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Ein Koffer voller Träume

Posted on 27. März 2007 by Will Firth
Über die Lebenden, Toten und Totgesagten, die ihre Suche nach Glück nicht beerdigen wollen und die einen jungen Autor im Nachwende-Mazedonien auf seiner Suche nach einer authentischen Stimme begleiten. Ein Interview mit Ivan Dodovski.

Der junge mazedonische Publizist, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Ivan Dodovski, geboren 1974, debütierte 1991 mit einem Gedichtband Sedenka so likot (Party mit Bild). Es folgten zwei weitere Gedichtbände: Luda luna (Der manische Mond ), 1995, und Sveta ludost (Heilige Manie),1999. Mit dem Erzählband Golemiot kufer (Der große Koffer) machte er sich 2005 einen Namen als Prosaist und wurde insbesondere für seine kunstfertige Ausdrucksweise, die reiche Lexik und das virtuoses Spiel mit dem Satzrhythmus gelobt. Teilweise werden die Personen in seinen Erzählungen schon bei ihrer Benennung skizziert: so steckt im Namen der Hauptfigur in Umetnik na revolucijata (Künstler der Revolution), Dzvezdanovski, das Wort dzvezda (Stern).

 

Ivan-Dodovski-foto-31novinki: Du bist in Bitola, im Südwesten Mazedoniens, geboren und hast einen wesentlichen Teil deines Lebens dort verbracht. Wie zeigt sich dieser Hintergrund in deinen Werken?

 

Ivan Dodovski.: Es gibt Orte, aus denen man weggeht und dabei glaubt, dass die Zeit ihr Gesicht und ihren Sinn verwischen wird. Aber eine solche Trennung ist eine Illusion. Wir kehren ständig zu den gedanklichen Orten zurück, deren Geschichten wir lebenslang in uns tragen. Bitola ist für mich ein solcher Ort, die Stadt meiner Kindheit und der frühen Jugendjahre. Dort haben sich mir die Augen geöffnet, dort habe ich gelernt, die Welt wahrzunehmen. Noch wichtiger: In Bitola habe ich meine Liebe zur Literatur und zur intellektuellen Neugierde entdeckt. Ich hatte das Glück, mit der ganzen Kulturszene der Stadt in Berührung zu kommen. Bitola ist eine Stadt, die eine lange kulturelle Tradition pflegt: von der Antike erstreckt sie sich über das christliche Mittelalter. Ab Ende des 19. Jahrhunderts war Bitola osmanisches Verwaltungszentrum, in dem moderne europäische Ideen Resonanz fanden. Ich bin an der Seite meines Vaters aufgewachsen, der selber einige Prosawerke schrieb; für mich zumindest, ist er vor allem als Leser unübertroffen: er konnte allem entsagen, nur einem guten Buch nicht, auch nicht in den Jahren nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens und dem wirtschaftlichen Kollaps, als sein geschrumpftes Gehalt ihn zwang, seine Prioritäten neu zu setzen. Durch ihn habe ich andere Kulturschaffende kennen gelernt: Autoren, bildende Künstler und Musiker aus Mazedonien und dem Ausland. Eine besonders starke Bindung an Bitola habe ich durch das Theater, an dem mein Vater eine Zeit lang Intendant war. All das – die ganze urbane Topographie der Ideen, Gefühle und Jugenderlebnisse – kann mich nie und nimmer verlassen, auch wenn ich es wollte.

 

n.: Du hast einige Jahre in den USA gelebt und dort das Gymnasium abgeschlossen. Wie hat das dein Weltbild und die Themen deines Schreibens verändert?

