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Die Wärme menschlichen Feuers

Posted on 11. April 2022 by Mia Ender
In ihrem Debütspielfilm "ОT" (dt. Feuer, 2020) gelingt es der jungen kasachischen Regisseurin und Kamerafrau Ajžana Kasymbek gekonnt und feinfühlig die Komik im Tragischen zu erkennen und uns Zuschauer_innen – wie der Titel es verspricht – durchdrungen von Wärme zurückzulassen. Dabei bleibt es allerdings auch.

In ihrem Debütspielfilm ОT (dt. Feuer, 2020) gelingt es der jungen kasachischen Regisseurin und Kamerafrau Ajžana Kasymbek gekonnt und feinfühlig die Komik im Tragischen zu erkennen und uns Zuschauer_innen – wie der Titel es verspricht – durchdrungen von Wärme zurückzulassen. Dabei bleibt es allerdings auch.

 

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tulik (Tulenbergen Bajsakalov), einem Familienvater und einfachen Arbeiter im heutigen Kasachstan. Statt des großen Glücks, erwartete ihn in der modernen Metropole Almaty nur eine winzige Wohnung, ein hektischer Job als Lieferant einer Backwarenfabrik und schier aussichtslose Geldsorgen. So hatte er sich das nicht erträumt, als er seine Familie überredete, ebenso wie schon viele andere kasachische Arbeiterfamilien vor ihnen, das Heimatdorf zu verlassen, um ein besseres Leben in der großen Stadt zu suchen. Ähnlich sieht es seine hochschwangere Frau Altynai (Manšuk Ajtmuchambetova), sein aufbrausender Vater und seine beiden pubertierenden Töchter. Als sei das noch nicht genug, wird das fragile Familienidyll eines Abends durch die Nachricht von der ungewollten Schwangerschaft der ältesten Tochter – der Hoffnungsträgerin der Familie – vollends an ihre Grenzen gebracht. Auf der Flucht vor der Realität stürzt sich Tulik mit seinem besten Freund, einem lebensfrohen Kioskbesitzer, daraufhin in eine Nacht voller Alkohol, Verfolgungsjagden und andere Turbulenzen, die durch einen Salsa tanzenden Tod ein jähes Ende findet.

 

Wie Ajžana Kasymbek in einem Interview verriet, dienten ihr die vier Elemente, die sie als Grundgedanke allen menschlichen Lebens sieht, als Inspirationsquelle für ihr bisheriges filmisches Schaffen. 2018 drehte sie ihre beiden Kurzfilme SU (dt. Wasser) und AUA (dt. Luft) und begann 2020, kurz nach dem Ausbruch der Pandemie, mit OT ein weiteres Werk ihrer filmischen Element-Tetralogie. Die Elemente spiegeln sich – so erweckt es den Eindruck – auch in der Komposition von OT wieder: So erinnert die intensiv-warme Farbgestaltung – wie von der kasachischen Sonne geküsst – an Feuer. Die klar dahinfließende musikalische Untermalung an Wasser und die leichte schauspielerische Leistung der teils aus Amateuren bestehenden Crew an Luft. Geerdet werden wir Zuschauer_innen durch die harte kasachische Realität und die greifbare Verzweiflung der Protagonist_innen, auch wenn dieser immer eine feine, unterschwellige Leichtigkeit zu eigen ist. Dieser Elemente-Vierklang ist es dann auch, der OT einerseits so viel Körper, so viel Wärme und eben auch Feuer verleiht. Es ist jedoch kein bedrohliches und zerstörerisches Feuer, noch verspricht es zwischenmenschliche Leidenschaft. Es ist vielmehr ein Lagerfeuer, dass man nach einer langen und kalten Nachtwanderung am Horizont erblickt: es gibt Hoffnung, spendet Wärme in kalten Zeiten und ist traditioneller Ort des Beisammenseins.

