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Am Ende bleibt das schöpferische Nichts

Posted on 1. Juli 2018 by Sonia Dimitrow
"Montog. Eyn kleyner roman", 1926 von Moyshe Kulbak verfasst, erschien 2017 erstmalig auf Deutsch – und ist immer noch aktuell: „Wenn wir etwas lernen wollen über Perspektiven, Hierarchien, Asymmetrien und blinde Flecken der europäischen Kulturgeschichte – die jiddische Literatur ist hervorragend geeignet, einen neuen Blick auf scheinbar bekannte Phänomene zu gewinnen“, meint Lothar Quinkenstein, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Schriftsteller, im Gespräch mit "novinki" über Kulbaks Roman.

Ein Gespräch mit Lothar Quinkenstein
über Moyshe Kulbaks Montog. Eyn kleyner roman

Lothar Quinkenstein – 1967 in Freiburg/Breisgau geboren, ist Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer. Nach seinem Studium der Germanistik und Ethnologie lebte er zwischen 1994 und 2011 in Polen, bis es ihn 2011 weiter nach Berlin zog. Lothar Quinkenstein ist Mitarbeiter des Instituts für Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, er unterrichtet im Rahmen des Studienganges „Interkulturelle Germanistik“ am Collegium Polonicum in Słubice, außerdem nahm er mehrere Lehraufträge an der Humboldt-Universität zu Berlin wahr. Quinkenstein verfasst Prosa, Lyrik, Essays sowie literaturwissenschaftliche Artikel und übersetzt polnische Literatur. Er war Stipendiat der Villa Decius, des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf und der Denkmalschmiede Höfgen. 2017 wurde er mit dem Jabłonowski-Preis sowie mit dem Spiegelungen-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Letzte Veröffentlichungen in Buchform: mitteleuropäische zeit (Gedichte, München 2016), Die Deckelmacher. Ein Bilderbogen (St. Ingbert 2017).

Moyshe Kulbak – ein feinsinniger Beobachter seiner Zeit, kommt am 20. März 1896 in Smorgon, einem Ort im heutigen Litauen, zur Welt. Neben der traditionellen jüdischen Schulbildung, erhält Kulbak Unterricht an einer säkularen Volksschule. Der Polyglott spricht Jiddisch, Hebräisch und Russisch, lebt in Vilnius, eine Zeit lang in Berlin, später in Minsk. Vielschichtige kulturelle Sphären formen seine Person und prägen sein schriftstellerisches Schaffen. Der Autodidakt rezipiert intensiv die Philosophie des deutschen Idealismus und verknüpft diese mit den Inspirationen, die er aus der jüdischen Geistesgeschichte bezieht. Zeitlebens versucht Kulbak mehrere Welten synthetisch miteinander zu verbinden. Erste Schreibversuche unternimmt er in hebräischer und jiddischer Sprache, später wählt er das Jiddische als seine Literatursprache für Lyrik, Prosa und Drama. Sein expressionistischer Stil wird unter anderem von Else Lasker-Schüler beeinflusst, die er während seines dreijährigen Studienaufenthaltes in Berlin kennenlernt.

1926 verfasst Kulbak seinen zweiten Roman Montog. Eyn kleyner roman – ein hochverdichteter Text, in dem im Grunde alles offen bleibt: Hier wird ein Stückchen Fichte eingeschoben, da ein Stückchen Schopenhauer eingebaut, die 36 Gerechten werden eingewoben, messianische Konzepte des Judentums eingearbeitet, das ganze wird mit der Oktoberrevolution von 1917 verknüpft. Im Jahre 1937 wird Kulbak verhaftet und nach einem stalinistischen Schauprozess erschossen. Form und Inhalt seines Schaffens entsprachen nicht dem Ideal der gewünschten sozialistischen Literatur.

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novinki: Die Hauptfigur des Romans, Mordkhe Markus, ist ein eher skeptischer Mensch. Um ihn herum wirbelt das Revolutionsgeschehen von 1917, in seinem Inneren aber scheint Stille zu herrschen. Wie würden Sie die Hauptfigur des Romans beschreiben?

 

Lothar Quinkenstein: Es ist eine vielschichtige Figur. Schon sein Name legt das nahe. Sein Vorname ist Mordkhe – Mordechai – der Nachname ist Markus. Im Zuge der Assimilation legten sich viele Juden, die Mordechai hießen, den Vornamen Markus zu, um ihrem Namen sozusagen einen „neutraleren“ Klang zu verleihen – ein Zugeständnis an die Mehrheitsgesellschaft. Der Vater von Ludwik Zamenhof wäre hier zu nennen, Mordechai (Markus) Zamenhof, oder der in Lemberg geborene Rabbiner und Schriftsteller Mordechai (Markus) Ehrenpreis.
In der Figur Mordkhe Markus bündeln sich also Traditionsverbundenheit – was wir nicht primär mit religiöser Praxis gleichsetzen, sondern in breiterer Perspektive verstehen sollten, als Ausdruck einer Geistesgeschichte – und Aspekte der Assimilation. Die Figur trägt diese beiden Gedankenwelten in sich, und das Interessante dabei ist, dass die beiden Welten nicht nach dem Muster eines Entweder-oder dargestellt werden, sondern im Sinne eines Sowohl-als-auch. Das schlägt sich auch insgesamt im Konzept des Romans nieder. Wesentlich scheint mir hier vor allem zu sein, dass durch dieses Konzept Erweiterungen geschaffen und damit auch Inhalte miteinander verbunden werden können, die vielleicht auf den ersten Blick weit auseinander zu liegen scheinen. Die Horizonte werden weit. Damit steht der Roman im Kontext eines ganzen Kosmos an Erfahrungen und Debatten.

 

n.: Was ist das für eine Welt, in der die Hauptfigur Mordkhe Markus lebt?

 

L.Q.: Der Ort bleibt namenlos, er heißt „die revolutionäre Stadt“ und wird damit universal. Wir haben es mit einer Stadt in Ostmitteleuropa zu tun, die selbstverständlich stark von jüdischer Kultur geprägt ist, und die dann in das Revolutionsgeschehen hineingezogen wird.
Hier sollten wir uns vor Augen führen, wie die jüdische Kultur in diesen Landschaften beschaffen war: transnational und mehrsprachig. Claudio Magris sprach vom „mitteleuropäischen Humanismus“, und alle Assoziationen, die diese Wendung aufruft, lese ich als gedankliche Grundierung auf jeder Seite des Romans Montag mit. Und gerade das Jiddische ist Ausdruck dieses „mitteleuropäischen Humanismus“. Wenn man es aus der heutigen Perspektive fassen möchte – eine Kultur, die par excellence europäisch ist.

