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Der Preis der Berufung

Posted on 13. Mai 2019 by Amanda Beser
Wenn der Wahn an die Tür einer heteronormativen Kernfamilie klopft und sich das Empusa-Wesen Namens „Manananggal“ erhebt, wenn die Selbstverwirklichung einer Mutter und Hausfrau zu bersten beginnt, gar eine sexuelle Revolution einzuleiten droht, dann befindet sich das kollektiv-erschrockene Publikum mitten in Ana Urushadzes internationalpreisgekröntem Drama-Debüt – "Saschischi Deda" (Scary Mother, 2017).

Wenn der Wahn an die Tür einer heteronormativen Kernfamilie klopft und sich das Empusa-Wesen Namens „Manananggal“ erhebt, wenn die Selbstverwirklichung einer Mutter und Hausfrau zu bersten beginnt, gar eine sexuelle Revolution einzuleiten droht, dann befindet sich das kollektiv-erschrockene Publikum mitten in Ana Uruschadses international preisgekröntem Drama-Debüt – Saschischi Deda (Scary Mother, 2017).

 

107 Minuten rätselhafter Bildatmosphäre

Monumentale Surrealität leckt an labilen, graubetonierten Hochhausfronten. Stummträume laufen, Nebelschwaden gleich, waghalsig Brückenkorridore entlang. Beladenes Architekturmaterial, das Eindrücke beherbergt, und poetisierte Bildsprache in elektrisierten Publikumsaugen. Leben und Form in der Festung Familie. Manana (Nato Murwanidse) treibt es auf die Straßen, vorbei an Industrieparks, den Alltagsekel bewältigend. Die Hausfrauentätigkeiten sind zu normal, zu bieder, zu widerwärtig, um sie anders abzuschütteln. Der Morgen zählt gerade einmal fünf Uhr. Seit Manana an ihrem neuen Buch schreibt, gibt es für sie keinen geregelten Tagesablauf mehr. Unsere Protagonistin, immerzu treu vom blauen Mantel umschlossen, ringt nach kurzlebigen Atempausen – dem eigenen hungernden Gemüt ausgeliefert. Woge um Woge brechen kompliziert-facettierte Impulse hervor. Affekte verschlingen sie. Ihr Kreislauf gleicht der einer Schriftstellerinnenexistenz. Manana ist eine Frau, die von ihren Ideen verzehrt, dem eigenen Schreibdiktat unterworfen ist und alle geschriebenen Handlungen, Motive, gar deren Konsequenzen am eigenen Leib durchlebt. Selbst der sie umgebende filmische Bildraum wird von frostiger Melancholie durchzogen. Die kühlen Farbarrangements, die nackten Wände, die Manana selbst im Freien zu folgen scheinen, auch die familiären Szenen spiegeln keine Heiterkeit. Sie ermahnen zur Flucht durch ihre tödliche Langeweile.

 

 

Ruhe? Rast? Sucht sie vergebens und mit ihr das gebannte Publikum. Das eigene Doppelleben nicht mehr verheimlichen wollen, müssen und können. Die grausame Enthüllung leisten – Schreiben nach Plaisir und Gusto. Das Schreiben als lebensverlängernde Maßnahme, um der vermeintlichen Realität zu trotzen. Nach logischen Gesetzen einer verheerenden Fantasiewelt. Manana lebt nach Visionen. Ihr neues literarisches Werk trägt sie am Körper. Krude Notizen auf beiden Armen zieren sie und verewigen den Tatort Fantasie. Durch die so selbstgeschaffene Inszenierung wird sie Opfer ihrer Vorstellungen.

 

Harte Symmetrie auf ernstem Frauengesicht

Das enge Konventionskorsett, das bereits beim Aufwachen allerlei von Manana abverlangt, drückt schmerzhaft. Der schneidende Riemen von Geboten und Verboten zeigt klare Grenzen zwischen der unfreien Hausfrau, zwischen ihrer heimlichen Lust, ihren Träumen und ihrem literarischen Genie einerseits, und den Vorstellungen ihres Mannes Anri (Dimitri Tatischvili), ihren Kindern (Luka Natschkebia, Lili Churiti, Lascha Gabunia) und dem gesellschaftlichen Narrativ andererseits. Der zeitgenössische soziale Frauenstatus, dem Manana unterworfen ist, lässt die Versorgung der Familie unvereinbar erscheinen mit dem Autorinnendasein. Ultimaten zerren an der manischen Schriftstellerin. Ihre Kleiderwahl missfällt, ihr nachgewachsener Haaransatz und die mit Tinte beschmierten Arme lösen Todesängste aus. Verkörpert, materialisiert – als Speichermedium verschriftlicht und filmisch inszeniert. Die Fusion von sehnsüchtiger Frauenseele, Menschenkörper, destruktivem Schreibvorgang und filmischer Darstellung führen schließlich die Geburt des Wesens „Manananggal“ herbei.

