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Filmfestival „Zerkalo“: Die russische Peripherie im Fokus

Posted on 6. Dezember 2019 by Elisabeth Bauer
Wie macht man das – ein internationales Filmfestival in einer Stadt, die abseits der kulturellen Zentren Russlands, Moskau und Sankt Petersburg, liegt? Das XIII. Internationale Andrej Tarkovskij Filmfestival, das nach Tarkovskijs Film "Zerkalo"(dt. Spiegel) benannt ist und jährlich in Ivanovo stattfindet, hat im vergangenen Juni bewiesen, dass dies sehr wohl möglich ist – dank des leidenschaftlichen Einsatzes eines neu aufgestellten Festivalteams aus St. Petersburg und unter Einschluss einer engagierten lokalen Kulturszene.

Wie macht man das – ein internationales Filmfestival in einer Stadt, die abseits der kulturellen Zentren Russlands, Moskau und Sankt Petersburg, liegt? Das XIII. Internationale Andrej Tarkovskij Filmfestival, das nach Tarkovskijs Film "Zerkalo" (dt. Spiegel) benannt ist und jährlich in Ivanovo stattfindet, hat im vergangenen Juni bewiesen, dass dies sehr wohl möglich ist – dank des leidenschaftlichen Einsatzes eines neu aufgestellten Festivalteams aus St. Petersburg und unter Einschluss einer engagierten lokalen Kulturszene.

Ivanovo. „Ich brenne für das russische zeitgenössische Kino“, sagt Aleksej Krymov, Jurymitglied des Kinofestivals in der auf das nationale russische Kino konzentrierten Sektion Svoi (dt. Unsere) und Betreiber einer angesagten Bar in Ivanovo, während symphonische Orchesterklänge mit E-Gitarren-Verstärkung über den Dorfplatz von Jur’evec schallen. Hier, in einem Dorf an der Volga, gut dreihundert Kilometer von Moskau entfernt, wo Kultregisseur Andrej Tarkovskij seine Kindheit verbracht hat, feiern einige hundert Festivalgäste und Dorfbewohner_innen die Eröffnung des Filmfestivals „Zerkalo“.

 

In seiner Bar „Tesno“, die sich bei Nacht in den einzigen Technoclub der 400.000 Einwohner_innen-Stadt Ivanovo verwandelt, zeigt Aleksej regelmäßig – unabhängig vom Festivalgeschehen – russische Filme. Bei freiem Eintritt und ohne Lizenz, wie der Anfang Dreißigjährige selbst sagt. „Das Festival tut der Stadt gut. Das Wichtigste ist doch, dass es den Leuten gefällt“, meint er.

 

 

Ivanovo, Bahnhof © Elisabeth Bauer

 

„Ein Festival für die Menschen, für die Stadt“

Und das sei nicht immer so gewesen. Lange Jahre hatte man das Festival weniger für die Menschen aus der Oblast′ Ivanovo, als für die Elite der russischen Kulturlandschaft organisiert: Einmal im Jahr verlagerte ein geschlossener Expert_innenkreis seine Gespräche zum zeitgenössischen Kino aus der Hauptstadt in die russische Peripherie, ohne sich dabei für ein lokales Publikum zu öffnen. Nicht in Ivanovo, sondern in der Nachbarstadt Pl’os trafen sich die privilegierten Festivalgäste – in einer Stadt, die bekannt dafür ist, dass sich hier Datschen reicher Businessleute und Verbeamteter dicht an dicht aneinanderreihen.

„Als wir das Festival vor zwei Jahren übernommen haben, lag diese Stimmung in der Luft, ein Festival für die Menschen zu machen, für die Stadt“, erzählt Festivalproduzentin Saša Achmadšina auf dem Weg in die Festival-Location in Ivanovo, das Kino „Lodz“. Wer in diesen Juni-Tagen mit Gästen aus der Region über das Festival spricht, erfährt, dass „Zerkalo“noch immer der Ruf anhaftet, ein verschlossenes und elitäres Kulturevent zu sein – eine Altlast der ersten elf Festivaleditionen.

 

 

Ivanovo, Kino Lodz © Elisabeth Bauer

 

Anar Imanov, Slawist und Ko-Drehbuchautor des im Rahmen des Festivals zweifach preisgekrönten Films End of Season („Young Film Critics Award“ und „Professional Achievement Award“), der beim internationalen Filmfestival in Rotterdam 2019 den FIPRESCI-Preis erhalten hatte, betont, dass das Filmfestival den Menschen die besondere Gelegenheit biete, ihre Stadt aus den Augen der Filmschaffenden zu betrachten – es eröffne neue Perspektiven. „Ivanovo wartet mit einem unerwarteten kulturellen, historischen Reichtum auf. Es ist eine Stadt der Mythen, die dazu einladen, wiederentdeckt und weitergedacht zu werden.“ Imanov nennt dieses Phänomen in Anlehnung an den Tarkovskij’schen Festivalnamen „Spiegeleffekt“: Ivanovo werde zu einem Ort der Imagination – eine Stadt, in der die Zuschauer Teil eines fiktiven Raums werden können. Das sei nicht überall möglich.

