Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Lebens­ge­schichte eines Lebensbeschreibers

„‚Was schreiben Sie da dau­ernd?‘ ‚Ich beschreibe Gegen­stände, Ein­drücke, Men­schen. Ich schreibe jetzt jeden Tag, in der Hoff­nung, sie vor dem Ver­gessen zu retten.‘“

 

In seinem 2016 beim Mos­kauer AST-Verlag erschie­nenen Roman Aviator (dt. Luft­gänger) gibt Evgenij Vodo­lazkin [Jew­geni Wodo­laskin] einen ein­drucks­vollen Ein­blick in das bewegte 20. Jahr­hun­dert Russ­lands. Die detail­reich beschrie­benen Erin­ne­rungen des Prot­ago­nisten ermög­li­chen eine ganz spe­zi­elle Sicht­weise, wie sie in keinem Geschichts­buch zu finden ist.

 

Nach seinem inter­na­tio­nalen Best­seller Lavr (dt. Laurus) wartet der 1964 in Kiew gebo­rene und in Sankt-Peters­burg lebende Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und Autor erneut mit einem fas­zi­nie­renden Meis­ter­werk auf.

 

Ein Mensch – ein Jahrhundert

„‚Und Sie sind Inno­kenti Petro­witsch Pla­tonow, nicht wahr?‘ ‚Das kann ich nicht bestä­tigen. Wenn er es sagt, hat er wohl seine Gründe dafür.‘“ Sehr wohl, die hat er. Doch Dr. Gejger [Geiger] wei­gert sich, seinem soeben nach langer (aus­ge­spro­chen langer) Zeit wieder zu Bewusst­sein gekom­menen Pati­enten Ein­zel­heiten zu schil­dern. Viel­mehr for­dert er Pla­tonov [Pla­tonow] dazu auf, die schritt­weise zurück­keh­renden Erin­ne­rungen an sein Leben in einem Tage­buch fest­zu­halten. Und so fängt der etwa 30-jäh­rige Prot­ago­nist an zu schreiben: Mit Hilfe von Blei­stift und Papier lässt er Droschken über die Straßen von St. Peters­burg fahren, Gram­mo­phone im Park erklingen und Schlangen von Men­schen mit Lebens­mit­tel­karten erstehen.

 

Doch eines Tages macht Pla­tonov eine Ent­de­ckung, die ihn zum Stutzen bringt: Laut Angabe auf der Ver­pa­ckung wurden seine Tabletten im Jahr 1997 her­ge­stellt. Wie kann es sein, dass er per­sön­liche Erin­ne­rungen an das frühe 20. Jahr­hun­dert hat, sich aber zugleich an dessen anderem Ende befindet? Die Ursa­chen liegen in einer von Revo­lu­tion, Denun­zia­tion und Lager­haft beein­flussten Vergangenheit.

 

Minen aus Metall und Blumen aus Plastik

Der erste Teil des Buches gestaltet sich aus den Tage­buch­ein­tra­gungen Pla­to­novs. Diese sind geprägt von bruch­stück­haften Rück­blenden in das erste Drittel des 20. Jahr­hun­derts: Sommer der Kind­heit auf der elter­li­chen Dat­scha in Sive­r­s­kaja [Siwer­s­kaja], Augen­blicke der Zärt­lich­keit gemeinsam mit seiner Jugend­liebe Ana­sta­sija [Ana­st­as­sija] in St. Peters­burg, Jahre der Straf­ar­beit auf den Solovki-Inseln [Solowki-Inseln], geprägt von Bru­ta­lität und Verzweiflung.

 

Nebenher tritt Pla­tonov unum­gäng­lich mit seiner „neuen Zeit“ in Berüh­rung: Kugel­schreiber, Com­puter, Fern­seher, künst­liche Pflanzen. Seine dazu­ge­hö­rigen Ein­drücke lesen sich teil­weise durchaus als Kritik an der modernen Gesell­schaft: Die „Talk­show“ – im Ton zän­kisch und wenig kul­ti­viert – „Sind das wirk­lich meine neuen Zeit­ge­nossen?“ Und über­haupt Angli­zismen: Kurz und klang­voll, bequem und sparsam, „aber früher wurde an der Sprache nicht gespart.“

 

Auf­stieg zur welt­weiten Berühmtheit

Im zweiten Teil wech­selt die Erzähl­hal­tung zwi­schen Pla­tonov, Dr. Gejger und Nastja, der Enkelin von Ana­sta­sija. Die per­spek­ti­vi­schen Grenzen ver­schwimmen dabei zuneh­mend und lösen sich schließ­lich voll­ends auf. Es kommt zu einer phi­lo­so­phi­schen Kul­mi­na­tion über Leben, Glück und Tod. Einige Text­pas­sagen haben das Poten­tial zu Lebens­weis­heiten, die es zu rezi­tieren und dis­ku­tieren sich lohnt: „Was geschieht mit dem Leben, wenn es auf­hört, Gegen­wart zu sein?“

 

Der Fokus der Hand­lung ver­legt sich nun in eine Gegen­wart, in der Pla­tonov mitt­ler­weile zu einer welt­weiten Berühmt­heit auf­ge­stiegen ist: Er gibt Inter­views, ist bei Staats­leuten zu Gast und erhält Wer­be­ver­träge. Vodo­lazkin ent­wirft eine pro­fit­ge­steu­erte Maschi­nerie, zwi­schen deren Rädern der Prot­ago­nist erdrückt zu werden droht. Die bild­liche Vor­stel­lung, dass er nun für Fein­frost­pro­dukte und ein­ge­fro­rene Preise bei Möbel­ketten posiert, lässt das Lese­pu­blikum pein­lich berührt zurück.

