Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Es muss klar sein, wem ein Schrift­steller gehört? Ich schwöre, er gehört mir!

Inter­view mit Dževad Karahasan, Schrift­steller und Pro­fessor für Kom­pa­ra­tistik an der Phi­lo­so­phi­schen Fakultät der Uni­ver­sität Sarajevo

novinki: In den 1960er Jahren stand Ivo Andrić im Zenit seines Ruhmes. Zu dieser Zeit sind Sie, Kind mus­li­mi­scher Eltern, im jugo­sla­wi­schen Bos­nien-Her­ze­go­wina zur Schule gegangen. Wie haben Sie als Schüler Andrić gelesen? Können Sie sich noch daran erinnern?

Dževad Karahasan: Ja, selbst­ver­ständ­lich kann ich mich noch recht gut daran erin­nern. Ich musste in der Schule im Rahmen der Pflicht­lek­türe Aska und der Wolf (Aska i vuk) und Die Brücke über die Žepa (Most na Žepi) lesen, selbst­ver­ständ­lich auch Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija). Es war eine merk­wür­dige, gute, sehr gute, tiefe, tief grei­fende Erfah­rung, denn Ivo Andrić schreibt scheinbar sehr ein­fach. Zu meiner Zeit galt immer noch die quasi expe­ri­men­telle Lite­ratur als wich­tigste, beste Kunst­form. Und Ivo Andrić schien extrem ein­fach zu sein. Man hatte den Ein­druck, man könnte selber genau so schreiben. Ein jeder Satz ganz ein­fach aus all­täg­li­chen Wör­tern bestehend, keine, scheinbar keine Tie­fen­psy­cho­logie, nichts, alles wie im all­täg­li­chen Leben gesehen. Das war sehr prä­gend für mich. Im Nach­hinein habe ich Andrić immer wieder gelesen und begriffen, dass er sehr wohl expe­ri­men­tiert, dass seine Figuren sehr wohl auch psy­cho­lo­gisch auf­ge­baut sind… Aber das kam viel später. Damals war das für mich – wie gesagt – eine große Ver­wun­de­rung. Einer­seits galt Ivo Andrić als einer der Höhe­punkte unserer Lite­ratur. Ande­rer­seits war er so extrem einfach.

n.: Hatte Andrić eine Bedeu­tung für Sie, als Sie selbst zu schreiben anfingen? Oder war er für Sie eher von einem anderen Stern?

D.K.: Nein, Andrić gehört ohne Zweifel zu meinen Leh­rern, zu den Autoren, von denen ich ver­suchte zu lernen. Er hat mich sehr tief beein­flusst, und zwar vor allem durch seine schein­bare Ein­fach­heit. Denn Andrić ver­steckt seine Spuren, Andrić bemüht sich, seine Technik mög­lichst zu ver­de­cken, seine Kunst mög­lichst dis­kret zu ver­wenden. Und das ist nun mal eine Sache, die ich sehr mag, die ich sehr bewun­dere. Seine Kunst scheint, als ob sie von selbst ent­standen wäre. Das finde ich großartig!

n.: Seit den 1990er Jahren dreht sich das Gespräch über Ivo Andrić in den Län­dern des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien fast aus­schließ­lich um die poli­ti­sche Wahr­neh­mung von Werk und Person. Beson­ders geht es um die Frage, wie Andrić Bos­nien geschil­dert hat. Manche behaupten gar, er habe in einigen Texten – zum Bei­spiel im Brief aus dem Jahre 1920 (Pismo iz 1920. godine) – die Bos­ni­en­kriege der 1990er Jahre pro­phe­zeit. Haben Sie Andrić in Kriegs­zeiten zur Hand genommen und sich gefragt, was für ein Bild von Bos­nien er da zeichnet?