 

n.: Mordhke Markus lebt zurückgezogen in seinem Dachkämmerlein. Ein ruhiger Mensch, der ausgiebig grübelt – über die Welt da draußen, über die Menschen in ihr und über sich selbst. Zwar sympathisiert er mit der kommunistischen Idee, seine Weltanschauung erlaubt es ihm aber nicht, das gesamte Parteiprogramm anzunehmen. Wie positioniert er sich zu dem, was sich vor seinen Augen auf der Straße abspielt?

 

L.Q.: Mordkhe Markus ist mit komplexen und komplizierten Fragen beschäftigt, die er mit dem Geschehen auf der Straße in Verbindung bringt. Und der Leser steht mit ihm am Fenster der Dachstube, sieht die Welt durch die Augen des bescheiden lebenden Hebräischlehrers, der sich in Schwindel erregende Höhen der Reflexion begibt. Die Revolution wird dabei zum Brennglas, das die ganze Problematik in Vergrößerung zeigt. Die Hoffnungen auf Veränderung – insbesondere auf Gleichberechtigung und Akzeptanz der jüdischen Bevölkerung innerhalb der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung – waren sehr, sehr groß.
Ende des 19. Jahrhunderts kam in den jüdischen Lebenswelten Ostmitteleuropas einiges in Bewegung, und die Suche nach Identitätsmustern, vor allem nach Auswegen aus einer bedrückenden Lage, äußerte sich in vielfältiger Form. Die einen sahen in der Assimilation die größte Gefahr und wollten sich mit der Orthodoxie gegen die „Verlockungen“ der Moderne wappnen. Andere hielten den Antisemitismus für die größere Bedrohung und sahen in der Assimilation die einzig mögliche Reaktion darauf. Die Zionisten hielten den jüdischen Nationalstaat für die einzige akzeptable Lösung. Ein wiederum anderes Konzept vertrat der Bund – der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland –, der 1897 in Vilnius (jiddisch: Vilne) gegründet wurde, ein Jahr nach Kulbaks Geburt. Die Bundisten waren Gegner des Zionismus, sie plädierten dafür, dort zu bleiben, wo man lebte. Sie wollten eine im säkularen Sinne verstandene jüdische Kultur pflegen, für die wiederum das Jiddische das vorrangige Identitätsmerkmal sein sollte, außerdem waren Bildung und soziale Gerechtigkeit ein großes Anliegen.Und nun, als die Revolution ausbricht, stellt sich die Frage: „Wo steht der Bund?“ – diese Frage wird im Roman übrigens nicht beantwortet. Der Bundist, der offenbar orientierungslos durch die „revolutionäre Stadt“ läuft, scheint mir ein Sinnbild für das Auseinanderklaffen von Idee und Wirklichkeit zu sein. Denn was Mordkhe Markus von seinem skeptisch-distanzierten Beobachterposten aus sieht, ist eine nicht enden wollende Abfolge von Eruptionen der Gewalt.

 

n.: Mit dem Blick auf die Straße eröffnet sich immer nur ein Ausschnitt, mit dem Blick in die Bücher das große Ganze? Mordkhe Markus widmet seine Freizeit fast ausschließlich – und das mit Leidenschaft – der Lektüre von Büchern. Immer präsent: das Buch Hiob.

 

L.Q.: Die Beschäftigung mit Lektüren, über den Büchern sitzen, nächtelang – das hat in der jüdischen Tradition eine starke ethische Komponente, denn das ist die eigentliche Aufgabe: sich mit der Schrift, der Thora, und den Kommentaren dazu, dem Talmud, auseinanderzusetzen und dadurch die eigene ethische Haltung zu vervollkommnen. Diese Form einer lebenslangen Lektüre, eines lebenslangen Lernens ist harte Arbeit, vor allem auch Arbeit an der eigenen Person. Und jemand, der ständig das Buch Hiob aufgeschlagen auf dem Tisch liegen hat, beschäftigt sich mit den drängendsten aller Fragen – nämlich den Deutungsmöglichkeiten, die versuchen, im Leiden einen Sinn zu entziffern.

 

n.: Bereits als Jugendlicher ist Mordkhe Markus den „Armenleuten“ durch die Stadt gefolgt. Immer montags, an dem Tag, an dem sie allwöchentlich von Haus zu Haus ziehen und betteln. Jetzt folgt er den „Armenleuten“ immer noch, mit seinen Blicken, von seinem Fensterchen aus. Er blickt hinunter auf die Straße und findet die „pure Armut“ erhaben. Wie ist das zu verstehen?

 

L.Q.: Das Bild von den „Armenleuten“ in ihrer erhabenen Tätigkeit führt uns zur Mystik. Es ist die Überzeugung, dass Profanes und Sakrales nicht voneinander getrennt werden können, weil alles ein Teil der Schöpfung ist. Auch in den einfachsten Handlungen und Tätigkeiten spiegelt sich das Wunder der Erschaffung der Welt. „Einer ging zu einem Zaddik“, so heißt es in den chassidischen Überlieferungen, „um zu sehen, wie er sich das Schuhband knüpft.“

 

n.: Arbeiter, Schneider, Hirten … Automobile und Reiter, allesamt vereint zu einer Masse, die mit brodelnder Stimmung geladen die Straßen der Stadt säumt. Die einen, leer und erschöpft, gehorchen still. Die anderen erklären schnell ihre revolutionären Haltungen. Mordkhe Markus sucht zunächst die Stille und versteht plötzlich, dass er den „Armenleuten“ eine Botschaft überbringen muss. Daraufhin wird er der Agitation beschuldigt und inhaftiert. Was genau wird ihm eigentlich vorgeworfen?

 

L.Q.: Er wird verhaftet, weil er plötzlich als Feind gilt in einer Atmosphäre, in der jeder zum Feind werden kann. Das sagt sehr viel über den Charakter dieses „revolutionären“ Geschehens aus. „Lieber hundert Unschuldige töten, als einen Feind der Revolution davonkommen lassen“ – das ist ein Satz von Lenin. Der Terror war von Anfang an Programm, und hinzufügen sollten wir an dieser Stelle, dass es der Oktober 1917 gewesen ist, der die politischen Errungenschaften des Februar 1917 zunichtegemacht hat. Kulbak selbst ist 1937 Opfer des stalinistischen Terrors geworden, damals wurde die gesamte Redaktion der jiddischen Literaturzeitschrift Shtern in Minsk verhaftet, alle wurden nach einem Schauprozess hingerichtet.

 

n.: Während seiner Haft erlebt Mordkke Markus unterschiedliche Gemütszustände. Trauer wechselt mit eigentümlichen Momenten der Freude, letztlich verfällt er in eine Art Trancezustand und erkennt etwas Wesentliches: „Es existiert gar nichts. Ihr Batlonim, o ihr, die ihr so lang gewartet habt!!!“ Was ist es, was er hier erkennt – und welche Rolle spielen die Batlonim dabei?