 

Ivanovo – Stadt der zwei Architekturen

Das heterogene Stadtbild Ivanovos mag beim ersten Hinsehen weniger reizvoll erscheinen, als das denkmalgeschützte, malerisch auf einer Anhöhe am rechten Volga-Ufer gelegene Pl’os: Fabrikarchitekturen aus Backstein vermischen sich mit sowjetischen Plattenbauten und neueren Interpretationen derselben.  Hier und da schälen sich archaische Türme orthodoxer Kirchen aus den Hinterhöfen, während schrill-glänzende sakrale Neubauten den zentralen Plätzen der Stadt ihren Stempel aufsetzen.

Auf einem Stadtspaziergang mit einer Gruppe internationaler Festivalgäste entschlüsselt Michail Timofeev, Experte für die lokale Stadtarchitektur und Philosophieprofessor an der Staatlichen Universität von Ivanovo, diese urbane Assemblage. Zwar sei Ivanovo Teil des „Goldenen Rings“, gleichzeitig unterscheide sich die Industriestadt substanziell von den übrigen Städten der beliebten Reiseroute. Anders als das sich nordöstlich von Moskau erstreckende historische Städte-Netz – ehemals Einzugsgebiet der Nordost-Rus’ – ist Ivanovo eben nicht gespickt von altrussischen Kathedralen mit ihren charakteristischen Glockentürmen.

 

 

Ivanovo, Ležnevskaja-Straße © Elisabeth Bauer

Zwei Architekturen verleihen der „Zerkalo“-Stadt seinen eigenwilligen Charakter, verweisen auf die beiden prägenden Erzählungen der Stadtgeschichte, die sich diskursiv wie materiell durch den Stadtraum ziehen – von Ivanovos Beinamen „Stadt der Bräute“ (russ. „Gorod nevest“) und „Stadt des ersten Sowjets“ (russ. „Gorod pervogo soveta“) überschrieben. Rote Fabrik- und Backsteinbauten und herrschaftliche neoklassizistische Stadtvillen zeugen einerseits vom vergangenen Ruhm der Stadt als Zentrum der russischen Textilindustrie. Andererseits ist der Stadtraum von eindrücklichen Avantgardearchitekturen durchsetzt: Arbeiterhäuser, Schulen und Theater, Hotels und institutionelle Einrichtungen im Stile des Konstruktivismus erinnern daran, dass Ivanovo in den Geschichtsbüchern einst als „Dritte proletarische Hauptstadt“ geführt wurde. Timofeev hebt die sogenannten „Metapher-Häuser“ als Perlen des Ivanovo-Voznesensker Konstruktivismus hervor, so etwa das Schiff- oder das Vogelhaus.

 

 

Genkina-Statur © Elisabeth Bauer

 

„Die junge Generation muss merken, dass sie etwas verändern kann“

„Für einige Tage stehen ausnahmsweise die armen Provinzen an der Peripherie im Zentrum des kulturellen Geschehens“, sagt Achmadšina, während die veralteten Motoren der im Stau stehenden Kleinbusse, genannt Maršrutkas, rattern und ihre Stimme zu übertönen drohen. „Es kommen Besucher aus der Region und aus anderen Städten; man hört sich gegenseitig zu, tauscht sich aus.“ Als Stanislav Voskresenskij, neuer Gouverneur der Oblast′ Ivanovo, vor zwei Jahren verkündete, das Filmfestival „Zerkalo"müsse erneuert werden – aus dem intellektuellen Treff sollte ein für alle zugängliches, egalitäres Kulturereignis werden –, fiel die Wahl auf Ivanovo als passende Spielstätte, weil es im Gegensatz zu Pl’os eben soziale Demokratie und – bei internationaler Ausrichtung – den Willen zur Interaktion mit der lokalen Kulturszene signalisierte.

