Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
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10099 Berlin

„Die Offen­sive Russ­lands und der Beginn einer neuen Welt“ – Wie eine ver­se­hent­lich auf ria.novosti ver­öf­fent­lichte „Sie­ges­er­klä­rung“ zu ver­stehen ist

Über­set­zung und Lektürehinweise

In der aktu­ellen Situa­tion, in der wir fest­stellen, dass wir lange ver­säumt haben, Putin genau zuzu­hören, auf seine Sprache, seine Ter­mi­no­logie und seine Rhe­torik genau zu achten und so früh­zeitig zu ver­stehen, welche Stra­te­gien und Absichten er eigent­lich ver­folgt, ist es äußerst wichtig, jetzt end­lich damit anzufangen.

 

Vor wenigen Wochen hat Ric­cardo Nico­losi auf einer Münchner Tagung Putins Rhe­torik in Hin­blick auf ihre Ent­wick­lung in seinen Reden über zwei Jahr­zehnte exem­pla­risch ana­ly­siert.

Ric­cardo Nico­losi zur Rhe­torik Putins in Hin­blick auf ihre Ent­wick­lung in seinen Reden 

In Putins Auf­tritten der letzten Wochen fiel die Ver­dich­tung einiger Aspekte – z.B. der Rele­vanz der his­to­ri­schen ‚Argu­mente‘ – und zugleich eine dras­ti­sche Ver­gro­bung der Sprache, mit der die ukrai­ni­sche Regie­rung dif­fa­miert wird, auf: „Junta“, „dro­gen­süch­tige Neo­nazis“ etc.

 

Die Lügen­haf­tig­keit des Geschichts­bilds in Putins Rede vom 4. 3. 2022 hat Karl Schlögel am 5.3. in der ARD-Tages­schau in vielen Details, ange­fangen von der Aus­sage, die Ukraine sei eine Schöp­fung Lenins, analysiert.

Was treibt Putin an? Anja Mar­tini, tages­schau, im Gespräch mit Karl Schlögel, Osteuropahistoriker

Anknüp­fend an die Ana­lysen von Nico­losi und Schlögel machen wir hier Aus­züge aus einem Text zugäng­lich, der – offen­sicht­lich ver­se­hent­lich – am 26.02.2022 – als eine Art ‚Sie­ges­er­klä­rung‘ von Ria.novosti publi­ziert und dann schnell wieder zurück­ge­zogen wurde.

 

Er trägt den Titel „Наступление России и нового мира“, was nicht ein­fach zu über­setzen ist, weil „Наступление“ sowohl „Offen­sive“ im Sinne von „Angriff“ als auch „Anfang“, „Antreten“ z.B. einer neuen Ära bedeutet. Gemeint ist die zweite Bedeu­tung, also “Der Antritt Russ­lands und der neuen Welt“.

 

Mit der Über­set­zung wollen wir das Augen­merk auf einige wich­tige sti­lis­ti­sche, ter­mi­no­lo­gi­sche und kon­zep­tu­elle Aspekte der Dar­stel­lung richten:

 

  • die resul­ta­tive Aus­drucks­weise, als ob der Anschluss der Ukraine an Russ­land bereits ein Fakt wäre;

 

  • die klare Zuwei­sung der Rolle Russ­land als allei­niger Akteur des Handelns;

 

  • die Deu­tung der dar­ge­stellten Mis­sion mit­hilfe von Topoi, die für das his­to­ri­sche impe­riale Selbst­ver­ständnis Russ­lands grund­le­gend waren und der Legi­ti­mie­rung der Herr­schaft über andere auf dem von Russ­land als „eigenes“ bean­spruchten Ter­ri­to­rium dienten, wie z.B. „Sam­meln der Rus­si­schen Länder“, die Formel, die unter Ivan Groznyj als Bezeich­nung für die end­gül­tige Befreiung der „Rus‘“ vom „Tata­ren­joch“ geprägt wurde, aber eigent­lich dazu diente, die impe­riale Expan­sion des Mos­kauer Rei­ches zu legi­ti­mieren. Durch die Reak­ti­vie­rung dieser Formel soll der Angriffs­krieg auf die Ukraine in die ‘Tra­di­tion’ der Mis­sion Russ­lands zur ‘Eini­gung seiner Länder’ gestellt werden. Russ­land in seinen heu­tigen (bis­he­rigen) Grenzen wird dagegen als Ergebnis eines „Zer­falls Russ­lands“ dargestellt.

