Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ende der Geschichte, vor­rüber­ge­hend ausgesetzt

Maša Gessen [Masha Gessen] hat über Pussy Riot, Putin und den Mathe­ma­tiker Per­elman geschrieben. Für die New York Times berichtet sie regel­mäßig über ihre rus­si­sche Heimat, aus der sie zwei Mal emi­grierte. Nun hat sie ihre Erfah­rungen und Ent­täu­schungen lite­ra­risch ver­ar­beitet. Dafür wurde sie in Leipzig mit dem Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung ausgezeichnet.

 

Dieses Buch über Russ­land will den ganz großen Bogen spannen: Vom begin­nenden Zer­fall der Sowjet­union, über die chao­ti­schen Neun­ziger, hin zur schlei­chenden Rück­kehr des Auto­ri­ta­rismus unter Vla­dimir Putin. Eine Refe­renz an Francis Fuku­yamas Ende der Geschichte darf dabei nicht fehlen. Das hat sich wohl auch der Suhr­kamp-Verlag gedacht, als er die Rück­seite von Maša Ges­sens epo­chalem Werk mit eben jenem so oft zitierten und nicht minder häufig wider­legten US-Phi­lo­so­phen schmückte. Dieser hatte nach dem Nie­der­gang des sowje­ti­schen Staats­kom­mu­nismus den welt­weiten Sie­geszug der frei­heit­li­chen Demo­kratie prophezeit.

 

Maša Ges­sens Ant­wort auf Fuku­yama trägt den Titel Die Zukunft ist Geschichte. Es ist eine Abrech­nung mit Russ­land geworden. Eine Abrech­nung mit dem Land, in das ihre Familie einst voller Hoff­nung zurück­kehrte und das Maša Gessen wieder ver­ließ, als der Hass auf Min­der­heiten zu groß wurde. Heute kom­men­tiert die offen les­bisch lebende Jour­na­listin das poli­ti­sche Geschehen in ihrer Heimat für die New York Times. Ihren kri­ti­schen Blick als Außen­ste­hende und Betrof­fene zugleich nutzt sie nun, um anhand von vier Lebens­ge­schichten, die in den Jahren der Pere­stroika beginnen, das Por­trait einer Genera­tion zu zeichnen, die sich auch dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vor­hangs noch immer auf der Suche nach der eigenen Iden­tität befindet.

 

Hähn­chen­grüße aus Washington

Eine dieser Bio­gra­phien ist die von Lëša [Ljoscha]. Für Lëša beginnt der Auf­bruch in die von Fuku­yama beschrie­bene, neue freie Welt und ihr Wohl­stands­ver­spre­chen mit Kern­seife. Kern­seife, die seine Mutter Galina sta­pel­weise gegen ihre Zutei­lungs­karten ein­tauscht, weil sie sich zur Kör­per­pflege ebenso gut eignet wie zum Waschen der Wäsche, zum Kurieren von Erkäl­tungen oder zur Ent­fer­nung von Warzen. Gleich­zeitig sorgt ein Han­dels­ab­kommen zwi­schen den Prä­si­denten Gor­bačëv [Gor­bat­schow] und Bush dafür, dass der Mit­tags­tisch mit min­der­wer­tigen Hähn­chen-Rest­be­ständen („Bush-Schenkel“) aus den Ver­ei­nigten Staaten auf­ge­wertet wird.

Der neue Geist und die Frei­heit des Ein­zelnen, für Lëša ver­kör­perte er sich im Fern­sehen. Wäh­rend die Nach­bar­kinder Hunde jagen und sexu­elle Dienst­leis­tungen für ein paar Rubel anbieten, bewun­dert er Lëna Golubkov [Ljona Golubkow], die Heldin einer Wer­be­kam­pagne für ein Schnee­ball­system, das viele rus­si­sche Kleinstsparer_innen um ihre Rück­lagen betrügen wird. Szenen wie diese zeigen die erzäh­le­ri­sche Stärke des Textes. Wenn Maša Gessen die Gro­tesken des All­tags in voll­kommen nüch­terner Sprache zusam­men­trägt und auf­zeigt, wie sich der Schatten der großen Politik dar­über­legt, werden auch für die Leser_innen die Irrungen und Wir­rungen dieses ersten Jahr­zehnts nach dem Ende des Kalten Krieges erfahrbar.

