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Ein Treppenhaus in Lemberg

Posted on 28. Oktober 2019 by Mira Nagel
Vier Frauen, vier Generationen – ein Haus im Herzen Lembergs. Von Müttern und Töchtern, von politischen und privaten Unabhängigkeitsbestrebungen erzählt Żanna Słoniowskas Debütroman "Das Licht der Frauen". Ein elf Meter hohes Glasmosaik in einem Lemberger Treppenhaus wird dabei zum vieldeutigen Orientierungspunkt.

Vier Frauen, vier Generationen – ein Haus im Herzen Lembergs. Von Müttern und Töchtern, von politischen und privaten Unabhängigkeitsbestrebungen erzählt Żanna Słoniowskas Debütroman Das Licht der Frauen. Ein elf Meter hohes Glasmosaik in einem Lemberger Treppenhaus wird dabei zum vieldeutigen Orientierungspunkt.

 

Schillernd, verstaubt, fragmentiert – Versatzstücke aus buntem Glas fügen sich in ein elf Meter hohes Mosaik. Ein Treppenhaus im Herzen Lembergs. Fast könnten die Versatzstücke symbolisch für die wechselhafte Geschichte der Stadt stehen. Oder aber für die Schicksale der vier Frauen, die gemeinsam in dem Haus mit der außergewöhnlichen Glasmalerei wohnen. In ihrem Debütroman Das Licht der Frauen erzählt Żanna Słoniowska von vier Generationen, deren Schicksale untrennbar mit den politischen Umständen ihrer Zeit verflochten sind. Urgroßmutter, Großmutter, Mutter, Tochter: Im Mittelpunkt steht die jüngste von ihnen. Aus ihrer Sicht erzählt der Roman, der mit einem tragischen Vorfall beginnt: dem Tod der Mutter der Ich-Erzählerin. 1988, im Kampffür eine unabhängige Ukraine, wird die willensstarke Opernsängerin Marianna von einem Scharfschützen erschossen. Dieses Ereignis wird zum Bezugspunkt, um den die Erzählungen der inzwischen erwachsenen Protagonistin kreisen.

 

 

Lemberg als Schauplatz

Lemberg – Lwów, Lʼvov, Lʼviv – mit seiner bewegten Geschichte sowie den unterschiedlichen Ethnien, die sich in das Stadtbild eingeschrieben haben, wird zum politischen Schauplatz, vor dessen Hintergrund der Roman erzählt. Untrennbar mit dem Leben der Protagonist_nnen verbunden, erweitert sich dieser historische Erzählstrang um Fragen nach Zugehörigkeit und nationalem Bekenntnis. Es wird dabei deutlich, wie tief das Politische seine Gräben durch die Beziehung der vier Frauen gezogen hat: Schweigend protestiert Urgroßmutter Stanislawa, bekennende sowjetische Russin, gegen die ukrainischen Unabhängigkeitsträume ihrer Enkelin Marianna. Großmutter Aba hingegen fühlt sich als „Polin mit Haut und Haar“, die in Lemberg das Polnische sucht. Die jeweiligen Lebensgeschichten, die mit so deutlichen Zugehörigkeitsbekenntnissen verbunden sind, erzählen dabei vom Scheitern persönlicher Unabhängigkeitsbestrebungen: Großmutter Aba wäre als Malerin mit Chopin ausgewandert, hätte ihre Mutter Stanislawa sie nicht davon abgehalten. Mit den an die Tochter Aba gerichteten Worten „Wir haben ein Herz“ bringt Stanislawa das zum Ausdruck, was die Beziehung der Frauen charakterisiert: eine intime Verbundenheit, die auch repressive Momente in sich birgt. Großmutter Aba etwa wird gegen ihren Willen Ärztin und mit dem Liebhaber ihrer Mutter zwangsverheiratet.

Słoniowskas Sprache ist eine kraftvolle, die ohne viele Umschreibungenauskommt. Kein Satz wirkt zu viel, kein Wort überflüssig. Mit wenigen, treffenden Worten skizziert sie die Protagonisti_nnen; mit klaren, poetischen Bildern beschreibt sie ganze historische Zusammenhänge. Das geschieht mit einer Leichtigkeit, die nie bemüht wirkt: „So trieben wir auf dem Gewässer zwischen den Felsen zweier Epochen, und selbst ich konnte mich der Begeisterung und Ekstase hingeben, denn ich sah diese neue Zukunft so, wie es Mama getan hätte, deren Hoffnungen sich sämtlich vor unseren Augen erfüllten“. Mit diesem Bild erinnert sich die Ich-Erzählerin an die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter, als die ersehnte Unabhängigkeit der Ukraine 1991 Realität wird.

