Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Es gibt einen iro­ni­schen Andrić

Inter­view mit Tihomir Bra­jović, Pro­fessor für süd­sla­wi­sche Kom­pa­ra­tistik an der Phi­lo­lo­gi­schen Fakultät der Uni­ver­sität Belgrad

novinki: Wo hat Ivo Andrić heute seinen Platz in der ser­bi­schen Kultur- und Literaturgeschichte?

Tihomir Bra­jović: Andrić hat einen her­aus­ra­genden Platz in der Geschichte der ser­bi­schen Lite­ratur und Kultur. Nach all­ge­meinem Ver­ständnis ist er einer der bedeu­tendsten ser­bi­schen Schrift­steller des 20. Jahr­hun­derts, zugleich sieht man ihn hier auch als einen süd­sla­wi­schen – früher sagte man „jugo­sla­wi­schen“ – Schrift­steller, und zwar des­halb, weil er die Kultur aller süd­sla­wi­schen Völker beerbt hat, dar­über hinaus auch die Kultur einiger großer sla­wi­scher Völker wie der Polen. Soweit mir bekannt, gibt es hier­zu­lande keinen Streit dar­über. Man ist der Ansicht, dass Andrić durch seine eigene Ent­schei­dung ein ser­bi­scher Schrift­steller geworden ist, und man weist auf ver­schie­dene Fakten hin, die dies bekräf­tigen. In einem brei­teren Sinne wird aber den anderen süd­sla­wi­schen Völ­kern nicht das Recht abge­spro­chen, ihn für ihren Schrift­steller zu halten – wie das heute in einer glo­ba­li­sierten Kultur auch mit etli­chen wei­teren Autoren geschieht, welche in ver­schie­dener Weise an ver­schie­denen Kul­turen par­ti­zi­pieren. Wir hatten hier in Bel­grad eine Tagung über Andrić, wir luden Schrift­steller aus Kroa­tien und Bos­nien-Her­ze­go­wina ein und wir wurden uns einig, dass Andrić ein inte­gra­lis­ti­scher Jugo­slawe war. Als Schrift­steller und Intel­lek­tu­eller gehörte er zu der Genera­tion, die von der Ent­ste­hung Jugo­sla­wiens träumte und die 1918 ihre Träume in Erfül­lung gehen sah. Andrić blieb der jugo­sla­wi­schen Idee treu bis zu seinem Lebens­ende. Das ist unbestritten.

n.: Andrićs wich­tigstes Thema war Bos­nien. Wie hat er als inte­gra­lis­ti­scher Jugo­slawe, der die Ver­ei­ni­gung der süd­sla­wi­schen Völker anstrebte, Bos­nien gesehen? War er ein Gegner oder ein Befür­worter des mul­ti­kul­tu­rellen Bosnien?

T.B.: Ich möchte mich auf Andrićs Worte beziehen. Im Buch von Ljubo Jan­drić (Jan­drić, Ljubo: Sa Ivom Andrićem, Sara­jevo 1982) sagt Andrić, dass er Bos­nien sehr liebe und dass es ihm Leid täte, nicht in Bos­nien auf die Welt zu kommen, wenn er noch einmal geboren werden sollte. Er liebte Bos­nien also, konnte aber – wie andere große moderne Intel­lek­tu­elle auch – dessen Wider­sprüche nicht über­sehen. Unter anderem ist er gerade des­halb ein großer Schrift­steller. Ganz bestimmt war er dem mul­ti­kul­tu­rellen Bos­nien zuge­neigt. Ande­rer­seits – dies ist das Ergebnis meiner jahr­zehn­te­langen Lek­türe seiner Texte – gibt es einen iro­ni­schen Andrić. Wenn ich von Ironie spreche, meine ich nicht Ver­spot­tung, son­dern Ironie in der modernen Bedeu­tung des Wortes, also ein kom­plexes Ver­stehen von Dingen.

n.: Was ver­ur­sachte Ihres Erach­tens die Wende in der Wahr­neh­mung von Andrić – der ehe­ma­lige Vor­zei­ge­schrift­steller der jugo­sla­wi­schen Brü­der­lich­keit und Ein­heit wurde zu einem Schrift­steller, der angeb­lich beweisen wollte, dass ein fried­li­ches Zusam­men­leben der Nationen in Bos­nien unmög­lich sei?

