Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Dorf im Schatten der Geschichte

„Wer sind wir und wohin gehören wir?“ Diese Frage stellen sich die Bewohner_innen eines kleinen tsche­chi­schen Dorfes im Wandel der Zeit – im Schatten des 2. Welt­kriegs und seiner Nach­wir­kungen. In „Kra­jina ve Stinu“ (Shadow Country, 2020) werden Grenzen, Hier­ar­chien und Zuge­hö­rig­keiten neu ver­han­delt und treiben die Men­schen dazu, extreme Ent­schei­dungen zu treffen. 

Kra­jina ve Stinu ist ein Film des tsche­chi­schen Regis­seurs Bohdan Sláma aus dem Jahre 2020. Beim 30. Film­Fes­tival Cottbus lief er in der Sek­tion Close Up WW II und konnte den Dia­log­preis des Aus­wär­tigen Amtes für die Ver­stän­di­gung zwi­schen den Kul­turen gewinnen. Schau­platz des Filmes ist die deutsch-tsche­chi­sche Grenz­re­gion Vitorazko, genauer gesagt, das fik­tive Dorf Schwarz­bach. Hier werden die dra­ma­ti­schen Kon­flikte inner­halb einer kul­tu­rell diversen Dorf­ge­sell­schaft wäh­rend und nach dem 2.Weltkrieg dargestellt.

Im Fokus der Hand­lung steht der frei­wil­lige Über­tritt einiger süd­böh­mi­scher Dörfer zum Deut­schen Reich bzw. die Über­nahme der deut­schen Natio­na­lität durch zahl­reiche Dorfbewohner_innen. Im Hin­ter­grund der Film­hand­lung voll­zieht sich die Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen aus der Tsche­cho­slo­wakei: Nach dem Ende des 2.Weltkriegs erließ der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Prä­si­dent Benês Dekrete, die der deut­schen Min­der­heit die Staats­bür­ger­schaft ent­zogen, sie ent­eig­neten und zur Flucht aus der Tsche­cho­slo­wakei zwangen. Das Mas­saker an Sude­ten­deut­schen in der Stadt Tušť im Jahre 1945 dient als Vor­lage für die Filmhandlung.

Im Mikro­kosmos Dorf wird hier ein mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Bild des Umgangs mit den his­to­ri­schen Ereig­nissen gezeichnet. In der ersten Ein­stel­lung werden die Taufe des Sohnes von Karel und Marie und die anschlie­ßenden Fei­er­lich­keiten gezeigt. Ein Höhe­punkt dieses Tages: Sie bekommen als beson­deres Geschenk von ihren Nachbar_innen eine moderne Singer-Näh­ma­schine überreicht.

Die beiden Ehe­leute sind die Haupt­fi­guren des Films und stehen stell­ver­tre­tend für den Kon­flikt der Iden­ti­täten ange­sichts der his­to­ri­schen Umbrüche im Kleinen. Karel bekennt sich wäh­rend der Okku­pa­tion der Nazis als Deut­scher, in der Hoff­nung für sich und das Dorf das Beste her­aus­zu­holen und die Kriegs­zeit gut zu über­stehen. Maria hin­gegen will ihre Her­kunft nicht ver­leugnen und gibt bei einer Befra­gung an, dass sie Tsche­chin sei. Wäh­rend sich Karel aus den Anfein­dungen gegen die jüdi­schen Bewohner_innen der Stadt her­aus­hält, unter­stützt Maria ihre Nachbar_innen bei der Besei­ti­gung von anti­se­mi­ti­schen Parolen von den Haus­wänden und spendet Geld, um Inhaf­tierte zu befreien. Diese selbst­lose Hilfe ist im Film eine Aus­nahme, denn Denun­zia­tion, Belei­di­gungen, Bedro­hungen durch die Nach­barn werden zum Alltag im Dorf. Den Wunsch nach Gerech­tig­keit und nach Schutz der eigenen Familie, von dem viele der Figuren ange­trieben sind, ist sehr nach­voll­ziehbar dar­ge­stellt, doch im Laufe des Films mit Über­länge (135 Minuten) stellt sich mehr und mehr die Frage: Recht­fer­tigen die Grau­sam­keiten der Kriegs­jahre jedes Mittel der Rach­sucht, die sich nach 1945, als sich die poli­ti­schen Ver­hält­nisse ver­än­dert haben, zum Bei­spiel gegen die deut­schen Dorfbewohner_innen richtet?