„Hier in Ivanovo gibt es eine tolle Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden“, sagt Achmadšina. Ihnen sei viel daran gelegen, dass es ein urbanes Filmfestival mit anspruchsvollem Programm gebe, das dem Niveau vergleichbarer europäischer Filmfestivals entspreche. „In St. Petersburg gibt es diesen Dialog mit der Stadt praktisch nicht, dort ist alles komplizierter.“

Die Öffnung der Festival-Veranstaltungen für ein heterogenes Publikum sowie die regionale Kreativen- Förderung sind grundlegende Bausteine des Festivalreglements, seitdem das St. Petersburger Kollektiv um Konstantin Šavlovskij, Achmadšina & Сo. die Produktion übernommen hat. Damit trifft das Filmfestival einen Nerv der Zeit: Filmfestivals auf der ganzen Welt öffnen sich verstärkt für junges Publikum und potenziellen Nachwuchs aus der Branche, in diesem Jahr etwa das Filmfestival in Locarno mit einem „Base Camp“ für junge Kreative, einem Raum für Austausch und Experimente.

 

Staatliche Finanzierung, (noch) keine Zensur

Dass das Festival-Budget von staatlichen Geldern getragen werde – vom Kulturministerium der Russischen Föderation und von der regionalen Regierung der Oblast′ Ivanovo nämlich – werde in Deutschland natürlich nicht gerne gehört. „Faktisch entscheiden wir aber alles selbst“, sagt Achmadšina über die Kuration des Festival-Programms, welcher Andrej Plachov als Programmdirektor vorsteht. „Von den Förderern kommt nur das Geld. Gott sei Dank, noch kontrollieren sie das Festival-Programm nicht, es gibt keine Zensur.“

Wichtiger Akteur ist dabei „Russian Seasons“,ein Projekt der russischen Regierung, das Veranstaltungen fördert, welche die russische Kultur – der Gegenwart, aber auch ihre (post-)sowjetische Vergangenheit – zum Inhalt haben. „Russian Seasons“ basiert unter anderem auf der ausgezeichneten Idee, dass es junge Menschen braucht, die sich mit der russischen Kultur beschäftigen. Dieser Dialog ist wichtig“, betont Achmadšina. So konnte auch der Festivalbesuch einer Gruppe von Slawistik-Studierenden der Humboldt-Universität zu Berlin und Filmexpert_innen aus Berlin finanziert werden.

 

Anders sehen und denken lernen – abseits des Nachrichtenstroms

„Die junge Generation soll merken, dass sie wichtig ist, gesehen wird und etwas verändern kann. Wenn man Filme macht, ist das möglich – man kann seine Optik verbessern, ‚Anders Sehen‘ lernen und versuchen, den Blickwinkel zu erweitern“, sagt die Festivalproduzentin. Deshalb gibt es in Ivanovo seit vergangenem Jahr parallel zum offiziellen Festivalprogramm einen „Doku-Campus“, der sich am Lehrprogramm der Moskauer Schule für Dokumentationsfilm von Marina Razbežkina orientiert, in diesem Jahr kam noch ein „Animationsfilm-Campus“ dazu. Jugendliche aus dem Gebiet zwischen den Flüssen Volga und Oka werden im Auswahlverfahren um die Campus-Plätze bevorzugt.

Einen hohen inhaltlichen Anspruch mit der Integration der lokalen Kulturszene zu vereinen – das scheint ein Hauptziel der neuen Festivalmacher_innen zu sein. „Für Ivanovo ist ‚Zerkalo‘das einzige kulturelle Ereignis im Jahr und die einzige Möglichkeit für die Menschen, mal etwas anderes zu sehen – anders zu sehen und zu denken.“ Normalerweise lebten sie in einem Nachrichtenstrom, der vor allem Intoleranz verbreite, Propaganda gegen LGBT, so Achmadšina. „Einzusehen, dass Ivanovo auch eine Stadt sein kann, in der geduldig, umsichtig und tolerant miteinander umgegangen wird – das wäre wichtig.“

 

Sokurov-Schüler Balagov und Zolotuchin – international geehrt

Nach fünf intensiven Festivaltagen, die neben Filmscreenings auch kostenlose Vorträge, moderierte Gespräche mit den Filmemacher_innen und im Begleitprogramm eine Festivalakademie sowie eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum Werk des Festival-Namensgebers Andrej Tarkovskij boten, steht fest: Zum zweiten Mal gewinnt ein Schüler Aleksandr Sokurovs, Kantemir Balagov, den „Zerkalo“-Hauptpreis. Vor zwei Jahren war bereits sein Film Tesnota (dt. Enge) ausgezeichnet worden, dessen Handlung Balagov in der Hauptstadt der Republik Kabarino-Balkarien Nal’chik im Nordkaukasus angelegt hatte, wo der Jungregisseur selbst damals auch lebte und wo er die von Sokurov geleitete Filmschule besuchtе. Ein im Grunde ähnliches Projekt zur Kulturförderung in der russischen Provinz wie auch das Festival in Ivanovo.

