Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Fang den Hasen“ – eine Geschichte über Freund­schaft, Her­kunft, Sprache und Heimat

„Du hast jemanden, und dann hast du ihn nicht mehr. Und das ist unge­fähr die ganze Geschichte.“ – Lana Bastašićs Roman erzählt von einer Frau­en­freund­schaft. Aber es han­delt sich nicht nur um einen Roman über Frau­en­freund­schaft. Nein, es han­delt sich auch um einen Roman über einen Neu­an­fang. Über Krieg und Dun­kel­heit. Über Her­kunft und Sprache.

 

Mit ihrem Debüt­roman Fang den Hasen (Bosn. “Uhvati zeca”) stand die Autorin auf der Short­list des NIN-Awards, Ser­biens renom­mier­testen Lite­ra­tur­preises und erhielt 2020 den Lite­ra­tur­preis der Euro­päi­schen Union. Die deut­sche Über­set­zung erschien im März 2021.

 

 

Ein Buch über eine Frauenfreundschaft

 

„Aber ich bin die, die diese Geschichte erzählt. Ich kann aus ihr machen, was immer ich will.“ – Die Geschichte wird aus der Per­spek­tive der Haupt­prot­ago­nistin Sara erzählt. Visua­li­siert wird das Ganze durch den Wechsel zwi­schen Ich- und Du-Form, ergänzt durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrer Freundin Lejla. Jedes Kapitel ist in zwei Teile geteilt. Im ersten Teil eines jeden Kapi­tels nimmt die Erzäh­lerin uns in der Gegen­wart mit auf die Reise in ihr Her­kunfts­land, schil­dert das Zusam­men­treffen mit ihrer Kind­heits­freundin Lejla und begibt sich auf die Suche nach Lejlas ver­loren geglaubtem Bruder Armin. Gleich­zeitig offen­bart sie uns auch im zweiten Teil eines jeden Kapi­tels ihre Ver­gan­gen­heit. Dun­kel­heit, Krieg, ihre Freund­schaft mit Lejla in Kind­heits­tagen und trau­ma­ti­sche Erlebnisse.

 

Von Kapitel zu Kapitel wird immer deut­li­cher, dass es um eine durchaus unge­wöhn­liche Freund­schaft geht. Bei den beiden jungen Frauen han­delt es sich um zwei Indi­vi­duen mit unter­schied­li­chen Mei­nungen, Ansichten und auch Ver­hal­tens­mus­tern. Sara, beschrieben als die Tochter des Poli­zei­chefs, immer zurück­hal­tend und nach­denk­lich und Lejla, die Wilde mit zwei­fel­haftem Ruf. Je weiter die Reise in dem weißen Opel Astra geht, desto mehr ver­dichtet sich das Bild von Sara und Lejla. Eine Freund­schaft, die zer­fallen ist, wie das Land, in dem sie einst auf­ge­wachsen sind.

 

Über zehn Jahre haben Sara und Lejla, zwei Freun­dinnen, die in Kind­heits­tagen unzer­trenn­lich waren, nicht mehr mit­ein­ander gespro­chen. Die Ich-Erzäh­lerin Sara lebt seit zwölf Jahren in Dublin. Sie ver­ließ Bos­nien für ein bes­seres Leben und legte ihre Heimat und Mut­ter­sprache mit der Zeit ab. Doch ein Anruf ihrer Kind­heits­freundin Lejla bringt eine ver­lo­rene Heimat und Hoff­nung wieder zurück. Lejla nimmt Kon­takt zu Sara auf mit der Bitte sie in Mostar abzu­holen und nach Wien zu fahren. Selbst­ver­ständ­lich ist Sara anfangs nicht sehr begeis­tert und sträubt sich dagegen, bis der Satz „Sara, Armin ist in Wien“ zu einer Wende führt.

 

Auf­wachsen in Bos­nien und Her­ze­go­wina in den 1990er Jahren

 

Einige Par­al­lelen zum Leben der Autorin lassen sich erkennen, was den Roman umso authen­ti­scher macht. Lana Bastašić selbst wuchs nach dem Zer­fall Jugo­sla­wiens in Banja Luka auf, doch geboren wurde sie in Zagreb als Kind ser­bi­scher Eltern. Nach dem Krieg wan­derte sie nach Irland aus und lebte zuletzt meh­rere Jahre in Barcelona.

 

Im Roman ist Banja Luka auch der Ort des Auf­wach­sens der beiden Freun­dinnen, Lejla, der Bos­niakin und Sara, der Serbin. Durch die Beschrei­bungen der Erin­ne­rungen aus der Ver­gan­gen­heit der beiden Prot­ago­nis­tinnen wird zusätz­lich die The­matik des Bos­ni­en­krieges, der 1992 aus­ge­bro­chen und 1995 beendet worden ist, behan­delt. – „Wir wussten, dass es begonnen hatte, dass sie es begonnen hatten. Wir wussten auch, dass es dauern würde.“ Die Kriegs­ver­bre­chen werden im Roman nicht gesehen, keine Täter oder Taten werden beschrieben. Den­noch ist alles da. Die The­matik des Krieges und der Dun­kel­heit wird in einigen Szenen durch Details ersicht­lich. So ändert Lejlas Mutter aus Ver­zweif­lung die Namen ihrer Kinder. Aus der Bos­niakin Lejla Begić wird die Serbin Lela Berić.

