http://www.novinki.de

Ein Dorf im Schatten der Geschichte

Posted on 6. September 2021 by Nicolas Ellscheid
„Wer sind wir und wohin gehören wir?“ Diese Frage stellen sich die Bewohner_innen eines kleinen tschechischen Dorfes im Wandel der Zeit – im Schatten des 2. Weltkriegs und seiner Nachwirkungen. In „Krajina ve Stinu“ (engl. Shadow Country, 2020) werden Grenzen, Hierarchien und Zugehörigkeiten neu verhandelt und treiben die Menschen dazu, extreme Entscheidungen zu treffen.

„Wer sind wir und wohin gehören wir?“ Diese Frage stellen sich die Bewohner_innen eines kleinen tschechischen Dorfes im Wandel der Zeit – im Schatten des 2. Weltkriegs und seiner Nachwirkungen. In „Krajina ve Stinu“ (Shadow Country, 2020) werden Grenzen, Hierarchien und Zugehörigkeiten neu verhandelt und treiben die Menschen dazu, extreme Entscheidungen zu treffen.

Krajina ve Stinu ist ein Film des tschechischen Regisseurs Bohdan Sláma aus dem Jahre 2020. Beim 30. FilmFestival Cottbus lief er in der Sektion Close Up WW II und konnte den Dialogpreis des Auswärtigen Amtes für die Verständigung zwischen den Kulturen gewinnen. Schauplatz des Filmes ist die deutsch-tschechische Grenzregion Vitorazko, genauer gesagt, das fiktive Dorf Schwarzbach. Hier werden die dramatischen Konflikte innerhalb einer kulturell diversen Dorfgesellschaft während und nach dem 2.Weltkrieg dargestellt.

Im Fokus der Handlung steht der freiwillige Übertritt einiger südböhmischer Dörfer zum Deutschen Reich bzw. die Übernahme der deutschen Nationalität durch zahlreiche Dorfbewohner_innen. Im Hintergrund der Filmhandlung vollzieht sich die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei: Nach dem Ende des 2.Weltkriegs erließ der tschechoslowakische Präsident Benês Dekrete, die der deutschen Minderheit die Staatsbürgerschaft entzogen, sie enteigneten und zur Flucht aus der Tschechoslowakei zwangen. Das Massaker an Sudetendeutschen in der Stadt Tušť im Jahre 1945 dient als Vorlage für die Filmhandlung.

Im Mikrokosmos Dorf wird hier ein multiperspektivisches Bild des Umgangs mit den historischen Ereignissen gezeichnet. In der ersten Einstellung werden die Taufe des Sohnes von Karel und Marie und die anschließenden Feierlichkeiten gezeigt. Ein Höhepunkt dieses Tages: Sie bekommen als besonderes Geschenk von ihren Nachbar_innen eine moderne Singer-Nähmaschine überreicht.

Die beiden Eheleute sind die Hauptfiguren des Films und stehen stellvertretend für den Konflikt der Identitäten angesichts der historischen Umbrüche im Kleinen. Karel bekennt sich während der Okkupation der Nazis als Deutscher, in der Hoffnung für sich und das Dorf das Beste herauszuholen und die Kriegszeit gut zu überstehen. Maria hingegen will ihre Herkunft nicht verleugnen und gibt bei einer Befragung an, dass sie Tschechin sei. Während sich Karel aus den Anfeindungen gegen die jüdischen Bewohner_innen der Stadt heraushält, unterstützt Maria ihre Nachbar_innen bei der Beseitigung von antisemitischen Parolen von den Hauswänden und spendet Geld, um Inhaftierte zu befreien. Diese selbstlose Hilfe ist im Film eine Ausnahme, denn Denunziation, Beleidigungen, Bedrohungen durch die Nachbarn werden zum Alltag im Dorf. Den Wunsch nach Gerechtigkeit und nach Schutz der eigenen Familie, von dem viele der Figuren angetrieben sind, ist sehr nachvollziehbar dargestellt, doch im Laufe des Films mit Überlänge (135 Minuten) stellt sich mehr und mehr die Frage: Rechtfertigen die Grausamkeiten der Kriegsjahre jedes Mittel der Rachsucht, die sich nach 1945, als sich die politischen Verhältnisse verändert haben, zum Beispiel gegen die deutschen Dorfbewohner_innen richtet?

