Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Schwere nass­kalten Schwei­gens

In seinem Spiel­film-Debüt Teret (The Load, 2018) wirft der ser­bi­sche Regis­seur Ognjen Gla­vonić ein Schlag­licht auf die Ermor­dung von Zivi­listen im Koso­vo­krieg; erzählt aus der Per­spek­tive des Tru­cker-Fah­rers Vlada, der eine Last auf sich nehmen muss, die meh­rere Genera­tionen zu tragen haben. 

 

Der auf­zie­hende Morgen ver­heißt nichts Gutes: Lichter, die sich wie Sterne aus­nehmen, ent­larven sich erst im fernen Wider­hall als die Luft­ab­wehr Bel­grads. Jugo­sla­wien steht vor dem Zer­fall: 1999, Kampf­flug­zeuge der NATO über­ziehen die ser­bi­sche Haupt­stadt mit einem Bom­ben­hagel, um den Abzug ser­bi­scher Truppen aus dem Kosovo zu erzwingen. Vor diesem Hin­ter­grund wäre es ein leichtes Unter­fangen gewesen, nach Bil­dern zu suchen, die sich in Leid und Dra­matik ergehen. Solche Offen­sicht­lich­keiten ver­meidet der ser­bi­sche Doku­men­tar­filmer und Dreh­buch­autor Ognjen Gla­vonić in seinem ersten Spiel­film Teret (eng­li­scher Dis­tri­bu­ti­ons­titel: The Load). Der Krieg, ein ephe­meres Wesen, bricht sich im Spie­gel­bild der Scheiben, durch­dringt das akus­ti­sche Off und über­zieht die Welt mit einer Blässe, der weder Winter, noch Früh­ling zu eigen ist. Zugleich könnten seine Grau­sam­keiten dem Prot­ago­nisten Vlada kaum näher rücken.

 

 

Im Auf­trag der ser­bi­schen Polizei soll der Mitt­vier­ziger einen Kühl­wagen von der kosovo-alba­ni­schen Stadt Suva Reka (alba­nisch: Suha­rekë, eine mehr­heit­lich von Koso­vo­al­ba­nern bewohnte Stadt, in der 1999 wäh­rend der Bom­bar­die­rung Ser­biens zahl­reiche Morde an Koso­vo­al­ba­nern begangen wurden; Anm. d. Red.) nach Bel­grad manö­vrieren. Eine schwere Eisen­kette mag die Lade­fläche zwar ver­schließen, doch es kann kaum Zweifel dar­über geben, woraus Vladas Fracht besteht: Lei­chen! Nur noch streu­nende Hunde scheinen die Ödnis eines ver­las­senen Indus­trie­parks aus­zu­halten. Ein Lolli, der sich im Fell des einen ver­fangen hat, liest sich wie ein Omen: Vlada wiegt das kleb­rige Etwas kurz zwi­schen seinen Fin­gern, ehe er es zu Boden wirft. Dass sich der arbeits­lose Fami­li­en­vater für eine Hand­voll Dinar an der Ver­tu­schung eines Kriegs­ver­bre­chens mit­schuldig macht, schwebt über ihm und der wei­teren Hand­lung von Teret (wört­lich: nicht nur Fracht, son­dern auch Last, Anm. d. Red.). Nachdem eine Brücke unpas­sierbar geworden ist, muss Vlada seine Route ändern und stößt dabei auf den jungen Aus­reißer Paja, der vor­gibt, einen anderen Weg nach Bel­grad zu kennen. Schon hier zeigt sich, welche beson­dere Bedeu­tung im Film Teret der Ebene des Tons ein­räumt wird: Immer wieder dringt ein dumpfes Pochen aus der Lade­fläche und lässt die ohnehin bereits kargen Unter­hal­tungen der Prot­ago­nisten ver­stummen.

