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Die Schwere nasskalten Schweigens

Posted on 7. Juni 2019 by Markus Klunk
In seinem Spielfilm-Debüt "Teret" (The Load, 2018) wirft der serbische Regisseur Ognjen Glavonić ein Schlaglicht auf die Ermordung von Zivilisten im Kosovokrieg; erzählt aus der Perspektive des Trucker-Fahrers Vlada, der eine Last auf sich nehmen muss, die mehrere Generationen zu tragen haben.

In seinem Spielfilm-Debüt Teret (The Load, 2018) wirft der serbische Regisseur Ognjen Glavonić ein Schlaglicht auf die Ermordung von Zivilisten im Kosovokrieg; erzählt aus der Perspektive des Trucker-Fahrers Vlada, der eine Last auf sich nehmen muss, die mehrere Generationen zu tragen haben. 

 

Der aufziehende Morgen verheißt nichts Gutes: Lichter, die sich wie Sterne ausnehmen, entlarven sich erst im fernen Widerhall als die Luftabwehr Belgrads. Jugoslawien steht vor dem Zerfall: 1999, Kampfflugzeuge der NATO überziehen die serbische Hauptstadt mit einem Bombenhagel, um den Abzug serbischer Truppen aus dem Kosovo zu erzwingen. Vor diesem Hintergrund wäre es ein leichtes Unterfangen gewesen, nach Bildern zu suchen, die sich in Leid und Dramatik ergehen. Solche Offensichtlichkeiten vermeidet der serbische Dokumentarfilmer und Drehbuchautor Ognjen Glavonić in seinem ersten Spielfilm Teret (englischer Distributionstitel: The Load). Der Krieg, ein ephemeres Wesen, bricht sich im Spiegelbild der Scheiben, durchdringt das akustische Off und überzieht die Welt mit einer Blässe, der weder Winter, noch Frühling zu eigen ist. Zugleich könnten seine Grausamkeiten dem Protagonisten Vlada kaum näher rücken.

 

 

Im Auftrag der serbischen Polizei soll der Mittvierziger einen Kühlwagen von der kosovo-albanischen Stadt Suva Reka (albanisch: Suharekë, eine mehrheitlich von Kosovoalbanern bewohnte Stadt, in der 1999 während der Bombardierung Serbiens zahlreiche Morde an Kosovoalbanern begangen wurden; Anm. d. Red.) nach Belgrad manövrieren. Eine schwere Eisenkette mag die Ladefläche zwar verschließen, doch es kann kaum Zweifel darüber geben, woraus Vladas Fracht besteht: Leichen! Nur noch streunende Hunde scheinen die Ödnis eines verlassenen Industrieparks auszuhalten. Ein Lolli, der sich im Fell des einen verfangen hat, liest sich wie ein Omen: Vlada wiegt das klebrige Etwas kurz zwischen seinen Fingern, ehe er es zu Boden wirft. Dass sich der arbeitslose Familienvater für eine Handvoll Dinar an der Vertuschung eines Kriegsverbrechens mitschuldig macht, schwebt über ihm und der weiteren Handlung von Teret (wörtlich: nicht nur Fracht, sondern auch Last, Anm. d. Red.). Nachdem eine Brücke unpassierbar geworden ist, muss Vlada seine Route ändern und stößt dabei auf den jungen Ausreißer Paja, der vorgibt, einen anderen Weg nach Belgrad zu kennen. Schon hier zeigt sich, welche besondere Bedeutung im Film Teret der Ebene des Tons einräumt wird: Immer wieder dringt ein dumpfes Pochen aus der Ladefläche und lässt die ohnehin bereits kargen Unterhaltungen der Protagonisten verstummen.