D.K.: Es gibt ein paar Autoren, die ich alle drei, fünf Jahre aufs Neue lese. Ivo Andrić gehört zu denen. Selbst­ver­ständ­lich habe ich Ivo Andrić auch zu der Zeit des Bos­ni­en­kriegs gelesen. Auch damals. Ich habe Ivo Andrić auch nach dem Krieg gelesen. Schauen Sie, Ivo Andrić ist ein groß­ar­tiger Schrift­steller. Politik, die ihre Auf­gabe, Politik zu sein, verrät und zu einer bloßen Technik der Macht­er­grei­fung ver­kommt, miss­braucht alles Mög­liche, so auch Ivo Andrić. Zur Zeit des Krieges wurde die wun­der­bare Erzäh­lung von Ivo Andrić Brief aus dem Jahre 1920 aufs Schreck­lichste miss­braucht – von ser­bi­schen Natio­na­listen, von halb­ge­bil­deten west­li­chen Rek­toren und Intel­lek­tu­ellen, die der großen natio­nalen Sache dienen wollten, von unzäh­ligen Pseu­do­ex­perten, die nicht einmal die grund­le­gende Sache der lite­ra­ri­schen Technik begriffen haben, näm­lich, dass man eine Aus­sage im lite­ra­ri­schen Kunst­werk nur begreifen kann, wenn man auf die fünf ent­schei­denden Fragen geant­wortet hat: Wer spricht, zu wem spricht er, in wel­chem Ton­fall, in wel­cher exis­ten­ti­ellen Lage befindet sich der Spre­chende, in wel­chem Kon­text bzw. aus wel­chem Anlass wird gespro­chen? Alle Experten, Rek­toren, Natio­na­listen, Pseu­do­po­li­tiker, alle zitierten ohne irgend­eine Ein­schrän­kung die Worte von der Figur Ivo Andrićs, näm­lich Max Löwen­feld, sie zitierten diese Aus­sage als Andrićs Behaup­tung. Aber ich bitte Sie, gibt es denn etwas wirk­lich Großes, was von schlechter Politik, von Pseu­do­po­litik nicht miss­braucht werden kann? Selbst­ver­ständ­lich hat man Ivo Andrić aufs Schreck­lichste miss­braucht. Aber was kann man da tun?

n.: Man pole­mi­siert, wenn man mit Andrić zu pole­mi­sieren glaubt, in Wahr­heit mit seinen Figuren und will das Gesamt­ge­füge nicht zur Kenntnis nehmen?

D.K.: Ganz genau. Es wird behauptet, Ivo Andrić hätte bos­ni­sche Mus­lime bzw. Mus­lime auf dem Balkan gehasst. So einen Schwach­sinn kann ich nicht mehr hören. Es gibt einen wun­der­baren kurzen Text von Ivo Andrić: Der Više­grader Pfad (Staze). Da spricht er in seinem Namen. Jedes Mal, wenn er sich schlecht fühlte, wenn er an dem Sinn des Lebens zwei­felte, wenn er eine Sehn­sucht nach Gra­bes­ruhe emp­fand, erschien vor seinem geis­tigen Auge der Pfad in Više­grad, den er unzäh­lige Male gegangen ist. Und da sagt Andrić: „In sol­chen Augen­bli­cken nahm ich diesen Pfad vor mich, wie der Betende oder Gläu­bige seinen Gebets­tep­pich vor sich nimmt.“ Ver­stehen wir uns? Er nimmt ein Bild aus dem mus­li­mi­schen kul­tu­rellen Kon­text. So spricht man nicht von den Kul­turen, die man hasst. Ich kannte Ivo Andrić nicht per­sön­lich, aber was wir schreiben, spricht viel ehr­li­cher, viel auf­rich­tiger über uns als alles andere, was wir von uns geben. Und sein Werk, sein Schreiben beweist es: Er hat keinen Men­schen gehasst. Er hat vor allem keine Kultur gehasst. All das ist ein­fach Schwach­sinn, ein poli­ti­sches Gerede, das ich nicht hören mag.

n.: Würden Sie den­noch einmal den Ver­such unter­nehmen, dieses poli­ti­sche Gerede zu ana­ly­sieren? Wie konnte es dazu kommen, dass Andrić heute in der Wahr­neh­mung der Zeit­ge­nossen so gespalten ist?