 

D.:Meine Erlebnisse in Amerika waren ambivalent. Damals in der Schule, im Kommunismus, wurden die USA als ideologischer Feind und Hort der Dekadenz dargestellt. Als ich 1991 nach Amerika ging und in einem kleinen Ort in den Südstaaten lebte, sah ich entgegen allen Hollywood-Klischees vom Glamour und Laster, dass die Menschen in dieser Gegend meistens ein einfaches Leben führen, im Rahmen des allgemeinen Diskurses der protestantischen Moral. Andererseits habe ich die Widersprüche Amerikas auch durch die amerikanische Literatur entdeckt, die ich gelesen und studiert habe. So konnte ich durch persönliche Erfahrung beispielsweise die mythische Welt der "Yoknapatawpha County" William Faulkners besser verstehen lernen. Mir wurde klar, dass sich das große Drama der Menschheit auch in einem kleinen Ort entdecken lässt, wenn der Schriftsteller den Mut und das Talent hat, es zu transportieren.

 

n.: Du hast dann an der Uni in Skopje Literaturwissenschaft und Amerikanistik studiert, eine Magisterarbeit über narrative Strategien in der Literatur geschrieben und seit 2005 arbeitest du an deiner Doktorarbeit an der Universität Nottingham. Von dir sind drei Gedichtbände und ein Erzählband erschienen; außerdem hast du verschiedene literaturwissenschaftliche Studien und Theaterkritiken geschrieben und einen Essayband zum Multikulturalismus in Mazedonien herausgegeben. Wie passen diese verschiedenen Bereiche und Genres für dich zusammen?

 

D.: Also, ich habe zunehmend das Gefühl, dass die Ausdrucksformen unseres Erlebens der Welt nur Werkzeuge sind, mit denen jeder von uns seine eigene Geschichte erzählt. Jede Formensprache und jedes Genre schreibt bestimmte Regeln vor, und es gibt keine Ausrede, sich nicht in seinem Handwerk zu vervollkommnen. Aber wer sich mehrerer Werkzeuge zu bedienen weiß, kann auswählen, mit welchem er die eigene Geschichte erzählt. Manchmal hat man die Qual der Wahl: Eine meiner Erzählungen habe ich zum Beispiel unter merkwürdigen Umständen verloren, bevor sie veröffentlicht werden konnte, aber dann habe ich die gleiche Geschichte zu einem Drehbuch für einen Kurzfilm verarbeitet; heute bin ich mir wiederum nicht sicher, ob die endgültige Form nicht vielleicht die einer Novelle oder eines kurzen Romans sein wird. Die gleiche Geschichte verfolgt mich immer noch.

 

n.: Neben deiner schriftstellerischen Tätigkeit verfolgst du auch eine wissenschaftliche Schiene; in dieser Arbeit beschäftigst du dich mit dem zeitgenössischen Theater der Balkanländer. Gibt es literarische oder theoretische Schulen, mit denen du dich verstärkt identifizierst?

 

D.: In meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich bisher hauptsächlich mit dem Gebrauch und der Bewertung der Konzepte des Strukturalismus und der Semiotik beschäftigt, was in meiner Studie Narativni strategii vo psihološkiot roman (Narrative Strategien des psychologischen Romans, 2004) kulminierte. Heute ist mir wiederum eine Offenheit gegenüber postkolonialer Kritik sehr wichtig. Diese Interessen erwachsen aus dem Bedürfnis, die Literatur verstehen und eine sich schnell ändernde Welt erklären zu wollen. Kein Ansatz wird allein ausreichen oder allgemein gültig sein, um ein für alle Mal das Geheimnis der Zeit zu ergründen oder Aussagen über die gesellschaftlichen Veränderungen und schließlich über unser Leben zu machen.

