Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Wärme mensch­li­chen Feuers

In ihrem Debüt­spiel­film ОT (dt. Feuer, 2020) gelingt es der jungen kasa­chi­schen Regis­seurin und Kame­ra­frau Ajžana Kasymbek gekonnt und fein­fühlig die Komik im Tra­gi­schen zu erkennen und uns Zuschauer_innen – wie der Titel es ver­spricht – durch­drungen von Wärme zurück­zu­lassen. Dabei bleibt es aller­dings auch.

 

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tulik (Tulen­bergen Bajsakalov), einem Fami­li­en­vater und ein­fa­chen Arbeiter im heu­tigen Kasach­stan. Statt des großen Glücks, erwar­tete ihn in der modernen Metro­pole Almaty nur eine win­zige Woh­nung, ein hek­ti­scher Job als Lie­fe­rant einer Back­wa­ren­fa­brik und schier aus­sichts­lose Geld­sorgen. So hatte er sich das nicht erträumt, als er seine Familie über­re­dete, ebenso wie schon viele andere kasa­chi­sche Arbei­ter­fa­mi­lien vor ihnen, das Hei­mat­dorf zu ver­lassen, um ein bes­seres Leben in der großen Stadt zu suchen. Ähn­lich sieht es seine hoch­schwan­gere Frau Altynai (Manšuk Ajt­much­am­be­tova), sein auf­brau­sender Vater und seine beiden puber­tie­renden Töchter. Als sei das noch nicht genug, wird das fra­gile Fami­li­en­idyll eines Abends durch die Nach­richt von der unge­wollten Schwan­ger­schaft der ältesten Tochter – der Hoff­nungs­trä­gerin der Familie – voll­ends an ihre Grenzen gebracht. Auf der Flucht vor der Rea­lität stürzt sich Tulik mit seinem besten Freund, einem lebens­frohen Kiosk­be­sitzer, dar­aufhin in eine Nacht voller Alkohol, Ver­fol­gungs­jagden und andere Tur­bu­lenzen, die durch einen Salsa tan­zenden Tod ein jähes Ende findet.

 

Wie Ajžana Kasymbek in einem Inter­view ver­riet, dienten ihr die vier Ele­mente, die sie als Grund­ge­danke allen mensch­li­chen Lebens sieht, als Inspi­ra­ti­ons­quelle für ihr bis­he­riges fil­mi­sches Schaffen. 2018 drehte sie ihre beiden Kurz­filme SU (dt. Wasser) und AUA (dt. Luft) und begann 2020, kurz nach dem Aus­bruch der Pan­demie, mit OT ein wei­teres Werk ihrer fil­mi­schen Ele­ment-Tetra­logie. Die Ele­mente spie­geln sich – so erweckt es den Ein­druck – auch in der Kom­po­si­tion von OT wieder: So erin­nert die intensiv-warme Farb­ge­stal­tung – wie von der kasa­chi­schen Sonne geküsst – an Feuer. Die klar dahin­flie­ßende musi­ka­li­sche Unter­ma­lung an Wasser und die leichte schau­spie­le­ri­sche Leis­tung der teils aus Ama­teuren bestehenden Crew an Luft. Geerdet werden wir Zuschauer_innen durch die harte kasa­chi­sche Rea­lität und die greif­bare Ver­zweif­lung der Protagonist_innen, auch wenn dieser immer eine feine, unter­schwel­lige Leich­tig­keit zu eigen ist. Dieser Ele­mente-Vier­klang ist es dann auch, der OT einer­seits so viel Körper, so viel Wärme und eben auch Feuer ver­leiht. Es ist jedoch kein bedroh­li­ches und zer­stö­re­ri­sches Feuer, noch ver­spricht es zwi­schen­mensch­liche Lei­den­schaft. Es ist viel­mehr ein Lager­feuer, dass man nach einer langen und kalten Nacht­wan­de­rung am Hori­zont erblickt: es gibt Hoff­nung, spendet Wärme in kalten Zeiten und ist tra­di­tio­neller Ort des Beisammenseins.

 

Aus der Familie eines tra­di­ti­ons­rei­chen sowje­ti­schen Fil­me­ma­chers stam­mend, gelang Ajžana Kasymbek der Ein­stieg beim berühmten und staats­nahen Film­studio Kazakhfilm sehr früh. Das Film­studio KAZAKHFILM wurde 1934 gegründet und bis 2017 vom kasa­chi­schen Staat sub­ven­tio­niert. Die staat­liche Nähe und die Tat­sache, dass junge Regisseur_innen mit über­wie­gend aus Frauen bestehenden Film­crews wei­terhin in der von Män­nern domi­nierten kasa­chi­schen Film­in­dus­trie belä­chelt werden und kaum Gehör finden, mögen für die ver­gleichs­weise leisen Töne des Films ver­ant­wort­lich sein. Zwar zeigt Kasymbek das harte und oft ver­zwei­felte Leben der kasa­chi­schen Arbei­ter­fa­milie und auch die pre­käre gesell­schaft­liche Situa­tion, in der sich ins­be­son­dere Kasach_innen befinden, doch bleibt sie dabei nur Beob­ach­terin, nicht Kri­ti­kerin. Statt nach dem Film das Bedürfnis nach Rebel­lion gegen die den Protagonist_innen wider­fah­renen Unge­rech­tig­keiten zu ver­spüren, ist man ein­ge­lullt von mensch­li­cher Wärme und freut sich mit Tulik dar­über, dass er trotz des Bösen nur das Gute sieht. Revo­lu­tion sieht anders aus!

 

Aber viel­leicht ist es genau das, was wir in Zeiten einer Pan­demie brau­chen? Eine ein­fache und herz­lich-warme fil­mi­sche Umar­mung und die Erkenntnis, dass man sich trotz all der harten Rea­lität durch die Leich­tig­keit des eignen Opti­mismus beflü­geln und von mensch­li­cher Wärme erwärmen lassen sollte – denn wer weiß schon was das Schicksal mit uns vorhat. Viel­leicht ebnet OT aber auch nur den Weg zu einer echten Revo­lu­tion im Film, die im letzten Teil von Kasym­beks Ele­ment-Tetra­logie auf uns wartet. Betrachtet man die der­zei­tigen Aus­schrei­tungen auf kasa­chi­scher Erde, besteht zumin­dest Anlass genug.

 

Kasymbek, Ajžan: Ot (Feuer). Kasach­stan, 2020, 84 Min.