Die Geschichten und Erinnerungen der Protagonist_innen verdichten sich zu unterschiedlichen Erzählsträngen, die sich mal abwechseln, mal ineinander verwoben werden. Das Erwachsenwerden der Ich-Erzählerin steht dabei im Mittelpunkt: Die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter Marianna arbeitet sie nicht nur in den Erinnerungen auf, sondern auch durch die Begegnung mit Mikolaj: Den Kunstdozenten, bekennenden Lemberger und ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter trifft sie beim Entstauben des Glasmosaiks im Treppenhaus. Er ist es auch, der sie durch das dichte Palimpsest der Stadt mit ihren polnischen, jüdischen, sowjetischen und nicht zuletzt ukrainischen Denkmälern führt. So, dass sie begreift: „Jeder von uns war eine Frucht Lembergs, ein von dieser Stadt ausgebrütetes Ei, geschlüpft auf ihren Straßen und in sie eingeschrieben“. Die lokale Zugehörigkeit ist es, zu der sie sich schließlich bekennt.

 

Jenseits nationaler Begrenzungen

In der Haltung der jüngsten der vier Frauen zeigt sich das, worum es Słoniowska geht: Um Zugehörigkeiten, die sich keiner Form von nationalen Setzungen unterordnen lassen, sondern sich vielmehr auf die Identifikation mit dem Ort sowie auf individuelle Selbstbestimmung beziehen. Żanna Słoniowska schrieb ihren Debütroman als gebürtige Ukrainerin mit polnischen und russischen Wurzeln auf Polnisch. Für ihren Roman, der den polnischen Titel Dom z witrażem (dt. „Haus mit Glasfenster“) trägt und von Olaf Kühl ins Deutsche übertragen wurde, erhielt Słoniowska 2016 den wichtigsten polnischen Literaturpreis für Debütanten, den Conrad-Preis. Obgleich sie von der polnischen Kritik viel Zuspruch erhielt, wurde sie auch mit kritischen Stimmen konfrontiert: „Mir vorgeworfen, mein Polnisch sei nicht ‚rein‘ genug. Ich wurde gefragt, wie ich es wagen könnte, auf Polnisch zu schreiben“, erzählt die gebürtige Lembergerin und heute in Krakau lebende Autorin, Übersetzerin und Journalistin in einem Interview.

Im letzten Kapitel, mit nur wenig zeitlicher Distanz (der Roman wurde 2014 veröffentlicht), erzählt Słoniowska von den Protesten auf dem Majdan im Jahr 2013. Die Ich-Erzählerin demonstriert für eine pro-europäische Ukraine. Zur tragischen Rahmung wird dabei die ukrainische Flagge: Zu Beginn des Romans ist es ihre Mutter, deren Leichnam in das blau-gelbe Tuch gehüllt wird, im letzten Kapitel sind es die Gefallenen auf dem Majdan. Es ist das eindeutige Bekenntnis der Protagonistin zu einer pro-europäischen Ukraine, das sich mit dem leisen Apell an ein Grenzen übergreifendes Miteinander verbindet. Die schillernde Glasmalerei im zunehmend maroden Treppenhaus steht dabei noch einmal für die Absurdität nationalistischer Abgrenzungen: Die Erhaltung des Glasmosaiks durch polnische Unterstützung scheitert am falsch verstandenen Patriotismus der Lemberger Behörden.

 

Literatur:
Słoniowska, Żanna: Das Licht der Frauen. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Zürich 2018.
Słoniowska, Żanna: Dom z witrażem. Kraków 2014.Weiterführende Links

Interview mit Żanna Słoniowska: „Europa macht die Ukrainerinnen selbstbewusst“, 2018.

Ein Treppenhaus in Lemberg – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Trep­pen­haus in Lemberg

Vier Frauen, vier Genera­tionen – ein Haus im Herzen Lem­bergs. Von Müt­tern und Töch­tern, von poli­ti­schen und pri­vaten Unab­hän­gig­keits­be­stre­bungen erzählt Żanna Sło­niowskas Debüt­roman Das Licht der Frauen. Ein elf Meter hohes Glas­mo­saik in einem Lem­berger Trep­pen­haus wird dabei zum viel­deu­tigen Orientierungspunkt.