 

L.Q.: Hier setzt sich Kulbak mit dem Herzstück jüdischen Denkens auseinander, der messianischen Idee. Mordkhe Markus distanziert sich nicht nur vom Revolutionsgeschehen, er distanziert sich auch von der messianischen Idee des Judentums. Am Ende bleibt das Nichts, aber nicht im Sinne einer Resignation, sondern im Sinne einer – ich glaube, so dürfen wir es nennen – mystischen Einsicht in das Rätsel der Existenz, die vor allem von jeglicher dogmatischen Lehrmeinung Abstand nehmen möchte. Dass der Schöpfer die Welt „über dem Nichts aufgehängt“ hat – diese Erkenntnis findet sich gerade im Buch Hiob (26,7).
Mit seiner Kritik richtet sich Mordkhe Markus an die Batlonim, also an Männer, die keinem Broterwerb nachgehen, weil sie ihr ganzes Leben dem Studium widmen. Aus orthodoxer Sicht gebührt ihnen großer Respekt, denn mit ihrem Lernen und Studieren wollen sie die Welt für die Ankunft des Messias vorbereiten. Diese ganze Anstrengung wird jetzt radikal in Frage gestellt – das ist ein ungeheuer subversiver Akt.
Zugleich verweist Kulbak auf die 36 Gerechten, eine weitere essentielle Idee. Sie durchzieht übrigens Kulbaks gesamtes Werk. In seinem Roman Der Messias vom Stamme Efraim ist sie von Anfang an präsent, außerdem hat er ein Poem darüber geschrieben: „Lamed-Wow“. Die Buchstaben lamed und waw, jiddisch wow, bilden das Wort, das in einer Jesaja-Stelle vom Warten auf den Messias spricht, und der Zahlenwert dieses Wortes ist 36. Aus dieser Stelle bei Jesaja wurde abgeleitet, dass es in jeder Generation 36 Gerechte gebe, die mit ihrem aufrechten und tadellosen Verhalten dafür sorgen, dass die an sich unvollkommene Welt weiter existieren könne. Sie leben unerkannt und sind sich vor allem auch selbst ihrer Rolle nicht bewusst. Verbunden mit der Verborgenheit ist wiederum ein ethischer Anspruch: Niemand, gleich wie er dem ersten Anschein nach wirken mag, darf herablassend behandelt werden, denn ich kann nie wissen, ob ich nicht einem Lamedwownik, einem der 36 Gerechten, begegnet bin. Ein Jahr vor dem Erscheinen von Montag – 1925 – entstand in Polen der Stummfilm Der Lamedwownik, und der Gerechte in dieser Geschichte trägt – das ist interessant – deutliche Züge einer Christusfigur. Etwas Ähnliches sehen wir in Kulbaks Roman! Auch Kulbak synthetisiert die Ideen und formt aus ihnen etwas Neues. Und die Frage, ob Mordkhe Markus nicht ein Lamedwownik sein könnte, drängt sich geradezu auf.

 

n.: Bleiben wir noch einen Moment bei den Möglichkeiten der Erkenntnis. An einer Stelle wird die Negation als ein Akt beschrieben, der im Nichtstun zur Erkenntnis führt. „rkennen heißt, sich des überkommenen Begriffs MENSCH zu entledigen und Sein zu werden . Sein heißt: Sich selbst in der Welt zu erkennen, und Erkennen heißt: Sich der Realität stellen, aber Kampf ist gerade das Selbstverschließen . Und weil der Verstand ein Mittel des Menschen im Kampf ist, ist er kein Mittel für die Erkenntnis.“

 

L.Q.: Erkenntnis auf anderen Wegen als auf dem Weg des Verstandes – ich lese das als Plädoyer für eine Denkweise, die nicht den klassischen Gegensätzen folgt. Als Versuch, das Rationale mit dem rational nicht Fassbaren zu verknüpfen. Verstand wiederum als Mittel des Kampfes – eine traurig zutreffende Diagnose geschichtlicher Abläufe. Hier äußert sich scharfe Kritik an einer Deutung der Welt, die sich allein der Aufklärung verschreiben möchte. Der Verstand nicht als Lösung des Problems, sondern – oft genug – gerade als Teil des Problems.

 

n.: Bis zu seiner Verhaftung lebt Mordhke Markus sehr zurückgezogen. So zurückgezogen, dass sein soziales Netz relativ grob gewebt ist. Selbst sein Vater, so heißt es, hatte ihn bereits vergessen. Lediglich das Fräulein Gnesye gehört zu seinen Vertrauten, seinen Freunden. Ihr offenbart er seine tiefsten Gedanken. Welche sind das?

 

L.Q.: Eine meiner Lieblingsszenen im Roman ist die Szene im Park: Mordkhe Markus spricht mit dem Fräulein Gnesye über Grundzüge des deutschen Idealismus, woraus eine kleine philosophische Vorlesung wird, und im Eifer der intellektuellen Begeisterung nimmt er nicht mehr wahr, dass Fräulein Gnesye eher Interesse an einer Herzensangelegenheit hätte als an Fichte oder Hegel. In dieser Szene sehen wir, aus wie vielen Quellen Kulbak seine Inspirationen bezog, und diese Vielfalt der Themen schlägt sich auch im Stil nieder. Im Übrigen ist auch der Blick auf die idealistische Philosophie distanziert, für Mordkhe Markus ist sie – salopp gesagt – ein „netter Versuch“, aber nicht hinreichend, die Existenz des Menschen wirklich zu erfassen.

 

n.: Sie haben auf den Stil des Romans verwiesen. Wie würden Sie ihn beschreiben?

 

L.Q.: Es gibt Passagen, die einen ausgesprochen lyrischen Ton haben, sehr schön rhythmisiert, mit einer buchstäblich traumhaften Bildlichkeit. Doch folgt dann auch sofort die Brechung: „Die Berge staunten kalt im Mondlicht, ohne den leisesten Windhauch. In der Stille hörte man, wie das müde Licht rann, rann, über die kalten Leichen. Die Felder, die wie heilig in der reinen Stille lagen, träumten.“ Hier gibt es keine „natürliche“ Unschuld mehr. Die Landschaft – die Natur – ist gezeichnet von der Gewalt der Geschichte. In anderen Passagen hat die Sprache expressionistische Züge: „Rattern setzte ein, nah, nah von einem Maschinengewehr: Tak, tak, tak, tak – es klang, als würde man Sand auf ein Blech schütten. Revolver bellten, wie kleine Hunde. Und Maschinengewehre pickten, pickten, klapperten und steppten vorsichtig – es klang vertraut. Wie auf einer Nähmaschine.“ Das sind sehr scharf geschnittene Bilder und Vergleiche. An wiederum anderen Stellen haben wir Anthropomorphisierungen, markante Farbgebungen – die ganze Palette expressionistischer Stilmittel.