 

 

In seiner Ein­sam­keit majes­tä­ti­scher Aviator

Die deut­sche Über­set­zung des Buches stammt von Ganna-Maria Braun­gardt und erschien 2019 im Aufbau Verlag. Die Worte und Sätze reihen sich flüssig zu einer mit­rei­ßenden Geschichte anein­ander. Einzig der mit Luft­gänger über­setzte Titel passt nicht per­fekt ins Bild, da er in keiner direkten Ver­bin­dung zum Inhalt steht. Das Kind Pla­tonov träumte davon, Pilot – nein! – Aviator zu werden. Der Klang dieses Wortes ver­eint „die Schön­heit des Flie­gens und das Dröhnen des Motors, Frei­heit und Kraft“. Dieser melo­diöse Archaismus hätte sich auch im Deut­schen eine titel­ge­bende Funk­tion ver­dient. Zudem lohnt sich ein Blick auf das Cover der rus­si­schen Aus­gabe, wel­ches den Angel­punkt der Geschichte bild­lich aufgreift.

 

Nach diesem Höhen­flug hero­isch-roman­ti­scher Phan­ta­sien über die Ein­sam­keit schlägt der 30-Jäh­rige, gleichsam seinem Helden aus Kin­der­tagen, Robinson Crusoe, auf einer ein­samen Insel auf, inmitten von einem Meer fremder Zeit. Dort gibt es kuriose Fern­seh­sen­dungen, die das „Über­leben“ von medi­en­geilen Men­schen auf einer ein­samen Insel doku­men­tieren. In Anbe­tracht der Erfah­rungen, die Pla­tonov auf den Solovki-Inseln gemacht hat, zeichnet Vodo­lazkin ein an Zynismus kaum zu über­tref­fendes Realitätsverständnis.

 

Selbst­dar­stel­lung der Persönlichkeit

Das ange­spro­chene Streben nach öffent­li­cher Selbst­dar­stel­lung lässt sich nicht mit dem Zeit­geist der Titel­figur ver­einen. Zahl­reiche tech­ni­sche Neue­rungen haben zu einem Wandel in Inter­essen und Prio­ri­täten der modernen Gesell­schaft geführt. Durch Pla­to­novs distan­zierte Betrach­tungs­weise wird ein kri­ti­sches Nach­denken dar­über ange­regt. Ein bestimmtes gesell­schaft­li­ches Phä­nomen tritt jedoch auch bei ihm auf: Die soge­nannte „Fear of Mis­sing Out“, die Angst, etwas zu ver­passen – bzw. in Pla­to­novs Fall – etwas ver­passt zu haben: „Ich emp­finde bren­nende Sehn­sucht nach meinen unge­lebten Jahren. Eine Art Phantomschmerz.“

 

Im Gegen­satz zu den beschrie­benen Ver­än­de­rungen ist es aller­dings über­ra­schend, welche Aus­sagen Vodo­lazkin der 19-jäh­rigen Nastja in den Mund legt: „Er ist der Mann, er ent­scheidet“ oder (an Pla­tonov gewandt): „Zwei Damen sind voll und ganz von dir abhängig“. Hier zeichnet der Autor ein ver­staubtes Frau­en­bild, wel­ches gleichsam wie Pla­tonov vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts stammt, aber kei­nerlei sti­lis­ti­sche Effekte mit sich bringt.

 

Gegen das Vergessen

Bei Aviator han­delt es sich um einen his­to­ri­schen Roman mit Ele­menten der Sci­ence-Fic­tion. Her­vor­zu­heben ist, dass Vodo­lazkin sowohl auf reale Per­sön­lich­keiten und Bege­ben­heiten zurück­greift als auch fik­tive erschafft. Eine Unter­schei­dung erweist sich (für das in rus­si­scher His­torie weniger bewan­derte Lese­pu­blikum) mit­unter nicht immer als offen­sicht­lich. Es lohnt sich daher, zwi­schen­durch den einen oder anderen Namen nach­zu­schlagen und so auch span­nende Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen einzuholen.

 

Pla­tonov führt seine Tage­buch­ein­träge äußerst male­risch aus. Er ergänzt das bloße his­to­ri­sche Mate­rial durch Aus­füh­rungen zu Geräu­schen und Gerü­chen, mit der Begrün­dung, dass diese nicht in den Geschichts­bü­chern nach­ge­lesen werden können. Somit schreibt er gegen das Ver­gessen – ein Appell an die Lesenden des Romans. Mit diesem ist Vodo­lazkin ein wahrer Kunst­griff gelungen. Er ver­webt ein span­nendes For­schungs­ge­biet der Zukunft mit geschichts­träch­tigen Ereig­nissen der Ver­gan­gen­heit. Zusammen ergibt sich eine Hand­lung, welche mit­rei­ßend erzählt und zudem mit einigen über­ra­schenden Wen­dungen gespickt ist.

 

Lite­ratur

Vodo­lazkin, Evgenij: Aviator. Moskva 2016.

Wodo­laskin, Jew­geni: Luft­gänger. Aus dem Rus­si­schen von Ganna-Maria Braun­gardt. Berlin 2019.