Um den aus dem Konzentrationslager heimkehrenden Josef bildet sich ein Dorftribunal, dass in den Wirren der Nachkriegszeit die Mitschuld an den Naziverbrechen in Schwarzbach ahndet. Karel und andere Bewohner_innen, die sich nicht aktiv gegen die Nazis gestellt hatten, werden für die Verhandlung in einen Keller gesperrt, schließlich verurteilt und erschossen.

All das wird von Regisseur Bohdan Sláma in Schwarz-Weiß und mit subtiler musikalischer Untermalung erzählt; in Erinnerung bleibt vor allem die Szene, in der die Dorflehrerin den Kindern deutsche Lieder beibringt. Die fehlenden Farben schaffen eine historisch anmutende Ästhetik und verstärken den Eindruck der Kargheit des Landes. Geradezu sinnbildhaft für die auch von den historischen Ereignissen ausgehungerte Landschaft steht eine erschütternde Szene, in der eine völlig abgemagerte Kuh abtransportiert und vergraben wird. Sláma selbst spricht in einem Interview davon, dass er bewusst in Schwarz-Weiß filmen wollte, um weniger Ablenkung zu erzeugen. Dieser Plan geht auf und lässt die Zuschauer_innen tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen des Dorfes eintauchen. Die so entstandene konzentrierte Fokussierung auf die Figuren ermöglicht, jede Nuance des komplexen, angespannten Soziallebens im Dorf kennenzulernen.

Der Titel Krajina ve Stinu (dt. „Land im Schatten“) ist nicht nur aufgrund der Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen die Schatten sehr präsent sind, sehr passend. Darüber hinaus verweist er darauf, dass uns eine Geschichte erzählt wird, die sonst in den Schatten der Weltgeschichte verborgen bleibt, verdeckt und versteckt hinter den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Neben der Thematisierung von Verbrechen und Schuld steht, so der Regisseur selbst, die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Rache im Zentrum des Films: Sie kommt im Film vor allem in Bezug auf die bereits genannte Figur des Josef zum Tragen. Seine Frau und deren Familie sind jüdisch und er selbst versucht, Widerstandsaktionen gegen die Übernahme des Dorfs Schwarzbach durch die Nationalsozialisten zu initiieren. Später wird ihm vorgeworfen, zu unvorsichtig gewesen und dadurch mitschuldig daran geworden zu sein, dass seine Frau und ihre Familie selbst ins KZ kamen. Die Frage der Mitschuld lässt der Film offen. Schuldig ist Josef in jedem Fall an der Ermordung seiner Nachbar_innen nach ihrer Aburteilung durch das Dorftribunal. Gleichzeitig wird seine Motivation zum Teil damit begründet, dass ihn andere Gefangene des KZs darum baten, Rache zu nehmen.

Das wiederum spannt einen Bogen zu einem weiteren wichtigen Aspekt des Films: Zur Frage der Identität bzw. zur Unmöglichkeit eine solche zu formulieren - vor dem Hintergrund der Verschiebungen von Grenzen und nationalen, kulturellen Zugehörigkeiten. Der schnelle Versuch einiger Dorfbewohner_innen, sich dem Deutschen Reich anzuschließen, und die bereitwillige Aufgabe der tschechischen Staatsbürgerschaft unterstreicht das. Josefs Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft durch seine Familie und den Aufenthalt im KZ zwingen ihn dazu, Rache zu üben.

Nun endet der Film nicht an dieser Stelle, sondern zeigt die weitere wechselvolle Nachkriegsgeschichte des Dorfes u.a. am Beispiel der Hinrichtung und Vertreibung der Sudetendeutschen: Die Region und somit Schwarzbach hatte einige Länderwechsel hinter sich. Vom böhmischen Kaiserreich zu Österreich, zur Tschechoslowakei, zum Deutschen Reich und zurück. Der Film zeigt in Abständen die Zeit von 1939 bis 1957. Die jeweiligen politischen Verhältnisse werden mit mächtigen Symbolen wie dem Hakenkreuz oder der sowjetischen Flagge markiert. Jede Fahne wird über die Zeit mit der gleichen Singer-Nähmaschine hergestellt, welche als Symbol für den gleichbleibenden Alltag steht.

Die Geschichte wiederholt sich. Zwar hängen nun andere Fahnen am Rathaus und andere Personen sind an der Macht, jedoch ähneln die Methoden der Aufklärung der Naziverbrechen denen der Nazis selbst. Besonders auffällig wird das, als nach der Befreiung von den deutschen Okkupanten für Deutsche die Pflicht zum Tragen von weißen Bändern an den Ärmeln eingeführt wird. Diese Pflicht wird durch die neue Dorfregierung um Josef erlassen.