Sein neuer Film Dylda (dt. Bohnenstange)spielt im traumatisierten Nachkriegs-Leningrad, in den von Veteranen aufgesuchten Lazarettkorridoren. In dieser Umgebung träumen die beiden weiblichen Hauptfiguren, die vom Krieg gezeichnete Bohnenstange Ila und ihre Freundin Maša, von einem anderen Leben, einer anderen Zeit. Dylda sei weniger Kino über Leningrad im Nachkriegschaos, so fasste es eine Kritikerin in der „Novaja Gazeta“zusammen, als vielmehr eines über die Frau – mit großem Anfangsbuchstaben – als „Urquelle“ des Lebens und des Friedens („pro Ženščinu kak pervoosnovu mira (kak world, kak i peace“). Dylda hatte in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“ seine internationale Premiere gefeiert und war dort nicht nur mit dem Preis für die beste Regie, sondern zusätzlich mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet worden. Nun wird er als russischer Vertreter ins Rennen um den Oskar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ geschickt.

In der „Zerkalo“-Sektion „Svoi“gewann mit Mal’čik russkij (dt. Ein russischer Junge) von Aleksandr Zolotuchin, ebenfalls ein Schüler der Sokurov-Filmakademie in Nal’cik, den Publikumspreis. Zwei Handlungslinien laufen in seinem Debütfilm parallel und werden kunstvoll in der Montage verwoben: Da ist zum einen die Geschichte eines russischen Dorfjungen, der sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zur Front meldet, in einem Gasangriff sein Augenlicht verliert und fortan als „Lauscher“ in einer speziellen Vorrichtung die anderen Soldaten vor sich nähernden Flugzeugen warnt; zum anderen die dokumentarischen Filmaufnahmen der Probenarbeit des Tavričeskij-Orchesters im zeitgenössischen St. Petersburg. Indem auf das Kriegssujet des Jahres 1914 die orchestrale Tonspur des 3. Rachmaninov-Konzerts und seiner Tänze gelegt wird, befinden sich die Gegenwart und die große Katastrophe des Ersten Weltkriegs in direktem, akustisch-räumlichen Bezug zueinander. Im Februar im „Forum“ der Berlinale dem Publikum vorgestellt, wurde auch Zolotuchins einprägsame Skizze des Ein russischer Junge international hochgelobt und mehrfach prämiert. Die Auszeichnungen in der ‚Heimat‘, sowohl beim nationalen russischen Filmfestival „Kinotavr“ in Soči, wo Zolotuchin von der Filmkritiker-Gilde geehrt wurde, als auch in Ivanovo – vom Publikum – sind in diesem Fall sicherlich sogar mehr wert. Sie verweisen auf eine junge russische Film- und Kulturszene, die auch jenseits der Festivals in Cannes, Venedig und Berlin und jenseits der Metropolen Moskau und Sankt-Petersburg angekommen ist. In Ivanovo nämlich – bei einem Festival, das zwar für ein anderes, junges Russland steht, aber eines, das sich seiner Traditionslinien und künstlerischen Ahnherren sehr wohl bewusst ist.

 

Filmfestival „Zerkalo“: Die russische Peripherie im Fokus – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Film­fes­tival „Zer­kalo“: Die rus­si­sche Peri­pherie im Fokus

Wie macht man das – ein inter­na­tio­nales Film­fes­tival in einer Stadt, die abseits der kul­tu­rellen Zen­tren Russ­lands, Moskau und Sankt Peters­burg, liegt? Das XIII. Inter­na­tio­nale Andrej Tar­kovskij Film­fes­tival, das nach Tar­kovs­kijs Film “Zer­kalo” (dt. Spiegel) benannt ist und jähr­lich in Iva­novo statt­findet, hat im ver­gan­genen Juni bewiesen, dass dies sehr wohl mög­lich ist – dank des lei­den­schaft­li­chen Ein­satzes eines neu auf­ge­stellten Fes­ti­val­teams aus St. Peters­burg und unter Ein­schluss einer enga­gierten lokalen Kulturszene.

Iva­novo. „Ich brenne für das rus­si­sche zeit­ge­nös­si­sche Kino“, sagt Aleksej Krymov, Jury­mit­glied des Kino­fes­ti­vals in der auf das natio­nale rus­si­sche Kino kon­zen­trierten Sek­tion Svoi (dt. Unsere) und Betreiber einer ange­sagten Bar in Iva­novo, wäh­rend sym­pho­ni­sche Orches­t­er­klänge mit E‑Gi­tarren-Ver­stär­kung über den Dorf­platz von Jur’evec schallen. Hier, in einem Dorf an der Volga, gut drei­hun­dert Kilo­meter von Moskau ent­fernt, wo Kult­re­gis­seur Andrej Tar­kovskij seine Kind­heit ver­bracht hat, feiern einige hun­dert Fes­ti­val­gäste und Dorfbewohner_innen die Eröff­nung des Film­fes­ti­vals „Zer­kalo“.