D.K.: Ach, das ist sehr ein­fach, leider viel zu ein­fach. Das ganze Theater, das bei uns auf dem Balkan gespielt wird, ist so kit­schig, ein­fach und schlecht, dass es irgendwie geschmacklos ist, dar­über Worte zu ver­schwenden. Die Mafia­bosse, die den Balkan heute kon­trol­lieren und sich für Natio­na­listen aus­geben, müssen alles Bin­dende zer­stören, denn sie pro­fi­tieren von Strei­te­reien, Kriegen, und Andrić ist nun mal eine von den bin­denden Tat­sa­chen auf dem Balkan. Ivo Andrić ist ein Kroate, ein Katholik aus Bos­nien, ein Bos­nier zu hun­dert Pro­zent, der in Ser­bien einen Groß­teil seines Lebens ver­bracht hat. Er hat sich immer als Jugo­slawe gefühlt und als Jugo­slawe gehan­delt. Das ist eben eine Tat­sache. Ivo Andrić muss man daher irgendwie ent­weder ser­bi­sieren oder kroa­ti­sieren oder bos­ni­sieren. Und der Mann lässt sich nicht ‑isieren. Die zweite Ebene dieser Strei­te­reien ist noch ein­fa­cher. Im Geiste kann man klare Grenzen nicht ziehen. Ein Schrift­steller gehört nun einmal zu den­je­nigen, die ihn lesen. Ein Schrift­steller kann zu fünf­zehn Nationen gehören, und die Herr­schaften, die alle – wie gesagt – blöde Mafia­bosse sind, keine Poli­tiker, möchten auch im Geiste klare Grenzen ziehen. Es muss klar sein, wem Miroslav Krleža gehört? Ich schwöre, er gehört mir.

n.: Ein Kol­lege von Ihnen an der Uni­ver­sität von Sara­jevo, der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Esad Dura­ković, ist kein Poli­tiker und hat ein sehr distan­ziertes Ver­hältnis zu Ivo Andrić. In seinem Kon­zept erscheint Andrić als Euro­zen­trist, als jemand, der die ori­en­ta­li­sche Kultur nicht wahr­nehmen kann, der sie gering­schätzt. Es gibt unter Bos­niaken noch schär­fere Kri­tiker von Andrićs Werk. Ist das, was da kri­ti­siert wird, auch alles Unsinn?

D.K.: Nein, das ist kein Unsinn. Ivo Andrić war ohne Zweifel ein Euro­zen­triker. Aber lesen wir bitte Autoren in ihrem Kon­text. Das heißt, als Ivo Andrić lebte und schrieb, herrschte überall, nicht nur in Europa, ein wis­sen­schaft­li­cher Opti­mismus. Euro­zen­trismus war im Grunde die ein­zige Sicht­weise, die man haben konnte, denn es war selbst­ver­ständ­lich, Europa als Zen­trum der Welt anzu­sehen. Und Ivo Andrić war übri­gens auch klug genug, um alle auf­klä­re­ri­schen Absichten auf­zu­geben. Er bestä­tigte allen seinen Gesprächs­part­nern ihre Vor­ur­teile, denn Argu­mente haben bis heute keinen Men­schen über­zeugen können. Es wäre selbst­ver­ständ­lich Schwach­sinn gewesen, immer wieder zu betonen, dass zum Bei­spiel ori­en­ta­li­sche Kul­turen groß­artig seien in einem Ambi­ente, in einem Kon­text, in dem alle, buch­stäb­lich alle, mit ganz wenig Aus­nahmen, fel­sen­fest an den Fort­schritt, die Wis­sen­schaft und eine ein­zige Wahr­heit, die mecha­ni­scher Natur ist, glaubten. Was sollte Ivo Andrić in diesem Kon­text tun? Sollte er zu erklären ver­su­chen, dass der Mensch nun mal auch ein geis­tiges Wesen ist? Quatsch! Damals glaubte kein Mensch an irgend­eine Form von Geist. Die hei­lige Wis­sen­schaft hat uns davon über­zeugt, dass es nur Materie gibt, Schluss! Und die Reli­gionen kamen alle vom Orient, ja, umso schlimmer für den Orient. So war es nun mal.