Einzig Marie und ihre Kinder wirken am Ende als Hoffnungsträger. Denn während des gesamten Films scheint Marie die einzige Figur zu sein, die stets versucht, moralisch zu handeln. Zum Ende des Filmes verlässt sie mit ihren Kindern das Dorf und scheint die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Frage nach Identität ist in Bezug auf Marie nicht an einen Ort, sondern an ihren Charakter gebunden. Sie weiß, wer sie ist und geht am Ende des Filmes auf die Suche nach einer neuen Heimat. Die anderen Dorfbewohner_innen bleiben in Schwarzbach zurück und müssen mit ihrer Schuld leben.

Es ist die Perspektive eines vom Krieg gebeutelten, fast vergessenen Dorfes zwischen den Ländergrenzen, dessen Überleben nahezu nur durch Anpassung funktionierte und menschliches Miteinander den politischen Gegebenheiten untergeordnet wurde. Der Film entlässt die Zuschauer_innen geschockt und gleichzeitig mitfühlend in den Alltag der heutigen Zeit.

 

Sláma, Bohdan: Krajina ve Stinu (Shadow Country). Tschechien, 2020, 135 Min.

 

Weiterführende Links:

Interview mit Regisseur Bohdan Sláma: https://eefb.org/country/czech-republic/bohdan-slama-on-shadow-country/

Ein Dorf im Schatten der Geschichte – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Dorf im Schatten der Geschichte

„Wer sind wir und wohin gehören wir?“ Diese Frage stellen sich die Bewohner_innen eines kleinen tsche­chi­schen Dorfes im Wandel der Zeit – im Schatten des 2. Welt­kriegs und seiner Nach­wir­kungen. In „Kra­jina ve Stinu“ (Shadow Country, 2020) werden Grenzen, Hier­ar­chien und Zuge­hö­rig­keiten neu ver­han­delt und treiben die Men­schen dazu, extreme Ent­schei­dungen zu treffen. 

Kra­jina ve Stinu ist ein Film des tsche­chi­schen Regis­seurs Bohdan Sláma aus dem Jahre 2020. Beim 30. Film­Fes­tival Cottbus lief er in der Sek­tion Close Up WW II und konnte den Dia­log­preis des Aus­wär­tigen Amtes für die Ver­stän­di­gung zwi­schen den Kul­turen gewinnen. Schau­platz des Filmes ist die deutsch-tsche­chi­sche Grenz­re­gion Vitorazko, genauer gesagt, das fik­tive Dorf Schwarz­bach. Hier werden die dra­ma­ti­schen Kon­flikte inner­halb einer kul­tu­rell diversen Dorf­ge­sell­schaft wäh­rend und nach dem 2.Weltkrieg dargestellt.

Im Fokus der Hand­lung steht der frei­wil­lige Über­tritt einiger süd­böh­mi­scher Dörfer zum Deut­schen Reich bzw. die Über­nahme der deut­schen Natio­na­lität durch zahl­reiche Dorfbewohner_innen. Im Hin­ter­grund der Film­hand­lung voll­zieht sich die Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen aus der Tsche­cho­slo­wakei: Nach dem Ende des 2.Weltkriegs erließ der tsche­cho­slo­wa­ki­sche Prä­si­dent Benês Dekrete, die der deut­schen Min­der­heit die Staats­bür­ger­schaft ent­zogen, sie ent­eig­neten und zur Flucht aus der Tsche­cho­slo­wakei zwangen. Das Mas­saker an Sude­ten­deut­schen in der Stadt Tušť im Jahre 1945 dient als Vor­lage für die Filmhandlung.

Im Mikro­kosmos Dorf wird hier ein mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Bild des Umgangs mit den his­to­ri­schen Ereig­nissen gezeichnet. In der ersten Ein­stel­lung werden die Taufe des Sohnes von Karel und Marie und die anschlie­ßenden Fei­er­lich­keiten gezeigt. Ein Höhe­punkt dieses Tages: Sie bekommen als beson­deres Geschenk von ihren Nachbar_innen eine moderne Singer-Näh­ma­schine überreicht.