 

n.: Insgesamt wird Mordkhe Markus als eine Persönlichkeit gezeichnet, die zwar in Anbetracht der Ereignisse schwermütig auf die Welt blickt, dabei aber keineswegs unglücklich scheint. Angesprochen auf Selbstmordgedanken, antwortet er: „Nein, tausendmal nein . Ich liebe dieses Leben so sehr und liebe es von ganzem Herzen“. Das erinnert mich vom Ansatz her an Albert Camus …

 

L.Q.: Ja, da sind wir mitten in den universalen Gedanken. Mir fällt jetzt auch noch das Motto ein, das die Brüder Coen ihrem Film A Serious Man vorangestellt haben – es ist ein Satz von Raschi, einem der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters: „Nimm in Einfachheit alles hin, was dir widerfährt.“ Ein Aufruf zu einer Haltung, die nicht zu verwechseln ist mit Gleichgültigkeit. Wir finden dasselbe etwa auch bei Marc Aurel: Egal, ob man dich bespuckt oder lobt, lass dich nicht davon berühren. Mordkhe Markus kommt dieser Haltung sehr nahe, und das entspricht durchaus der Liebe zum Leben.

 

n.: "Montag." Ein Buch, das vor fast 100 Jahren geschrieben worden ist. Welche Aktualität besitzt es heute? Oder hat es mit unserer Realität heutzutage nichts mehr zu tun?

 

L.Q.: Alles hat es mit unserer Realität heute zu tun. Alles. Es handelt sich um eine Literatur, die immer noch viel zu wenig bekannt ist. Im Grunde stehen wir noch immer am Beginn der Entdeckung – Wiederentdeckung – der jiddischen Literatur und Kultur. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur bezeichnete Isaac Bashevis Singer das Jiddische als „Sprache der furchtsamen und hoffenden Menschheit“. Melech Rawitsch sprach – mit Blick auf die Lyrik Abraham Sutzkevers – von der „jüdischen Ethik“ als „allgemein menschlicher Ethik“. Beide Äußerungen bestätigen sich an Kulbaks Roman.
Die Autoren dieses Kulturraumes haben großartige synthetische Leistungen vollbracht, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie das „westliche Denken“ – wenn wir den Begriff mit aller gebotenen Vorsicht benutzen wollen – in ihr Schaffen einbezogen haben, fand kaum Entsprechungen in umgekehrter Richtung. Der Westen hat sich für den Osten in der Regel weit weniger interessiert. Damit kommen wir abermals zur Frage der Wahrnehmung: Was sehen wir als Zentrum an? Wo sehen wir die Peripherie? Wenn wir etwas lernen wollen über Perspektiven, Hierarchien, Asymmetrien und blinde Flecken der europäischen Kulturgeschichte – die jiddische Literatur ist hervorragend geeignet, einen neuen Blick auf scheinbar bekannte Phänomene zu gewinnen.
Der Verlag edition.fotoTAPETA und die Übersetzerin Sophie Lichtenstein haben sich in dieser Hinsicht große Verdienste erworben. In demselben Verlag ist auch der Zyklus der Berlin-Gedichte erschienen – ebenfalls in der Übersetzung von Sophie Lichtenstein: Childe Harold aus Disna. Wie Kulbak seine persönlichen Erfahrungen in Poesie verwandelt – die Fahrt aus dem weißrussischen Disna in den Westen, die Eindrücke in Berlin der 1920er Jahre – das verursacht Gänsehaut. Was für eine Brillanz, messerscharf – und was für eine Ironie! Vor kurzem ist außerdem Kulbaks Roman Die Selmenianer erschienen, im Verlag Die Andere Bibliothek, und im März 2018 eine Neuauflage von Andrej Jendruschs Übersetzung des Romans Der Messias vom Stamme Efraim. Es gibt also Anlass genug, sich mit diesem herausragenden Autor zu beschäftigen, dessen Werke zu den originellsten und innovativsten der jiddischen Moderne gehören.

 

Kulbak, Moyshe: Montag. Ein kleiner Roman. Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2017.
Originaltitel: Montog. Eyn kleyner roman. Warschau: „Kultur-Lige“, gedruckt von „Di Velt“, 1926.
Die Übersetzung basiert auf dem Nachdruck von 1929.

 

Weitere ins Deutsche übertragene Literatur von Moyshe Kulbak:

Childe Harold aus Disna. Gedichte über Berlin. Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2017.

Die Selmenianer. Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2017. (Neuübersetzung)

Der Messias vom Stamme Efraim. Aus dem Jiddischen von Andrej Jendrusch. Berlin: Wagenbach, 2018. (Neuauflage)

Am Ende bleibt das schöpferische Nichts – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Am Ende bleibt das schöp­fe­ri­sche Nichts

Ein Gespräch mit Lothar Quinkenstein
über Moyshe Kul­baks Montog. Eyn kleyner roman

Lothar Quin­ken­stein – 1967 in Freiburg/Breisgau geboren, ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler, Schrift­steller und Über­setzer. Nach seinem Stu­dium der Ger­ma­nistik und Eth­no­logie lebte er zwi­schen 1994 und 2011 in Polen, bis es ihn 2011 weiter nach Berlin zog. Lothar Quin­ken­stein ist Mit­ar­beiter des Insti­tuts für Ger­ma­ni­sche Phi­lo­logie der Adam-Mickie­wicz-Uni­ver­sität in Poznań, er unter­richtet im Rahmen des Stu­di­en­ganges „Inter­kul­tu­relle Ger­ma­nistik“ am Col­le­gium Polo­nicum in Słu­bice, außerdem nahm er meh­rere Lehr­auf­träge an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin wahr. Quin­ken­stein ver­fasst Prosa, Lyrik, Essays sowie lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Artikel und über­setzt pol­ni­sche Lite­ratur. Er war Sti­pen­diat der Villa Decius, des Künst­ler­hauses Schloss Wie­pers­dorf und der Denk­malschmiede Höfgen. 2017 wurde er mit dem Jabło­nowski-Preis sowie mit dem Spie­ge­lungen-Preis für Lyrik aus­ge­zeichnet. Letzte Ver­öf­fent­li­chungen in Buch­form: mit­tel­eu­ro­päi­sche zeit (Gedichte, Mün­chen 2016), Die Deckel­ma­cher. Ein Bil­der­bogen (St. Ing­bert 2017).

