Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Ukraine-Rhe­torik in Putins ‚Kriegs­er­klä­rung‘

Dieser Tage müssen wir ein­sehen, dass die aggres­sive Sprache Putins hier­zu­lange nicht aus­rei­chend ernst genommen wurde: Am 21.02.2022 hielt Putin eine ein­stün­dige Rede an die Nation, die wohl als offi­zi­elle Kriegs­er­klä­rung in die Annalen der Geschichte ein­gehen wird.  Seit dieser mit rhe­to­ri­schen Mittel aus­ge­stat­teten Ansprache gibt es end­gültig keine Zweifel mehr über seine Bereit­schaft zu einem gewalt­vollen Über­griff bzw. Inbe­sitz­nahme der gesamten Ukraine. 

In den Mor­gen­stunden am 22.02.2022 erfolgte der Angriff auf die Ukraine, für dessen Recht­fer­ti­gung Putin zuvor geworben hatte. Zuvor waren bereits die Regionen Donezk und Lug­ansk als „sou­verän“ aner­kannt worden, die wie die Krim seit 2014 von rus­si­schem Militär kon­trol­liert werden. In dieser Rede mani­fes­tiert sich – neben den zwei großen Vor­gänger-Reden „Über die Ein­heit der Russen und Ukraine“ (2021) und der Krim­rede (2014) – die spe­zi­fi­sche Ukraine-Rhe­torik Putins. Sie bedient sich logi­schen Kausal- und Ver­gleichs­schlüssen – bei gleich­zei­tigem Ein­satz nicht­ve­ri­fi­zierter Geschichts­an­sichten und Lügen. Eine insze­nierte Dia­lo­gi­zität und das Ver­wenden von Umgangs­sprache dienen zur Affekterzeugung.

 

Putin ver­sucht durch große „Bögen“ zwi­schen ver­gan­genen Ereig­nissen und der heu­tigen „Nazi-Ukraine“ einen Sinn­zu­sam­men­hang her­zu­stellen. Das Aus­holen in die Geschichte erfüllt den Zweck, a) die Ukraine als eigen­stän­digen Staat zu dis­kre­di­tieren (Lenin habe den ukrai­ni­schen Natio­na­listen fälsch­li­cher­weise eine eigene Repu­blik zuge­spro­chen) und b) eine Kon­ti­nuität und ‚natur­ge­ge­bene‘ Ver­bin­dung zwi­schen den Russen und Ukrai­nern mit dem Rück­griff auf die Kievs­kaja Rus‘ (Kiewer Rus) zu behaupten. Wie Ric­cardo Nico­losi bereits für die Vor­gänger-Reden zur Ukraine fest­ge­stellt hat, wird auch hier mit der Kievs­kaja Rus‘ der Ursprung der Ein­heit der drei ost­sla­wi­schen Völker als ‚große‘ und ver­ei­nende Geschichts­er­zäh­lung bzw. Grün­dungs­my­thos prä­sen­tiert, der bereits aus der zaris­ti­schen impe­rialen Geschichts­schrei­bung bekannt ist. Man wird den Ein­druck nicht los, als würde man einem Geschichts­lehrer aus dem 19. Jahr­hun­dert über die zaris­ti­schen groß-rus­si­schen Ambi­tionen zuhören.

 