T.B.: Das ist sehr kom­pli­ziert. Bereits vor dieser Wende hat sich in Ex-Jugo­sla­wien die Politik in die Kultur ein­ge­mischt. Die Kultur war natür­lich nie frei von poli­ti­schen Inter­essen. Aber hier geht es um eine vul­gäre Ein­mi­schung der Politik in die Ange­le­gen­heiten von Kultur und Lite­ratur, und das ist nicht gut. Man ver­ein­nahmt Andrić oder man ver­achtet ihn. Ich glaube, dass Andrić der jugo­sla­wi­schen Gemein­schaft und dem, was wir heute Mul­ti­kul­tu­ra­lität nennen, sehr zugetan war, das kommt in seinem Werk deut­lich zum Aus­druck. Auf der anderen Seite betrach­tete er den Ein­fluss des Osma­ni­schen Rei­ches und der Habs­burger Mon­ar­chie auf Bos­nien aus der Sicht eines jugo­sla­wi­schen Patrioten, der wegen seiner jugo­sla­wi­schen Gesin­nung im Ersten Welt­krieg ja im Gefängnis saß. Ich glaube, dass die­je­nigen, die bestimmte Bemer­kungen ein­zelner Figuren in den lite­ra­ri­schen Texten Andrićs, aber auch manche Bemer­kungen zu der Aus­wir­kung der osma­ni­schen Herr­schaft auf Bos­nien aus seiner Dis­ser­ta­tion als Kritik daran inter­pre­tieren, was heute die bos­nia­ki­sche Iden­tität genannt wird, Äpfel mit Birnen ver­glei­chen. Andrić hat das so nicht gesehen. Er war ein zu gut gebil­deter Intel­lek­tu­eller, ein zu gut infor­mierter His­to­riker und eine zu intel­li­gente Person, als dass er so hätte denken können. Hätten wir genü­gend Zeit, so könnte ich das stun­den­lang an Bei­spielen aus seiner Lite­ratur belegen.

n.: Andrićs Kri­tiker werfen ihm vor allem die Dis­ser­ta­tion vor, wo er sagt, dass der Ein­fluss der osma­ni­schen Herr­schaft in Bos­nien negativ war.

T.B.: Ja gut, und was weiter? Er sagt, dass das Osma­ni­sche Reich sich hier­zu­lande negativ auf die Annä­he­rung der Eth­nien aus­wirkte. Er spricht von einem nega­tiven Ein­fluss in der Kultur, auch in der Politik, aber er spricht ebenso über posi­tive Effekte, die gibt es also auch. Wenn er vom nega­tiven Ein­fluss des Osma­ni­schen Rei­ches spricht, dann vom Stand­punkt seiner inte­gra­lis­ti­schen jugo­sla­wi­schen Gesinnung.

n.: Andrić selbst hielt die Lite­ratur für die eigent­liche Geschichts­schrei­bung, er war der Mei­nung, dass sie einen bes­seren Ein­blick in die Geschichte gewährt als die Historiographie.

T.B.: Wenn Andrić sagt, dass man durch die Lite­ratur die Geschichte eines Volkes oder der Zivi­li­sa­tion besser ver­steht, bezieht er sich, glaube ich, in erster Linie auf die Mög­lich­keit der Beleuch­tung der Dinge aus ver­schie­denen Per­spek­tiven. Denn die Geschichte wird von den Sie­gern geschrieben, eine bestimmte Ideo­logie oder Politik dik­tieren die Sicht auf die Gescheh­nisse. Die Lite­ratur indes – wenn sie selbst nicht allzu sehr der Ideo­logie oder Politik erliegt – kann uns die ver­schie­denen Per­spek­tiven ver­mit­teln und ermög­li­chen, dass wir selbst etwas ver­stehen. Dabei denke ich nicht, dass Andrić ein Anhänger des Rela­ti­vismus war. Man kann ihn mit Thomas Mann oder zum Teil mit Robert Musil ver­glei­chen, mit Schrift­stel­lern also, die ein über­le­gener iro­ni­scher Stand­punkt gegen­über der Geschichte der Mensch­heit cha­rak­te­ri­siert. Mit einem über­le­genen iro­ni­schen Stand­punkt meine ich, dass Andrić Beschrän­kungen und Ein­sei­tig­keiten wahr­nahm und dass er sie zum Thema machte – auch in den Romanen Wesire und Kon­suln (Trav­nička hro­nika) und Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija), für die er manchmal kri­ti­siert wird. Man muss diese Werke nur sorg­fältig genug lesen. Unsere zeit­ge­nös­si­sche Zivi­li­sa­tion sucht leider nach ver­ein­fachten Lösungen und Deu­tungen, das gilt manchmal auch für die Inter­preten von Literatur.

n.: Einige dieser Inter­preten erklären, dass Andrićs Beschrei­bungen des osma­ni­schen Ter­rors an den Serben bei ser­bi­schen Lesern aus­schließ­lich Hass gegen­über den Osmanen her­vor­rufen können. Sie sind der Ansicht, dass Andrić sich dessen wohl bewusst war. Die Szene der Pfäh­lung des ser­bi­schen Bauern Radisav an der Brücke an der Drina sei bei­spiellos in der Lite­ra­tur­ge­schichte, heißt es, man müsste Andrić des­halb zur Ver­ant­wor­tung ziehen, wäre er noch am Leben.