Moyshe Kulbak – ein fein­sin­niger Beob­achter seiner Zeit, kommt am 20. März 1896 in Smorgon, einem Ort im heu­tigen Litauen, zur Welt. Neben der tra­di­tio­nellen jüdi­schen Schul­bil­dung, erhält Kulbak Unter­richt an einer säku­laren Volks­schule. Der Poly­glott spricht Jid­disch, Hebrä­isch und Rus­sisch, lebt in Vil­nius, eine Zeit lang in Berlin, später in Minsk. Viel­schich­tige kul­tu­relle Sphären formen seine Person und prägen sein schrift­stel­le­ri­sches Schaffen. Der Auto­di­dakt rezi­piert intensiv die Phi­lo­so­phie des deut­schen Idea­lismus und ver­knüpft diese mit den Inspi­ra­tionen, die er aus der jüdi­schen Geis­tes­ge­schichte bezieht. Zeit­le­bens ver­sucht Kulbak meh­rere Welten syn­the­tisch mit­ein­ander zu ver­binden. Erste Schreib­ver­suche unter­nimmt er in hebräi­scher und jid­di­scher Sprache, später wählt er das Jid­di­sche als seine Lite­ra­tur­sprache für Lyrik, Prosa und Drama. Sein expres­sio­nis­ti­scher Stil wird unter anderem von Else Lasker-Schüler beein­flusst, die er wäh­rend seines drei­jäh­rigen Stu­di­en­auf­ent­haltes in Berlin kennenlernt.

1926 ver­fasst Kulbak seinen zweiten Roman Montog. Eyn kleyner roman – ein hoch­ver­dich­teter Text, in dem im Grunde alles offen bleibt: Hier wird ein Stück­chen Fichte ein­ge­schoben, da ein Stück­chen Scho­pen­hauer ein­ge­baut, die 36 Gerechten werden ein­ge­woben, mes­sia­ni­sche Kon­zepte des Juden­tums ein­ge­ar­beitet, das ganze wird mit der Okto­ber­re­vo­lu­tion von 1917 ver­knüpft. Im Jahre 1937 wird Kulbak ver­haftet und nach einem sta­li­nis­ti­schen Schau­pro­zess erschossen. Form und Inhalt seines Schaf­fens ent­spra­chen nicht dem Ideal der gewünschten sozia­lis­ti­schen Literatur.

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novinki: Die Haupt­figur des Romans, Mordkhe Markus, ist ein eher skep­ti­scher Mensch. Um ihn herum wir­belt das Revo­lu­ti­ons­ge­schehen von 1917, in seinem Inneren aber scheint Stille zu herr­schen. Wie würden Sie die Haupt­figur des Romans beschreiben?

 

Lothar Quin­ken­stein: Es ist eine viel­schich­tige Figur. Schon sein Name legt das nahe. Sein Vor­name ist Mordkhe – Mor­de­chai – der Nach­name ist Markus. Im Zuge der Assi­mi­la­tion legten sich viele Juden, die Mor­de­chai hießen, den Vor­namen Markus zu, um ihrem Namen sozu­sagen einen „neu­tra­leren“ Klang zu ver­leihen – ein Zuge­ständnis an die Mehr­heits­ge­sell­schaft. Der Vater von Ludwik Zamenhof wäre hier zu nennen, Mor­de­chai (Markus) Zamenhof, oder der in Lem­berg gebo­rene Rab­biner und Schrift­steller Mor­de­chai (Markus) Ehrenpreis.
In der Figur Mordkhe Markus bün­deln sich also Tra­di­ti­ons­ver­bun­den­heit – was wir nicht primär mit reli­giöser Praxis gleich­setzen, son­dern in brei­terer Per­spek­tive ver­stehen sollten, als Aus­druck einer Geis­tes­ge­schichte – und Aspekte der Assi­mi­la­tion. Die Figur trägt diese beiden Gedan­ken­welten in sich, und das Inter­es­sante dabei ist, dass die beiden Welten nicht nach dem Muster eines Ent­weder-oder dar­ge­stellt werden, son­dern im Sinne eines Sowohl-als-auch. Das schlägt sich auch ins­ge­samt im Kon­zept des Romans nieder. Wesent­lich scheint mir hier vor allem zu sein, dass durch dieses Kon­zept Erwei­te­rungen geschaffen und damit auch Inhalte mit­ein­ander ver­bunden werden können, die viel­leicht auf den ersten Blick weit aus­ein­ander zu liegen scheinen. Die Hori­zonte werden weit. Damit steht der Roman im Kon­text eines ganzen Kosmos an Erfah­rungen und Debatten.

 

n.: Was ist das für eine Welt, in der die Haupt­figur Mordkhe Markus lebt?

 

L.Q.: Der Ort bleibt namenlos, er heißt „die revo­lu­tio­näre Stadt“ und wird damit uni­versal. Wir haben es mit einer Stadt in Ost­mit­tel­eu­ropa zu tun, die selbst­ver­ständ­lich stark von jüdi­scher Kultur geprägt ist, und die dann in das Revo­lu­ti­ons­ge­schehen hin­ein­ge­zogen wird.
Hier sollten wir uns vor Augen führen, wie die jüdi­sche Kultur in diesen Land­schaften beschaffen war: trans­na­tional und mehr­spra­chig. Claudio Magris sprach vom „mit­tel­eu­ro­päi­schen Huma­nismus“, und alle Asso­zia­tionen, die diese Wen­dung auf­ruft, lese ich als gedank­liche Grun­die­rung auf jeder Seite des Romans Montag mit. Und gerade das Jid­di­sche ist Aus­druck dieses „mit­tel­eu­ro­päi­schen Huma­nismus“. Wenn man es aus der heu­tigen Per­spek­tive fassen möchte – eine Kultur, die par excel­lence euro­pä­isch ist.

 

n.: Mordhke Markus lebt zurück­ge­zogen in seinem Dach­käm­mer­lein. Ein ruhiger Mensch, der aus­giebig grü­belt – über die Welt da draußen, über die Men­schen in ihr und über sich selbst. Zwar sym­pa­thi­siert er mit der kom­mu­nis­ti­schen Idee, seine Welt­an­schauung erlaubt es ihm aber nicht, das gesamte Par­tei­pro­gramm anzu­nehmen. Wie posi­tio­niert er sich zu dem, was sich vor seinen Augen auf der Straße abspielt?