Nachfragen bezüglich der Fracht enden im Nichts oder werden mit Gegenfragen beantwortet; Vlada wähnt sich schuldlos, und doch schreiben sich mit jedem weiteren Schlag aus der Ladefläche mehr Zweifel in sein Gesicht ein. Erst auf der Polizeiwache in Belgrad kann er sein Mitwirken eingestehen. Als Vlada am kommenden Tag den LKW wieder ausgehändigt bekommt und wider Willen dazu bestimmt wird, noch eine letzte Fahrt zu übernehmen, fördert er den Ursprung jenes Störgeräuschs seines Gewissens selbst zu Tage: Eine Murmel wird, während Vlada die Ladefläche reinigt, neben Buntstiften aus der Ladefläche herausgespült und endet – wie ehedem der Lolli – nun auf dem nassen Erdboden. Ebenso durchdacht wie Glavonić die Bildsprache seines Films einsetzt, kommt auch an dieser Stelle der Generationenkonflikt erst in Gänze zum Ausdruck. Vlada muss sich nicht nur gegenüber der Jugend verantworten, sondern ebenso dem Erbe seiner Großeltern stellen, das in Objekten und Monumenten auf ihn einwirkt.

 

Eine Kluft zwischen den Generationen

Umso fataler ist es, dass er sich bei einer kurzen Rast sein Feuerzeug stehlen lässt – ein Erbstück seines Vaters, gewidmet dem Kampf jugoslawischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Vladas erfolglose Suche führt ihn zum Denkmal für die Schlacht von Popina im Jahr 1941. "Wenn es die Zeit gebietet, ergreift mich noch einmal"prangt sinngemäß unter dem surreal anmutenden Bau des jugoslawischen Architekten Bogdan Bogdanović, womit unmittelbar auf das gewehrlaufförmige Aussehen des Denkmals verwiesen wird. Die Bande zum antifaschistischen Partisanenkampf sind jedoch durchtrennt, ja geradezu verraten, wenn man bedenkt, welcher Ideologie sich Vlada verschrieben hat.

Die Brüche, die Jugoslawien durchziehen, reichen hinunter bis auf die Ebene der Familie. Gerade die Jugend versucht der Allgegenwart des Krieges etwas entgegenzustellen: Denn auch unter dem bleiernen Schleier der Luftangriffe sind Heranwachsende nicht zuletzt auf der Suche nach sich selbst. Die Musik wird dabei als mögliches Distinktionsmittel ins Spiel gebracht: Angeregt von Pajas eigens aufgenommenem Tape, beschließt auch Vladas Sohn eine Band zu gründen. Vlada, dem Paja die Kassette zum Dank gegeben hat, wird damit zum bloßen Übermittler einer Botschaft, auf deren Ausgestaltung er keinerlei Einfluss mehr hat. Der abschließende Punk-Song scheint in seiner steigenden Lautstärke eine Leerstelle besetzen zu wollen, die auch über den Film hinaus noch existiert.

 

Kein Neuland für Glavonić

Die Authentizität von Glavonićs Appell wird dadurch unterstrichen, dass gerade die Perspektive der Jugendlichen stark von autobiographischen Bezügen geprägt ist, wie der Regisseur selbst bestätigt. Das Massaker von Suva Reka oder vielmehr die Strategien seiner Vertuschung sind für ihn dabei keineswegs Neuland: Mit Dubina Dva (Depth 2) drehte Glavonić bereits 2016 einen experimentellen Dokumentarfilm, der Teret in nichts nachsteht. Dass sein Film, der jüngst in Cannes Weltpremiere feierte, in Serbien nationalistischen Anfeindungen ausgesetzt war, noch bevor er überhaupt in den Kinos lief, verleiht seinem Anliegen eine umso größere Dringlichkeit. Und doch täte man dem Film Gewalt an, wenn man ihn lediglich auf seine politische Lesart reduzierte. Mit Teret ist es dem jungen serbischen Regisseur vielmehr gelungen, eine Sprache zu entwickeln, mit der die nasskalte Schwere des Schweigens filmisch erfahrbar wird.

 

Glavonić, Ognjen: Teret (The Load). Serbien, 2018, 98 Min.

Die Schwere nasskalten Schweigens – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Schwere nass­kalten Schweigens

In seinem Spiel­film-Debüt Teret (The Load, 2018) wirft der ser­bi­sche Regis­seur Ognjen Gla­vonić ein Schlag­licht auf die Ermor­dung von Zivi­listen im Koso­vo­krieg; erzählt aus der Per­spek­tive des Tru­cker-Fah­rers Vlada, der eine Last auf sich nehmen muss, die meh­rere Genera­tionen zu tragen haben. 