Auch eine ausgesucht geschmackvolle Wohnung, ein gutaussehender und finanziell erfolgreicher Mann und drei sich sorgende Kinder mit Hund, können das Bersten der intakten Mutter-Form nicht aufhalten. Als fleischlicher Sensor für übernatürlich wirkende, gewaltentladende Zerstörungsenergien muss Manana ihrer lodernden Lust nach Zersetzung und Entmenschlichung nachgehen. Muss es bis an ihre äußeren Grenzen, mit einer Konsequenz, die vielen Illiterati fremd sein dürfte.

 

Das eigene Heim fliehend verlassen

Wie könnte ein möglicher Ausbruch aus der Festung Familie, aus dem Gefängnis der Norm, aus dem Netz literarischer Ignoranz aussehen? Die verkannte Schriftstellerin Manana findet ihn im virtuellen Sprachraum ihrer sadistisch-fetischisierenden Gedanken. Unheimlich wird beinahe jeder Person, der Manana sich offenbart. Pornografisch finden beispielsweise mögliche Verleger_innen ihr Schriftstück, die eigene Familie möchte sie gar von den diffusen Fantasien befreit wissen und Manana selbst leidet Schmerzen bei ihrer Verwandlung zum monströsen Ableger ihrer Selbst: dem Empusa-Wesen „Manananggal“. Ein realer Schutzraum öffnet sich ihr hingegen hinter den Verkaufsflächen des Schreibwarenladens nebenan. Eingerichtet wurde die gutgemeinte Schreiboase von Nukri (Ramas Ioseliani), dem einzigen Freund Mananas, der uneingeschränkt an ihren Erfolg als Autorin glaubt. Der Ausbruch in die selbstbestimmte Existenz der Autorin gelingt jedoch erst, nachdem Mananas Familie den plumpen Versuch unternimmt, ihr beinahe fertiggestelltes Œuvre auf dem Balkon zu verbrennen. Der kleine, aber wirkungsvolle Scheiterhaufen evoziert statt einer geplanten Familienzusammenführung die unumkehrbare Entfesselung der literarischen Märtyrerin.

Das Drama Uruschadses wirft unangenehme Fragen auf. Zum Beispiel nach dem Zusammenhang von Hausfrauenstatus und minderwertigen Schreibgenres. Wäre Manana keine Familienmutter in den besseren Jahren, würde ihr Umfeld anders auf das neue Schriftstück reagieren? Würden die Menschen um sie herum den Vorwurf der „billigen“ pornografischen Erzählung gar nicht erst erheben? Oder die Frage nach den Gründen des kunstvoll arrangierten und mitreißenden Leides, welches Manana innerhalb der Filmdauer von 107 Minuten erfährt. Würde unsere Autorin die einfachen Instruktionen erfüllend – sich etwa exemplarisch neue, enge Kleidung kaufend und über lustige Smartphone-Fotofilter lachend – glücklich sein? Muss Manana erst in filmischen Farbarrangements ertrinken, sich an unverputzte Wände drücken, ewige Treppen hochschreiten und überlange Korridore überwinden, durch pochende Wahnmotive aufgewühlt zu öffentlichen Copyshops und fremden Garagen jagen, bevor sie ihrer Leidenschaft nachgehen darf? Durch das tinitusähnliche Surren in ihren Ohren einer Geistesumnachtung gefährlich nahe kommen? Mit familiärer Achtung rechnen – ohne zum selbst- und fremdverletzenden Gespenst zu werden? Müsste eine schreibende Heldin das auch im Jahr 2017?

 

Uruschadse, Ana: Saschischi Deda (Scary Mother). Georgien, 2017, 107 Min.

 

Weiterführende Links

Der Film Scary Mother auf dem FilmFestival Cottbus

Der Preis der Berufung – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Preis der Beru­fung

Wenn der Wahn an die Tür einer hete­ro­nor­ma­tiven Kern­fa­milie klopft und sich das Empusa-Wesen Namens „Manananggal“ erhebt, wenn die Selbst­ver­wirk­li­chung einer Mutter und Haus­frau zu bersten beginnt, gar eine sexu­elle Revo­lu­tion ein­zu­leiten droht, dann befindet sich das kol­lektiv-erschro­ckene Publikum mitten in Ana Uru­schadses inter­na­tional preis­ge­kröntem Drama-Debüt – Saschi­schi Deda (Scary Mother, 2017).