 

  • In der For­mu­lie­rung des Ziels als „Wie­der­errich­tung der „russische[n] Welt“ wird der Name der Orga­ni­sa­tion auf­ge­griffen, die Putin 2007 mit dem Ziel der Addres­sie­rung und ‚Eini­gung im Geiste‘ aller Russen auf der Welt mit Russ­land als ihrer Heimat als ideo­lo­gi­sche Soft­power-Orga­ni­sa­tion gegründet hatte, „Russkij mir“ (Rus­si­sche Welt).

 

  • Diese “rus­si­sche Welt” wird hier  n einer kon­kret ter­ri­to­rialen Bedeu­tung expli­ziert: Russ­land ist als „Groß­russ­land“ zu ver­stehen, dessen inte­gra­tive Bestand­teile Belarus und die Ukraine dar­stellen., durch die „das rus­si­sche Volk in seiner Gesamt­heit aus Weli­ko­russen, Weiß­russen und Klein­russen zusammen[ge]führt“ wird. (восстанавливает свою историческую полноту, собирая русский мир, русский народ вместе)

 

  • Mit dem Begriff „raskol“ – Spal­tung – wird ein wei­teres Schlüs­sel­wort der rus­si­schen Geschichts­schrei­bung appro­pri­iert. „Raskol“ kommt aus der Kir­chen­ge­schichte, wo es die Bewe­gung der Alt­gläu­bigen aus der Per­spek­tive der herr­schenden Posi­tion des Patri­ar­chen als “Spal­tung“ bezeich­nete, die sich nicht dem Diktat der Reformen des Patri­ar­chen Nikon (der als erster Patri­arch eine enge Allianz mit dem Zaren ein­ge­gangen war) unter­ordnen wollte und als erste rus­si­sche ‚Dis­si­den­ten­be­we­gung‘ in den ‚Unter­grund‘ (bzw. nach Sibi­rien) ging. Mit der his­to­ri­schen Meta­pher “Raskol”/“Abspaltung” soll der Ukraine als unab­hän­giger Staat (vor ihrer ‚Wie­der­ver­ei­ni­gung‘ mit Russ­land) die Legi­ti­mität ent­zogen werden.

 

  •  Zugleich wird unter­stellt, dass es die Absicht dieser unab­hän­gigen Ukraine sei, als „Anti-Russ­land“ zu fun­gieren. Diese Wort­schöp­fung bildet den ideo­lo­gi­schen eigent­li­chen Kern der Dar­stel­lung: Instru­men­ta­li­siert vom Westen als „Anti-Russ­land“ hätte die Ukraine Russ­land mit der „Derus­si­fi­zie­rung“ bedroht und musste daher „zurück­ge­holt“, mussten „die rus­si­schen Länder [wieder] gesam­melt“ werden.

 

  • Und noch ein wei­terer Rück­griff auf einen Topos der Geschichts­schrei­bung dient in diesem Artikel der Model­lie­rung von Putins Mis­sion, in diesem Fall einen des 20. Jh.s: Das Bild des „Eisernen Vor­hangs“ wird hier nicht auf­ge­griffen, um den Angriff Putins als Rück­kehr in den Kalten Krieg zu deuten, wie das der­zeit in den west­li­chen Medien der Fall ist, son­dern gerade umge­kehrt, um das aktu­elle Geschehen von der Geschichte des 20. Jh.s abzu­grenzen. Denn, so der Text, es geht nicht darum, den „Eisernen Vor­hang“ wieder zu errichten, son­dern viel­mehr darum, die Grenze zwi­schen Russ­land und einem „unab­hän­gigen Europa“ auf­zu­heben: Europa bedürfe drin­gend der „Auto­nomie“, müsste sich gegen die Domi­nanz und Instru­men­ta­li­sie­rung durch die „Anglosachsen“ wehren, durch die es zur immer wei­teren „Expan­sion nach Osten“ getrieben worden sei.