Und es ist viel pas­siert: Das Aus­ein­an­der­bre­chen der Sowjet­union, der Putsch­ver­such gegen die Regie­rung Jel’zin [Jelzin], Schüsse aufs Par­la­ment, zwei Tsche­tsche­ni­en­kriege. Das alles unter den Vor­zei­chen eines ent­ste­henden „Mafia-Staates“, der sich die Über­for­de­rung der Bevöl­ke­rung mit der neu­ge­won­nenen Frei­heit zu Nutze macht, um ein auto­ri­täres Regime zu instal­lieren, das dem alten im Kern nicht gar so unähn­lich ist. Doch wie konnte es soweit kommen?

 

Tota­li­täres Trauma

Zur Beant­wor­tung dieser Frage führt Gessen eine dritte Ebene ein und zeichnet auch die Geschichte der rus­si­schen Wis­sen­schaft nach. Genauer gesagt der Psy­cho­logie und Sozio­logie, denen erst im Reform­eifer der Gorbačëv‑Jahre Rele­vanz ver­liehen wurde. Fach­rich­tungen, die sich explizit mit dem See­len­heil des Indi­vi­duums beschäf­tigen. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eigenen „Ich“ – für den „Homo Sovie­ticus“ bis dato undenkbar. „Homo Sovie­ticus“, so lautet die vom Dis­si­denten Alek­sandr Zinov’ëv populär gemachte Polemik über den vor­herr­schenden, oppor­tu­nis­ti­schen Men­schen­typus in der Sowjet­union. Er zeichnet sich durch einen Anpas­sungs­me­cha­nismus an den tota­li­tären und kol­lektiv aus­ge­rich­teten Unrecht­staat aus, den George Orwell bereits in seinem dys­to­pi­schen Klas­siker 1984 als „Dop­pel­denk“ pos­tu­liert hat: „Bewusst die Unbe­wusst­heit her­bei­zu­führen und sich dann wieder des eben voll­brachten Hyp­no­se­akts unbe­wusst zu werden.“

Der Sozio­loge Lev Gudkov [Lew Gudkow] und das Levada-Zen­trum [Lewada-Zen­trum] machten sich den Begriff zu eigen, um den Wandel im Denken der Bürger_innen, ihre Ängste und Sorgen nach dem Zer­fall des Sowjet­staats zu ergründen. Die Ergeb­nisse der in den Fol­ge­jahren fort­ge­setzten Stu­dien des Levada-Zen­trums lie­fern Gessen die Grund­lage, um mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit eine Ein­füh­rung in die Ideen­ge­schichte des Tota­li­ta­rismus bereit­zu­stellen. Der Auf­stieg des Bie­der­manns Vla­dimir Putin an die Spitze der Macht erklärt sich so fast von selbst. Seine vor­der­grün­dige Eigen­schafts­lo­sig­keit bietet die ideale Pro­jek­ti­ons­fläche für ein Land, das sich nichts sehn­li­cher wünscht als Sta­bi­lität und glaubt, diese in den Übeln der Ver­gan­gen­heit zu finden.