n.: Am Bei­spiel des Textes Der Više­grader Pfad haben Sie erläu­tert, wie Ivo Andrić die mus­li­mi­sche Kultur in sich auf­ge­nommen hat. Ivo Andrić hat Bos­nien und seine Mus­lime also bes­tens verstanden?

D.K.: Ivo Andrić hat Bos­nien so gut ver­standen, wie es über­haupt mög­lich ist. Wenn man Ivo Andrić ohne Vor­ur­teil liest, mit offenem Herzen und offenen Augen, muss man ein­sehen, dass er die ori­en­ta­li­sche Kultur sehr tief in sich ein­ge­nommen hat, dass er diese Kultur sehr hoch hielt und ach­tete. Ich möchte Sie an eine Epi­sode aus dem Roman Die Brücke über die Drina erin­nern: Die Heldin Avda­gina Fata hat ihr Wort gegeben, dass sie einen jungen Mann nicht hei­raten würde. Ihr Vater hat sein Wort gegeben, dass der junge Mann seine Tochter hei­raten darf. Andrićs Heldin kann weder das eigene noch das Wort ihres Vaters bre­chen. Der ein­zige Aus­gang aus dieser Lage ist ihr Selbst­mord. Und sie begeht ihn. Diese Figur, diese tra­gi­sche Heldin, die zu den geis­tigen Werten steht, stellt Andrić dem Ratio­na­lismus der modernen west­li­chen Kultur gegen­über, die damals gerade in Više­grad ein­drang. Andrić stimmt weder für das Eine noch für das Andere. Er sieht keinen Grund, beides gegen­ein­ander aus­zu­spielen. Er stellt ein­fach etwas fest. Wenn das nicht Klar­text über Andrićs Ver­hältnis zu den ori­en­ta­li­schen Kul­turen spricht, dann weiß ich nicht, was klarer spre­chen könnte.

n.: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Könnte Ivo Andrić eines Tages wieder für alle Bos­nier zum lite­ra­ri­schen Chro­nisten ihrer Geschichte werden?

D.K.: Na, aber selbst­ver­ständ­lich – in zwanzig Jahren, sobald sich das Leben, die Lebens­ver­hält­nisse am Balkan nor­ma­li­siert haben. Denn – wie gesagt – heute ver­sucht man hier Men­schen ein­zu­reden, dass Serben, Kroaten, Mon­te­ne­griner, Bos­niaken, Rus­sinen, Rumänen etwas absolut Getrenntes, Unter­schied­li­ches seien. Man ver­gisst, dass ich zu zwei Drit­teln ein Serbe bin. Denn ich hab mein Bild von der Lyrik sowohl von meinem großen „Natio­nal­b­ruder“ Mak Dizdar als auch von einem ser­bi­schen Dichter geprägt bekommen. Ohne dessen Werk ist mein Bild von der Lyrik nicht kom­plett. Was das Erzählen angeht, habe ich sowohl von Hamza Humo, Meša Seli­mović, Ivo Andrić als auch von Laza Laza­rević und Mil­ovan Glišić gelernt. Ich bin zu zwei Drit­teln oder noch ein wenig mehr ein Kroate, denn ich bin in einer kroa­ti­schen Gegend auf­ge­wachsen. Ohne den kroa­ti­schen Dichter Miroslav Krleža, ohne den kroa­ti­schen Dichter Tin Ujević, ohne den kroa­ti­schen Dichter und Dra­ma­tiker Marin Držić wäre ich für mich selbst unvor­stellbar. Und so ist es nun mal mit bei­nahe allen Men­schen in Bos­nien. Ivo Andrić bindet das irgendwie. Es geht nur darum, dass die Mafia­bosse, die sich als Natio­na­listen ver­kaufen, auf­hören, Strei­te­reien zu ver­breiten. Sobald die west­li­chen Bosse sich mit anderen arran­gieren oder ihren Mario­netten hier am Balkan klar­ma­chen, dass nun Schluss damit ist, die Völker gegen­ein­ander aus­zu­spielen, hört es auf und dann…

n.: … ist die Lite­ratur wieder frei?

