dium ver­schrift­licht und fil­misch insze­niert. Die Fusion von sehn­süch­tiger Frau­en­seele, Men­schen­körper, destruk­tivem Schreib­vor­gang und fil­mi­scher Dar­stel­lung führen schließ­lich die Geburt des Wesens „Manananggal“ herbei.

Auch eine aus­ge­sucht geschmack­volle Woh­nung, ein gut­aus­se­hender und finan­ziell erfolg­rei­cher Mann und drei sich sor­gende Kinder mit Hund, können das Bersten der intakten Mutter-Form nicht auf­halten. Als fleisch­li­cher Sensor für über­na­tür­lich wir­kende, gewalt­ent­la­dende Zer­stö­rungs­en­er­gien muss Manana ihrer lodernden Lust nach Zer­set­zung und Ent­mensch­li­chung nach­gehen. Muss es bis an ihre äußeren Grenzen, mit einer Kon­se­quenz, die vielen Illi­te­rati fremd sein dürfte.

 

Das eigene Heim flie­hend verlassen

Wie könnte ein mög­li­cher Aus­bruch aus der Fes­tung Familie, aus dem Gefängnis der Norm, aus dem Netz lite­ra­ri­scher Igno­ranz aus­sehen? Die ver­kannte Schrift­stel­lerin Manana findet ihn im vir­tu­ellen Sprach­raum ihrer sadis­tisch-feti­schi­sie­renden Gedanken. Unheim­lich wird bei­nahe jeder Person, der Manana sich offen­bart. Por­no­gra­fisch finden bei­spiels­weise mög­liche Verleger_innen ihr Schrift­stück, die eigene Familie möchte sie gar von den dif­fusen Fan­ta­sien befreit wissen und Manana selbst leidet Schmerzen bei ihrer Ver­wand­lung zum mons­trösen Ableger ihrer Selbst: dem Empusa-Wesen „Manananggal“. Ein realer Schutz­raum öffnet sich ihr hin­gegen hinter den Ver­kaufs­flä­chen des Schreib­wa­ren­la­dens nebenan. Ein­ge­richtet wurde die gut­ge­meinte Schrei­b­oase von Nukri (Ramas Iose­liani), dem ein­zigen Freund Mananas, der unein­ge­schränkt an ihren Erfolg als Autorin glaubt. Der Aus­bruch in die selbst­be­stimmte Exis­tenz der Autorin gelingt jedoch erst, nachdem Mananas Familie den plumpen Ver­such unter­nimmt, ihr bei­nahe fer­tig­ge­stelltes Œuvre auf dem Balkon zu ver­brennen. Der kleine, aber wir­kungs­volle Schei­ter­haufen evo­ziert statt einer geplanten Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung die unum­kehr­bare Ent­fes­se­lung der lite­ra­ri­schen Märtyrerin.

Das Drama Uru­schadses wirft unan­ge­nehme Fragen auf. Zum Bei­spiel nach dem Zusam­men­hang von Haus­frau­en­status und min­der­wer­tigen Schreib­genres. Wäre Manana keine Fami­li­en­mutter in den bes­seren Jahren, würde ihr Umfeld anders auf das neue Schrift­stück reagieren? Würden die Men­schen um sie herum den Vor­wurf der „bil­ligen“ por­no­gra­fi­schen Erzäh­lung gar nicht erst erheben? Oder die Frage nach den Gründen des kunst­voll arran­gierten und mit­rei­ßenden Leides, wel­ches Manana inner­halb der Film­dauer von 107 Minuten erfährt. Würde unsere Autorin die ein­fa­chen Instruk­tionen erfül­lend – sich etwa exem­pla­risch neue, enge Klei­dung kau­fend und über lus­tige Smart­phone-Foto­filter lachend – glück­lich sein? Muss Manana erst in fil­mi­schen Farb­ar­ran­ge­ments ertrinken, sich an unver­putzte Wände drü­cken, ewige Treppen hoch­schreiten und über­lange Kor­ri­dore über­winden, durch pochende Wahn­mo­tive auf­ge­wühlt zu öffent­li­chen Copy­shops und fremden Garagen jagen, bevor sie ihrer Lei­den­schaft nach­gehen darf? Durch das tini­tus­ähn­liche Surren in ihren Ohren einer Geis­tes­um­nach­tung gefähr­lich nahe kommen? Mit fami­liärer Ach­tung rechnen – ohne zum selbst- und fremd­ver­let­zenden Gespenst zu werden? Müsste eine schrei­bende Heldin das auch im Jahr 2017?

 

Uru­schadse, Ana: Saschi­schi Deda (Scary Mother). Geor­gien, 2017, 107 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Der Film Scary Mother auf dem Film­Fes­tival Cottbus