Die beiden Ehe­leute sind die Haupt­fi­guren des Films und stehen stell­ver­tre­tend für den Kon­flikt der Iden­ti­täten ange­sichts der his­to­ri­schen Umbrüche im Kleinen. Karel bekennt sich wäh­rend der Okku­pa­tion der Nazis als Deut­scher, in der Hoff­nung für sich und das Dorf das Beste her­aus­zu­holen und die Kriegs­zeit gut zu über­stehen. Maria hin­gegen will ihre Her­kunft nicht ver­leugnen und gibt bei einer Befra­gung an, dass sie Tsche­chin sei. Wäh­rend sich Karel aus den Anfein­dungen gegen die jüdi­schen Bewohner_innen der Stadt her­aus­hält, unter­stützt Maria ihre Nachbar_innen bei der Besei­ti­gung von anti­se­mi­ti­schen Parolen von den Haus­wänden und spendet Geld, um Inhaf­tierte zu befreien. Diese selbst­lose Hilfe ist im Film eine Aus­nahme, denn Denun­zia­tion, Belei­di­gungen, Bedro­hungen durch die Nach­barn werden zum Alltag im Dorf. Den Wunsch nach Gerech­tig­keit und nach Schutz der eigenen Familie, von dem viele der Figuren ange­trieben sind, ist sehr nach­voll­ziehbar dar­ge­stellt, doch im Laufe des Films mit Über­länge (135 Minuten) stellt sich mehr und mehr die Frage: Recht­fer­tigen die Grau­sam­keiten der Kriegs­jahre jedes Mittel der Rach­sucht, die sich nach 1945, als sich die poli­ti­schen Ver­hält­nisse ver­än­dert haben, zum Bei­spiel gegen die deut­schen Dorfbewohner_innen richtet?

Um den aus dem Kon­zen­tra­ti­ons­lager heim­keh­renden Josef bildet sich ein Dorf­tri­bunal, dass in den Wirren der Nach­kriegs­zeit die Mit­schuld an den Nazi­ver­bre­chen in Schwarz­bach ahndet. Karel und andere Bewohner_innen, die sich nicht aktiv gegen die Nazis gestellt hatten, werden für die Ver­hand­lung in einen Keller gesperrt, schließ­lich ver­ur­teilt und erschossen.

All das wird von Regis­seur Bohdan Sláma in Schwarz-Weiß und mit sub­tiler musi­ka­li­scher Unter­ma­lung erzählt; in Erin­ne­rung bleibt vor allem die Szene, in der die Dorf­leh­rerin den Kin­dern deut­sche Lieder bei­bringt. Die feh­lenden Farben schaffen eine his­to­risch anmu­tende Ästhetik und ver­stärken den Ein­druck der Karg­heit des Landes. Gera­dezu sinn­bild­haft für die auch von den his­to­ri­schen Ereig­nissen aus­ge­hun­gerte Land­schaft steht eine erschüt­ternde Szene, in der eine völlig abge­ma­gerte Kuh abtrans­por­tiert und ver­graben wird. Sláma selbst spricht in einem Inter­view davon, dass er bewusst in Schwarz-Weiß filmen wollte, um weniger Ablen­kung zu erzeugen. Dieser Plan geht auf und lässt die Zuschauer_innen tief in die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hungen des Dorfes ein­tau­chen. Die so ent­stan­dene kon­zen­trierte Fokus­sie­rung auf die Figuren ermög­licht, jede Nuance des kom­plexen, ange­spannten Sozi­al­le­bens im Dorf kennenzulernen.

Der Titel Kra­jina ve Stinu (dt. „Land im Schatten“) ist nicht nur auf­grund der Schwarz-Weiß-Auf­nahmen, in denen die Schatten sehr prä­sent sind, sehr pas­send. Dar­über hinaus ver­weist er darauf, dass uns eine Geschichte erzählt wird, die sonst in den Schatten der Welt­ge­schichte ver­borgen bleibt, ver­deckt und ver­steckt hinter den Ver­bre­chen der Nationalsozialisten.