 

n.: Deine Erzählungen in der Sammlung Golemiot kufer sind voll surrealer und traumhafter Momente; so ist die Erzählerin der Geschichte Umetnik na revolucijata (Künstler der Revolution) keine Freundin oder Ehefrau des Protagonisten, sondern, wie wir erst am Ende erfahren, eine kleine Gliederpuppe, die den fanatischen, einsamen Künstler ein Leben lang in seiner Brusttasche begleitet hat; in Sarma erscheint der erniedrigte Erzähler seinem früheren Peiniger im Traum und rächt sich, indem er diesen mit Sauerkrautwickeln erstickt, die in der Zeit seiner politischen Inhaftierung Mittel einer besonderen Demütigung waren. Verrücktheit und Tod spielen auch eine Rolle – gleich in zwei Erzählungen spricht der Protagonist aus dem Grab oder dem Jenseits. Sind das Dimensionen deiner Welt? Oder setzt du diese Ebenen als Stilmittel ein, um die erdbebenhafte Intensität des Systemwechsels mitzuteilen?

 

D.: Ursprünglich wollte ich die Sammlung Site moi mrtovci (Alle meine Toten) nennen. Das ist ein Vers aus einem meiner Gedichte, der als Motto des Buches dient. In den Erzählungen in Golemiot kufer gibt es fantastische Elemente, und der Tod ist ein geistiger gemeinsamer Nenner aller Figuren. Das hat aber nichts mit schriftstellerischem Exhibitionismus zu tun. Es ist einfach so, dass ich einer Welt, die radikale soziale Umbrüche erlebt, die Möglichkeit geben musste, sich in "umgekehrter Perspektive" zu äußern. In der Übergangszeit nach Ende des Kalten Krieges, wie auch während aller früheren historischen Umwälzungen, brachen die niedrigsten menschlichen Leidenschaften aus, entblößten sich alle menschlichen Schwächen. Wir können den menschlichen Verfall verurteilen. Gleichwohl dürfen wir den Mechanismus nicht übersehen, der Menschen dazu treibt, eine Ideologie anzunehmen, um sie später zu verraten. Die Darstellung des Unglücks der "Wendegeschädigten", die in meinen Erzählungen zu Wort kommen, ist schließlich nur ein Versuch, die menschliche Natur im ewigen Spannungsfeld zwischen der Suche nach Glück und dem Tod zu begreifen.

 

n.: Ja, das merkt man. Auch wenn die Hauptfiguren unglücklich sind, zeugt die Sprache von einem Drang, einem Streben; sie ist reich an Wortspielen, Assonanz und Alliteration. Manchmal wird das bewusst übertrieben, zum Beispiel in der Titelgeschichte der Sammlung, um eine bombastische Figur darzustellen. Aber diese Verspieltheit scheint auch ein generelles Merkmal deiner Erzählungen zu sein. Welche Rolle spielt sie für dich?

 

D.: Wie gesagt, jeder von uns hat das Bedürfnis, seine eigene Geschichte zu erzählen. Sie offenbart sich aber erst in der Sprache; sie eilt der Sprache nicht voraus, sondern koexistiert in ihr. Daher wandeln wir in der Sprache und versuchen, das Unausdrückbare auszudrücken. Und alles, was wir in diesem sprachlichen Exil entdecken, sind Bruchstücke der Wahrheit, die uns insofern befriedigen können, als dass wir einen Vorgeschmack auf den ultimativen Akt der Erkenntnis bekommen, der sonst Gott vorenthalten ist. Sowohl vor als auch nach James Joyce ist klar, dass Erkenntnismomente, wie auch gute Literatur, nur durch Erforschung der Sprache, durch Verschiebung der Grenzen der gespürten Befriedigung beim Leser, möglich sind. Das ist, versteht sich, eine überaus mühsame Arbeit, die niemals vollendet sein wird.

 

n.: Welche Aspekte des Lebens im postsozialistischen Mazedonien, seien sie beflügelnde oder hemmende Momente, bewegen dich als Autor am meisten?