 

  • Noch ein anderer Dis­kurs­kon­text, näm­lich der der Euro­päi­schen Kolo­ni­al­ge­schichte, wird hier anschei­nend aus post­ko­lo­nialer Per­spek­tive ange­spro­chen: Die „halb­tau­send­jäh­rige“ Ära Europas als „glo­baler Leader“ sei nun vorbei. Aber Europa, das seine glo­bale Macht ein­ge­büßt hat, könnte nun von den „Anglosachsen“ unab­hängig werden, sich aus dem „Pferch“, den ein neuer Eiserner Vor­hang für Europa bedeuten würde, befreien und Russ­land beim „Aufbau einer neuen Welt­ord­nung“, einer „mul­ti­po­laren Welt“ – so wird das Ziel hier beschrieben – unterstützen.

Um es kurz zu sagen: Die rhe­to­ri­sche ‚Leis­tung‘ dieser ‚Sie­ges­er­klä­rung‘ besteht darin, „Unab­hän­gig­keit“ als „Ver­ei­ni­gung“ mit Russ­land zu defi­nieren und „mul­ti­po­lare Welt­ord­nung“ als die „neue“, von Russ­land bestimmte Weltordnung.

 

Man sollte diesen Artikel von Petr Akopov, Bericht­erstatter von Ria.novosti, genau lesen!

 

SF

(Наступление России и нового мира)

Die Offen­sive Russ­lands und der Beginn einer neuen Welt

© REUTERS / Valentyn Ogirenko

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Петр Акопов

 

https://web.archive.org/web/20220226224717/https://ria.ru/20220226/rossiya-1775162336.html

 

Eine neue Welt wird vor unseren Augen geboren. Russ­lands Mili­tär­ope­ra­tion in der Ukraine hat eine neue Ära ein­ge­läutet – und zwar gleich in drei Dimen­sionen. Und natür­lich in einer vierten, inner­rus­si­schen Dimen­sion. Heute beginnt eine neue Periode, sowohl in der Ideo­logie als auch im Modell unseres sozio­öko­no­mi­schen Sys­tems selbst – aber dar­über wird später noch geson­dert zu reden sein.

 

Russ­land ist dabei, seine Ein­heit wie­der­her­zu­stellen – die Tra­gödie von 1991, diese schreck­liche Kata­strophe unserer Geschichte, ihre wider­na­tür­liche Ver­ren­kung (противоестественный вывих), ist über­wunden. Ja, um einen hohen Preis, ja, durch die tra­gi­schen Ereig­nisse eines fak­ti­schen Bür­ger­kriegs, denn noch immer schießen Brüder auf­ein­ander, die durch die Zuge­hö­rig­keit zur rus­si­schen und ukrai­ni­schen Armee aus­ein­an­der­ge­rissen sind – aber eine Ukraine als Anti-Russ­land wird es nicht mehr geben. Russ­land stellt seine his­to­ri­sche Ganz­heit wieder her, indem es die rus­si­sche Welt, das rus­si­sche Volk in seiner Gesamt­heit aus Weli­ko­russen, Weiß­russen und Klein­russen zusam­men­führt (восстанавливает свою историческую полноту, собирая русский мир, русский народ вместе). Würden wir darauf ver­zichten, würden wir zulassen, dass sich die vor­über­ge­hende Tei­lung über Jahr­hun­derte ver­fes­tigt, würden wir nicht nur das Andenken unserer Vor­fahren ver­raten, son­dern auch von unseren Nach­kommen dafür ver­dammt werden, dass wir den Zer­fall des Rus­si­schen Landes zuge­lassen haben (распад Русской земли).

