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Ende der Geschichte, vorrübergehend ausgesetzt

Posted on 29. August 2019 by Fabrice Rüping
Maša Gessen [Masha Gessen] hat über Pussy Riot, Putin und den Mathematiker Perelman geschrieben. Für die New York Times berichtet sie regelmäßig über ihre russische Heimat, aus der sie zwei Mal emigrierte. Nun hat sie ihre Erfahrungen und Enttäuschungen literarisch verarbeitet. Dafür wurde sie in Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Maša Gessen hat über Pussy Riot, Putin und den Mathematiker Perelman geschrieben. Für die New York Times berichtet sie regelmäßig über ihre russische Heimat, aus der sie zwei Mal emigrierte. Nun hat sie ihre Erfahrungen und Enttäuschungen literarisch verarbeitet. Dafür wurde sie in Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

 

Dieses Buch über Russland will den ganz großen Bogen spannen: Vom beginnenden Zerfall der Sowjetunion, über die chaotischen Neunziger, hin zur schleichenden Rückkehr des Autoritarismus unter Vladimir Putin. Eine Referenz an Francis Fukuyamas Ende der Geschichte darf dabei nicht fehlen. Das hat sich wohl auch der Suhrkamp-Verlag gedacht, als er die Rückseite von Maša Gessens epochalem Werk mit eben jenem so oft zitierten und nicht minder häufig widerlegten US-Philosophen schmückte. Dieser hatte nach dem Niedergang des sowjetischen Staatskommunismus den weltweiten Siegeszug der freiheitlichen Demokratie prophezeit.

 

Maša Gessens Antwort auf Fukuyama trägt den Titel Die Zukunft ist Geschichte. Es ist eine Abrechnung mit Russland geworden. Eine Abrechnung mit dem Land, in das ihre Familie einst voller Hoffnung zurückkehrte und das Maša Gessen wieder verließ, als der Hass auf Minderheiten zu groß wurde. Heute kommentiert die offen lesbisch lebende Journalistin das politische Geschehen in ihrer Heimat für die New York Times. Ihren kritischen Blick als Außenstehende und Betroffene zugleich nutzt sie nun, um anhand von vier Lebensgeschichten, die in den Jahren der Perestroika beginnen, das Portrait einer Generation zu zeichnen, die sich auch dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch immer auf der Suche nach der eigenen Identität befindet.

 

Hähnchengrüße aus Washington

Eine dieser Biographien ist die von Lëša . Für Lëša beginnt der Aufbruch in die von Fukuyama beschriebene, neue freie Welt und ihr Wohlstandsversprechen mit Kernseife. Kernseife, die seine Mutter Galina stapelweise gegen ihre Zuteilungskarten eintauscht, weil sie sich zur Körperpflege ebenso gut eignet wie zum Waschen der Wäsche, zum Kurieren von Erkältungen oder zur Entfernung von Warzen. Gleichzeitig sorgt ein Handelsabkommen zwischen den Präsidenten Gorbačëv und Bush dafür, dass der Mittagstisch mit minderwertigen Hähnchen-Restbeständen („Bush-Schenkel“) aus den Vereinigten Staaten aufgewertet wird.

Der neue Geist und die Freiheit des Einzelnen, für Lëša verkörperte er sich im Fernsehen. Während die Nachbarkinder Hunde jagen und sexuelle Dienstleistungen für ein paar Rubel anbieten, bewundert er Lëna Golubkov , die Heldin einer Werbekampagne für ein Schneeballsystem, das viele russische Kleinstsparer_innen um ihre Rücklagen betrügen wird. Szenen wie diese zeigen die erzählerische Stärke des Textes. Wenn Maša Gessen die Grotesken des Alltags in vollkommen nüchterner Sprache zusammenträgt und aufzeigt, wie sich der Schatten der großen Politik darüberlegt, werden auch für die Leser_innen die Irrungen und Wirrungen dieses ersten Jahrzehnts nach dem Ende des Kalten Krieges erfahrbar.

Und es ist viel passiert: Das Auseinanderbrechen der Sowjetunion, der Putschversuch gegen die Regierung Jel’zin , Schüsse aufs Parlament, zwei Tschetschenienkriege. Das alles unter den Vorzeichen eines entstehenden „Mafia-Staates“, der sich die Überforderung der Bevölkerung mit der neugewonnenen Freiheit zu Nutze macht, um ein autoritäres Regime zu installieren, das dem alten im Kern nicht gar so unähnlich ist. Doch wie konnte es soweit kommen?