D.K.: Eben.

n.: Gab es zu sozia­lis­ti­scher Zeit kri­ti­sche Stimmen zu Ivo Andrić? Haben Sie solche Stimmen vernommen?

D.K.: Selbst­ver­ständ­lich habe ich nicht nur ver­schie­dene Stimmen gehört. Ich habe auch selber einiges recher­chiert, um meine eigenen Ver­ir­rungen, Zweifel usw. irgendwie zu klären. Es gibt eine sehr lange Pas­sage am Anfang des Romans Die Brücke über die Drina, wo, wenn die Knaben ins Osma­ni­sches Reich ver­schleppt werden, vor Schmerz halb­blinde Frauen der Kolonne nach­laufen und schreien: „Nimm noch ein wenig Pita!“ und ähn­li­ches, und die wütenden Jani­tscharen schlagen den Frauen auf den Rücken. Das wun­derte mich sehr. Denn das wäre so, als wenn zur Zeit Jugo­sla­wiens Knaben aus den armen Gegenden gezwungen gewesen wären, in die Mili­tär­schule oder Poli­zei­schule zu gehen und nicht frei­willig gegangen wären. Sie gingen aber frei­willig. Die Mili­tär­schule ver­sprach eine bequeme, gute, ange­nehme Zukunft für einen Knaben aus den armen Gegenden Jugo­sla­wiens. In den Geschichts­bü­chern, in den Archiven der osma­ni­schen Zeit gibt es meh­rere Doku­mente, in denen es heißt: Die zustän­digen Behörden müssen auf­passen, nur gesunde Knaben zu nehmen. Sollte es sich her­aus­stellen, dass ein Beamter Schmier­geld genommen hat, um einen nicht voll­kommen gesunden Knaben zu nehmen, so wird er, so werden alle bestraft. Also selbst­ver­ständ­lich hat Ivo Andrić in dieser Pas­sage die his­to­ri­sche Wahr­heit seinem his­to­ri­schen Kon­zept ange­passt, denn die Mili­tär­kar­riere der Knaben in Istanbul war nicht mit Zwang oder höchs­tens mit einem öko­no­mi­schen Zwang ver­bunden. So wie die Knaben in Sizi­lien zur Polizei in Ita­lien gehen, weil das eine Kar­riere, eine Arbeit ver­heißt. Ver­stehen wir uns? Selbst­ver­ständ­lich hat Andrić die his­to­ri­sche Wahr­heit, die ihm ohne Zweifel bekannt war, einem ideo­lo­gi­schen Kon­zept ange­passt. Aber das kann man sowohl ideo­lo­gisch als auch liter­ar­tech­nisch deuten. Denn es funk­tio­niert rein lite­ra­risch viel besser, wenn der Junge, der heute Groß­wesir ist, ver­schleppt wurde, als wenn er frei­willig oder auf Wunsch seiner Eltern nach Istanbul ging.

n.: Kri­tiker sagen, das Bild der osma­ni­schen Herr­schaft in Andrićs Werk sei äußerst negativ und einige Fol­te­rungs­szenen an Serben durch die Osmanen so brutal, dass sie beim Leser Hass auf Mus­lime bewirken müssen. Wie fühlen Sie sich als mus­li­mi­scher Bos­nier, wenn Sie an diese Szenen denken?