 

Der auf­zie­hende Morgen ver­heißt nichts Gutes: Lichter, die sich wie Sterne aus­nehmen, ent­larven sich erst im fernen Wider­hall als die Luft­ab­wehr Bel­grads. Jugo­sla­wien steht vor dem Zer­fall: 1999, Kampf­flug­zeuge der NATO über­ziehen die ser­bi­sche Haupt­stadt mit einem Bom­ben­hagel, um den Abzug ser­bi­scher Truppen aus dem Kosovo zu erzwingen. Vor diesem Hin­ter­grund wäre es ein leichtes Unter­fangen gewesen, nach Bil­dern zu suchen, die sich in Leid und Dra­matik ergehen. Solche Offen­sicht­lich­keiten ver­meidet der ser­bi­sche Doku­men­tar­filmer und Dreh­buch­autor Ognjen Gla­vonić in seinem ersten Spiel­film Teret (eng­li­scher Dis­tri­bu­ti­ons­titel: The Load). Der Krieg, ein ephe­meres Wesen, bricht sich im Spie­gel­bild der Scheiben, durch­dringt das akus­ti­sche Off und über­zieht die Welt mit einer Blässe, der weder Winter, noch Früh­ling zu eigen ist. Zugleich könnten seine Grau­sam­keiten dem Prot­ago­nisten Vlada kaum näher rücken.

 

 

Im Auf­trag der ser­bi­schen Polizei soll der Mitt­vier­ziger einen Kühl­wagen von der kosovo-alba­ni­schen Stadt Suva Reka (alba­nisch: Suha­rekë, eine mehr­heit­lich von Koso­vo­al­ba­nern bewohnte Stadt, in der 1999 wäh­rend der Bom­bar­die­rung Ser­biens zahl­reiche Morde an Koso­vo­al­ba­nern begangen wurden; Anm. d. Red.) nach Bel­grad manö­vrieren. Eine schwere Eisen­kette mag die Lade­fläche zwar ver­schließen, doch es kann kaum Zweifel dar­über geben, woraus Vladas Fracht besteht: Lei­chen! Nur noch streu­nende Hunde scheinen die Ödnis eines ver­las­senen Indus­trie­parks aus­zu­halten. Ein Lolli, der sich im Fell des einen ver­fangen hat, liest sich wie ein Omen: Vlada wiegt das kleb­rige Etwas kurz zwi­schen seinen Fin­gern, ehe er es zu Boden wirft. Dass sich der arbeits­lose Fami­li­en­vater für eine Hand­voll Dinar an der Ver­tu­schung eines Kriegs­ver­bre­chens mit­schuldig macht, schwebt über ihm und der wei­teren Hand­lung von Teret (wört­lich: nicht nur Fracht, son­dern auch Last, Anm. d. Red.). Nachdem eine Brücke unpas­sierbar geworden ist, muss Vlada seine Route ändern und stößt dabei auf den jungen Aus­reißer Paja, der vor­gibt, einen anderen Weg nach Bel­grad zu kennen. Schon hier zeigt sich, welche beson­dere Bedeu­tung im Film Teret der Ebene des Tons ein­räumt wird: Immer wieder dringt ein dumpfes Pochen aus der Lade­fläche und lässt die ohnehin bereits kargen Unter­hal­tungen der Prot­ago­nisten verstummen.

Nach­fragen bezüg­lich der Fracht enden im Nichts oder werden mit Gegen­fragen beant­wortet; Vlada wähnt sich schuldlos, und doch schreiben sich mit jedem wei­teren Schlag aus der Lade­fläche mehr Zweifel in sein Gesicht ein. Erst auf der Poli­zei­wache in Bel­grad kann er sein Mit­wirken ein­ge­stehen. Als Vlada am kom­menden Tag den LKW wieder aus­ge­hän­digt bekommt und wider Willen dazu bestimmt wird, noch eine letzte Fahrt zu über­nehmen, för­dert er den Ursprung jenes Stör­ge­räuschs seines Gewis­sens selbst zu Tage: Eine Murmel wird, wäh­rend Vlada die Lade­fläche rei­nigt, neben Bunt­stiften aus der Lade­fläche her­aus­ge­spült und endet – wie ehedem der Lolli – nun auf dem nassen Erd­boden. Ebenso durch­dacht wie Gla­vonić die Bild­sprache seines Films ein­setzt, kommt auch an dieser Stelle der Genera­tio­nen­kon­flikt erst in Gänze zum Aus­druck. Vlada muss sich nicht nur gegen­über der Jugend ver­ant­worten, son­dern ebenso dem Erbe seiner Groß­el­tern stellen, das in Objekten und Monu­menten auf ihn einwirkt.