 

In seiner Bar „Tesno“, die sich bei Nacht in den ein­zigen Tech­no­club der 400.000 Ein­woh­ner_innen-Stadt Iva­novo ver­wan­delt, zeigt Aleksej regel­mäßig – unab­hängig vom Fes­ti­val­ge­schehen – rus­si­sche Filme. Bei freiem Ein­tritt und ohne Lizenz, wie der Anfang Drei­ßig­jäh­rige selbst sagt. „Das Fes­tival tut der Stadt gut. Das Wich­tigste ist doch, dass es den Leuten gefällt“, meint er.

 

 

Iva­novo, Bahnhof © Eli­sa­beth Bauer

 

„Ein Fes­tival für die Men­schen, für die Stadt“

Und das sei nicht immer so gewesen. Lange Jahre hatte man das Fes­tival weniger für die Men­schen aus der Oblast′ Iva­novo, als für die Elite der rus­si­schen Kul­tur­land­schaft orga­ni­siert: Einmal im Jahr ver­la­gerte ein geschlos­sener Expert_innenkreis seine Gespräche zum zeit­ge­nös­si­schen Kino aus der Haupt­stadt in die rus­si­sche Peri­pherie, ohne sich dabei für ein lokales Publikum zu öffnen. Nicht in Iva­novo, son­dern in der Nach­bar­stadt Pl’os trafen sich die pri­vi­le­gierten Fes­ti­val­gäste – in einer Stadt, die bekannt dafür ist, dass sich hier Dat­schen rei­cher Busi­ness­leute und Ver­be­am­teter dicht an dicht aneinanderreihen.

„Als wir das Fes­tival vor zwei Jahren über­nommen haben, lag diese Stim­mung in der Luft, ein Fes­tival für die Men­schen zu machen, für die Stadt“, erzählt Fes­ti­val­pro­du­zentin Saša Ach­ma­dšina auf dem Weg in die Fes­tival-Loca­tion in Iva­novo, das Kino „Lodz“. Wer in diesen Juni-Tagen mit Gästen aus der Region über das Fes­tival spricht, erfährt, dass „Zerkalo“noch immer der Ruf anhaftet, ein ver­schlos­senes und eli­täres Kul­tur­event zu sein – eine Alt­last der ersten elf Festivaleditionen.

 

 

Iva­novo, Kino Lodz © Eli­sa­beth Bauer

 

Anar Imanov, Sla­wist und Ko-Dreh­buch­autor des im Rahmen des Fes­ti­vals zwei­fach preis­ge­krönten Films End of Season („Young Film Cri­tics Award“ und „Pro­fes­sional Achie­ve­ment Award“), der beim inter­na­tio­nalen Film­fes­tival in Rot­terdam 2019 den FIPRESCI-Preis erhalten hatte, betont, dass das Film­fes­tival den Men­schen die beson­dere Gele­gen­heit biete, ihre Stadt aus den Augen der Film­schaf­fenden zu betrachten – es eröffne neue Per­spek­tiven. „Iva­novo wartet mit einem uner­war­teten kul­tu­rellen, his­to­ri­schen Reichtum auf. Es ist eine Stadt der Mythen, die dazu ein­laden, wie­der­ent­deckt und wei­ter­ge­dacht zu werden.“ Imanov nennt dieses Phä­nomen in Anleh­nung an den Tarkovskij’schen Fes­ti­val­namen „Spie­gel­ef­fekt“: Iva­novo werde zu einem Ort der Ima­gi­na­tion – eine Stadt, in der die Zuschauer Teil eines fik­tiven Raums werden können. Das sei nicht überall möglich.

 

Iva­novo – Stadt der zwei Architekturen

Das hete­ro­gene Stadt­bild Iva­novos mag beim ersten Hin­sehen weniger reiz­voll erscheinen, als das denk­mal­ge­schützte, male­risch auf einer Anhöhe am rechten Volga-Ufer gele­gene Pl’os: Fabrik­ar­chi­tek­turen aus Back­stein ver­mi­schen sich mit sowje­ti­schen Plat­ten­bauten und neueren Inter­pre­ta­tionen der­selben.  Hier und da schälen sich archai­sche Türme ortho­doxer Kir­chen aus den Hin­ter­höfen, wäh­rend schrill-glän­zende sakrale Neu­bauten den zen­tralen Plätzen der Stadt ihren Stempel aufsetzen.