D.K.: Ich möchte Sie nur an eine ein­fache Tat­sache erin­nern. Seit Ende des 18. Jahr­hun­derts werden im Westen sehr sys­te­ma­tisch fal­sche Bilder der isla­mi­schen Kultur pro­du­ziert und auf­ge­drängt. Wenn ich da belei­digt oder gekränkt reagieren würde, wäre mein ein­ziger Gesprächs­partner im Westen der große Goethe. Denn er war der Ein­zige, der die isla­mi­sche Kultur nicht exo­tisch, son­dern als Wirk­lich­keit emp­funden und behan­delt hat, der Ein­zige, der im Orient keine exo­ti­schen Unwirk­lich­keiten kon­stru­iert hat, son­dern sich den großen Hafis als Gesprächs­partner aus­ge­sucht hat. Alle anderen Euro­päer kon­stru­ierten sich exo­ti­sche Bilder im Orient oder im Osten Europas. Pedro Cal­derón de la Barca, der große spa­ni­sche Dra­ma­tiker, lässt sein Stück Das Leben ein Traum (La vida es sueño) in Polen spielen. Warum? Weil Polen exo­tisch und unwirk­lich ist, dort ist alles mög­lich. Sogar der nette Herr Karl May, der es so wun­derbar ver­standen hat, die Indianer als Men­schen dar­zu­stellen, konnte nicht umhin, uns Bal­ka­nesen als Unmen­schen dar­zu­stellen, als exo­ti­sche Unwirk­lich­keit. So ist es nun mal. Nicht nur meine Kultur, auch ich, meine Person wird sehr oft falsch gesehen. Ich bin ein äußerst netter Mensch. Und so viele ganz tolle, kluge Men­schen halten mich für unsym­pa­thisch, aggressiv, uner­träg­lich. Was soll ich da machen? Ich kann nur ver­su­chen, die Tat­sa­chen zu erfor­schen, um die Sache eini­ger­maßen objektiv ein­zu­schätzen. Selbst­ver­ständ­lich tut es mir leid, wenn Ivo Andrić sein groß­ar­tiges Werk einem ideo­lo­gi­schen Kon­zept anzu­passen ver­sucht. Gott sei Dank gelingt ihm das sehr schlecht. Es bleibt ein groß­ar­tiges Werk. Und dieses Werk inter­es­siert mich nun mal viel mehr als der Mensch Andrić.

n.: Michael Müller, ein deut­scher Sla­wist, hat in seiner Dis­ser­ta­tion die Dar­stel­lung der ein­zelnen Völker, der inter­eth­ni­schen Bezie­hungen und der Ein­stel­lung des Erzäh­lers in Andrićs Werk unter­sucht. Er argu­men­tiert, dass Andrićs Erzähler im Roman Die Brücke über die Drina an einigen wenigen Stellen „wir“ sagt und mit diesem „wir“ die Serben gemeint seien. Viel­leicht muss man ein­fach aner­kennen, dass Andrić ein Anhänger der jugo­sla­wi­schen Idee in dem Sinne war, dass Ser­bien die Rolle des Pie­monts in der Ver­ei­ni­gung der Süd­slawen spielen sollte?

D.K.: Damit habe ich keine Pro­bleme. Selbst­ver­ständ­lich war Andrić als Mensch Kar­rie­rist. Er hat sehr viele Kom­pro­misse mit dem mora­li­schen Gefühl gemacht. Er war ohne Wei­teres ein Jugo­u­ni­ta­rist. Er hat sich sehr wohl mit einem bestimmten ideo­lo­gi­schen Pro­jekt arran­giert, beide Male, nach dem Ersten Welt­krieg und nach dem Zweiten Welt­krieg. Als könig­li­cher Diplomat konnte er sich sehr bequem auch in der Kom­mu­nis­ti­schen Partei fühlen und arbeiten. Aber Ivo Andrić als Mensch inter­es­siert mich nicht im Geringsten. Ich bin glück­lich ver­hei­ratet und ich möchte mich mit dem Men­schen Ivo Andrić nur inso­weit befassen, dass ich ihn eini­ger­maßen ver­stehe. Mich inter­es­siert aus­schließ­lich sein Werk. Diesem Werk kann man kein ein­sei­tiges ideo­lo­gi­sches Bild auf­drängen. Nur das behaupte ich.