 

Aus der Familie eines traditionsreichen sowjetischen Filmemachers stammend, gelang Ajžana Kasymbek der Einstieg beim berühmten und staatsnahen Filmstudio Kazakhfilm sehr früh. Das Filmstudio KAZAKHFILM wurde 1934 gegründet und bis 2017 vom kasachischen Staat subventioniert. Die staatliche Nähe und die Tatsache, dass junge Regisseur_innen mit überwiegend aus Frauen bestehenden Filmcrews weiterhin in der von Männern dominierten kasachischen Filmindustrie belächelt werden und kaum Gehör finden, mögen für die vergleichsweise leisen Töne des Films verantwortlich sein. Zwar zeigt Kasymbek das harte und oft verzweifelte Leben der kasachischen Arbeiterfamilie und auch die prekäre gesellschaftliche Situation, in der sich insbesondere Kasach_innen befinden, doch bleibt sie dabei nur Beobachterin, nicht Kritikerin. Statt nach dem Film das Bedürfnis nach Rebellion gegen die den Protagonist_innen widerfahrenen Ungerechtigkeiten zu verspüren, ist man eingelullt von menschlicher Wärme und freut sich mit Tulik darüber, dass er trotz des Bösen nur das Gute sieht. Revolution sieht anders aus!

 

Aber vielleicht ist es genau das, was wir in Zeiten einer Pandemie brauchen? Eine einfache und herzlich-warme filmische Umarmung und die Erkenntnis, dass man sich trotz all der harten Realität durch die Leichtigkeit des eignen Optimismus beflügeln und von menschlicher Wärme erwärmen lassen sollte – denn wer weiß schon was das Schicksal mit uns vorhat. Vielleicht ebnet OT aber auch nur den Weg zu einer echten Revolution im Film, die im letzten Teil von Kasymbeks Element-Tetralogie auf uns wartet. Betrachtet man die derzeitigen Ausschreitungen auf kasachischer Erde, besteht zumindest Anlass genug.

 

Kasymbek, Ajžan: Ot (Feuer). Kasachstan, 2020, 84 Min.

Die Wärme menschlichen Feuers – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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10099 Berlin

Die Wärme mensch­li­chen Feuers

In ihrem Debüt­spiel­film ОT (dt. Feuer, 2020) gelingt es der jungen kasa­chi­schen Regis­seurin und Kame­ra­frau Ajžana Kasymbek gekonnt und fein­fühlig die Komik im Tra­gi­schen zu erkennen und uns Zuschauer_innen – wie der Titel es ver­spricht – durch­drungen von Wärme zurück­zu­lassen. Dabei bleibt es aller­dings auch.

 

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tulik (Tulen­bergen Bajsakalov), einem Fami­li­en­vater und ein­fa­chen Arbeiter im heu­tigen Kasach­stan. Statt des großen Glücks, erwar­tete ihn in der modernen Metro­pole Almaty nur eine win­zige Woh­nung, ein hek­ti­scher Job als Lie­fe­rant einer Back­wa­ren­fa­brik und schier aus­sichts­lose Geld­sorgen. So hatte er sich das nicht erträumt, als er seine Familie über­re­dete, ebenso wie schon viele andere kasa­chi­sche Arbei­ter­fa­mi­lien vor ihnen, das Hei­mat­dorf zu ver­lassen, um ein bes­seres Leben in der großen Stadt zu suchen. Ähn­lich sieht es seine hoch­schwan­gere Frau Altynai (Manšuk Ajt­much­am­be­tova), sein auf­brau­sender Vater und seine beiden puber­tie­renden Töchter. Als sei das noch nicht genug, wird das fra­gile Fami­li­en­idyll eines Abends durch die Nach­richt von der unge­wollten Schwan­ger­schaft der ältesten Tochter – der Hoff­nungs­trä­gerin der Familie – voll­ends an ihre Grenzen gebracht. Auf der Flucht vor der Rea­lität stürzt sich Tulik mit seinem besten Freund, einem lebens­frohen Kiosk­be­sitzer, dar­aufhin in eine Nacht voller Alkohol, Ver­fol­gungs­jagden und andere Tur­bu­lenzen, die durch einen Salsa tan­zenden Tod ein jähes Ende findet.