Auf einem Stadt­spa­zier­gang mit einer Gruppe inter­na­tio­naler Fes­ti­val­gäste ent­schlüs­selt Michail Timofeev, Experte für die lokale Stadt­ar­chi­tektur und Phi­lo­so­phie­pro­fessor an der Staat­li­chen Uni­ver­sität von Iva­novo, diese urbane Assem­blage. Zwar sei Iva­novo Teil des „Gol­denen Rings“, gleich­zeitig unter­scheide sich die Indus­trie­stadt sub­stan­ziell von den übrigen Städten der beliebten Rei­se­route. Anders als das sich nord­öst­lich von Moskau erstre­ckende his­to­ri­sche Städte-Netz – ehe­mals Ein­zugs­ge­biet der Nordost-Rus’ – ist Iva­novo eben nicht gespickt von alt­rus­si­schen Kathe­dralen mit ihren cha­rak­te­ris­ti­schen Glockentürmen.

 

 

Iva­novo, Lež­nevs­kaja-Straße © Eli­sa­beth Bauer

Zwei Archi­tek­turen ver­leihen der „Zerkalo“-Stadt seinen eigen­wil­ligen Cha­rakter, ver­weisen auf die beiden prä­genden Erzäh­lungen der Stadt­ge­schichte, die sich dis­kursiv wie mate­riell durch den Stadt­raum ziehen – von Iva­novos Bei­namen „Stadt der Bräute“ (russ. „Gorod nevest“) und „Stadt des ersten Sowjets“ (russ. „Gorod per­vogo soveta“) über­schrieben. Rote Fabrik- und Back­stein­bauten und herr­schaft­liche neo­klas­si­zis­ti­sche Stadt­villen zeugen einer­seits vom ver­gan­genen Ruhm der Stadt als Zen­trum der rus­si­schen Tex­til­in­dus­trie. Ande­rer­seits ist der Stadt­raum von ein­drück­li­chen Avant­gar­de­ar­chi­tek­turen durch­setzt: Arbei­ter­häuser, Schulen und Theater, Hotels und insti­tu­tio­nelle Ein­rich­tungen im Stile des Kon­struk­ti­vismus erin­nern daran, dass Iva­novo in den Geschichts­bü­chern einst als „Dritte pro­le­ta­ri­sche Haupt­stadt“ geführt wurde. Timofeev hebt die soge­nannten „Meta­pher-Häuser“ als Perlen des Iva­novo-Voz­ne­sensker Kon­struk­ti­vismus hervor, so etwa das Schiff- oder das Vogelhaus.

 

 

Gen­kina-Statur [Ol’ga Miha­jl­ovna Gen­kina, Revo­lu­tio­närin] © Eli­sa­beth Bauer

 

„Die junge Genera­tion muss merken, dass sie etwas ver­än­dern kann“

„Für einige Tage stehen aus­nahms­weise die armen Pro­vinzen an der Peri­pherie im Zen­trum des kul­tu­rellen Gesche­hens“, sagt Ach­ma­dšina, wäh­rend die ver­al­teten Motoren der im Stau ste­henden Klein­busse, genannt Marš­rutkas, rat­tern und ihre Stimme zu über­tönen drohen. „Es kommen Besu­cher aus der Region und aus anderen Städten; man hört sich gegen­seitig zu, tauscht sich aus.“ Als Sta­nislav Vos­kre­sen­skij, neuer Gou­ver­neur der Oblast′ Iva­novo, vor zwei Jahren ver­kün­dete, das Film­fes­tival „Zerkalo“müsse erneuert werden – aus dem intel­lek­tu­ellen Treff sollte ein für alle zugäng­li­ches, ega­li­täres Kul­tur­er­eignis werden –, fiel die Wahl auf Iva­novo als pas­sende Spiel­stätte, weil es im Gegen­satz zu Pl’os eben soziale Demo­kratie und – bei inter­na­tio­naler Aus­rich­tung – den Willen zur Inter­ak­tion mit der lokalen Kul­tur­szene signalisierte.

„Hier in Iva­novo gibt es eine tolle Zusam­men­ar­beit mit den städ­ti­schen Behörden“, sagt Ach­ma­dšina. Ihnen sei viel daran gelegen, dass es ein urbanes Film­fes­tival mit anspruchs­vollem Pro­gramm gebe, das dem Niveau ver­gleich­barer euro­päi­scher Film­fes­ti­vals ent­spreche. „In St. Peters­burg gibt es diesen Dialog mit der Stadt prak­tisch nicht, dort ist alles komplizierter.“

Die Öff­nung der Fes­tival-Ver­an­stal­tungen für ein hete­ro­genes Publikum sowie die regio­nale Krea­tiven- För­de­rung sind grund­le­gende Bau­steine des Fes­ti­val­re­gle­ments, seitdem das St. Peters­burger Kol­lektiv um Kon­stantin Šavlovskij, Ach­ma­dšina & Сo. die Pro­duk­tion über­nommen hat. Damit trifft das Film­fes­tival einen Nerv der Zeit: Film­fes­ti­vals auf der ganzen Welt öffnen sich ver­stärkt für junges Publikum und poten­zi­ellen Nach­wuchs aus der Branche, in diesem Jahr etwa das Film­fes­tival in Locarno mit einem „Base Camp“ für junge Krea­tive, einem Raum für Aus­tausch und Experimente.