Zu Beginn der Rede wird erklärt, warum die Ukraine-Frage einen so hohen Stel­len­wert für Russ­land ein­nimmt: Die Ukraine sei nicht „ein­fach ein Nach­bar­land. Es ist ein unwi­der­leg­barer Teil unserer Geschichte, Kultur, des geis­tigen Raums.“ In den ersten Minuten der unge­wöhn­lich langen Rede ver­sucht er mit geschicht­li­cher Rekon­struk­tion dar­zu­legen, dass Lenin der Ukraine fälsch­li­cher­weise den Status einer eigenen natio­nalen Repu­blik gab, deren von den Russen unab­hän­giges Exis­tieren er bestreitet. Damit negiert Putin die bereits seit dem 19. Jahr­hun­dert vor­han­denen Natio­nal­be­stre­bungen auf dem Ter­ri­to­rium der heu­tigen Ukraine. Viel­fach gestellte Fragen wirken wie ein Frage-Ant­wort-Spiel, das trotz der Pseudo-Dia­lo­gi­zität rein mono­lo­gisch und beleh­rend auf das Volk ‚nie­der­pras­selt‘. Es dient dar­über hinaus zum Aus­druck von Empö­rung und zur Affekt­erzeu­gung und ‑stei­ge­rung (Klimax): Durch das Vor­weg­nehmen und von Zwei­feln und deren Inte­gra­tion in einer Frage-Ant­wort-Struktur (Ent­weder-Oder) insze­niert er sich als fach­kun­diger und ver­ant­wort­li­cher Lan­des­führer und als dia­lo­gi­scher Gesprächs­partner auf der Welt­bühne, der auf Grund­lage von fak­ten­ba­sierter Abwä­gung Ent­schei­dungen trifft und sich in diesem Sinne als pro­fes­sio­neller, trans­pa­renter Poli­tiker zeigt (die viel­fache Wie­der­ho­lung des Anspruchs an Poli­tiker „pro­fes­sio­nell“ zu sein erwähnt Nico­losi in seinem Vor­trag zu „Putins Ukraine-Rhe­torik“). Die Kritik an der ukrai­ni­schen Regie­rung der 1990er Jahre und deren angeb­liche Unfä­hig­keit „adäquate Maß­nahmen“ zu treffen ver­stärkt diesen Ein­druck einer sowje­ti­schen, tech­no­kra­ti­schen Sprache der Anstän­dig­keit. Als Gegen­teil dazu bzw. Abwei­chung von dieser Norm treten die „dro­gen­süch­tigen Nazis“ und die viel­fach beschwo­rene „Junta“ aus der Ukraine in seinen Erzäh­lungen auf. Dies erin­nert unwei­ger­lich an den sowje­ti­schen Begriff des „Schma­rot­zer­tums“ („тунеядство“), ver­standen als soziales Para­si­tentum, das Arbeits­lo­sig­keit oder eine aus­blei­bende Betei­li­gung am gesell­schaft­lich-ideo­lo­gi­schen Leben als „Faul­heit“ in der Sowjet­zeit dif­fa­mierte (in Belarus gibt es seit 2015 wieder eine „Ver­ord­nung über das Schma­rot­zertum“, was Gefäng­nis­strafen bis zu 15 Tagen vorsieht).

 

Die teils aggres­sive Vor­tragsart und die ver­wen­dete Lexik glei­chen einem ver­balen Schlag­ab­tausch und wirken wie eine ‚Schlä­gerei‘ zwi­schen Klein­kri­mi­nellen auf der Straße. Mit Miss­bil­li­gung werden die Maidan-Ideen als „Aben­teuer“ bezeichnet. Die ver­wen­dete Umgangs­sprache – z.B. „dieser Unfug“, „Und das scheint auch so zu sein, wenn da nicht ein ‚Nein‘ wäre.“, „Gott sei Dank“ – lockert die teil­weise sehr langen und kom­plexen Satz­kon­struk­tionen auf; es wird eine Ein­deu­tig­keit des sehr kom­plexen Kon­texts der Natio­na­li­tä­ten­po­litik der 1920er Jahre, des Zer­falls der Sowjet­union ab den 1990er Jahren und der Akteure auf dem Maidan 2014 sug­ge­riert. Dar­über hinaus zielt die Ver­wen­dung von Sprich­wör­tern und Idiomen auf eine schnelle Ver­stän­di­gung zwi­schen Prä­si­dent und Volk ab: „Der Hund bellt, aber die Kara­wane zieht weiter“. Gemeint ist, dass sich Russ­land trotz äußeren Wider­ständen von seinem Weg nicht abbringen lassen werde. Auch mit Wie­der­ho­lungen wird das Gesagte inhalt­lich ver­dichtet bzw. zuge­spitzt: „Und sie kämpfen für ihre ele­men­taren Rechte – in ihrem eigenen Land zu leben, ihre eigene Sprache zu spre­chen, ihre Kultur und Tra­di­tionen zu bewahren.“ Beson­ders bei den gesellten Fragen, die die Russen in ihrer „Krän­kung“ der zer­fal­lenen Sowjet­union trig­gern, dient die Wie­der­ho­lung zur Affekt­erzeu­gung: „Wie lange kann diese Tra­gödie noch andauern? Wie lange kann man noch das ertragen?“

 

Viel­fach spricht Putin davon, wie „auf­richtig“ und „ehr­lich“ die rus­si­sche Unter­stüt­zung für die Ukraine und ihre Sou­ve­rä­nität in den ver­gan­genen Jahr­zehnten gewesen sei:

 

 „Und unser Land hat diese Unter­stüt­zung mit Respekt gegen­über der Würde und der Sou­ve­rä­nität der Ukraine geleistet.“

„И наша страна оказывала такую поддержку с уважением к достоинству и суверенитету Украины.“

 

„Und trotzdem, trotz all dieser bekannten Pro­bleme hat Russ­land immer mit der Ukraine auf­richtig und ehr­lich, ich wie­der­hole: mit Respekt gegen­über ihren Inter­essen, zusammengearbeitet […].“

„И всё же, несмотря на известные проблемы, Россия всегда сотрудничала с Украиной открыто, честно и, повторю, с уважением к её интересам […].“

 

 „Des­wegen halte ich die schon lange gereifte Ent­schei­dung für not­wendig, unver­züg­lich die Unab­hän­gig­keit und Sou­ve­rä­nität der Donezker Volks­re­pu­blik und Luhansker Volks­re­pu­blik anzuerkennen.“ 

„В этой связи считаю необходимым принять уже давно назревшее решение – незамедлительно признать независимость и суверенитет Донецкой Народной Республики и Луганской Народной Республики.“

 

Sou­ve­rä­nität bedeutet hier – wie im Falle der sog. Volks­re­pu­bliken Donezk und Luhansk – Anbin­dung an Russ­land, eine garan­tierte Staat­lich­keit nur in der geo­po­li­ti­schen Ein­fluss­sphäre Russ­lands zu ihren Bedin­gungen. Der Chef des Aus­lands­ge­heim­dienstes (SVR) Sergej Naryškin ließ diese Tat­sche am 23.02 durch seine Unsi­cher­heit durch­bli­cken: Alle Mit­glieder des Sicher­heits­rats der Rus­si­schen Föde­ra­tion spra­chen bei der ‚Audienz‘ – wie eine Schul­klasse beim ‚Ober-Lehrer‘ Putin – vor. Statt sich für die Aner­ken­nung der Sou­ve­rä­nität aus­zu­spre­chen warb der bereits zit­ternde und stam­melnde Geheim­dienst-Chef dafür, die beiden Volks­re­pu­bliken in die Rus­si­sche Föde­ra­tion ein­zu­glie­dern, was Putin dar­aufhin scherz­haft mit dem Kom­mentar versah: „Aber dar­über reden wir hier ja gar nicht“:

„- Вы хотите переговоров?

- Я, да, не, я поддержу…

- Поддержите или поддерживаете?

- Поддерживаю включение ДНР и ЛНР в состав РФ.

- Но мы не об этом говорим, мы о признании их суверенитета.

- Поддерживаю суверенитет, значит.“

 

Nachdem ange­führt wird, wie das per­so­ni­fi­zierte Russ­land die Inter­essen der Ukraine immer respek­tiert habe, werden die heu­tige Ukraine und ihre „west­li­chen Hand­langer“ als ver­rä­te­risch und hin­ter­hältig cha­rak­te­ri­siert, als Intrige gegen das ehr­liche und stets hel­fende Russland:

 „Lassen Sie mich hin­zu­fügen, dass Kiew ver­sucht hat, den Dialog mit Russ­land als Vor­wand für Ver­hand­lungen mit dem Westen zu nutzen, ihn mit der Annä­he­rung an Moskau zu erpressen und damit die eigenen Prä­fe­renzen durch­zu­setzen: Sie sagten, sonst wird der rus­si­sche Ein­fluss auf die Ukraine wachsen.“

„Добавлю, что в Киеве пытались использовать диалог с Россией как предлог для торга с Западом, шантажировали его сближением с Москвой, выбивая для себя преференции: мол, в противном случае будет расти российское влияние на Украину.“

 

Inter­es­san­ter­weise gehen die „west­liche Kor­rup­tion“ und der „Nazismus“ bei Putin eine Sym­biose ein. Es wird ein beson­derer Cha­rakter der Kor­rup­tion in der Ukraine in Folge des Mai­dans beschworen, da die ukrai­ni­schen Olig­ar­chen ihr Geld im west­li­chen Aus­land anlegen wollten und das eigene Volk betö­rend beraubten (hier denke man an die enorm hohen Beträge, die Putin und seine Olig­ar­chen dem rus­si­schen Volk vor­ent­halten). Auch seien Oppo­si­tio­nelle und die an die Macht gekom­menen „Radi­kalen“ von den USA mit „einer Mil­lion Dollar täg­lich“ finan­ziert worden. Diese Argu­men­ta­tion erhält ein bereits aus den vor­her­ge­henden Reden bekanntes ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sches Moment: Die ‚Orga­ni­sa­toren‘ des Maidan werden als Ansamm­lung von Neo­nazis, Russen-Hasser und Anti­se­miten beschrieben – das soll bei der Hörer­schaft hängen bleiben.