 

L.Q.: Mordkhe Markus ist mit kom­plexen und kom­pli­zierten Fragen beschäf­tigt, die er mit dem Geschehen auf der Straße in Ver­bin­dung bringt. Und der Leser steht mit ihm am Fenster der Dach­stube, sieht die Welt durch die Augen des bescheiden lebenden Hebräisch­leh­rers, der sich in Schwindel erre­gende Höhen der Refle­xion begibt. Die Revo­lu­tion wird dabei zum Brenn­glas, das die ganze Pro­ble­matik in Ver­grö­ße­rung zeigt. Die Hoff­nungen auf Ver­än­de­rung – ins­be­son­dere auf Gleich­be­rech­ti­gung und Akzep­tanz der jüdi­schen Bevöl­ke­rung inner­halb der jewei­ligen Mehr­heits­be­völ­ke­rung – waren sehr, sehr groß.
Ende des 19. Jahr­hun­derts kam in den jüdi­schen Lebens­welten Ost­mit­tel­eu­ropas einiges in Bewe­gung, und die Suche nach Iden­ti­täts­mus­tern, vor allem nach Aus­wegen aus einer bedrü­ckenden Lage, äußerte sich in viel­fäl­tiger Form. Die einen sahen in der Assi­mi­la­tion die größte Gefahr und wollten sich mit der Ortho­doxie gegen die „Ver­lo­ckungen“ der Moderne wappnen. Andere hielten den Anti­se­mi­tismus für die grö­ßere Bedro­hung und sahen in der Assi­mi­la­tion die einzig mög­liche Reak­tion darauf. Die Zio­nisten hielten den jüdi­schen Natio­nal­staat für die ein­zige akzep­table Lösung. Ein wie­derum anderes Kon­zept ver­trat der Bund – der All­ge­meine Jüdi­sche Arbei­ter­bund in Litauen, Polen und Russ­land –, der 1897 in Vil­nius (jid­disch: Vilne) gegründet wurde, ein Jahr nach Kul­baks Geburt. Die Bun­disten waren Gegner des Zio­nismus, sie plä­dierten dafür, dort zu bleiben, wo man lebte. Sie wollten eine im säku­laren Sinne ver­stan­dene jüdi­sche Kultur pflegen, für die wie­derum das Jid­di­sche das vor­ran­gige Iden­ti­täts­merkmal sein sollte, außerdem waren Bil­dung und soziale Gerech­tig­keit ein großes Anliegen.Und nun, als die Revo­lu­tion aus­bricht, stellt sich die Frage: „Wo steht der Bund?“ – diese Frage wird im Roman übri­gens nicht beant­wortet. Der Bun­dist, der offenbar ori­en­tie­rungslos durch die „revo­lu­tio­näre Stadt“ läuft, scheint mir ein Sinn­bild für das Aus­ein­an­der­klaffen von Idee und Wirk­lich­keit zu sein. Denn was Mordkhe Markus von seinem skep­tisch-distan­zierten Beob­ach­ter­posten aus sieht, ist eine nicht enden wol­lende Abfolge von Erup­tionen der Gewalt.

 

n.: Mit dem Blick auf die Straße eröffnet sich immer nur ein Aus­schnitt, mit dem Blick in die Bücher das große Ganze? Mordkhe Markus widmet seine Frei­zeit fast aus­schließ­lich – und das mit Lei­den­schaft – der Lek­türe von Büchern. Immer prä­sent: das Buch Hiob.

 

L.Q.: Die Beschäf­ti­gung mit Lek­türen, über den Büchern sitzen, näch­te­lang – das hat in der jüdi­schen Tra­di­tion eine starke ethi­sche Kom­po­nente, denn das ist die eigent­liche Auf­gabe: sich mit der Schrift, der Thora, und den Kom­men­taren dazu, dem Talmud, aus­ein­an­der­zu­setzen und dadurch die eigene ethi­sche Hal­tung zu ver­voll­kommnen. Diese Form einer lebens­langen Lek­türe, eines lebens­langen Ler­nens ist harte Arbeit, vor allem auch Arbeit an der eigenen Person. Und jemand, der ständig das Buch Hiob auf­ge­schlagen auf dem Tisch liegen hat, beschäf­tigt sich mit den drän­gendsten aller Fragen – näm­lich den Deu­tungs­mög­lich­keiten, die ver­su­chen, im Leiden einen Sinn zu entziffern.

 

n.: Bereits als Jugend­li­cher ist Mordkhe Markus den „Armen­leuten“ durch die Stadt gefolgt. Immer mon­tags, an dem Tag, an dem sie all­wö­chent­lich von Haus zu Haus ziehen und bet­teln. Jetzt folgt er den „Armen­leuten“ immer noch, mit seinen Bli­cken, von seinem Fens­ter­chen aus. Er blickt hin­unter auf die Straße und findet die „pure Armut“ erhaben. Wie ist das zu verstehen?

 

L.Q.: Das Bild von den „Armen­leuten“ in ihrer erha­benen Tätig­keit führt uns zur Mystik. Es ist die Über­zeu­gung, dass Pro­fanes und Sakrales nicht von­ein­ander getrennt werden können, weil alles ein Teil der Schöp­fung ist. Auch in den ein­fachsten Hand­lungen und Tätig­keiten spie­gelt sich das Wunder der Erschaf­fung der Welt. „Einer ging zu einem Zaddik“, so heißt es in den chas­si­di­schen Über­lie­fe­rungen, „um zu sehen, wie er sich das Schuh­band knüpft.“

 

n.: Arbeiter, Schneider, Hirten … Auto­mo­bile und Reiter, alle­samt ver­eint zu einer Masse, die mit bro­delnder Stim­mung geladen die Straßen der Stadt säumt. Die einen, leer und erschöpft, gehor­chen still. Die anderen erklären schnell ihre revo­lu­tio­nären Hal­tungen. Mordkhe Markus sucht zunächst die Stille und ver­steht plötz­lich, dass er den „Armen­leuten“ eine Bot­schaft über­bringen muss. Dar­aufhin wird er der Agi­ta­tion beschul­digt und inhaf­tiert. Was genau wird ihm eigent­lich vorgeworfen?

 

L.Q.: Er wird ver­haftet, weil er plötz­lich als Feind gilt in einer Atmo­sphäre, in der jeder zum Feind werden kann. Das sagt sehr viel über den Cha­rakter dieses „revo­lu­tio­nären“ Gesche­hens aus. „Lieber hun­dert Unschul­dige töten, als einen Feind der Revo­lu­tion davon­kommen lassen“ – das ist ein Satz von Lenin. Der Terror war von Anfang an Pro­gramm, und hin­zu­fügen sollten wir an dieser Stelle, dass es der Oktober 1917 gewesen ist, der die poli­ti­schen Errun­gen­schaften des Februar 1917 zunich­te­ge­macht hat. Kulbak selbst ist 1937 Opfer des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors geworden, damals wurde die gesamte Redak­tion der jid­di­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift Shtern in Minsk ver­haftet, alle wurden nach einem Schau­pro­zess hingerichtet.

 

n.: Wäh­rend seiner Haft erlebt Mordkke Markus unter­schied­liche Gemüts­zu­stände. Trauer wech­selt mit eigen­tüm­li­chen Momenten der Freude, letzt­lich ver­fällt er in eine Art Tran­ce­zu­stand und erkennt etwas Wesent­li­ches: „Es exis­tiert gar nichts. Ihr Bat­lonim, o ihr, die ihr so lang gewartet habt!!!“ Was ist es, was er hier erkennt – und welche Rolle spielen die Bat­lonim dabei?