 

Schil­lernd, ver­staubt, frag­men­tiert – Ver­satz­stücke aus buntem Glas fügen sich in ein elf Meter hohes Mosaik. Ein Trep­pen­haus im Herzen Lem­bergs. Fast könnten die Ver­satz­stücke sym­bo­lisch für die wech­sel­hafte Geschichte der Stadt stehen. Oder aber für die Schick­sale der vier Frauen, die gemeinsam in dem Haus mit der außer­ge­wöhn­li­chen Glas­ma­lerei wohnen. In ihrem Debüt­roman Das Licht der Frauen erzählt Żanna Sło­niowska [ukr. Žanna Slon’ovs’ka] von vier Genera­tionen, deren Schick­sale untrennbar mit den poli­ti­schen Umständen ihrer Zeit ver­flochten sind. Urgroß­mutter, Groß­mutter, Mutter, Tochter: Im Mit­tel­punkt steht die jüngste von ihnen. Aus ihrer Sicht erzählt der Roman, der mit einem tra­gi­schen Vor­fall beginnt: dem Tod der Mutter der Ich-Erzäh­lerin. 1988, im Kampffür eine unab­hän­gige Ukraine, wird die wil­lens­starke Opern­sän­gerin Mari­anna von einem Scharf­schützen erschossen. Dieses Ereignis wird zum Bezugs­punkt, um den die Erzäh­lungen der inzwi­schen erwach­senen Prot­ago­nistin kreisen.

 

 

Lem­berg als Schauplatz

Lem­berg – Lwów, L’vov, L’viv – mit seiner bewegten Geschichte sowie den unter­schied­li­chen Eth­nien, die sich in das Stadt­bild ein­ge­schrieben haben, wird zum poli­ti­schen Schau­platz, vor dessen Hin­ter­grund der Roman erzählt. Untrennbar mit dem Leben der Protagonist_nnen ver­bunden, erwei­tert sich dieser his­to­ri­sche Erzähl­strang um Fragen nach Zuge­hö­rig­keit und natio­nalem Bekenntnis. Es wird dabei deut­lich, wie tief das Poli­ti­sche seine Gräben durch die Bezie­hung der vier Frauen gezogen hat: Schwei­gend pro­tes­tiert Urgroß­mutter Sta­nis­lawa, beken­nende sowje­ti­sche Russin, gegen die ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keitsträume ihrer Enkelin Mari­anna. Groß­mutter Aba hin­gegen fühlt sich als „Polin mit Haut und Haar“, die in Lem­berg das Pol­ni­sche sucht. Die jewei­ligen Lebens­ge­schichten, die mit so deut­li­chen Zuge­hö­rig­keits­be­kennt­nissen ver­bunden sind, erzählen dabei vom Schei­tern per­sön­li­cher Unab­hän­gig­keits­be­stre­bungen: Groß­mutter Aba wäre als Malerin mit Chopin aus­ge­wan­dert, hätte ihre Mutter Sta­nis­lawa sie nicht davon abge­halten. Mit den an die Tochter Aba gerich­teten Worten „Wir haben ein Herz“ bringt Sta­nis­lawa das zum Aus­druck, was die Bezie­hung der Frauen cha­rak­te­ri­siert: eine intime Ver­bun­den­heit, die auch repres­sive Momente in sich birgt. Groß­mutter Aba etwa wird gegen ihren Willen Ärztin und mit dem Lieb­haber ihrer Mutter zwangsverheiratet.

Sło­niowskas Sprache ist eine kraft­volle, die ohne viele Umschrei­b­un­ge­n­aus­kommt. Kein Satz wirkt zu viel, kein Wort über­flüssig. Mit wenigen, tref­fenden Worten skiz­ziert sie die Protagonisti_nnen; mit klaren, poe­ti­schen Bil­dern beschreibt sie ganze his­to­ri­sche Zusam­men­hänge. Das geschieht mit einer Leich­tig­keit, die nie bemüht wirkt: „So trieben wir auf dem Gewässer zwi­schen den Felsen zweier Epo­chen, und selbst ich konnte mich der Begeis­te­rung und Ekstase hin­geben, denn ich sah diese neue Zukunft so, wie es Mama getan hätte, deren Hoff­nungen sich sämt­lich vor unseren Augen erfüllten“. Mit diesem Bild erin­nert sich die Ich-Erzäh­lerin an die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter, als die ersehnte Unab­hän­gig­keit der Ukraine 1991 Rea­lität wird.