 

Staat­liche Finan­zie­rung, (noch) keine Zensur

Dass das Fes­tival-Budget von staat­li­chen Gel­dern getragen werde – vom Kul­tur­mi­nis­te­rium der Rus­si­schen Föde­ra­tion und von der regio­nalen Regie­rung der Oblast′ Iva­novo näm­lich – werde in Deutsch­land natür­lich nicht gerne gehört. „Fak­tisch ent­scheiden wir aber alles selbst“, sagt Ach­ma­dšina über die Kura­tion des Fes­tival-Pro­gramms, wel­cher Andrej Pla­chov als Pro­gramm­di­rektor vor­steht. „Von den För­de­rern kommt nur das Geld. Gott sei Dank, noch kon­trol­lieren sie das Fes­tival-Pro­gramm nicht, es gibt keine Zensur.“

Wich­tiger Akteur ist dabei „Rus­sian Seasons“,ein Pro­jekt der rus­si­schen Regie­rung, das Ver­an­stal­tungen för­dert, welche die rus­si­sche Kultur – der Gegen­wart, aber auch ihre (post-)sowjetische Ver­gan­gen­heit – zum Inhalt haben. „Rus­sian Sea­sons“ basiert unter anderem auf der aus­ge­zeich­neten Idee, dass es junge Men­schen braucht, die sich mit der rus­si­schen Kultur beschäf­tigen. Dieser Dialog ist wichtig“, betont Ach­ma­dšina. So konnte auch der Fes­ti­val­be­such einer Gruppe von Sla­wistik-Stu­die­renden der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin und Filmexpert_innen aus Berlin finan­ziert werden.

 

Anders sehen und denken lernen – abseits des Nachrichtenstroms

„Die junge Genera­tion soll merken, dass sie wichtig ist, gesehen wird und etwas ver­än­dern kann. Wenn man Filme macht, ist das mög­lich – man kann seine Optik ver­bes­sern, ‚Anders Sehen‘ lernen und ver­su­chen, den Blick­winkel zu erwei­tern“, sagt die Fes­ti­val­pro­du­zentin. Des­halb gibt es in Iva­novo seit ver­gan­genem Jahr par­allel zum offi­zi­ellen Fes­ti­val­pro­gramm einen „Doku-Campus“, der sich am Lehr­pro­gramm der Mos­kauer Schule für Doku­men­ta­ti­ons­film von Marina Razbež­kina ori­en­tiert, in diesem Jahr kam noch ein „Ani­ma­ti­ons­film-Campus“ dazu. Jugend­liche aus dem Gebiet zwi­schen den Flüssen Volga und Oka werden im Aus­wahl­ver­fahren um die Campus-Plätze bevorzugt.

Einen hohen inhalt­li­chen Anspruch mit der Inte­gra­tion der lokalen Kul­tur­szene zu ver­einen – das scheint ein Haupt­ziel der neuen Festivalmacher_innen zu sein. „Für Iva­novo ist ‚Zerkalo‘das ein­zige kul­tu­relle Ereignis im Jahr und die ein­zige Mög­lich­keit für die Men­schen, mal etwas anderes zu sehen – anders zu sehen und zu denken.“ Nor­ma­ler­weise lebten sie in einem Nach­rich­ten­strom, der vor allem Into­le­ranz ver­breite, Pro­pa­ganda gegen LGBT, so Ach­ma­dšina. „Ein­zu­sehen, dass Iva­novo auch eine Stadt sein kann, in der geduldig, umsichtig und tole­rant mit­ein­ander umge­gangen wird – das wäre wichtig.“

 

