http://www.novinki.de

(Keine) Einfache Entscheidung

Posted on 1. Mai 2019 by Jonas Frankenreiter
Plötzlich Vater und dann auch noch alleinerziehend: Dieses Schicksal ereilt Erik im Film "Võta või jäta" (Take it or Leave it, 2018), der auf fast dokumentarische Weise zeigt, welche Veränderungen ein neuer Lebensabschnitt in sich birgt.

Plötzlich Vater und dann auch noch alleinerziehend: Dieses Schicksal ereilt Erik im Film Võta või jäta (Take it or Leave it, 2018), der auf fast dokumentarische Weise zeigt, welche Veränderungen ein neuer Lebensabschnitt in sich birgt.

 

Reimo Sagor spielt Erik, einen 30-jährigen Bauarbeiter aus Estland, der in Finnland arbeitet und ungebunden, ohne größere Verantwortung seinen Weg geht. Entsprechend überwältigt ist er, als er, nachdem sie sich sechs Monate nicht gesehen hatten, von seiner Ex-Freundin Moonika (Liis Lass) erfährt, dass diese (anscheinend) von ihm schwanger ist. Moonika allerdings fühlt sich nicht in der Lage, das Kind großzuziehen, weshalb sie Erik vor die schwerwiegende Entscheidung stellt, entweder seine Tochter Mai zu sich zu nehmen oder zur Adoption freigeben zu lassen. Er wählt die erste Option und stellt sich ungeschickt den Herausforderungen eines jungen Vaters.

Erst sucht Erik die Hilfe seiner Eltern, doch schon bald kommt es zu Konflikten, womit er auf sich allein gestellt ist. Die schiere Überforderung Eriks wird in einer Szene in der Mitte des Films deutlich. Er versucht die schreiende Mai im Bad zu waschen, bis ihm sowohl die Duschbrause als auch seine Beherrschung entgleiten. Er hält Mai ausgestreckt vor sich, schreit und schüttelt sie. Schließlich nimmt er sie in den Arm. Aufgehört zu schreien hat sie dann immer noch nicht.

Ein anderes Mal lässt er seine Tochter unbeaufsichtigt, während er feiernd die Nacht zum Tage erklärt. Eine Szene, in der man mitfiebert und ihn zur Vernunft bringen möchte. Doch Erik wächst mit seinen Aufgaben. Der Film von Liina Triškina-Vanhatalo erzählt langsam und ohne Wertung, wie der Protagonist sich in seiner neuen Identität einfindet und diese mit der Zeit lieb gewinnt. Der Einsatz von Handkamera verstärkt den Realismus der gefilmten bewegten Lebensverhältnisse der Figuren. Die Bilder, anfangs farblos und trist, ändern sich im Laufe des Geschehens zu etwas heiteren und vor allem klareren Einstellungen. Es bleibt jedoch eine angespannte Grundstimmung, die die prekären Umstände, die Schwere der Entscheidungen, die zunächst mangelnde Fürsorge Eriks und schließlich den erneuten Konflikt mit Moonika um das Sorgerecht unterstreicht. Gleichzeitig wandelt sich Erik vom wortkargen Einzelgänger zum verantwortungsbewussten Familienvater. Auf Parties ist er nun Außenseiter, im Park oder beim Eltern-Kind Schwimmen ist er der einzige Mann umgeben von Müttern. Sagor spielt all diese Facetten überzeugend und wurde zu Recht mit dem „Preis für einen herausragenden Darsteller“ des diesjährigen Filmfestivals in Cottbus ausgezeichnet.

Im Film werden familiäre Rollenvorstellungen und die estländische Gesellschaft unter die Lupe genommen. Moonika, kühl und unentschieden, entspricht nicht dem Ideal der sich aufopfernden Mutter. Erik, durchaus durchsetzungsfähig und machohaft, ist hingegen noch nicht für die Vaterschaft bereit. Die Charakterzüge der Figuren sind weder klischeehaft noch überzeichnet. Im Gegenteil, ihr Verhalten wird nachvollziehbar, wenn man die Umstände beachtet, in denen sie sich wiederfinden. Finnland als wohlhabender Nachbar ist für viele attraktiv, um Geld zu verdienen, in Estland jedoch warten häufig Familie und Freunde. Es kommt zum Konflikt zwischen dem Streben nach Wohlstand und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dieser Konflikt wird auf mehreren Ebenen im Film deutlich und führt letztendlich sogar zur Trennung von Erik und Katrin, auch alleinerziehender Mutter und zwischenzeitlich seiner Partnerin. Nachdem ihm ein lukratives Jobangebot unterbreitet wurde, fragt er sie, ob sie sich für eine gewisse Zeit um beide Kinder kümmern könnte, was sie entschieden zurückweist.

Etwas überraschend endet der Film mit der Eröffnung eines ganz neuen Handlungsstrangs, der jedoch nur angerissen wird. Zwar taucht, wie man hätte erwarten können, Moonika wieder auf, aber es wird auch eine weite Reise in Aussicht gestellt. Das lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Triškina-Vanhatalos Spielfilmdebüt ist dennoch atmosphärisch inszeniert, glaubwürdig gespielt und von Anfang an mitreißend erzählt.

 

Triškina-Vanhatalo, Liina: Võta või jäta (Take it or Leave it). Estland, 2018, 102 Min.

 

Weiterführende Links

Võta või jäta auf dem FilmFestival Cottbus

(Keine) Einfache Entscheidung – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

(Keine) Ein­fache Entscheidung

Plötz­lich Vater und dann auch noch allein­er­zie­hend: Dieses Schicksal ereilt Erik im Film Võta või jäta (Take it or Leave it, 2018), der auf fast doku­men­ta­ri­sche Weise zeigt, welche Ver­än­de­rungen ein neuer Lebens­ab­schnitt in sich birgt.