Die Geschichten und Erin­ne­rungen der Protagonist_innen ver­dichten sich zu unter­schied­li­chen Erzähl­strängen, die sich mal abwech­seln, mal inein­ander ver­woben werden. Das Erwach­sen­werden der Ich-Erzäh­lerin steht dabei im Mit­tel­punkt: Die Bezie­hung zu ihrer ver­stor­benen Mutter Mari­anna arbeitet sie nicht nur in den Erin­ne­rungen auf, son­dern auch durch die Begeg­nung mit Mikolaj: Den Kunst­do­zenten, beken­nenden Lem­berger und ehe­ma­ligen Lieb­haber ihrer Mutter trifft sie beim Ent­stauben des Glas­mo­saiks im Trep­pen­haus. Er ist es auch, der sie durch das dichte Palim­psest der Stadt mit ihren pol­ni­schen, jüdi­schen, sowje­ti­schen und nicht zuletzt ukrai­ni­schen Denk­mä­lern führt. So, dass sie begreift: „Jeder von uns war eine Frucht Lem­bergs, ein von dieser Stadt aus­ge­brü­tetes Ei, geschlüpft auf ihren Straßen und in sie ein­ge­schrieben“. Die lokale Zuge­hö­rig­keit ist es, zu der sie sich schließ­lich bekennt.

 

Jen­seits natio­naler Begrenzungen

In der Hal­tung der jüngsten der vier Frauen zeigt sich das, worum es Sło­niowska geht: Um Zuge­hö­rig­keiten, die sich keiner Form von natio­nalen Set­zungen unter­ordnen lassen, son­dern sich viel­mehr auf die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Ort sowie auf indi­vi­du­elle Selbst­be­stim­mung beziehen. Żanna Sło­niowska schrieb ihren Debüt­roman als gebür­tige Ukrai­nerin mit pol­ni­schen und rus­si­schen Wur­zeln auf Pol­nisch. Für ihren Roman, der den pol­ni­schen Titel Dom z witrażem (dt. „Haus mit Glas­fenster“) trägt und von Olaf Kühl ins Deut­sche über­tragen wurde, erhielt Sło­niowska 2016 den wich­tigsten pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis für Debü­tanten, den Conrad-Preis. Obgleich sie von der pol­ni­schen Kritik viel Zuspruch erhielt, wurde sie auch mit kri­ti­schen Stimmen kon­fron­tiert: „Mir [wurde] vor­ge­worfen, mein Pol­nisch sei nicht ‚rein‘ genug. Ich wurde gefragt, wie ich es wagen könnte, auf Pol­nisch zu schreiben“, erzählt die gebür­tige Lem­ber­gerin und heute in Krakau lebende Autorin, Über­set­zerin und Jour­na­listin in einem Interview.

Im letzten Kapitel, mit nur wenig zeit­li­cher Distanz (der Roman wurde 2014 ver­öf­fent­licht), erzählt Sło­niowska von den Pro­testen auf dem Majdan im Jahr 2013. Die Ich-Erzäh­lerin demons­triert für eine pro-euro­päi­sche Ukraine. Zur tra­gi­schen Rah­mung wird dabei die ukrai­ni­sche Flagge: Zu Beginn des Romans ist es ihre Mutter, deren Leichnam in das blau-gelbe Tuch gehüllt wird, im letzten Kapitel sind es die Gefal­lenen auf dem Majdan. Es ist das ein­deu­tige Bekenntnis der Prot­ago­nistin zu einer pro-euro­päi­schen Ukraine, das sich mit dem leisen Apell an ein Grenzen über­grei­fendes Mit­ein­ander ver­bindet. Die schil­lernde Glas­ma­lerei im zuneh­mend maroden Trep­pen­haus steht dabei noch einmal für die Absur­dität natio­na­lis­ti­scher Abgren­zungen: Die Erhal­tung des Glas­mo­saiks durch pol­ni­sche Unter­stüt­zung schei­tert am falsch ver­stan­denen Patrio­tismus der Lem­berger Behörden.

 

Lite­ratur:
Sło­niowska, Żanna: Das Licht der Frauen. Aus dem Pol­ni­schen von Olaf Kühl. Zürich 2018.
Sło­niowska, Żanna: Dom z witrażem. Kraków 2014.Weiterführende Links

Inter­view mit Żanna Sło­niowska: „Europa macht die Ukrai­ne­rinnen selbst­be­wusst“, 2018.