Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Gefal­lene Helden

Man mische ein dunkles Kapitel junger kuba­ni­scher Geschichte mit einem 08/15- Sport­ler­drama, füge ein wenig Liebe, wider­wil­lige Freund­schaft, Soli­da­rität und eine Trai­nings­mon­tage hinzu und fertig ist Pavel Girouds El Acom­pa­ñante. Girouds Film ver­sucht ein biss­chen zu viele Genres zu bedienen. Trotzdem überzeugt das Drama durch starke schau­spie­le­ri­sche Leis­tungen und eine unge­wöhn­liche Geschichte.
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Kuba, 1980er Jahre: Die kuba­ni­sche Regie­rung kämpft gegen die Aids-Epi­demie und richtet zum Schutze der Bevöl­ke­rung und der Erkrankten ein sur­reales Sana­to­rium, Los Cocos, ein. Hier leben fortan alle HIV-Infi­zierten der Insel, eher Gefäng­nis­in­sassen als Pati­enten. Jeder Patient bekommt einen Begleiter, der ihn rund um die Uhr betreut, sein Ver­halten doku­men­tiert und an die Kli­nik­lei­tung wei­ter­gibt. Damit soll eine wei­tere Ver­brei­tung des Virus ver­hin­dert werden.

Ein Leben mit HIV: „One hour of life is still life!“

Hor­acio (Sänger und Grammy-Gewinner Yotuel Romero), ein ehe­ma­liger olym­pi­scher Box­cham­pion, der positiv auf Drogen getestet wurde, wird als Begleiter eines HIV-Infi­zierten in Los Cocos abge­stellt. Ihm wird Daniel (Armando Miguel Gómez) zuge­teilt, ein Kriegs­ve­teran, der sich bei einer afri­ka­ni­schen Pro­sti­tu­ierten wäh­rend eines inter­na­tio­nalen Ein­satzes infi­ziert hat. Hor­acio ist anfangs überfordert und kann seinen Arg­wohn gegenüber dem unbe­re­chen­baren Virus nicht ver­bergen. Ständig trägt er Gum­mi­hand­schuhe und Angst im Gesicht. Dazu ist Daniel eine echte Her­aus­for­de­rung für ihn: Er ist ein lebens­lus­tiger, aufmüpfiger Bes­ser­wisser, der sich mit seiner bizarren Situa­tion nicht abfinden will. Daniel plant eine Flucht und unter­nimmt lieber nächt­liche Ausflüge aus dem Sana­to­rium, als sich mit seinem neuen Begleiter samt dessen ver­stei­nertem Gesicht und Gum­mi­hand­schuhen anzufreunden.

Die Bezie­hung dieser beiden gefal­lenen Helden beginnt unterkühlt, doch schnell ent­wi­ckelt sich daraus eine soli­da­ri­sche und loyale Freund­schaft. Hor­acio wirft seine Vor­ein­ge­nom­men­heit und Hyper­mas­ku­linität über Bord und ver­liebt sich sogar in eine infi­zierte Pati­entin. Der Film wirft hier­durch einige inter­es­sante Fragen auf: Wem kann man in einer überwachten Gesell­schaft ver­trauen? Wel­chen Wert hat Frei­heit? Wie weit geht Liebe? Wie geht man mit Angst um? „You don’t need to keep an animal in a cage to stop it biting“, stellt Daniel an einem Punkt poin­tiert fest.

Ein unsi­cherer Hybrid

Der fas­zi­nie­rende Plot um Los Cocos bräuchte eigent­lich keinen wei­teren Hand­lungs­strang. Leider begnügt sich Pavel Giroud nicht damit und widmet die Hälfte des Films dem Come­back des Boxers Hor­acio. Dieser wird durch Daniel inspi­riert, seine Kar­riere und seine Träume nicht auf­zu­geben und findet schluss­end­lich den Weg zurück an die Spitze. Das Sport­ler­drama wirkt im Licht der schwer­wie­genden Pro­ble­matik um Los Cocos jedoch aus­tauschbar. Es tou­chiert nur kurz den Machismo und das Leben im apa­thi­schen, kuba­ni­schen Regime und büßt somit an Wir­kung ein. Nichts­des­to­trotz überzeugt der Film durch eine ergrei­fende Geschichte vom Wider­stand gegen das poli­ti­sche System, gegen Krank­heit und gegen die eigene Vergangenheit.

von Fran­ziska Eichmeier

Giroud, Pavel:  El Acom­pa­ñante (Der Begleiter). Kuba, Panama, Frank­reich, Kolum­bien, Vene­zuela, 2015, 104 Min.

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