 

Totalitäres Trauma

Zur Beantwortung dieser Frage führt Gessen eine dritte Ebene ein und zeichnet auch die Geschichte der russischen Wissenschaft nach. Genauer gesagt der Psychologie und Soziologie, denen erst im Reformeifer der Gorbačëv-Jahre Relevanz verliehen wurde. Fachrichtungen, die sich explizit mit dem Seelenheil des Individuums beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen „Ich“ – für den „Homo Sovieticus“ bis dato undenkbar. „Homo Sovieticus“, so lautet die vom Dissidenten Aleksandr Zinov’ëv populär gemachte Polemik über den vorherrschenden, opportunistischen Menschentypus in der Sowjetunion. Er zeichnet sich durch einen Anpassungsmechanismus an den totalitären und kollektiv ausgerichteten Unrechtstaat aus, den George Orwell bereits in seinem dystopischen Klassiker 1984 als „Doppeldenk“ postuliert hat: „Bewusst die Unbewusstheit herbeizuführen und sich dann wieder des eben vollbrachten Hypnoseakts unbewusst zu werden.“

Der Soziologe Lev Gudkov und das Levada-Zentrum machten sich den Begriff zu eigen, um den Wandel im Denken der Bürger_innen, ihre Ängste und Sorgen nach dem Zerfall des Sowjetstaats zu ergründen. Die Ergebnisse der in den Folgejahren fortgesetzten Studien des Levada-Zentrums liefern Gessen die Grundlage, um mit spielerischer Leichtigkeit eine Einführung in die Ideengeschichte des Totalitarismus bereitzustellen. Der Aufstieg des Biedermanns Vladimir Putin an die Spitze der Macht erklärt sich so fast von selbst. Seine vordergründige Eigenschaftslosigkeit bietet die ideale Projektionsfläche für ein Land, das sich nichts sehnlicher wünscht als Stabilität und glaubt, diese in den Übeln der Vergangenheit zu finden.

 

Wie aus Journalismus Literatur wird

Mit Blick auf die politische Landkarte nach der europäischen Parlamentswahl und die  jüngsten Umfrageergebnisse kurz vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland erweist sich „Zukunft ist Geschichte“ als würdiger, ja logischer Empfänger für den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Dabei sollte jedoch nicht unterschlagen werden, dass es auch kritische Stimmen gibt. Denn so sehr sich die Autorin auch bemüht, ihre eigene Wertung im Text zurückzuhalten – sich darauf beschränkt, Meinungen und Beobachtungen gegenüberzustellen und sorgfältig abzuwägen – am Ende bleibt es doch die Geschichte, die Maša Gessen uns erzählen möchte. Denn natürlich ist es vermessen anzunehmen, dass vier ausgewählte Biographien das umfassende Bild einer Gesellschaft bieten könnten. So unterschiedlich die Ausgangspunkte im Leben für Lëša, Maša , Serëža und Žanna auch gewesen sein mögen, repräsentieren sie doch alle eine bildungsbürgerliche Elite, deren Weltanschauung nicht allzu weit entfernt von der Maša Gessens liegen dürfte. Der gesetzte Rahmen der Erzählung bleibt dadurch bewusst eng. Doch das muss nicht zwangsläufig ein unlauteres Mittel sein. Es ist sogar legitim, zumal Maša Gessen ihr Vorgehen durch einen ausführlichen Prolog und Epilog jederzeit kenntlich macht. Das Buch besticht zudem durch einen mit Anmerkungen versehenen Quellennachweis, der den viel gescholtenen Spiegel-Dokumentaren Tränen in die Augen treiben müsste. Denn anders als Claas Relotius hat Maša Gessen erkannt, dass Journalismus nur dann zu großer Literatur werden kann, wenn man sie aus den Fakten herausgräbt.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Maša Gessens Geschichte endet in den Protesten nach der Duma-Wahl von 2011. Als es für einen kurzen Moment so schien, als könnte sich die erste postsowjetische Jugend aus der Umklammerung der Vergangenheit befreien. Sie findet ihren tragischen Höhepunkt mit der Kulmination des Staatsterrors und buchstäblichen Ermordung der Opposition in Gestalt von Boris Nemzov .