T.B.: Das ist absurd. Die Lite­ratur und Kunst über­haupt richtet sich nicht nach den Geboten der Poli­tical Cor­rect­ness. Das war noch nie der Fall. Ähn­liche Inter­pre­ta­tionen bestehen in Bezug auf das Werk von Petar Petrović Njegoš. Aber wenn man Njegoš liest, muss man sich ver­ge­gen­wär­tigen, dass er seine Texte vor 150 Jahren und mehr geschrieben hat. Genauso wie Ivan Mažu­ranić und einige andere Autoren. Wenn wir alles vom heu­tigen Stand­punkt lesen wollen, dann werden wir am Ende den Geboten Pla­tons erliegen, dass man die Dichter aus dem Staat ver­bannen müsse, weil sie den Wün­schen der Herr­scher nicht ent­sprä­chen. Schrift­steller müssen nicht poli­tisch kor­rekt sein. Was sollte mit sol­chen Schrift­stel­lern wie dem Fran­zosen Lau­tré­a­mont geschehen? Ist es wört­lich zu nehmen, wenn er sagt, dass man Kinder zer­stü­ckeln solle? Die­je­nigen, die Lite­ratur wie ein poli­ti­sches Pam­phlet deuten, begehen einen Anfän­ger­fehler. Ich weiß nicht, ob sie sich befugte Lite­ra­tur­in­ter­preten nennen dürfen. Natür­lich ist die Szene der Pfäh­lung von Radisav im Roman Die Brücke über die Drina eine bru­tale Szene, aber Lite­ratur und Kunst sind voll davon. Auf der anderen Seite beruht Die Brücke über die Drina im Ganzen gesehen auf der Idee eines Bau­pro­jektes, das einen Fort­schritt für die Stadt und die ganze Umge­bung mit sich bringt, und das in einer Ver­bin­dung des Ein­hei­mi­schen und des Fremden ent­standen ist. Ver­kör­pert wird diese Ver­bin­dung in der Figur des Groß­we­sirs Mehmed Pascha Sokolović, eines in Bos­nien gebo­renen Mannes, der in der Türkei aus­ge­bildet wurde, wo er auch die Macht errang, die er dann in kon­struk­tiver Weise für seine Heimat ein­setzte. Man darf nicht ver­gessen, dass Andrićs Werk auch eine Art Selbst­kritik des bal­ka­ni­schen Dün­kels ent­hält, die keinen Hass gegen­über dem eigenen Volk oder der eigenen Ethnie bedeutet. Die Trav­niker aus dem Roman Wesire und Kon­suln halten ihre Stadt für die wich­tigste auf der ganzen Welt. Dann kommen die Kon­suln, der öster­rei­chi­sche und der fran­zö­si­sche Konsul, die sich hier wie abge­schnitten von der Welt fühlen, denn hier wird nichts Wich­tiges ent­schieden, hier ist Pro­vinz. Andrić setzt die beiden Sicht­weisen gegen­ein­ander. Auf der einen Seite steht der Dünkel, den man hier­zu­lande auch heute spürt. In den ver­gan­genen zwanzig Jahren waren wir davon über­zeugt, im Mit­tel­punkt der Geschichte Europas und der Welt zu stehen. In einem Augen­blick waren wir es in einem nega­tiven Sinn, dann hat sich das Inter­esse der Groß­mächte auf andere Regionen ver­legt, und viele hier haben das nicht mit­be­kommen. Andrić hat diesen Zug unserer Men­ta­lität aus­ge­zeichnet ein­ge­fangen. Und wir tadeln Andrić, weil er dieses oder jenes so oder anders gesagt hat. Was wollen wir von ihm? Dass er ein kor­rekter Poli­tiker sei. Die Welt ist voll davon, Ex-Jugo­sla­wien ist voll davon, was haben sie uns Gutes gebracht? Also, Andrić war ein ziem­lich scharfer Kri­tiker des Osma­ni­schen Rei­ches, aber er hat auch die guten Seiten gesehen. Hat er auch alle guten Seiten gesehen? Wahr­schein­lich nicht, denn nie­mand kann alles sehen, was gut ist. Ihm indes vor­zu­werfen, er sei ein­seitig und par­tei­isch, das wäre eine extreme Instrumentalisierung.

Das Inter­view führten Kse­nija Cve­t­ković-Sander und Martin Sander.
Über­set­zung von Kse­nija Cvetković-Sander