 

Die Natio­na­listen in der Ukraine kämpfen auf Anraten von Aus­län­dern, sagt Putin

Wla­dimir Putin hat – ohne einen Hauch von Über­trei­bung – eine his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­nommen, indem er sich ent­schieden hat, die Lösung der ukrai­ni­schen Frage (решение украинского вопроса) nicht künf­tigen Genera­tionen zu über­lassen. Schließ­lich würde die Not­wen­dig­keit, dieses Pro­blem zu lösen, für Russ­land immer ein großes Pro­blem bleiben, und zwar aus zwei wesent­li­chen Gründen. Die Frage der natio­nalen Sicher­heit, d.h. die Tat­sache, dass die Ukraine zu einem Anti­russ­land und einem Vor­posten für den Druck des Wes­tens auf uns gemacht wird, ist nur der zweit­wich­tigste unter ihnen.

Der erste Grund wäre immer das Pro­blem einer geteilten Nation, das Pro­blem der natio­nalen Demü­ti­gung – dadurch, dass das rus­si­sche Haus zuerst einen Teil seines Fun­da­ments (Kiew) verlor und sich dann mit der Exis­tenz zweier Staaten abfinden musste, die nicht mehr eine, son­dern zwei Nationen waren. Das heißt, ent­weder müsste man seine Geschichte auf­geben und der wahn­sin­nigen Auf­fas­sung zustimmen, dass “nur die Ukraine das wahre Russ­land ist”, oder hilflos mit den Zähnen knir­schen und sich an jene Zeiten zurück­er­in­nern, als “wir die Ukraine ver­loren haben”. Die Rück­füh­rung der Ukraine, d.h. die Rück­gabe an Russ­land, würde mit jedem Jahr­zehnt kom­pli­zierter werden – die Umko­die­rung, die Derus­si­fi­zie­rung der Russen und das Aus­spielen der Klein­russen-Ukrainer gegen die Russen würden an Dynamik gewinnen. Und wenn sich die voll­stän­dige geo­po­li­ti­sche und mili­tä­ri­sche Kon­trolle der Ukraine durch den Westen ver­fes­tigt, wäre ihre Rück­kehr zu Russ­land über­haupt nicht mehr mög­lich – man müsste mit dem atlan­ti­schen Block um sie kämpfen.

 

Putin: Die Zusam­men­stöße mit der Ukraine finden haupt­säch­lich mit natio­na­lis­ti­schen Grup­pie­rungen statt

Jetzt ist dieses Pro­blem gelöst – die Ukraine ist zu Russ­land zurück­ge­kehrt. Das bedeutet nicht, dass ihre Staat­lich­keit auf­ge­löst wird, son­dern dass sie umstruk­tu­riert, wie­der­her­ge­stellt und in ihren natür­li­chen Zustand als Teil der rus­si­schen Welt zurück­ver­setzt wird. (она будет переустроена, переучреждена и возвращена в свое естественное состояние части русского мира.) Inner­halb wel­cher Grenzen und in wel­cher Form wird die Union mit Russ­land gesi­chert (mit­hilfe der OVKS und der Eura­si­schen Union oder mit­hilfe eines Uni­ons­staates aus Russ­land und Belarus)? Dies wird sich ent­scheiden, nachdem der Geschichte der Ukraine als Anti-Russ­land-Land ein Schluss­punkt gesetzt wurde. (поставлена точка в истории Украины как анти-России) Auf jeden Fall geht die Zeit der Spal­tung des rus­si­schen Volkes ihrem Ende ent­gegen. (завершается период раскола русского народа.)

Und hier beginnt die zweite Dimen­sion der kom­menden neuen Ära – sie betrifft die Bezie­hungen zwi­schen Russ­land und dem Westen oder viel­mehr zwi­schen der rus­si­schen Welt (русского мира), bestehend aus den drei Staaten Russ­land, Weiß­russ­land und der Ukraine, die geo­po­li­tisch als ein Ganzes han­deln, [und dem Westen] Diese Bezie­hung ist in eine neue Phase ein­ge­treten – der Westen sieht Russ­land in seine his­to­ri­schen Grenzen in Europa zurück­kehren. Und er ärgert sich laut­stark dar­über, obwohl er sich tief im Inneren ein­ge­stehen muss, dass es gar nicht anders geht.