Es ist ein trauriges Ende. Ein Ende, das wenig Raum für Hoffnung lässt und das sich eine resignierte Autorin nur noch mit der umstrittenen Todestrieb-Theorie von Sigmund Freud erklären kann. Oder, wie es die Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan auf den letzten Seiten formuliert: „Dieses Land wollte sich selbst töten. Alles Lebendige – die Menschen, ihre Worte, ihr Protest, ihre Liebe – rief hier Aggressionen hervor. Die Lebensenergie war dieser Gesellschaft unerträglich geworden. Sie wollte sterben; das Leben war ein ausländischer Agent.“

Es sind bestürzende Sätze, die Maša Gessen ihren Leser_innen zum Schluss mit auf dem Weg gibt und man kann nur hoffen, dass sich Geschichte 30 Jahre nach Fukuyama wiederholt und eine These widerlegt wird. Anzeichen der Hoffnung gibt es: Zur Stunde scheint es so, dass die Wut über die unrechtmäßige Festnahme des Journalisten Ivan Golubov der Zivilbevölkerung neues Leben eingehaucht hat. Der Journalist ist frei, die Proteste gehen weiter.

 

Gessen, Masha . Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Aus dem amerikanischen Englisch von Anselm Bühling. Berlin: Suhrkamp, 2018.

Ende der Geschichte, vorrübergehend ausgesetzt – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ende der Geschichte, vor­rüber­ge­hend ausgesetzt

Maša Gessen [Masha Gessen] hat über Pussy Riot, Putin und den Mathe­ma­tiker Per­elman geschrieben. Für die New York Times berichtet sie regel­mäßig über ihre rus­si­sche Heimat, aus der sie zwei Mal emi­grierte. Nun hat sie ihre Erfah­rungen und Ent­täu­schungen lite­ra­risch ver­ar­beitet. Dafür wurde sie in Leipzig mit dem Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung ausgezeichnet.

 

Dieses Buch über Russ­land will den ganz großen Bogen spannen: Vom begin­nenden Zer­fall der Sowjet­union, über die chao­ti­schen Neun­ziger, hin zur schlei­chenden Rück­kehr des Auto­ri­ta­rismus unter Vla­dimir Putin. Eine Refe­renz an Francis Fuku­yamas Ende der Geschichte darf dabei nicht fehlen. Das hat sich wohl auch der Suhr­kamp-Verlag gedacht, als er die Rück­seite von Maša Ges­sens epo­chalem Werk mit eben jenem so oft zitierten und nicht minder häufig wider­legten US-Phi­lo­so­phen schmückte. Dieser hatte nach dem Nie­der­gang des sowje­ti­schen Staats­kom­mu­nismus den welt­weiten Sie­geszug der frei­heit­li­chen Demo­kratie prophezeit.

 

Maša Ges­sens Ant­wort auf Fuku­yama trägt den Titel Die Zukunft ist Geschichte. Es ist eine Abrech­nung mit Russ­land geworden. Eine Abrech­nung mit dem Land, in das ihre Familie einst voller Hoff­nung zurück­kehrte und das Maša Gessen wieder ver­ließ, als der Hass auf Min­der­heiten zu groß wurde. Heute kom­men­tiert die offen les­bisch lebende Jour­na­listin das poli­ti­sche Geschehen in ihrer Heimat für die New York Times. Ihren kri­ti­schen Blick als Außen­ste­hende und Betrof­fene zugleich nutzt sie nun, um anhand von vier Lebens­ge­schichten, die in den Jahren der Pere­stroika beginnen, das Por­trait einer Genera­tion zu zeichnen, die sich auch dreißig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vor­hangs noch immer auf der Suche nach der eigenen Iden­tität befindet.

 

Hähn­chen­grüße aus Washington

Eine dieser Bio­gra­phien ist die von Lëša [Ljoscha]. Für Lëša beginnt der Auf­bruch in die von Fuku­yama beschrie­bene, neue freie Welt und ihr Wohl­stands­ver­spre­chen mit Kern­seife. Kern­seife, die seine Mutter Galina sta­pel­weise gegen ihre Zutei­lungs­karten ein­tauscht, weil sie sich zur Kör­per­pflege ebenso gut eignet wie zum Waschen der Wäsche, zum Kurieren von Erkäl­tungen oder zur Ent­fer­nung von Warzen. Gleich­zeitig sorgt ein Han­dels­ab­kommen zwi­schen den Prä­si­denten Gor­bačëv [Gor­bat­schow] und Bush dafür, dass der Mit­tags­tisch mit min­der­wer­tigen Hähn­chen-Rest­be­ständen („Bush-Schenkel“) aus den Ver­ei­nigten Staaten auf­ge­wertet wird.