 

Der ukrai­ni­sche „Nazismus“, begleitet vom „beson­deren [west­li­chen] Cha­rakter“ der Kor­rup­tion, wird als krank und in dem Sinne unna­tür­lich bzw. dem Men­schen als gegen­sätz­lich cha­rak­te­ri­siert. In Bezug auf den Zer­fall der Sowjet­union spricht Putin von einem „Bazillus natio­na­lis­ti­scher Ambi­tionen“. Was die heu­tige Ukraine anbe­langt, so habe der „Virus des Natio­na­lismus und der Kor­rup­tion“ die „wahr­haf­tigen kul­tu­rellen, öko­no­mi­schen, sozialen Inter­essen des Volkes, die reale Sou­ve­rä­nität der Ukraine“ kon­ta­mi­niert. Es wird eine Gefahr für das Leben bzw. Über­leben evo­ziert, wes­wegen – dieser Logik fol­gend – ein Kampf gegen die jet­zige Regie­rung der Ukraine für einen reinen bzw. gesunden Zustand des Staates und Volkes geführt werden muss: Der Virus müsse bekämpft werden. Die ‚Krank­heits­er­reger‘ Natio­na­lismus und Kor­rup­tion hätten den Staat zer­setzt. Putins Aus­spruch, Ame­rika sei ein „Parasit“ aus dem Jahr 2011, steht in dieser Tra­di­tion der infek­tio­lo­gi­schen Sprache und patho­lo­gi­siert die west­liche Welt als einen blut­saugenden, heim­tü­cki­schen und sich vom Leben anderer Orga­nismen berei­chernden Mörder.

 

„Kor­rup­tion, die zwei­fellos eine Her­aus­for­de­rung und ein Pro­blem für viele Länder, ein­schließ­lich Russ­land, dar­stellt, hat in der Ukraine bereits eine Art Son­der­cha­rakter ange­nommen. Sie hat die ukrai­ni­sche Staat­lich­keit, das gesamte System, alle Macht­be­reiche buch­stäb­lich zer­fressen und zer­setzt. Die Radi­kalen nutzten die gerechte Unzu­frie­den­heit der Men­schen, fachten den Pro­test and und brachten 2014 den Maidan zum Staatsstreich.“

„Коррупция, которая, без сомнения, является вызовом и проблемой для многих стран, в том числе и для России, на Украине приобрела какой-то уже особый характер. Она буквально пропитала, разъела украинскую государственность, всю систему, все ветви власти. Радикалы воспользовались справедливым недовольством людей, оседлали протест и в 2014 году и довели Майдан до государственного переворота.“

 

Putin knüpft an die Trau­mata des 20. Jahr­hun­derts an – sowohl an den Zweiten Welt­krieg als auch an den Zer­fall der Sowjet­union. Es wirkt, als würde er stell­ver­tre­tend das rus­si­sche Leid „auf seinen Schul­tern tragen“ (Karl Schlögel zur Frage „Was treibt Putin an?“) – das viel­fache Stöhnen in seiner Rede ver­stärkt diesen Ein­druck. Die von Putin beschrie­benen aus­ge­bro­chenen Unruhen auf den Plätzen Kiews und die Ver­fol­gung Anders­den­kender werden mit Meta­phern aus­ge­schmückt. Es werden Bilder des Schre­ckens und Grauens gene­riert, die in Ver­bin­dung mit den Worten „Nazismus“ in vielen Köpfen der rus­si­schen und post­so­wje­ti­schen Bevöl­ke­rungen zutiefst nega­tive und beun­ru­hi­gende Reak­tionen hervorrufen:

 