 

Russ­land hat eine Dele­ga­tion gebildet, die mit der Ukraine ver­han­deln soll

Hat irgend­je­mand in den alten euro­päi­schen Haupt­städten, in Paris und Berlin, ernst­haft geglaubt, dass Moskau Kiew auf­geben würde? Dass die Russen für immer ein geteiltes Volk sein würden? Und das zur glei­chen Zeit, in der Europa sich ver­eint, in der die deut­schen und fran­zö­si­schen Eliten ver­su­chen, den Angel­sachsen die Kon­trolle über die euro­päi­sche Inte­gra­tion zu ent­reißen und ein ver­eintes Europa wie­der­her­zu­stellen? Sie ver­gessen, dass die Eini­gung Europas nur durch die Eini­gung Deutsch­lands mög­lich wurde, die auf den guten (wenn auch nicht sehr klugen) Willen Russ­lands zurück­zu­führen ist. Danach zum Schlag gegen die rus­si­schen Länder (русские земли) aus­zu­holen, ist nicht nur der Gipfel der Undank­bar­keit, son­dern auch eine geo­po­li­ti­sche Dumm­heit son­der­glei­chen. Der Westen als Ganzes, und noch mehr Europa für sich genommen, hatte keine Kraft, die Ukraine in seinem Ein­fluss­be­reich zu halten, geschweige denn, sie zu über­nehmen. (забрать себе Украину) Wer das nicht ver­standen hat, musste schon ein geo­po­li­ti­scher Narr sein.

Genauer gesagt, gab es nur eine Mög­lich­keit: auf den wei­teren Zer­fall Russ­lands, d. h. der Rus­si­schen Föde­ra­tion, zu setzen. Aber dass das nicht funk­tio­nieren wird, hätte schon vor zwanzig Jahren klar sein müssen. Und vor fünf­zehn Jahren, nach Putins Münchner Rede, konnten sogar die Tauben hören: Russ­land kommt zurück.

 

Peskow: Russ­land hat der Ukraine einen Vor­schlag zur Auf­nahme von Gesprä­chen gesendet

Jetzt ver­sucht der Westen, Russ­land dafür zu bestrafen, dass es zurück­ge­kommen ist, dass sich seine Pläne, sich auf seine Kosten zu stärken, nicht bewahr­heitet haben, dass es ihm nicht mög­lich war, seinen west­li­chen Raum nach Osten aus­zu­dehnen. (расширить западное пространство на восток) Wenn der Westen ver­sucht, uns zu bestrafen, denkt er, dass die Bezie­hungen zu ihm für uns lebens­wichtig sind. (жизненно важное значение) Aber das ist schon lange nicht mehr der Fall – die Welt hat sich ver­än­dert, und nicht nur die Euro­päer, son­dern auch die Angel­sachsen, die den Westen regieren, ver­stehen das sehr gut. Der west­liche Druck auf Russ­land führt zu nichts [ist sinnlos]. Beide Seiten werden durch eine harte Kon­fron­ta­tion Ver­luste erleiden, aber Russ­land ist mora­lisch und geo­po­li­tisch darauf vor­be­reit. Auf der anderen Seite ist die Ver­schär­fung der Kon­fron­ta­tion für den Westen selbst mit enormen Kosten ver­bunden, und die Haupt­kosten sind kei­nes­wegs wirt­schaft­li­cher Natur.

Europa, als Teil des Wes­tens, will Auto­nomie – aber dieses deut­sche Pro­jekt der euro­päi­schen Inte­gra­tion macht stra­te­gisch keinen Sinn, solange die angel­säch­si­sche ideo­lo­gi­sche, mili­tä­ri­sche und geo­po­li­ti­sche Kon­trolle über die Alte Welt bestehen bleibt. Es kann nicht erfolg­reich sein, solange die Angel­sachsen die Kon­trolle über Europa bean­spru­chen. (англосаксам нужна подконтрольная Европа.) Europa aber braucht auch aus einem anderen Grund Auto­nomie (получение автономии необходимо Европе) – für den Fall, dass die Ver­ei­nigten Staaten sich selbst iso­lieren (Штаты перейдут к самоизоляции) (auf­grund wach­sender interner Kon­flikte und Wider­sprüche) oder sich auf den pazi­fi­schen Raum kon­zen­trieren, wohin sich das geo­po­li­ti­sche Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum verlagert.