Sokurov-Schüler Balagov und Zolo­tuchin – inter­na­tional geehrt

Nach fünf inten­siven Fes­ti­val­tagen, die neben Film­s­cree­nings auch kos­ten­lose Vor­träge, mode­rierte Gespräche mit den Filmemacher_innen und im Begleit­pro­gramm eine Fes­ti­val­aka­demie sowie eine inter­na­tio­nale wis­sen­schaft­liche Kon­fe­renz zum Werk des Fes­tival-Namens­ge­bers Andrej Tar­kovskij boten, steht fest: Zum zweiten Mal gewinnt ein Schüler Alek­sandr Sokurovs, Kan­t­emir Balagov, den „Zerkalo“-Hauptpreis. Vor zwei Jahren war bereits sein Film Tes­nota (dt. Enge) aus­ge­zeichnet worden, dessen Hand­lung Balagov in der Haupt­stadt der Repu­blik Kaba­rino-Bal­ka­rien Nal’chik im Nord­kau­kasus ange­legt hatte, wo der Jung­re­gis­seur selbst damals auch lebte und wo er die von Sokurov gelei­tete Film­schule besuchtе. Ein im Grunde ähn­li­ches Pro­jekt zur Kul­tur­för­de­rung in der rus­si­schen Pro­vinz wie auch das Fes­tival in Ivanovo.

Sein neuer Film Dylda (dt. Boh­nen­stange)spielt im trau­ma­ti­sierten Nach­kriegs-Lenin­grad, in den von Vete­ranen auf­ge­suchten Laza­rett­kor­ri­doren. In dieser Umge­bung träumen die beiden weib­li­chen Haupt­fi­guren, die vom Krieg gezeich­nete Boh­nen­stange Ila und ihre Freundin Maša, von einem anderen Leben, einer anderen Zeit. Dylda sei weniger Kino über Lenin­grad im Nach­kriegs­chaos, so fasste es eine Kri­ti­kerin in der „Novaja Gazeta“zusammen, als viel­mehr eines über die Frau – mit großem Anfangs­buch­staben – als „Urquelle“ des Lebens und des Frie­dens („pro Ženščinu kak per­voos­novu mira (kak world, kak i peace“). Dylda hatte in Cannes in der Sek­tion „Un Cer­tain Regard“ seine inter­na­tio­nale Pre­miere gefeiert und war dort nicht nur mit dem Preis für die beste Regie, son­dern zusätz­lich mit dem FIPRESCI-Preis aus­ge­zeichnet worden. Nun wird er als rus­si­scher Ver­treter ins Rennen um den Oskar in der Kate­gorie „Bester fremd­spra­chiger Film“ geschickt.

In der „Zerkalo“-Sektion „Svoi“gewann mit Mal’čik russkij (dt. Ein rus­si­scher Junge) von Alek­sandr Zolo­tuchin, eben­falls ein Schüler der Sokurov-Film­aka­demie in Nal’cik, den Publi­kums­preis. Zwei Hand­lungs­li­nien laufen in seinem Debüt­film par­allel und werden kunst­voll in der Mon­tage ver­woben: Da ist zum einen die Geschichte eines rus­si­schen Dorf­jungen, der sich im Ersten Welt­krieg frei­willig zur Front meldet, in einem Gas­an­griff sein Augen­licht ver­liert und fortan als „Lau­scher“ in einer spe­zi­ellen Vor­rich­tung die anderen Sol­daten vor sich nähernden Flug­zeugen warnt; zum anderen die doku­men­ta­ri­schen Film­auf­nahmen der Pro­ben­ar­beit des Tav­ričeskij-Orches­ters im zeit­ge­nös­si­schen St. Peters­burg. Indem auf das Kriegs­sujet des Jahres 1914 die orches­trale Ton­spur des 3. Rach­ma­ninov-Kon­zerts und seiner Tänze gelegt wird, befinden sich die Gegen­wart und die große Kata­strophe des Ersten Welt­kriegs in direktem, akus­tisch-räum­li­chen Bezug zuein­ander. Im Februar im „Forum“ der Ber­li­nale dem Publikum vorgestellt, wurde auch Zolo­tuchins ein­präg­same Skizze des Ein rus­si­scher Junge inter­na­tional hoch­ge­lobt und mehr­fach prä­miert. Die Aus­zeich­nungen in der ‚Heimat‘, sowohl beim natio­nalen rus­si­schen Film­fes­tival „Kino­tavr“ in Soči, wo Zolo­tuchin von der Film­kri­tiker-Gilde geehrt wurde, als auch in Iva­novo – vom Publikum – sind in diesem Fall sicher­lich sogar mehr wert. Sie ver­weisen auf eine junge rus­si­sche Film- und Kul­tur­szene, die auch jen­seits der Fes­ti­vals in Cannes, Venedig und Berlin und jen­seits der Metro­polen Moskau und Sankt-Peters­burg ange­kommen ist. In Iva­novo näm­lich – bei einem Fes­tival, das zwar für ein anderes, junges Russ­land steht, aber eines, das sich seiner Tra­di­ti­ons­li­nien und künst­le­ri­schen Ahn­herren sehr wohl bewusst ist.