 

107 Minuten rät­sel­hafter Bild­at­mo­sphäre

Monu­men­tale Sur­rea­lität leckt an labilen, grau­be­to­nierten Hoch­haus­fronten. Stumm­träume laufen, Nebel­schwaden gleich, wag­halsig Brü­cken­kor­ri­dore ent­lang. Bela­denes Archi­tek­tur­ma­te­rial, das Ein­drücke beher­bergt, und poe­ti­sierte Bild­sprache in elek­tri­sierten Publi­kum­saugen. Leben und Form in der Fes­tung Familie. Manana (Nato Mur­wa­nidse) treibt es auf die Straßen, vorbei an Indus­trie­parks, den All­tags­ekel bewäl­ti­gend. Die Haus­frau­en­tä­tig­keiten sind zu normal, zu bieder, zu wider­wärtig, um sie anders abzu­schüt­teln. Der Morgen zählt gerade einmal fünf Uhr. Seit Manana an ihrem neuen Buch schreibt, gibt es für sie keinen gere­gelten Tages­ab­lauf mehr. Unsere Prot­ago­nistin, immerzu treu vom blauen Mantel umschlossen, ringt nach kurz­le­bigen Atem­pausen – dem eigenen hun­gernden Gemüt aus­ge­lie­fert. Woge um Woge bre­chen kom­pli­ziert-facet­tierte Impulse hervor. Affekte ver­schlingen sie. Ihr Kreis­lauf gleicht der einer Schrift­stel­le­rin­nen­exis­tenz. Manana ist eine Frau, die von ihren Ideen ver­zehrt, dem eigenen Schreib­diktat unter­worfen ist und alle geschrie­benen Hand­lungen, Motive, gar deren Kon­se­quenzen am eigenen Leib durch­lebt. Selbst der sie umge­bende fil­mi­sche Bild­raum wird von fros­tiger Melan­cholie durch­zogen. Die kühlen Farb­ar­ran­ge­ments, die nackten Wände, die Manana selbst im Freien zu folgen scheinen, auch die fami­liären Szenen spie­geln keine Hei­ter­keit. Sie ermahnen zur Flucht durch ihre töd­liche Lan­ge­weile.

 

 

Ruhe? Rast? Sucht sie ver­ge­bens und mit ihr das gebannte Publikum. Das eigene Dop­pel­leben nicht mehr ver­heim­li­chen wollen, müssen und können. Die grau­same Ent­hül­lung leisten – Schreiben nach Plaisir und Gusto. Das Schreiben als lebens­ver­län­gernde Maß­nahme, um der ver­meint­li­chen Rea­lität zu trotzen. Nach logi­schen Gesetzen einer ver­hee­renden Fan­ta­sie­welt. Manana lebt nach Visionen. Ihr neues lite­ra­ri­sches Werk trägt sie am Körper. Krude Notizen auf beiden Armen zieren sie und ver­ewigen den Tatort Fan­tasie. Durch die so selbst­ge­schaf­fene Insze­nie­rung wird sie Opfer ihrer Vor­stel­lungen.

 

Harte Sym­me­trie auf ernstem Frau­en­ge­sicht

Das enge Kon­ven­ti­ons­kor­sett, das bereits beim Auf­wa­chen allerlei von Manana abver­langt, drückt schmerz­haft. Der schnei­dende Riemen von Geboten und Ver­boten zeigt klare Grenzen zwi­schen der unfreien Haus­frau, zwi­schen ihrer heim­li­chen Lust, ihren Träumen und ihrem lite­ra­ri­schen Genie einer­seits, und den Vor­stel­lungen ihres Mannes Anri (Dimitri Tatisch­vili), ihren Kin­dern (Luka Natsch­kebia, Lili Chu­riti, Lascha Gabunia) und dem gesell­schaft­li­chen Nar­rativ ande­rer­seits. Der zeit­ge­nös­si­sche soziale Frau­en­status, dem Manana unter­worfen ist, lässt die Ver­sor­gung der Familie unver­einbar erscheinen mit dem Autorin­nen­da­sein. Ulti­maten zerren an der mani­schen Schrift­stel­lerin. Ihre Klei­der­wahl miss­fällt, ihr nach­ge­wach­sener Haar­an­satz und die mit Tinte beschmierten Arme lösen Todes­ängste aus. Ver­kör­pert, mate­ria­li­siert – als Spei­cher­me­dium ver­schrift­licht und fil­misch insze­niert. Die Fusion von sehn­süch­tiger Frau­en­seele, Men­schen­körper, destruk­tivem Schreib­vor­gang und fil­mi­scher Dar­stel­lung führen schließ­lich die Geburt des Wesens „Manananggal“ herbei.