„Ukrai­ni­sche Städte wurden von einer Welle von Pogromen und Gewalt über­rollt, einer Reihe von auf­se­hen­er­re­genden und unge­sühnten Morden. Es ist unmög­lich, sich ohne Schau­dern an die schreck­liche Tra­gödie in Odessa zu erin­nern, wo Teil­nehmer eines fried­li­chen Pro­tests brutal getötet, im Haus der Gewerk­schaften lebendig ver­brannt wurden. Die Ver­bre­cher, die diese Gräu­el­taten begangen haben, werden nicht bestraft, und nie­mand sucht nach ihnen. Aber wir kennen sie beim Namen und werden alles tun, um sie zu bestrafen, zu finden und vor Gericht zu bringen.“

„Украинские города захлестнула волна погромов и насилия, серия громких и безнаказанных убийств. Невозможно без содрогания вспоминать о страшной трагедии в Одессе, где участники мирной акции протеста были зверски убиты, заживо сожжены в Доме профсоюзов. Преступники, которые совершили это злодеяние, не наказаны, их никто и не ищет. Но мы знаем их поимённо и сделаем всё для того, чтобы их покарать, найти и предать суду.“

 

Putin insze­niert sich hier als ‚Frie­den­bringer‘, Ver­tei­diger und Retter der Unter­drückten und ver­spricht eine gericht­liche Auf­klä­rung. Die Andeu­tung der Ver­tei­di­gung der Ukrainer vor dem Westen wird auch durch einen Ver­gleich zw.  einer genannten NATO-Basis in Och­a­kovo und einer Schlacht zur Ver­tei­di­gung des rus­si­schen Impe­riums im 18. Jahr­hun­derts angeführt:

 

„Ich wie­der­hole, heute wurde ein solche Basis instal­liert, sie wurde bereits in Och­a­kovo errichtet. Ich erin­nere daran, dass im 18. Jahr­hun­dert die Sol­daten von Alex­ander Suworow für diese Stadt gekämpft haben. Dank ihres Mutes wurde sie Teil Russ­lands. Damals, im 18. Jahr­hun­dert, wurden die Länder der Schwarz­meer­re­gion, die infolge von Kriegen mit dem Osma­ni­schen Reich an Russ­land ange­glie­dert wurden, Nowo­ros­sija genannt. Jetzt ver­su­chen sie, diese Mei­len­steine ​​der Geschichte sowie die Namen staat­li­cher Kom­man­deure des Rus­si­schen Rei­ches zu ver­gessen, ohne deren Ein­satz die moderne Ukraine viele große Städte und sogar den Zugang zum Schwarzen Meer nicht hätte.“

„Повторю, сегодня такой центр развернут, уже развернут в Очакове. Напомню, в XVIII веке за этот город сражались солдаты Александра Суворова. Благодаря их мужеству, он вошел в состав России. Тогда же, в XVIII веке, земли Причерноморья, присоединенные к России в результате войн с Османской империей, получили название Новороссия. Сейчас эти вехи истории пытаются придать забвению, как и имена государственных военных деятелей Российской империи, без чьих трудов не было бы у современной Украины многих крупных городов и даже самого выхода к Черному морю.“

 

West­liche Demo­kra­tien werden mit dem Hit­ler­fa­schismus asso­zi­iert und als „Feind“ ent­larvt – von einem auto­ri­tären Macht­haber, der im Namen der „Ent-Nazi­fi­zie­rung“ (so in der Regie­rungs­er­klä­rung zum Beginn der sog. „spe­zi­ellen Mili­tär­ak­tion“ vom 24.02.22) ein anderes Volk unter­jo­chen will, wäh­rend er natio­na­lis­ti­sche Par­teien in Europa finan­ziell unter­stützt. Neben his­to­ri­scher Ver­klä­rung ist dies zugleich auch eine Rela­ti­vie­rung des Hit­ler­fa­schismus und der Shoah als solche. Und es ist auch ein Pro­kla­mieren heu­tiger west­li­cher Demo­kra­tien als faschistisch.