Nach­fragen bezüg­lich der Fracht enden im Nichts oder werden mit Gegen­fragen beant­wortet; Vlada wähnt sich schuldlos, und doch schreiben sich mit jedem wei­teren Schlag aus der Lade­fläche mehr Zweifel in sein Gesicht ein. Erst auf der Poli­zei­wache in Bel­grad kann er sein Mit­wirken ein­ge­stehen. Als Vlada am kom­menden Tag den LKW wieder aus­ge­hän­digt bekommt und wider Willen dazu bestimmt wird, noch eine letzte Fahrt zu über­nehmen, för­dert er den Ursprung jenes Stör­ge­räuschs seines Gewis­sens selbst zu Tage: Eine Murmel wird, wäh­rend Vlada die Lade­fläche rei­nigt, neben Bunt­stiften aus der Lade­fläche her­aus­ge­spült und endet – wie ehedem der Lolli – nun auf dem nassen Erd­boden. Ebenso durch­dacht wie Gla­vonić die Bild­sprache seines Films ein­setzt, kommt auch an dieser Stelle der Genera­tio­nen­kon­flikt erst in Gänze zum Aus­druck. Vlada muss sich nicht nur gegen­über der Jugend ver­ant­worten, son­dern ebenso dem Erbe seiner Groß­el­tern stellen, das in Objekten und Monu­menten auf ihn ein­wirkt.

 

Eine Kluft zwi­schen den Genera­tionen

Umso fataler ist es, dass er sich bei einer kurzen Rast sein Feu­er­zeug stehlen lässt – ein Erb­stück seines Vaters, gewidmet dem Kampf jugo­sla­wi­scher Par­ti­sanen im Zweiten Welt­krieg. Vladas erfolg­lose Suche führt ihn zum Denkmal für die Schlacht von Popina im Jahr 1941. “Wenn es die Zeit gebietet, ergreift mich noch einmal”prangt sinn­gemäß unter dem sur­real anmu­tenden Bau des jugo­sla­wi­schen Archi­tekten Bogdan Bogd­a­nović, womit unmit­telbar auf das gewehr­lauf­för­mige Aus­sehen des Denk­mals ver­wiesen wird. Die Bande zum anti­fa­schis­ti­schen Par­ti­sa­nen­kampf sind jedoch durch­trennt, ja gera­dezu ver­raten, wenn man bedenkt, wel­cher Ideo­logie sich Vlada ver­schrieben hat.

Die Brüche, die Jugo­sla­wien durch­ziehen, rei­chen hin­unter bis auf die Ebene der Familie. Gerade die Jugend ver­sucht der All­ge­gen­wart des Krieges etwas ent­ge­gen­zu­stellen: Denn auch unter dem blei­ernen Schleier der Luft­an­griffe sind Her­an­wach­sende nicht zuletzt auf der Suche nach sich selbst. Die Musik wird dabei als mög­li­ches Dis­tink­ti­ons­mittel ins Spiel gebracht: Ange­regt von Pajas eigens auf­ge­nom­menem Tape, beschließt auch Vladas Sohn eine Band zu gründen. Vlada, dem Paja die Kas­sette zum Dank gegeben hat, wird damit zum bloßen Über­mittler einer Bot­schaft, auf deren Aus­ge­stal­tung er kei­nerlei Ein­fluss mehr hat. Der abschlie­ßende Punk-Song scheint in seiner stei­genden Laut­stärke eine Leer­stelle besetzen zu wollen, die auch über den Film hinaus noch exis­tiert.

 

Kein Neu­land für Gla­vonić

Die Authen­ti­zität von Gla­vo­nićs Appell wird dadurch unter­stri­chen, dass gerade die Per­spek­tive der Jugend­li­chen stark von auto­bio­gra­phi­schen Bezügen geprägt ist, wie der Regis­seur selbst bestä­tigt. Das Mas­saker von Suva Reka oder viel­mehr die Stra­te­gien seiner Ver­tu­schung sind für ihn dabei kei­nes­wegs Neu­land: Mit Dubina Dva (Depth 2) drehte Gla­vonić bereits 2016 einen expe­ri­men­tellen Doku­men­tar­film, der Teret in nichts nach­steht. Dass sein Film, der jüngst in Cannes Welt­pre­miere fei­erte, in Ser­bien natio­na­lis­ti­schen Anfein­dungen aus­ge­setzt war, noch bevor er über­haupt in den Kinos lief, ver­leiht seinem Anliegen eine umso grö­ßere Dring­lich­keit. Und doch täte man dem Film Gewalt an, wenn man ihn ledig­lich auf seine poli­ti­sche Lesart redu­zierte. Mit Teret ist es dem jungen ser­bi­schen Regis­seur viel­mehr gelungen, eine Sprache zu ent­wi­ckeln, mit der die nass­kalte Schwere des Schwei­gens fil­misch erfahrbar wird.

 

Gla­vonić, Ognjen: Teret (The Load). Ser­bien, 2018, 98 Min.