Um den aus dem Kon­zen­tra­ti­ons­lager heim­keh­renden Josef bildet sich ein Dorf­tri­bunal, dass in den Wirren der Nach­kriegs­zeit die Mit­schuld an den Nazi­ver­bre­chen in Schwarz­bach ahndet. Karel und andere Bewohner_innen, die sich nicht aktiv gegen die Nazis gestellt hatten, werden für die Ver­hand­lung in einen Keller gesperrt, schließ­lich ver­ur­teilt und erschossen.

All das wird von Regis­seur Bohdan Sláma in Schwarz-Weiß und mit sub­tiler musi­ka­li­scher Unter­ma­lung erzählt; in Erin­ne­rung bleibt vor allem die Szene, in der die Dorf­leh­rerin den Kin­dern deut­sche Lieder bei­bringt. Die feh­lenden Farben schaffen eine his­to­risch anmu­tende Ästhetik und ver­stärken den Ein­druck der Karg­heit des Landes. Gera­dezu sinn­bild­haft für die auch von den his­to­ri­schen Ereig­nissen aus­ge­hun­gerte Land­schaft steht eine erschüt­ternde Szene, in der eine völlig abge­ma­gerte Kuh abtrans­por­tiert und ver­graben wird. Sláma selbst spricht in einem Inter­view davon, dass er bewusst in Schwarz-Weiß filmen wollte, um weniger Ablen­kung zu erzeugen. Dieser Plan geht auf und lässt die Zuschauer_innen tief in die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hungen des Dorfes ein­tau­chen. Die so ent­stan­dene kon­zen­trierte Fokus­sie­rung auf die Figuren ermög­licht, jede Nuance des kom­plexen, ange­spannten Sozi­al­le­bens im Dorf kennenzulernen.

Der Titel Kra­jina ve Stinu (dt. „Land im Schatten“) ist nicht nur auf­grund der Schwarz-Weiß-Auf­nahmen, in denen die Schatten sehr prä­sent sind, sehr pas­send. Dar­über hinaus ver­weist er darauf, dass uns eine Geschichte erzählt wird, die sonst in den Schatten der Welt­ge­schichte ver­borgen bleibt, ver­deckt und ver­steckt hinter den Ver­bre­chen der Nationalsozialisten.

Neben der The­ma­ti­sie­rung von Ver­bre­chen und Schuld steht, so der Regis­seur selbst, die Frage nach der Sinn­haf­tig­keit der Rache im Zen­trum des Films: Sie kommt im Film vor allem in Bezug auf die bereits genannte Figur des Josef zum Tragen. Seine Frau und deren Familie sind jüdisch und er selbst ver­sucht, Wider­stands­ak­tionen gegen die Über­nahme des Dorfs Schwarz­bach durch die Natio­nal­so­zia­listen zu initi­ieren. Später wird ihm vor­ge­worfen, zu unvor­sichtig gewesen und dadurch mit­schuldig daran geworden zu sein, dass seine Frau und ihre Familie selbst ins KZ kamen. Die Frage der Mit­schuld lässt der Film offen. Schuldig ist Josef in jedem Fall an der Ermor­dung seiner Nachbar_innen nach ihrer Abur­tei­lung durch das Dorf­tri­bunal. Gleich­zeitig wird seine Moti­va­tion zum Teil damit begründet, dass ihn andere Gefan­gene des KZs darum baten, Rache zu nehmen.