 

D.: Einige Schriftsteller rechtfertigen ihre fehlende Inspiration damit, dass sie den Krieg nicht erlebt haben. Andere wiederum, die den Krieg erleben mussten, behaupten, sie müssten Abstand davon gewinnen, daher schreiben sie über entfernte Zeiten und Räume. Ich möchte gern glauben, dass ich weder der einen, noch der anderen Gruppe angehöre. Ich habe das Glück oder das Unglück, in einer dramatischen Zeit zu leben, in der sich ein Systemwechsel vollzogen hat und Ideale neu bewertet werden; diese Identitätskrise manifestiert sich in widersprüchlichen Formen globaler Vereinheitlichung auf der einen Seite und in zunehmenden sozialen, ethnischen und anderen Konflikten auf der anderen. Mazedonien ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Die Spezifika seiner Geschichte und Gegenwart liefern mazedonischen Schriftstellern Impulse, sind ihnen aber gleichzeitig eine Last. Ich gehöre nicht zu denen, die vor dieser Wirklichkeit fliehen oder sie durch exotische Parabeln deuten wollen. Unsere Zeit braucht eine authentische Stimme und ich bemühe mich, diese Stimme zu finden.

 

n.: Die Literaturlandschaft Mazedoniens ist seit über 15 Jahren im Fluss. Neben etablierten Institutionen, wie dem Schriftstellerverband (DPM), dem Mazedonischen PEN-Zentrum und dem traditionellen alljährlichen Poesiefestival in Struga, entstehen neue Formen, die nach der Implosion der öffentlichen Kulturförderung größtenteils aus der Not geboren sind. Es gibt einige literarische Internetzeitschriften, die auch verlegerisch und übersetzerisch aktiv sind, insbesondere Blesok (Glanz) oder die nonkonformistische Margina (Rand). Schriftsteller der jüngeren Generation wie Goce Smilevski und Lidija Dimkovska experimentieren mit neuen Stilrichtungen, andere kopieren aber auch unreflektiert Moden und Modelle aus dem Ausland. Wie schätzt du die aktuelle materielle Situation und die Rahmenbedingungen für Schriftsteller in Mazedonien ein? Gibt es Faktoren, die zu einer Auswanderung führen?

 

D.: Heute Schriftsteller zu sein, ist etwas anderes als damals im Kommunismus, das ist ganz klar. Meine Vorgänger hatten den Status wichtiger Persönlichkeiten, ihre Werke oder öffentlichen Auftritte fanden ein gesellschaftliches Echo. Egal ob sie Dissidenten oder Apologeten des Regimes waren, hatten sie die Macht, die öffentliche Meinung zu gestalten, und so konnten sie große historische Narrative schaffen. Die Dissidenten ihrerseits wurden im Westen umjubelt und zu Hause unterdrückt. Heute sind mazedonische Schriftsteller zu Hause marginalisiert, aber sie besitzen noch keine Aura ideologischer Märtyrer, um im Westen akzeptiert zu werden. Keiner von ihnen kann vom Schreiben leben und ihr Einfluss ist in der Regel auf isolierte Zielgruppen beschränkt. Dabei verblasst die Aufteilung in West- und Osteuropa und die EU-Integration des Balkans (jenes "unvollständigen Selbsts", wie Maria Todorova ihn in ihrem Buch Imagining the Balkans nannte) verwischt die letzten Elemente der westlichen Wahrnehmung dieser Region als "exotisch". So bleiben Schriftsteller, die auf Mazedonisch schrieben, für andere Kulturen relativ unattraktiv und unbekannt. In den letzten fünfzehn Jahren erreichte nur eine verschwindend kleine Zahl von Autoren irgendeinen Erfolg außerhalb Mazedoniens, und noch kleiner ist die Zahl derjenigen, die außerhalb des Landes leben und schreiben. Allein die Übersetzung eines Werkes gilt schon als Erfolg, auch ohne dass das Werk sich einer breiten Rezeption erfreut. Symptomatisch ist auch, dass die Schriftsteller, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht die mazedonische Wirklichkeit thematisieren, sondern sich nach Trends richten und versuchen, dem aktuellen Erwartungshorizont des Auslands zu entsprechen.