Auch eine aus­ge­sucht geschmack­volle Woh­nung, ein gut­aus­se­hender und finan­ziell erfolg­rei­cher Mann und drei sich sor­gende Kinder mit Hund, können das Bersten der intakten Mutter-Form nicht auf­halten. Als fleisch­li­cher Sensor für über­na­tür­lich wir­kende, gewalt­ent­la­dende Zer­stö­rungs­en­er­gien muss Manana ihrer lodernden Lust nach Zer­set­zung und Ent­mensch­li­chung nach­gehen. Muss es bis an ihre äußeren Grenzen, mit einer Kon­se­quenz, die vielen Illi­te­rati fremd sein dürfte.

 

Das eigene Heim flie­hend ver­lassen

Wie könnte ein mög­li­cher Aus­bruch aus der Fes­tung Familie, aus dem Gefängnis der Norm, aus dem Netz lite­ra­ri­scher Igno­ranz aus­sehen? Die ver­kannte Schrift­stel­lerin Manana findet ihn im vir­tu­ellen Sprach­raum ihrer sadis­tisch-feti­schi­sie­renden Gedanken. Unheim­lich wird bei­nahe jeder Person, der Manana sich offen­bart. Por­no­gra­fisch finden bei­spiels­weise mög­liche Verleger_innen ihr Schrift­stück, die eigene Familie möchte sie gar von den dif­fusen Fan­ta­sien befreit wissen und Manana selbst leidet Schmerzen bei ihrer Ver­wand­lung zum mons­trösen Ableger ihrer Selbst: dem Empusa-Wesen „Manananggal“. Ein realer Schutz­raum öffnet sich ihr hin­gegen hinter den Ver­kaufs­flä­chen des Schreib­wa­ren­la­dens nebenan. Ein­ge­richtet wurde die gut­ge­meinte Schrei­b­oase von Nukri (Ramas Iose­liani), dem ein­zigen Freund Mananas, der unein­ge­schränkt an ihren Erfolg als Autorin glaubt. Der Aus­bruch in die selbst­be­stimmte Exis­tenz der Autorin gelingt jedoch erst, nachdem Mananas Familie den plumpen Ver­such unter­nimmt, ihr bei­nahe fer­tig­ge­stelltes Œuvre auf dem Balkon zu ver­brennen. Der kleine, aber wir­kungs­volle Schei­ter­haufen evo­ziert statt einer geplanten Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung die unum­kehr­bare Ent­fes­se­lung der lite­ra­ri­schen Mär­ty­rerin.

Das Drama Uru­schadses wirft unan­ge­nehme Fragen auf. Zum Bei­spiel nach dem Zusam­men­hang von Haus­frau­en­status und min­der­wer­tigen Schreib­genres. Wäre Manana keine Fami­li­en­mutter in den bes­seren Jahren, würde ihr Umfeld anders auf das neue Schrift­stück reagieren? Würden die Men­schen um sie herum den Vor­wurf der „bil­ligen“ por­no­gra­fi­schen Erzäh­lung gar nicht erst erheben? Oder die Frage nach den Gründen des kunst­voll arran­gierten und mit­rei­ßenden Leides, wel­ches Manana inner­halb der Film­dauer von 107 Minuten erfährt. Würde unsere Autorin die ein­fa­chen Instruk­tionen erfül­lend – sich etwa exem­pla­risch neue, enge Klei­dung kau­fend und über lus­tige Smart­phone-Foto­filter lachend – glück­lich sein? Muss Manana erst in fil­mi­schen Farb­ar­ran­ge­ments ertrinken, sich an unver­putzte Wände drü­cken, ewige Treppen hoch­schreiten und über­lange Kor­ri­dore über­winden, durch pochende Wahn­mo­tive auf­ge­wühlt zu öffent­li­chen Copy­shops und fremden Garagen jagen, bevor sie ihrer Lei­den­schaft nach­gehen darf? Durch das tini­tus­ähn­liche Surren in ihren Ohren einer Geis­tes­um­nach­tung gefähr­lich nahe kommen? Mit fami­liärer Ach­tung rechnen – ohne zum selbst- und fremd­ver­let­zenden Gespenst zu werden? Müsste eine schrei­bende Heldin das auch im Jahr 2017?

 

Uru­schadse, Ana: Saschi­schi Deda (Scary Mother). Geor­gien, 2017, 107 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Der Film Scary Mother auf dem Film­Fes­tival Cottbus