 

Reimo Sagor spielt Erik, einen 30-jäh­rigen Bau­ar­beiter aus Est­land, der in Finn­land arbeitet und unge­bunden, ohne grö­ßere Ver­ant­wor­tung seinen Weg geht. Ent­spre­chend über­wäl­tigt ist er, als er, nachdem sie sich sechs Monate nicht gesehen hatten, von seiner Ex-Freundin Moo­nika (Liis Lass) erfährt, dass diese (anschei­nend) von ihm schwanger ist. Moo­nika aller­dings fühlt sich nicht in der Lage, das Kind groß­zu­ziehen, wes­halb sie Erik vor die schwer­wie­gende Ent­schei­dung stellt, ent­weder seine Tochter Mai zu sich zu nehmen oder zur Adop­tion frei­geben zu lassen. Er wählt die erste Option und stellt sich unge­schickt den Her­aus­for­de­rungen eines jungen Vaters.

Erst sucht Erik die Hilfe seiner Eltern, doch schon bald kommt es zu Kon­flikten, womit er auf sich allein gestellt ist. Die schiere Über­for­de­rung Eriks wird in einer Szene in der Mitte des Films deut­lich. Er ver­sucht die schrei­ende Mai im Bad zu waschen, bis ihm sowohl die Dusch­brause als auch seine Beherr­schung ent­gleiten. Er hält Mai aus­ge­streckt vor sich, schreit und schüt­telt sie. Schließ­lich nimmt er sie in den Arm. Auf­ge­hört zu schreien hat sie dann immer noch nicht.

Ein anderes Mal lässt er seine Tochter unbe­auf­sich­tigt, wäh­rend er fei­ernd die Nacht zum Tage erklärt. Eine Szene, in der man mit­fie­bert und ihn zur Ver­nunft bringen möchte. Doch Erik wächst mit seinen Auf­gaben. Der Film von Liina Triš­kina-Van­ha­talo erzählt langsam und ohne Wer­tung, wie der Prot­ago­nist sich in seiner neuen Iden­tität ein­findet und diese mit der Zeit lieb gewinnt. Der Ein­satz von Hand­ka­mera ver­stärkt den Rea­lismus der gefilmten bewegten Lebens­ver­hält­nisse der Figuren. Die Bilder, anfangs farblos und trist, ändern sich im Laufe des Gesche­hens zu etwas hei­teren und vor allem kla­reren Ein­stel­lungen. Es bleibt jedoch eine ange­spannte Grund­stim­mung, die die pre­kären Umstände, die Schwere der Ent­schei­dungen, die zunächst man­gelnde Für­sorge Eriks und schließ­lich den erneuten Kon­flikt mit Moo­nika um das Sor­ge­recht unter­streicht. Gleich­zeitig wan­delt sich Erik vom wort­kargen Ein­zel­gänger zum ver­ant­wor­tungs­be­wussten Fami­li­en­vater. Auf Par­ties ist er nun Außen­seiter, im Park oder beim Eltern-Kind Schwimmen ist er der ein­zige Mann umgeben von Müt­tern. Sagor spielt all diese Facetten über­zeu­gend und wurde zu Recht mit dem „Preis für einen her­aus­ra­genden Dar­steller“ des dies­jäh­rigen Film­fes­ti­vals in Cottbus ausgezeichnet.

Im Film werden fami­liäre Rol­len­vor­stel­lungen und die est­län­di­sche Gesell­schaft unter die Lupe genommen. Moo­nika, kühl und unent­schieden, ent­spricht nicht dem Ideal der sich auf­op­fernden Mutter. Erik, durchaus durch­set­zungs­fähig und macho­haft, ist hin­gegen noch nicht für die Vater­schaft bereit. Die Cha­rak­ter­züge der Figuren sind weder kli­schee­haft noch über­zeichnet. Im Gegen­teil, ihr Ver­halten wird nach­voll­ziehbar, wenn man die Umstände beachtet, in denen sie sich wie­der­finden. Finn­land als wohl­ha­bender Nachbar ist für viele attraktiv, um Geld zu ver­dienen, in Est­land jedoch warten häufig Familie und Freunde. Es kommt zum Kon­flikt zwi­schen dem Streben nach Wohl­stand und zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hungen. Dieser Kon­flikt wird auf meh­reren Ebenen im Film deut­lich und führt letzt­end­lich sogar zur Tren­nung von Erik und Katrin, auch allein­er­zie­hender Mutter und zwi­schen­zeit­lich seiner Part­nerin. Nachdem ihm ein lukra­tives Job­an­gebot unter­breitet wurde, fragt er sie, ob sie sich für eine gewisse Zeit um beide Kinder küm­mern könnte, was sie ent­schieden zurückweist.

Etwas über­ra­schend endet der Film mit der Eröff­nung eines ganz neuen Hand­lungs­strangs, der jedoch nur ange­rissen wird. Zwar taucht, wie man hätte erwarten können, Moo­nika wieder auf, aber es wird auch eine weite Reise in Aus­sicht gestellt. Das lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Triš­kina-Van­ha­talos Spiel­film­debüt ist den­noch atmo­sphä­risch insze­niert, glaub­würdig gespielt und von Anfang an mit­rei­ßend erzählt.

 

Triš­kina-Van­ha­talo, Liina: Võta või jäta (Take it or Leave it). Est­land, 2018, 102 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Võta või jäta auf dem Film­Fes­tival Cottbus