 

Eine Kluft zwi­schen den Generationen

Umso fataler ist es, dass er sich bei einer kurzen Rast sein Feu­er­zeug stehlen lässt – ein Erb­stück seines Vaters, gewidmet dem Kampf jugo­sla­wi­scher Par­ti­sanen im Zweiten Welt­krieg. Vladas erfolg­lose Suche führt ihn zum Denkmal für die Schlacht von Popina im Jahr 1941. “Wenn es die Zeit gebietet, ergreift mich noch einmal”prangt sinn­gemäß unter dem sur­real anmu­tenden Bau des jugo­sla­wi­schen Archi­tekten Bogdan Bogd­a­nović, womit unmit­telbar auf das gewehr­lauf­för­mige Aus­sehen des Denk­mals ver­wiesen wird. Die Bande zum anti­fa­schis­ti­schen Par­ti­sa­nen­kampf sind jedoch durch­trennt, ja gera­dezu ver­raten, wenn man bedenkt, wel­cher Ideo­logie sich Vlada ver­schrieben hat.

Die Brüche, die Jugo­sla­wien durch­ziehen, rei­chen hin­unter bis auf die Ebene der Familie. Gerade die Jugend ver­sucht der All­ge­gen­wart des Krieges etwas ent­ge­gen­zu­stellen: Denn auch unter dem blei­ernen Schleier der Luft­an­griffe sind Her­an­wach­sende nicht zuletzt auf der Suche nach sich selbst. Die Musik wird dabei als mög­li­ches Dis­tink­ti­ons­mittel ins Spiel gebracht: Ange­regt von Pajas eigens auf­ge­nom­menem Tape, beschließt auch Vladas Sohn eine Band zu gründen. Vlada, dem Paja die Kas­sette zum Dank gegeben hat, wird damit zum bloßen Über­mittler einer Bot­schaft, auf deren Aus­ge­stal­tung er kei­nerlei Ein­fluss mehr hat. Der abschlie­ßende Punk-Song scheint in seiner stei­genden Laut­stärke eine Leer­stelle besetzen zu wollen, die auch über den Film hinaus noch existiert.

 

Kein Neu­land für Glavonić

Die Authen­ti­zität von Gla­vo­nićs Appell wird dadurch unter­stri­chen, dass gerade die Per­spek­tive der Jugend­li­chen stark von auto­bio­gra­phi­schen Bezügen geprägt ist, wie der Regis­seur selbst bestä­tigt. Das Mas­saker von Suva Reka oder viel­mehr die Stra­te­gien seiner Ver­tu­schung sind für ihn dabei kei­nes­wegs Neu­land: Mit Dubina Dva (Depth 2) drehte Gla­vonić bereits 2016 einen expe­ri­men­tellen Doku­men­tar­film, der Teret in nichts nach­steht. Dass sein Film, der jüngst in Cannes Welt­pre­miere fei­erte, in Ser­bien natio­na­lis­ti­schen Anfein­dungen aus­ge­setzt war, noch bevor er über­haupt in den Kinos lief, ver­leiht seinem Anliegen eine umso grö­ßere Dring­lich­keit. Und doch täte man dem Film Gewalt an, wenn man ihn ledig­lich auf seine poli­ti­sche Lesart redu­zierte. Mit Teret ist es dem jungen ser­bi­schen Regis­seur viel­mehr gelungen, eine Sprache zu ent­wi­ckeln, mit der die nass­kalte Schwere des Schwei­gens fil­misch erfahrbar wird.

 

Gla­vonić, Ognjen: Teret (The Load). Ser­bien, 2018, 98 Min.