 

Die Dun­kel­heit in Bosnien 

 

„Ich hatte alles ver­gessen: sie und Armin, Bos­nien. Diese Fins­ternis.“ – Bos­nien beschrieben als das Land, in dem es schon um 15:00 Uhr dunkel ist. Sara hat vor zwölf Jahren Bos­nien für ein bes­seres Leben ver­lassen. Auf ihrer Reise mit Lejla muss sie erkennen, dass sie ihre Heimat und Mut­ter­sprache nicht ein­fach ablegen und zurück­lassen kann. Die Dun­kel­heit lässt sich nicht ein­fach ver­treiben. Es bleiben auch Jahre, nachdem sie den Geburtsort, den Krieg, ihre Freunde und die Dun­kel­heit zurück­ge­lassen hat, gewisse „Teil­chen unter der Haut übrig.“ – Wir sind immer in Bos­nien.“  Sara hat viel­leicht ver­sucht ihre Heimat zu ver­lassen und alles zu ver­gessen, doch die Sprache dient als Erin­ne­rung, wie eine Art Kenn­zei­chen dafür wer sie ist und woher sie kommt. Im Unter­schied zur Heimat kann die Sprache nicht ein­fach zurück­ge­lassen werden.

 

Lana Bastašić verrät in ihrem Nach­wort einige pikante Details zu den Beweg­gründen für das Schreiben ihres Romans. Aller­dings ist dieses Nach­wort nur in der vierten Auf­lage des von Booka in Beo­grad her­aus­ge­ge­benen Buches zu finden. Die Autorin selbst erläu­tert, dass es ihre Absicht war ein Buch über „ihr Land“ und ihre Alb­träume, die sie län­gere Zeit begleitet hatten, zu schreiben. Aus dem Ver­such „ihr Land“ zu beschreiben, ent­stand Lejla Begić. Ihr Vor­name trägt die Bedeu­tung „Nacht“ und im Spiegel gesehen die Initialen von Banja Luka, der Stadt, in der sie auf­ge­wachsen ist. Sara hin­gegen, deren Name bewusst auf­grund der Bedeu­tung „Herrin“ (und auch „Prin­zessin“) gewählt wurde, soll die­je­nige sein, die die Geschichte über dieses zer­fal­lene Land erzählt.

 

Neu­an­fang

 

„… von vorne anfangen“ – mitten im Satz beginnt der Roman von Lana Bastašić.

 

Fang den Hasen bedeutet Erklä­rungen ein­zu­fangen, Ant­worten zu finden und vor allem die eigene Iden­tität, welche durch Umge­bung, Familie, Freunde, Her­kunft und Sprache geformt wird und vor der man nicht weg­laufen kann. Das Motiv des Hasen begleitet uns vom Titel des Buches bis hin zum Ende der Geschichte. Von Lejlas weißem, lebendem Kanin­chen bis hin zu Dürers gemaltem Hasen. Ein gewisser Bezug zu „Alice im Wun­der­land“ von Lewis Car­roll lässt sich erkennen, denn wie Alice fällt Sara zunächst in ein Hasen­loch, als sie in ihre Heimat zurück­kehrt. Das namen­lose weiße Kanin­chen, dem einst schon Alice in das Wun­der­land folgte, ist einer der wesent­li­chen Ver­bin­dungen zwi­schen Sara und Lejla. Inspi­riert durch das „Hasen­loch“ in Car­rols Roman schickt Lana Bastašić Sara durch zwölf Kapitel um den Hasen Lejla „zu fangen“.

 

Lana Bastašićs Roman ist in einer fes­selnden Sprache geschrieben und erfor­dert auf­merk­same Leser_innen, denn der Text baut Erwar­tungen auf, um diese zu ent­täu­schen. Die Geschichte ist leicht zu lesen, aber umso schwerer zu ver­stehen, da viele Themen nicht direkt ange­spro­chen werden und die Autorin mit Sym­bolen spielt. Abge­rundet wird das Ganze durch den Schluss, der nicht pas­sender sein könnte.

 

„Ich wollte nur…“ – Lana Bastašičs Roman endet mitten im Satz und könnte mit ver­än­dertem Blick noch einmal von vorne gelesen werden.

 

Lite­ratur

Bastašić, Lana: Fang den Hasen. Aus dem Bos­ni­schen von Rebekka Zein­zinger. Frank­furt am Main 2021.