 

L.Q.: Hier setzt sich Kulbak mit dem Herz­stück jüdi­schen Den­kens aus­ein­ander, der mes­sia­ni­schen Idee. Mordkhe Markus distan­ziert sich nicht nur vom Revo­lu­ti­ons­ge­schehen, er distan­ziert sich auch von der mes­sia­ni­schen Idee des Juden­tums. Am Ende bleibt das Nichts, aber nicht im Sinne einer Resi­gna­tion, son­dern im Sinne einer – ich glaube, so dürfen wir es nennen – mys­ti­schen Ein­sicht in das Rätsel der Exis­tenz, die vor allem von jeg­li­cher dog­ma­ti­schen Lehr­mei­nung Abstand nehmen möchte. Dass der Schöpfer die Welt „über dem Nichts auf­ge­hängt“ hat – diese Erkenntnis findet sich gerade im Buch Hiob (26,7).
Mit seiner Kritik richtet sich Mordkhe Markus an die Bat­lonim, also an Männer, die keinem Brot­er­werb nach­gehen, weil sie ihr ganzes Leben dem Stu­dium widmen. Aus ortho­doxer Sicht gebührt ihnen großer Respekt, denn mit ihrem Lernen und Stu­dieren wollen sie die Welt für die Ankunft des Mes­sias vor­be­reiten. Diese ganze Anstren­gung wird jetzt radikal in Frage gestellt – das ist ein unge­heuer sub­ver­siver Akt.
Zugleich ver­weist Kulbak auf die 36 Gerechten, eine wei­tere essen­ti­elle Idee. Sie durch­zieht übri­gens Kul­baks gesamtes Werk. In seinem Roman Der Mes­sias vom Stamme Efraim ist sie von Anfang an prä­sent, außerdem hat er ein Poem dar­über geschrieben: „Lamed-Wow“. Die Buch­staben lamed und waw, jid­disch wow, bilden das Wort, das in einer Jesaja-Stelle vom Warten auf den Mes­sias spricht, und der Zah­len­wert dieses Wortes ist 36. Aus dieser Stelle bei Jesaja wurde abge­leitet, dass es in jeder Genera­tion 36 Gerechte gebe, die mit ihrem auf­rechten und tadel­losen Ver­halten dafür sorgen, dass die an sich unvoll­kom­mene Welt weiter exis­tieren könne. Sie leben uner­kannt und sind sich vor allem auch selbst ihrer Rolle nicht bewusst. Ver­bunden mit der Ver­bor­gen­heit ist wie­derum ein ethi­scher Anspruch: Nie­mand, gleich wie er dem ersten Anschein nach wirken mag, darf her­ab­las­send behan­delt werden, denn ich kann nie wissen, ob ich nicht einem Lamed­wownik, einem der 36 Gerechten, begegnet bin. Ein Jahr vor dem Erscheinen von Montag – 1925 – ent­stand in Polen der Stumm­film Der Lamed­wownik, und der Gerechte in dieser Geschichte trägt – das ist inter­es­sant – deut­liche Züge einer Chris­tus­figur. Etwas Ähn­li­ches sehen wir in Kul­baks Roman! Auch Kulbak syn­the­ti­siert die Ideen und formt aus ihnen etwas Neues. Und die Frage, ob Mordkhe Markus nicht ein Lamed­wownik sein könnte, drängt sich gera­dezu auf.

 

n.: Bleiben wir noch einen Moment bei den Mög­lich­keiten der Erkenntnis. An einer Stelle wird die Nega­tion als ein Akt beschrieben, der im Nichtstun zur Erkenntnis führt. „[E]rkennen heißt, sich des über­kom­menen Begriffs MENSCH zu ent­le­digen und Sein zu werden […]. Sein heißt: Sich selbst in der Welt zu erkennen, und Erkennen heißt: Sich der Rea­lität stellen, aber Kampf ist gerade das Selbst­ver­schließen […]. Und weil der Ver­stand ein Mittel des Men­schen im Kampf ist, ist er kein Mittel für die Erkenntnis.“

 

L.Q.: Erkenntnis auf anderen Wegen als auf dem Weg des Ver­standes – ich lese das als Plä­doyer für eine Denk­weise, die nicht den klas­si­schen Gegen­sätzen folgt. Als Ver­such, das Ratio­nale mit dem rational nicht Fass­baren zu ver­knüpfen. Ver­stand wie­derum als Mittel des Kampfes – eine traurig zutref­fende Dia­gnose geschicht­li­cher Abläufe. Hier äußert sich scharfe Kritik an einer Deu­tung der Welt, die sich allein der Auf­klä­rung ver­schreiben möchte. Der Ver­stand nicht als Lösung des Pro­blems, son­dern – oft genug – gerade als Teil des Problems.

 

n.: Bis zu seiner Ver­haf­tung lebt Mordhke Markus sehr zurück­ge­zogen. So zurück­ge­zogen, dass sein soziales Netz relativ grob gewebt ist. Selbst sein Vater, so heißt es, hatte ihn bereits ver­gessen. Ledig­lich das Fräu­lein Gnesye gehört zu seinen Ver­trauten, seinen Freunden. Ihr offen­bart er seine tiefsten Gedanken. Welche sind das?

 

L.Q.: Eine meiner Lieb­lings­szenen im Roman ist die Szene im Park: Mordkhe Markus spricht mit dem Fräu­lein Gnesye über Grund­züge des deut­schen Idea­lismus, woraus eine kleine phi­lo­so­phi­sche Vor­le­sung wird, und im Eifer der intel­lek­tu­ellen Begeis­te­rung nimmt er nicht mehr wahr, dass Fräu­lein Gnesye eher Inter­esse an einer Her­zens­an­ge­le­gen­heit hätte als an Fichte oder Hegel. In dieser Szene sehen wir, aus wie vielen Quellen Kulbak seine Inspi­ra­tionen bezog, und diese Viel­falt der Themen schlägt sich auch im Stil nieder. Im Übrigen ist auch der Blick auf die idea­lis­ti­sche Phi­lo­so­phie distan­ziert, für Mordkhe Markus ist sie – salopp gesagt – ein „netter Ver­such“, aber nicht hin­rei­chend, die Exis­tenz des Men­schen wirk­lich zu erfassen.

 

n.: Sie haben auf den Stil des Romans ver­wiesen. Wie würden Sie ihn beschreiben?