 

Wie aus Jour­na­lismus Lite­ratur wird

Mit Blick auf die poli­ti­sche Land­karte nach der euro­päi­schen Par­la­ments­wahl und die  jüngsten Umfra­ge­er­geb­nisse kurz vor den Land­tags­wahlen in Ost­deutsch­land erweist sich „Zukunft ist Geschichte“ als wür­diger, ja logi­scher Emp­fänger für den Leip­ziger Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung. Dabei sollte jedoch nicht unter­schlagen werden, dass es auch kri­ti­sche Stimmen gibt. Denn so sehr sich die Autorin auch bemüht, ihre eigene Wer­tung im Text zurück­zu­halten – sich darauf beschränkt, Mei­nungen und Beob­ach­tungen gegen­über­zu­stellen und sorg­fältig abzu­wägen – am Ende bleibt es doch die Geschichte, die Maša Gessen uns erzählen möchte. Denn natür­lich ist es ver­messen anzu­nehmen, dass vier aus­ge­wählte Bio­gra­phien das umfas­sende Bild einer Gesell­schaft bieten könnten. So unter­schied­lich die Aus­gangs­punkte im Leben für Lëša, Maša [Mascha], Serëža [Ser­josha] und Žanna [Shanna] auch gewesen sein mögen, reprä­sen­tieren sie doch alle eine bil­dungs­bür­ger­liche Elite, deren Welt­an­schauung nicht allzu weit ent­fernt von der Maša Ges­sens liegen dürfte. Der gesetzte Rahmen der Erzäh­lung bleibt dadurch bewusst eng. Doch das muss nicht zwangs­läufig ein unlau­teres Mittel sein. Es ist sogar legitim, zumal Maša Gessen ihr Vor­gehen durch einen aus­führ­li­chen Prolog und Epilog jeder­zeit kennt­lich macht. Das Buch besticht zudem durch einen mit Anmer­kungen ver­se­henen Quel­len­nach­weis, der den viel geschol­tenen Spiegel-Doku­men­taren Tränen in die Augen treiben müsste. Denn anders als Claas Relo­tius hat Maša Gessen erkannt, dass Jour­na­lismus nur dann zu großer Lite­ratur werden kann, wenn man sie aus den Fakten herausgräbt.

 

Die Hoff­nung stirbt zuletzt

Maša Ges­sens Geschichte endet in den Pro­testen nach der Duma-Wahl von 2011. Als es für einen kurzen Moment so schien, als könnte sich die erste post­so­wje­ti­sche Jugend aus der Umklam­me­rung der Ver­gan­gen­heit befreien. Sie findet ihren tra­gi­schen Höhe­punkt mit der Kul­mi­na­tion des Staats­ter­rors und buch­stäb­li­chen Ermor­dung der Oppo­si­tion in Gestalt von Boris Nemzov [Boris Nemzow].

Es ist ein trau­riges Ende. Ein Ende, das wenig Raum für Hoff­nung lässt und das sich eine resi­gnierte Autorin nur noch mit der umstrit­tenen Todes­trieb-Theorie von Sig­mund Freud erklären kann. Oder, wie es die Psy­cho­ana­ly­ti­kerin Marina Arut­junjan auf den letzten Seiten for­mu­liert: „Dieses Land wollte sich selbst töten. Alles Leben­dige – die Men­schen, ihre Worte, ihr Pro­test, ihre Liebe – rief hier Aggres­sionen hervor. Die Lebens­en­ergie war dieser Gesell­schaft uner­träg­lich geworden. Sie wollte sterben; das Leben war ein aus­län­di­scher Agent.“

Es sind bestür­zende Sätze, die Maša Gessen ihren Leser_innen zum Schluss mit auf dem Weg gibt und man kann nur hoffen, dass sich Geschichte 30 Jahre nach Fuku­yama wie­der­holt und eine These wider­legt wird. Anzei­chen der Hoff­nung gibt es: Zur Stunde scheint es so, dass die Wut über die unrecht­mä­ßige Fest­nahme des Jour­na­listen Ivan Golubov der Zivil­be­völ­ke­rung neues Leben ein­ge­haucht hat. Der Jour­na­list ist frei, die Pro­teste gehen weiter.

 

Gessen, Masha [Gessen, Maša]. Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russ­land die Frei­heit gewann und verlor. Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Anselm Büh­ling. Berlin: Suhr­kamp, 2018.