Neben der The­ma­ti­sie­rung von Ver­bre­chen und Schuld steht, so der Regis­seur selbst, die Frage nach der Sinn­haf­tig­keit der Rache im Zen­trum des Films: Sie kommt im Film vor allem in Bezug auf die bereits genannte Figur des Josef zum Tragen. Seine Frau und deren Familie sind jüdisch und er selbst ver­sucht, Wider­stands­ak­tionen gegen die Über­nahme des Dorfs Schwarz­bach durch die Natio­nal­so­zia­listen zu initi­ieren. Später wird ihm vor­ge­worfen, zu unvor­sichtig gewesen und dadurch mit­schuldig daran geworden zu sein, dass seine Frau und ihre Familie selbst ins KZ kamen. Die Frage der Mit­schuld lässt der Film offen. Schuldig ist Josef in jedem Fall an der Ermor­dung seiner Nachbar_innen nach ihrer Abur­tei­lung durch das Dorf­tri­bunal. Gleich­zeitig wird seine Moti­va­tion zum Teil damit begründet, dass ihn andere Gefan­gene des KZs darum baten, Rache zu nehmen.

Das wie­derum spannt einen Bogen zu einem wei­teren wich­tigen Aspekt des Films: Zur Frage der Iden­tität bzw. zur Unmög­lich­keit eine solche zu for­mu­lieren – vor dem Hin­ter­grund der Ver­schie­bungen von Grenzen und natio­nalen, kul­tu­rellen Zuge­hö­rig­keiten. Der schnelle Ver­such einiger Dorfbewohner_innen, sich dem Deut­schen Reich anzu­schließen, und die bereit­wil­lige Auf­gabe der tsche­chi­schen Staats­bür­ger­schaft unter­streicht das. Josefs Zuge­hö­rig­keit zur jüdi­schen Gemein­schaft durch seine Familie und den Auf­ent­halt im KZ zwingen ihn dazu, Rache zu üben.

Nun endet der Film nicht an dieser Stelle, son­dern zeigt die wei­tere wech­sel­volle Nach­kriegs­ge­schichte des Dorfes u.a. am Bei­spiel der Hin­rich­tung und Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen: Die Region und somit Schwarz­bach hatte einige Län­der­wechsel hinter sich. Vom böh­mi­schen Kai­ser­reich zu Öster­reich, zur Tsche­cho­slo­wakei, zum Deut­schen Reich und zurück. Der Film zeigt in Abständen die Zeit von 1939 bis 1957. Die jewei­ligen poli­ti­schen Ver­hält­nisse werden mit mäch­tigen Sym­bolen wie dem Haken­kreuz oder der sowje­ti­schen Flagge mar­kiert. Jede Fahne wird über die Zeit mit der glei­chen Singer-Näh­ma­schine her­ge­stellt, welche als Symbol für den gleich­blei­benden Alltag steht.

Die Geschichte wie­der­holt sich. Zwar hängen nun andere Fahnen am Rat­haus und andere Per­sonen sind an der Macht, jedoch ähneln die Methoden der Auf­klä­rung der Nazi­ver­bre­chen denen der Nazis selbst. Beson­ders auf­fällig wird das, als nach der Befreiung von den deut­schen Okku­panten für Deut­sche die Pflicht zum Tragen von weißen Bän­dern an den Ärmeln ein­ge­führt wird. Diese Pflicht wird durch die neue Dorf­re­gie­rung um Josef erlassen.

Einzig Marie und ihre Kinder wirken am Ende als Hoff­nungs­träger. Denn wäh­rend des gesamten Films scheint Marie die ein­zige Figur zu sein, die stets ver­sucht, mora­lisch zu han­deln. Zum Ende des Filmes ver­lässt sie mit ihren Kin­dern das Dorf und scheint die Ver­gan­gen­heit hinter sich zu lassen. Die Frage nach Iden­tität ist in Bezug auf Marie nicht an einen Ort, son­dern an ihren Cha­rakter gebunden. Sie weiß, wer sie ist und geht am Ende des Filmes auf die Suche nach einer neuen Heimat. Die anderen Dorfbewohner_innen bleiben in Schwarz­bach zurück und müssen mit ihrer Schuld leben.

Es ist die Per­spek­tive eines vom Krieg gebeu­telten, fast ver­ges­senen Dorfes zwi­schen den Län­der­grenzen, dessen Über­leben nahezu nur durch Anpas­sung funk­tio­nierte und mensch­li­ches Mit­ein­ander den poli­ti­schen Gege­ben­heiten unter­ge­ordnet wurde. Der Film ent­lässt die Zuschauer_innen geschockt und gleich­zeitig mit­füh­lend in den Alltag der heu­tigen Zeit.

 

Sláma, Bohdan: Kra­jina ve Stinu (Shadow Country). Tsche­chien, 2020, 135 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Inter­view mit Regis­seur Bohdan Sláma: https://eefb.org/country/czech-republic/bohdan-slama-on-shadow-country/