 

L.Q.: Es gibt Pas­sagen, die einen aus­ge­spro­chen lyri­schen Ton haben, sehr schön rhyth­mi­siert, mit einer buch­stäb­lich traum­haften Bild­lich­keit. Doch folgt dann auch sofort die Bre­chung: „Die Berge staunten kalt im Mond­licht, ohne den lei­sesten Wind­hauch. In der Stille hörte man, wie das müde Licht rann, rann, über die kalten Lei­chen. Die Felder, die wie heilig in der reinen Stille lagen, träumten.“ Hier gibt es keine „natür­liche“ Unschuld mehr. Die Land­schaft – die Natur – ist gezeichnet von der Gewalt der Geschichte. In anderen Pas­sagen hat die Sprache expres­sio­nis­ti­sche Züge: „Rat­tern setzte ein, nah, nah von einem Maschi­nen­ge­wehr: Tak, tak, tak, tak – es klang, als würde man Sand auf ein Blech schütten. […] Revolver bellten, wie kleine Hunde. Und Maschi­nen­ge­wehre pickten, pickten, klap­perten und steppten vor­sichtig – es klang ver­traut. Wie auf einer Näh­ma­schine.“ Das sind sehr scharf geschnit­tene Bilder und Ver­gleiche. An wie­derum anderen Stellen haben wir Anthro­po­mor­phi­sie­rungen, mar­kante Farb­ge­bungen – die ganze Palette expres­sio­nis­ti­scher Stilmittel.

 

n.: Ins­ge­samt wird Mordkhe Markus als eine Per­sön­lich­keit gezeichnet, die zwar in Anbe­tracht der Ereig­nisse schwer­mütig auf die Welt blickt, dabei aber kei­nes­wegs unglück­lich scheint. Ange­spro­chen auf Selbst­mord­ge­danken, ant­wortet er: „Nein, tau­sendmal nein […]. Ich liebe dieses Leben so sehr und liebe es von ganzem Herzen“. Das erin­nert mich vom Ansatz her an Albert Camus …

 

L.Q.: Ja, da sind wir mitten in den uni­ver­salen Gedanken. Mir fällt jetzt auch noch das Motto ein, das die Brüder Coen ihrem Film A Serious Man vor­an­ge­stellt haben – es ist ein Satz von Raschi, einem der bedeu­tendsten jüdi­schen Gelehrten des Mit­tel­al­ters: „Nimm in Ein­fach­heit alles hin, was dir wider­fährt.“ Ein Aufruf zu einer Hal­tung, die nicht zu ver­wech­seln ist mit Gleich­gül­tig­keit. Wir finden das­selbe etwa auch bei Marc Aurel: Egal, ob man dich bespuckt oder lobt, lass dich nicht davon berühren. Mordkhe Markus kommt dieser Hal­tung sehr nahe, und das ent­spricht durchaus der Liebe zum Leben.

 

n.: “Montag.” Ein Buch, das vor fast 100 Jahren geschrieben worden ist. Welche Aktua­lität besitzt es heute? Oder hat es mit unserer Rea­lität heut­zu­tage nichts mehr zu tun?

 

L.Q.: Alles hat es mit unserer Rea­lität heute zu tun. Alles. Es han­delt sich um eine Lite­ratur, die immer noch viel zu wenig bekannt ist. Im Grunde stehen wir noch immer am Beginn der Ent­de­ckung – Wie­der­ent­de­ckung – der jid­di­schen Lite­ratur und Kultur. In seiner Rede anläss­lich der Ver­lei­hung des Nobel­preises für Lite­ratur bezeich­nete Isaac Bas­hevis Singer das Jid­di­sche als „Sprache der furcht­samen und hof­fenden Mensch­heit“. Melech Rawitsch sprach – mit Blick auf die Lyrik Abraham Sutz­ke­vers – von der „jüdi­schen Ethik“ als „all­ge­mein mensch­li­cher Ethik“. Beide Äuße­rungen bestä­tigen sich an Kul­baks Roman.
Die Autoren dieses Kul­tur­raumes haben groß­ar­tige syn­the­ti­sche Leis­tungen voll­bracht, und die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sie das „west­liche Denken“ – wenn wir den Begriff mit aller gebo­tenen Vor­sicht benutzen wollen – in ihr Schaffen ein­be­zogen haben, fand kaum Ent­spre­chungen in umge­kehrter Rich­tung. Der Westen hat sich für den Osten in der Regel weit weniger inter­es­siert. Damit kommen wir aber­mals zur Frage der Wahr­neh­mung: Was sehen wir als Zen­trum an? Wo sehen wir die Peri­pherie? Wenn wir etwas lernen wollen über Per­spek­tiven, Hier­ar­chien, Asym­me­trien und blinde Fle­cken der euro­päi­schen Kul­tur­ge­schichte – die jid­di­sche Lite­ratur ist her­vor­ra­gend geeignet, einen neuen Blick auf scheinbar bekannte Phä­no­mene zu gewinnen.
Der Verlag edi­tion.foto­TA­PETA und die Über­set­zerin Sophie Lich­ten­stein haben sich in dieser Hin­sicht große Ver­dienste erworben. In dem­selben Verlag ist auch der Zyklus der Berlin-Gedichte erschienen – eben­falls in der Über­set­zung von Sophie Lich­ten­stein: Childe Harold aus Disna. Wie Kulbak seine per­sön­li­chen Erfah­rungen in Poesie ver­wan­delt – die Fahrt aus dem weiß­rus­si­schen Disna in den Westen, die Ein­drücke in Berlin der 1920er Jahre – das ver­ur­sacht Gän­se­haut. Was für eine Bril­lanz, mes­ser­scharf – und was für eine Ironie! Vor kurzem ist außerdem Kul­baks Roman Die Sel­me­nianer erschienen, im Verlag Die Andere Biblio­thek, und im März 2018 eine Neu­auf­lage von Andrej Jen­druschs Über­set­zung des Romans Der Mes­sias vom Stamme Efraim. Es gibt also Anlass genug, sich mit diesem her­aus­ra­genden Autor zu beschäf­tigen, dessen Werke zu den ori­gi­nellsten und inno­va­tivsten der jid­di­schen Moderne gehören.

 

Kulbak, Moyshe: Montag. Ein kleiner Roman. Aus dem Jid­di­schen von Sophie Lich­ten­stein. Berlin: edi­tion.foto­TA­PETA, 2017.
Ori­gi­nal­titel: Montog. Eyn kleyner roman. War­schau: „Kultur-Lige“, gedruckt von „Di Velt“, 1926.
Die Über­set­zung basiert auf dem Nach­druck von 1929.

 

Wei­tere ins Deut­sche über­tra­gene Lite­ratur von Moyshe Kulbak:

Childe Harold aus Disna. Gedichte über Berlin. Aus dem Jid­di­schen von Sophie Lich­ten­stein. Berlin: edi­tion.foto­TA­PETA, 2017.

Die Sel­me­nianer. Aus dem Jid­di­schen von Niki Graça und Esther Alex­ander-Ihme. Berlin: Die Andere Biblio­thek, 2017. (Neu­über­set­zung)

Der Mes­sias vom Stamme Efraim. Aus dem Jid­di­schen von Andrej Jen­drusch. Berlin: Wagen­bach, 2018. (Neu­auf­lage)