Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

(Keine) Ein­fache Entscheidung

Plötz­lich Vater und dann auch noch allein­er­zie­hend: Dieses Schicksal ereilt Erik im Film Võta või jäta (Take it or Leave it, 2018), der auf fast doku­men­ta­ri­sche Weise zeigt, welche Ver­än­de­rungen ein neuer Lebens­ab­schnitt in sich birgt.

 

Reimo Sagor spielt Erik, einen 30-jäh­rigen Bau­ar­beiter aus Est­land, der in Finn­land arbeitet und unge­bunden, ohne grö­ßere Ver­ant­wor­tung seinen Weg geht. Ent­spre­chend über­wäl­tigt ist er, als er, nachdem sie sich sechs Monate nicht gesehen hatten, von seiner Ex-Freundin Moo­nika (Liis Lass) erfährt, dass diese (anschei­nend) von ihm schwanger ist. Moo­nika aller­dings fühlt sich nicht in der Lage, das Kind groß­zu­ziehen, wes­halb sie Erik vor die schwer­wie­gende Ent­schei­dung stellt, ent­weder seine Tochter Mai zu sich zu nehmen oder zur Adop­tion frei­geben zu lassen. Er wählt die erste Option und stellt sich unge­schickt den Her­aus­for­de­rungen eines jungen Vaters.

Erst sucht Erik die Hilfe seiner Eltern, doch schon bald kommt es zu Kon­flikten, womit er auf sich allein gestellt ist. Die schiere Über­for­de­rung Eriks wird in einer Szene in der Mitte des Films deut­lich. Er ver­sucht die schrei­ende Mai im Bad zu waschen, bis ihm sowohl die Dusch­brause als auch seine Beherr­schung ent­gleiten. Er hält Mai aus­ge­streckt vor sich, schreit und schüt­telt sie. Schließ­lich nimmt er sie in den Arm. Auf­ge­hört zu schreien hat sie dann immer noch nicht.

Ein anderes Mal lässt er seine Tochter unbe­auf­sich­tigt, wäh­rend er fei­ernd die Nacht zum Tage erklärt. Eine Szene, in der man mit­fie­bert und ihn zur Ver­nunft bringen möchte. Doch Erik wächst mit seinen Auf­gaben. Der Film von Liina Triš­kina-Van­ha­talo erzählt langsam und ohne Wer­tung, wie der Prot­ago­nist sich in seiner neuen Iden­tität ein­findet und diese mit der Zeit lieb gewinnt. Der Ein­satz von Hand­ka­mera ver­stärkt den Rea­lismus der gefilmten bewegten Lebens­ver­hält­nisse der Figuren. Die Bilder, anfangs farblos und trist, ändern sich im Laufe des Gesche­hens zu etwas hei­teren und vor allem kla­reren Ein­stel­lungen. Es bleibt jedoch eine ange­spannte Grund­stim­mung, die die pre­kären Umstände, die Schwere der Ent­schei­dungen, die zunächst man­gelnde Für­sorge Eriks und schließ­lich den erneuten Kon­flikt mit Moo­nika um das Sor­ge­recht unter­streicht. Gleich­zeitig wan­delt sich Erik vom wort­kargen Ein­zel­gänger zum ver­ant­wor­tungs­be­wussten Fami­li­en­vater. Auf Par­ties ist er nun Außen­seiter, im Park oder beim Eltern-Kind Schwimmen ist er der ein­zige Mann umgeben von Müt­tern. Sagor spielt all diese Facetten über­zeu­gend und wurde zu Recht mit dem „Preis für einen her­aus­ra­genden Dar­steller“ des dies­jäh­rigen Film­fes­ti­vals in Cottbus ausgezeichnet.

Im Film werden fami­liäre Rol­len­vor­stel­lungen und die est­län­di­sche Gesell­schaft unter die Lupe genommen. Moo­nika, kühl und unent­schieden, ent­spricht nicht dem Ideal der sich auf­op­fernden Mutter. Erik, durchaus durch­set­zungs­fähig und macho­haft, ist hin­gegen noch nicht für die Vater­schaft bereit. Die Cha­rak­ter­züge der Figuren sind weder kli­schee­haft noch über­zeichnet. Im Gegen­teil, ihr Ver­halten wird nach­voll­ziehbar, wenn man die Umstände beachtet, in denen sie sich wie­der­finden. Finn­land als wohl­ha­bender Nachbar ist für viele attraktiv, um Geld zu ver­dienen, in Est­land jedoch warten häufig Familie und Freunde. Es kommt zum Kon­flikt zwi­schen dem Streben nach Wohl­stand und zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hungen. Dieser Kon­flikt wird auf meh­reren Ebenen im Film deut­lich und führt letzt­end­lich sogar zur Tren­nung von Erik und Katrin, auch allein­er­zie­hender Mutter und zwi­schen­zeit­lich seiner Part­nerin. Nachdem ihm ein lukra­tives Job­an­gebot unter­breitet wurde, fragt er sie, ob sie sich für eine gewisse Zeit um beide Kinder küm­mern könnte, was sie ent­schieden zurückweist.

Etwas über­ra­schend endet der Film mit der Eröff­nung eines ganz neuen Hand­lungs­strangs, der jedoch nur ange­rissen wird. Zwar taucht, wie man hätte erwarten können, Moo­nika wieder auf, aber es wird auch eine weite Reise in Aus­sicht gestellt. Das lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Triš­kina-Van­ha­talos Spiel­film­debüt ist den­noch atmo­sphä­risch insze­niert, glaub­würdig gespielt und von Anfang an mit­rei­ßend erzählt.

 

Triš­kina-Van­ha­talo, Liina: Võta või jäta (Take it or Leave it). Est­land, 2018, 102 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Võta või jäta auf dem Film­Fes­tival Cottbus