Das wie­derum spannt einen Bogen zu einem wei­teren wich­tigen Aspekt des Films: Zur Frage der Iden­tität bzw. zur Unmög­lich­keit eine solche zu for­mu­lieren – vor dem Hin­ter­grund der Ver­schie­bungen von Grenzen und natio­nalen, kul­tu­rellen Zuge­hö­rig­keiten. Der schnelle Ver­such einiger Dorfbewohner_innen, sich dem Deut­schen Reich anzu­schließen, und die bereit­wil­lige Auf­gabe der tsche­chi­schen Staats­bür­ger­schaft unter­streicht das. Josefs Zuge­hö­rig­keit zur jüdi­schen Gemein­schaft durch seine Familie und den Auf­ent­halt im KZ zwingen ihn dazu, Rache zu üben.

Nun endet der Film nicht an dieser Stelle, son­dern zeigt die wei­tere wech­sel­volle Nach­kriegs­ge­schichte des Dorfes u.a. am Bei­spiel der Hin­rich­tung und Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen: Die Region und somit Schwarz­bach hatte einige Län­der­wechsel hinter sich. Vom böh­mi­schen Kai­ser­reich zu Öster­reich, zur Tsche­cho­slo­wakei, zum Deut­schen Reich und zurück. Der Film zeigt in Abständen die Zeit von 1939 bis 1957. Die jewei­ligen poli­ti­schen Ver­hält­nisse werden mit mäch­tigen Sym­bolen wie dem Haken­kreuz oder der sowje­ti­schen Flagge mar­kiert. Jede Fahne wird über die Zeit mit der glei­chen Singer-Näh­ma­schine her­ge­stellt, welche als Symbol für den gleich­blei­benden Alltag steht.

Die Geschichte wie­der­holt sich. Zwar hängen nun andere Fahnen am Rat­haus und andere Per­sonen sind an der Macht, jedoch ähneln die Methoden der Auf­klä­rung der Nazi­ver­bre­chen denen der Nazis selbst. Beson­ders auf­fällig wird das, als nach der Befreiung von den deut­schen Okku­panten für Deut­sche die Pflicht zum Tragen von weißen Bän­dern an den Ärmeln ein­ge­führt wird. Diese Pflicht wird durch die neue Dorf­re­gie­rung um Josef erlassen.

Einzig Marie und ihre Kinder wirken am Ende als Hoff­nungs­träger. Denn wäh­rend des gesamten Films scheint Marie die ein­zige Figur zu sein, die stets ver­sucht, mora­lisch zu han­deln. Zum Ende des Filmes ver­lässt sie mit ihren Kin­dern das Dorf und scheint die Ver­gan­gen­heit hinter sich zu lassen. Die Frage nach Iden­tität ist in Bezug auf Marie nicht an einen Ort, son­dern an ihren Cha­rakter gebunden. Sie weiß, wer sie ist und geht am Ende des Filmes auf die Suche nach einer neuen Heimat. Die anderen Dorfbewohner_innen bleiben in Schwarz­bach zurück und müssen mit ihrer Schuld leben.

Es ist die Per­spek­tive eines vom Krieg gebeu­telten, fast ver­ges­senen Dorfes zwi­schen den Län­der­grenzen, dessen Über­leben nahezu nur durch Anpas­sung funk­tio­nierte und mensch­li­ches Mit­ein­ander den poli­ti­schen Gege­ben­heiten unter­ge­ordnet wurde. Der Film ent­lässt die Zuschauer_innen geschockt und gleich­zeitig mit­füh­lend in den Alltag der heu­tigen Zeit.

 

Sláma, Bohdan: Kra­jina ve Stinu (Shadow Country). Tsche­chien, 2020, 135 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Inter­view mit Regis­seur Bohdan Sláma: https://eefb.org/country/czech-republic/bohdan-slama-on-shadow-country/