 

Russ­lands Rechte im Euro­parat ausgesetzt

Doch die Kon­fron­ta­tion mit Russ­land, in die die Angel­sachsen Europa hin­ein­ziehen, beraubt die Euro­päer selbst der Chance auf Auto­nomie (лишает европейцев даже шансов на самостоятельность) – ganz zu schweigen davon, dass man Europa auf die­selbe Weise ver­sucht, den Bruch mit China auf­zu­zwingen. Wäh­rend die Atlan­tiker nun froh­lo­cken, dass die “rus­si­sche Bedro­hung” den west­li­chen Block zusam­men­schweißt, muss man sich in Berlin und Paris dar­über im Klaren sein, dass das euro­päi­sche Pro­jekt mit­tel­fristig schei­tern wird, da es die Hoff­nung auf Auto­nomie ver­loren hat. (потеряв надежду на автономию, европейский проект просто рухнет) Aus diesem Grund sind unab­hängig den­kende Euro­päer heute über­haupt nicht daran inter­es­siert, einen neuen eisernen Vor­hang an ihren öst­li­chen Grenzen zu errichten, da sie wissen, dass dieser sich in einen Pferch für Europa ver­wan­deln wird. (нового железного занавеса на своих восточных границах — понимая, что он превратится в загон именно для Европы) Seine Ära (genauer gesagt ein halbes Jahr­tau­send) der glo­balen Füh­rungs­rolle (век (точнее полтысячелетия) глобального лидерства) ist jetzt jeden­falls vorbei – aber ver­schie­dene Optionen für seine Zukunft sind noch möglich.

Denn der Aufbau der neuen Welt­ord­nung (строительство нового миропорядка) – und das ist die dritte Dimen­sion des aktu­ellen Gesche­hens – beschleu­nigt sich, und ihre Kon­turen zeichnen sich durch die/unter der aus­ge­brei­teten Decke der angel­säch­si­schen Glo­ba­li­sie­rung immer deut­li­cher ab. Eine mul­ti­po­lare Welt ist end­lich Rea­lität geworden (Многополярный мир окончательно стал реальностью) – die Ope­ra­tion in der Ukraine ist nicht in der Lage, irgend­je­manden außer dem Westen gegen Russ­land zu mobi­li­sieren. Denn der Rest der Welt kann sehen und ver­stehen, dass es sich um einen Kon­flikt zwi­schen Russ­land und dem Westen han­delt, um eine Ant­wort auf die geo­po­li­ti­sche Expan­sion der Atlan­tiker, um die Rück­erobe­rung des his­to­ri­schen Raums und des Platzes Russ­lands in der Welt. (возвращение Россией своего исторического пространства и своего места в мире)

 

Keiner in Europa will einen Krieg mit Russ­land, sagt der fran­zö­si­sche Verteidigungsminister

China und Indien, Latein­ame­rika und Afrika, die isla­mi­sche Welt und Süd­ost­asien – nie­mand glaubt, dass der Westen die Welt­ord­nung beherrscht, geschweige denn die Spiel­re­geln bestimmt. Russ­land hat den Westen nicht nur her­aus­ge­for­dert, son­dern auch gezeigt, dass die Ära der west­li­chen glo­balen Domi­nanz end­gültig vorbei ist. Die neue Welt wird von allen Zivi­li­sa­tionen und Macht­zen­tren auf­ge­baut werden, natür­lich zusammen mit dem Westen (ver­eint oder nicht) – aber nicht zu seinen Bedin­gungen und nicht nach seinen Regeln. (что эпоху западного глобального господства можно считать полностью и окончательно законченной. Новый мир будет строиться всеми цивилизациями и центрами силами, естественно, вместе с Западом (единым или нет) — но не на его условиях и не по его правилам.)

Übers. Susanne Frank