 

Es wird nicht klar, ob Putin das ‚Abweich­lertum‘ der Ukraine imma­nent aus dem ‚hin­ter­häl­tigen‘ und ‚undank­baren‘ Cha­rakter erklärt oder als Folge der äußeren Ein­wir­kung des west­li­chen „Nazismus“.  Es wird eine Oppo­si­tion auf­ge­baut zwi­schen der hin­ter­lis­tigen, betrü­ge­ri­schen und aus­rau­benden „west­li­chen Zivi­li­sa­tion“ und dem ehr­li­chen, rus­sisch­spra­chigen und ortho­doxen Russ­land. Die Ein­heit der Russen, Belo­russen und Ukrainer, wie bereits in der Rede von 2021, wird auch in dieser Rede über die Merk­male der Sprache, einer gemein­samen Kultur und Geschichte und des ortho­doxen Glau­bens beschworen. Neben dem Leugnen des Ukrai­ni­schen als eigen­stän­diger Sprache (Putin hat bereits zuvor immer wieder das „Dia­lek­tale“ betont) scheint Putin auch die ukrai­ni­sche Reli­gi­ons­land­schaft zu ver­kennen, die schon immer auch mehr­kon­fes­sio­nell war. Ukrai­ni­sche Städte wie Ber­dit­schew und Kiew waren bis zum Zweiten Welt­krieg große reli­giöse Zen­tren, beson­ders für Juden und Jüdinnen.

 

Warum Russ­land in den letzten Jahren nicht als gleich­be­rech­tigter inter­na­tio­naler Gesprächs­partner aner­kannt wurde bzw. seine Sicher­heits­in­ter­essen nicht wahr­ge­nommen wurden? – auf diese von Putin selbst gestellte und abge­han­delte Frage ant­wortet er mit einem ein­zigen, apo­dik­ti­schen und alle für den Sach­ver­halt rele­vante Erklä­rungs­kraft in sich tra­genden Satz: „Es gibt nur eine Ant­wort: Es geht nicht um unser poli­ti­sches Regime, und auch nicht um etwas anderes, sie brau­chen ein­fach kein so großes unab­hän­giges Land wie Russland.“

 

Die Insze­nie­rung als „Ange­grif­fener“, in der Russ­land nie als Aggressor erscheint son­dern nur als ehren­hafter Ver­tei­diger auf­treten kann, wird auf­ge­laden mit einem wei­teren sehr wich­tigen Begriff im heu­tigen poli­ti­schen Dis­kurs Russ­lands, näm­lich der Russo­phobie. Jed­wede Kritik an Russ­land wird als Rus­sen­hass ange­sehen und erneut als patho­lo­gisch her­aus­ge­stellt, als eine ‚krank­hafte‘ Phobie gegen Russen. Putin bezieht sich hier auf die Russo­phobie als Recht­fer­ti­gung für eine Ver­tei­di­gung, als Abwehren eines bal­digen und jeder­zeit dro­henden Blitz­kriegs vom Westen gegen Russ­land.  Durch eine Ver­keh­rung wird der Angriffs­krieg Putins als Ver­tei­di­gung der eigenen Exis­tenz geframed. Es würde nicht in Russ­lands Macht stehen, Sank­tionen zu ver­hin­dern oder eine Ent­span­nung in den inter­na­tio­nalen Bezie­hungen bewirken zu können, denn der Hass, der den Russen welt­weit begegnet, sei einer, der an ihre Exis­tenz per se, an ihr Dasein geknüpft sei:

 

„Und sie werden es tun, wie sie es zuvor getan haben, sogar ohne jeg­li­chen for­malen Vor­wand, nur weil es uns gibt, und wir werden nie­mals unsere Sou­ve­rä­nität, natio­nalen Inter­essen und unsere Werte auf­geben.“ 

«И они будут это делать, как делали это раньше, даже вообще без всякого формального предлога, только потому, что мы есть и никогда не поступимся своим суверенитетом, национальными интересами и своими ценностями.»

 

Putins Ukraine-Rhe­torik bedient sich, wie zuvor auch, logi­scher Kausal- und Ver­gleichs­schlüsse – bei gleich­zei­tigem Ein­satz geschicht­li­cher Lügen. Eine insze­nierte Dia­lo­gi­zität und das Ver­wenden von Umgangs­sprache dienen der Affekt­erzeu­gung. Diese Rede als zen­traler Ort des per­for­ma­tiven Han­delns doku­men­tiert den Kul­mi­na­ti­ons­punkt des seit acht Jahren andau­ernden Kon­flikts: Beson­ders sticht die mit infek­tio­lo­gi­schen Ter­mini for­mu­lierte Aggres­si­vität heraus. Putin schafft sprach­lich eine Sym­biose aus der Ukraine und dem angeb­li­chen „Nazismus“ und ver­ur­teilt – auf ver­nich­tende Art und Weise – das ukrai­ni­sche Volk als aus­zu­mer­zende Krankheit.