 

Wie Ajžana Kasymbek in einem Inter­view ver­riet, dienten ihr die vier Ele­mente, die sie als Grund­ge­danke allen mensch­li­chen Lebens sieht, als Inspi­ra­ti­ons­quelle für ihr bis­he­riges fil­mi­sches Schaffen. 2018 drehte sie ihre beiden Kurz­filme SU (dt. Wasser) und AUA (dt. Luft) und begann 2020, kurz nach dem Aus­bruch der Pan­demie, mit OT ein wei­teres Werk ihrer fil­mi­schen Ele­ment-Tetra­logie. Die Ele­mente spie­geln sich – so erweckt es den Ein­druck – auch in der Kom­po­si­tion von OT wieder: So erin­nert die intensiv-warme Farb­ge­stal­tung – wie von der kasa­chi­schen Sonne geküsst – an Feuer. Die klar dahin­flie­ßende musi­ka­li­sche Unter­ma­lung an Wasser und die leichte schau­spie­le­ri­sche Leis­tung der teils aus Ama­teuren bestehenden Crew an Luft. Geerdet werden wir Zuschauer_innen durch die harte kasa­chi­sche Rea­lität und die greif­bare Ver­zweif­lung der Protagonist_innen, auch wenn dieser immer eine feine, unter­schwel­lige Leich­tig­keit zu eigen ist. Dieser Ele­mente-Vier­klang ist es dann auch, der OT einer­seits so viel Körper, so viel Wärme und eben auch Feuer ver­leiht. Es ist jedoch kein bedroh­li­ches und zer­stö­re­ri­sches Feuer, noch ver­spricht es zwi­schen­mensch­liche Lei­den­schaft. Es ist viel­mehr ein Lager­feuer, dass man nach einer langen und kalten Nacht­wan­de­rung am Hori­zont erblickt: es gibt Hoff­nung, spendet Wärme in kalten Zeiten und ist tra­di­tio­neller Ort des Beisammenseins.

 

Aus der Familie eines tra­di­ti­ons­rei­chen sowje­ti­schen Fil­me­ma­chers stam­mend, gelang Ajžana Kasymbek der Ein­stieg beim berühmten und staats­nahen Film­studio Kazakhfilm sehr früh. Das Film­studio KAZAKHFILM wurde 1934 gegründet und bis 2017 vom kasa­chi­schen Staat sub­ven­tio­niert. Die staat­liche Nähe und die Tat­sache, dass junge Regisseur_innen mit über­wie­gend aus Frauen bestehenden Film­crews wei­terhin in der von Män­nern domi­nierten kasa­chi­schen Film­in­dus­trie belä­chelt werden und kaum Gehör finden, mögen für die ver­gleichs­weise leisen Töne des Films ver­ant­wort­lich sein. Zwar zeigt Kasymbek das harte und oft ver­zwei­felte Leben der kasa­chi­schen Arbei­ter­fa­milie und auch die pre­käre gesell­schaft­liche Situa­tion, in der sich ins­be­son­dere Kasach_innen befinden, doch bleibt sie dabei nur Beob­ach­terin, nicht Kri­ti­kerin. Statt nach dem Film das Bedürfnis nach Rebel­lion gegen die den Protagonist_innen wider­fah­renen Unge­rech­tig­keiten zu ver­spüren, ist man ein­ge­lullt von mensch­li­cher Wärme und freut sich mit Tulik dar­über, dass er trotz des Bösen nur das Gute sieht. Revo­lu­tion sieht anders aus!

 

Aber viel­leicht ist es genau das, was wir in Zeiten einer Pan­demie brau­chen? Eine ein­fache und herz­lich-warme fil­mi­sche Umar­mung und die Erkenntnis, dass man sich trotz all der harten Rea­lität durch die Leich­tig­keit des eignen Opti­mismus beflü­geln und von mensch­li­cher Wärme erwärmen lassen sollte – denn wer weiß schon was das Schicksal mit uns vorhat. Viel­leicht ebnet OT aber auch nur den Weg zu einer echten Revo­lu­tion im Film, die im letzten Teil von Kasym­beks Ele­ment-Tetra­logie auf uns wartet. Betrachtet man die der­zei­tigen Aus­schrei­tungen auf kasa­chi­scher Erde, besteht zumin­dest Anlass genug.

 

Kasymbek, Ajžan: Ot (Feuer). Kasach­stan, 2020, 84 Min.