Der neue Geist und die Frei­heit des Ein­zelnen, für Lëša ver­kör­perte er sich im Fern­sehen. Wäh­rend die Nach­bar­kinder Hunde jagen und sexu­elle Dienst­leis­tungen für ein paar Rubel anbieten, bewun­dert er Lëna Golubkov [Ljona Golubkow], die Heldin einer Wer­be­kam­pagne für ein Schnee­ball­system, das viele rus­si­sche Kleinstsparer_innen um ihre Rück­lagen betrügen wird. Szenen wie diese zeigen die erzäh­le­ri­sche Stärke des Textes. Wenn Maša Gessen die Gro­tesken des All­tags in voll­kommen nüch­terner Sprache zusam­men­trägt und auf­zeigt, wie sich der Schatten der großen Politik dar­über­legt, werden auch für die Leser_innen die Irrungen und Wir­rungen dieses ersten Jahr­zehnts nach dem Ende des Kalten Krieges erfahrbar.

Und es ist viel pas­siert: Das Aus­ein­an­der­bre­chen der Sowjet­union, der Putsch­ver­such gegen die Regie­rung Jel’zin [Jelzin], Schüsse aufs Par­la­ment, zwei Tsche­tsche­ni­en­kriege. Das alles unter den Vor­zei­chen eines ent­ste­henden „Mafia-Staates“, der sich die Über­for­de­rung der Bevöl­ke­rung mit der neu­ge­won­nenen Frei­heit zu Nutze macht, um ein auto­ri­täres Regime zu instal­lieren, das dem alten im Kern nicht gar so unähn­lich ist. Doch wie konnte es soweit kommen?

 

Tota­li­täres Trauma

Zur Beant­wor­tung dieser Frage führt Gessen eine dritte Ebene ein und zeichnet auch die Geschichte der rus­si­schen Wis­sen­schaft nach. Genauer gesagt der Psy­cho­logie und Sozio­logie, denen erst im Reform­eifer der Gorbačëv‑Jahre Rele­vanz ver­liehen wurde. Fach­rich­tungen, die sich explizit mit dem See­len­heil des Indi­vi­duums beschäf­tigen. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eigenen „Ich“ – für den „Homo Sovie­ticus“ bis dato undenkbar. „Homo Sovie­ticus“, so lautet die vom Dis­si­denten Alek­sandr Zinov’ëv populär gemachte Polemik über den vor­herr­schenden, oppor­tu­nis­ti­schen Men­schen­typus in der Sowjet­union. Er zeichnet sich durch einen Anpas­sungs­me­cha­nismus an den tota­li­tären und kol­lektiv aus­ge­rich­teten Unrecht­staat aus, den George Orwell bereits in seinem dys­to­pi­schen Klas­siker 1984 als „Dop­pel­denk“ pos­tu­liert hat: „Bewusst die Unbe­wusst­heit her­bei­zu­führen und sich dann wieder des eben voll­brachten Hyp­no­se­akts unbe­wusst zu werden.“

Der Sozio­loge Lev Gudkov [Lew Gudkow] und das Levada-Zen­trum [Lewada-Zen­trum] machten sich den Begriff zu eigen, um den Wandel im Denken der Bürger_innen, ihre Ängste und Sorgen nach dem Zer­fall des Sowjet­staats zu ergründen. Die Ergeb­nisse der in den Fol­ge­jahren fort­ge­setzten Stu­dien des Levada-Zen­trums lie­fern Gessen die Grund­lage, um mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit eine Ein­füh­rung in die Ideen­ge­schichte des Tota­li­ta­rismus bereit­zu­stellen. Der Auf­stieg des Bie­der­manns Vla­dimir Putin an die Spitze der Macht erklärt sich so fast von selbst. Seine vor­der­grün­dige Eigen­schafts­lo­sig­keit bietet die ideale Pro­jek­ti­ons­fläche für ein Land, das sich nichts sehn­li­cher wünscht als Sta­bi­lität und glaubt, diese in den Übeln der Ver­gan­gen­heit zu finden.