n.: Sie wären also nicht mit dem Urteil jener Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler ein­ver­standen, die behaupten, dass Andrićs Dis­ser­ta­tion, in der er den Ein­fluss der osma­ni­schen Herr­schaft auf das geis­tige Leben in Bos­nien unter­sucht und zu dem Schluss kommt, dass diese durchweg negativ war, auch als Grund­lage seines lite­ra­ri­schen Werks diente?

D.K.: Auf keinen Fall. Ich bitte Sie, Ivo Andrić hat seine Dis­ser­ta­tion unter Zwang geschrieben. Ent­weder muss er sein Stu­dium beenden, oder er ver­liert seinen diplo­ma­ti­schen Posten in Graz. So hat er in aller Eile ein Mach­werk ver­fasst, voller Impro­vi­sa­tionen, Fäl­schungen, herz­lich bemüht, allen Vor­ur­teilen seiner Kom­mis­sion Recht zu geben, nur damit er end­lich das ver­dammte Papier bekommt, er hätte sein Stu­dium beendet. Soviel ist seine Dis­ser­ta­tion wert, und dessen war er sich auch bewusst, denn zu seiner Lebens­zeit durfte diese Dis­ser­ta­tion nicht ver­öf­fent­licht werden.

n.: In Više­grad wird gerade eine ganze Andrić-Stadt gebaut. Was halten Sie von diesem Vor­haben? Hat das etwas mit Ivo Andrić zu tun, wird er da miss­braucht? Oder soll man an dieser Andrić-Stadt ein­fach gleich­gültig vor­bei­gehen, wie es einige Kri­tiker vor­ge­schlagen haben?

D.K.: Ja, ein­fach vor­bei­gehen, denn die Leute, die dahinter stehen, ver­wenden alles als tou­ris­ti­sche Masche. Die sind Tou­risten auch in ihrer Lite­ratur, in ihrer Kultur, in ihrem Leben. Sie bieten alles Mög­liche den Tou­risten an, weil auch sie auf Erden Tou­risten sind. Nein, das hat mit Ivo Andrić absolut nichts zu tun. Sie behaupten nur, sie wären von Andrić inspi­riert. Diese Leute wären bereit, alles Mög­liche als Magnet für Tou­risten zu ver­wenden, auch Tito, oh ja.

n.: Der Initiator des Pro­jekts ist der Fil­me­ma­cher Emir Kus­tu­rica. Würden Sie jenen feinen Unter­schied zwi­schen dem wun­der­baren Künstler und dem nicht ganz so feinen Men­schen, den Sie bei Andrić emp­finden, auch auf Kus­tu­rica anwenden?

D.K.: Eigent­lich ja, denn die ersten beiden Filme von Kus­tu­rica finde ich sehr gut. Ich bin in Sara­jevo unzäh­lige Male dafür ange­griffen, eine Zeit­lang buch­stäb­lich gelyncht worden, weil ich es nicht zulasse, dass man Emir Kus­tu­rica aus meiner bos­ni­schen Kultur aus­ra­diert. Das ist doch Quatsch. Emir Kus­tu­rica gehört mit seinen ersten Filmen zu dieser Kultur. Er hat Groß­ar­tiges geleistet. Und als Mensch mag er tun, was er will. Dieses Pro­jekt, die Andrić-Stadt, hat mit der bos­ni­schen Kultur wahr­lich nichts zu tun. Denn der Tou­rismus ist nur ein Ver­such, bestimmte ober­fläch­liche Ein­drücke von einer Kultur an Fremde zu verkaufen.

Das Inter­view führten Kse­nija Cve­t­ković-Sander und Martin Sander.