 

Wie aus Jour­na­lismus Lite­ratur wird

Mit Blick auf die poli­ti­sche Land­karte nach der euro­päi­schen Par­la­ments­wahl und die  jüngsten Umfra­ge­er­geb­nisse kurz vor den Land­tags­wahlen in Ost­deutsch­land erweist sich „Zukunft ist Geschichte“ als wür­diger, ja logi­scher Emp­fänger für den Leip­ziger Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung. Dabei sollte jedoch nicht unter­schlagen werden, dass es auch kri­ti­sche Stimmen gibt. Denn so sehr sich die Autorin auch bemüht, ihre eigene Wer­tung im Text zurück­zu­halten – sich darauf beschränkt, Mei­nungen und Beob­ach­tungen gegen­über­zu­stellen und sorg­fältig abzu­wägen – am Ende bleibt es doch die Geschichte, die Maša Gessen uns erzählen möchte. Denn natür­lich ist es ver­messen anzu­nehmen, dass vier aus­ge­wählte Bio­gra­phien das umfas­sende Bild einer Gesell­schaft bieten könnten. So unter­schied­lich die Aus­gangs­punkte im Leben für Lëša, Maša [Mascha], Serëža [Ser­josha] und Žanna [Shanna] auch gewesen sein mögen, reprä­sen­tieren sie doch alle eine bil­dungs­bür­ger­liche Elite, deren Welt­an­schauung nicht allzu weit ent­fernt von der Maša Ges­sens liegen dürfte. Der gesetzte Rahmen der Erzäh­lung bleibt dadurch bewusst eng. Doch das muss nicht zwangs­läufig ein unlau­teres Mittel sein. Es ist sogar legitim, zumal Maša Gessen ihr Vor­gehen durch einen aus­führ­li­chen Prolog und Epilog jeder­zeit kennt­lich macht. Das Buch besticht zudem durch einen mit Anmer­kungen ver­se­henen Quel­len­nach­weis, der den viel geschol­tenen Spiegel-Doku­men­taren Tränen in die Augen treiben müsste. Denn anders als Claas Relo­tius hat Maša Gessen erkannt, dass Jour­na­lismus nur dann zu großer Lite­ratur werden kann, wenn man sie aus den Fakten herausgräbt.

 

Die Hoff­nung stirbt zuletzt

Maša Ges­sens Geschichte endet in den Pro­testen nach der Duma-Wahl von 2011. Als es für einen kurzen Moment so schien, als könnte sich die erste post­so­wje­ti­sche Jugend aus der Umklam­me­rung der Ver­gan­gen­heit befreien. Sie findet ihren tra­gi­schen Höhe­punkt mit der Kul­mi­na­tion des Staats­ter­rors und buch­stäb­li­chen Ermor­dung der Oppo­si­tion in Gestalt von Boris Nemzov [Boris Nemzow].

Es ist ein trau­riges Ende. Ein Ende, das wenig Raum für Hoff­nung lässt und das sich eine resi­gnierte Autorin nur noch mit der umstrit­tenen Todes­trieb-Theorie von Sig­mund Freud erklären kann. Oder, wie es die Psy­cho­ana­ly­ti­kerin Marina Arut­junjan auf den letzten Seiten for­mu­liert: „Dieses Land wollte sich selbst töten. Alles Leben­dige – die Men­schen, ihre Worte, ihr Pro­test, ihre Liebe – rief hier Aggres­sionen hervor. Die Lebens­en­ergie war dieser Gesell­schaft uner­träg­lich geworden. Sie wollte sterben; das Leben war ein aus­län­di­scher Agent.“

Es sind bestür­zende Sätze, die Maša Gessen ihren Leser_innen zum Schluss mit auf dem Weg gibt und man kann nur hoffen, dass sich Geschichte 30 Jahre nach Fuku­yama wie­der­holt und eine These wider­legt wird. Anzei­chen der Hoff­nung gibt es: Zur Stunde scheint es so, dass die Wut über die unrecht­mä­ßige Fest­nahme des Jour­na­listen Ivan Golubov der Zivil­be­völ­ke­rung neues Leben ein­ge­haucht hat. Der Jour­na­list ist frei, die Pro­teste gehen weiter.

 

Gessen, Masha [Gessen, Maša]. Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russ­land die Frei­heit gewann und verlor. Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Anselm Büh­ling. Berlin: Suhr­kamp, 2018.