 

n.: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

 

D.: Zur Zeit widme ich mich vor allem der wissenschaftlichen Arbeit. Die Forschung für meine Doktorarbeit an der Universität Nottingham bezieht sich auf die Repräsentation von Balkanidentitäten im Theater der Balkanländer heute. Wer sind wir? Wie sehen wir uns dem Westen und dem Osten gegenüber? Welche Geschichte möchten wir über uns erzählen? Das sind Fragen, die mich sowohl persönlich als auch professionell faszinieren, wie man sich nach dem, was ich bisher gesagt habe, vorstellen kann. Diese intellektuelle Neugierde, wie auch meine Erfahrungen in England, zwängen mir auch neue schriftstellerische Obsessionen auf. Ich stehle mir die Zeit zusammen, so viel ich nur kann, um diesen Schreibauftrag zu erfüllen.

 

 

Golemiot kufer (Der große Koffer). Templum. Skopje 2005.

Der große Koffer. Aus dem Mazedonischen von Will Firth. Edition Erata. Leipzig 2008.

Narativni strategii vo psihološkiot roman (Narrative Strategien des psychologischen Romans). Kultura. Skopje 2004.

Sveta ludost (Heilige Manie). Kultura. Skopje 1999.

Luda luna (Der manische Mond). Zumpres. Skopje 1995.

Sedenka so likot (Party mit Bildnis). Klub na pisateli Bitola. Bitola 1991.

Dodovski, Ivan (Hg.): Multikulturalizmot vo Makedonija: model vo nastanuvanje (Multikulturalismus in Mazedonien: Entstehung eines Modells). FIOOM. Skopje 2005.

Ein Koffer voller Träume – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Koffer voller Träume

Der junge maze­do­ni­sche Publi­zist, Schrift­steller und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Ivan Dodovski, geboren 1974, debü­tierte 1991 mit einem Gedicht­band Sedenka so likot (Party mit Bild). Es folgten zwei wei­tere Gedicht­bände: Luda luna (Der mani­sche Mond ), 1995, und Sveta ludost (Hei­lige Manie),1999. Mit dem Erzähl­band Gole­miot kufer (Der große Koffer) machte er sich 2005 einen Namen als Pro­saist und wurde ins­be­son­dere für seine kunst­fer­tige Aus­drucks­weise, die reiche Lexik und das vir­tuoses Spiel mit dem Satz­rhythmus gelobt. Teil­weise werden die Per­sonen in seinen Erzäh­lungen schon bei ihrer Benen­nung skiz­ziert: so steckt im Namen der Haupt­figur in Umetnik na revo­lu­ci­jata (Künstler der Revo­lu­tion), Dzve­z­da­novski, das Wort dzvezda (Stern).

 

Ivan-Dodovski-foto-31

novinki: Du bist in Bitola, im Süd­westen Maze­do­niens, geboren und hast einen wesent­li­chen Teil deines Lebens dort ver­bracht. Wie zeigt sich dieser Hin­ter­grund in deinen Werken?

 

Ivan Dodovski.: Es gibt Orte, aus denen man weg­geht und dabei glaubt, dass die Zeit ihr Gesicht und ihren Sinn ver­wi­schen wird. Aber eine solche Tren­nung ist eine Illu­sion. Wir kehren ständig zu den gedank­li­chen Orten zurück, deren Geschichten wir lebens­lang in uns tragen. Bitola ist für mich ein sol­cher Ort, die Stadt meiner Kind­heit und der frühen Jugend­jahre. Dort haben sich mir die Augen geöffnet, dort habe ich gelernt, die Welt wahr­zu­nehmen. Noch wich­tiger: In Bitola habe ich meine Liebe zur Lite­ratur und zur intel­lek­tu­ellen Neu­gierde ent­deckt. Ich hatte das Glück, mit der ganzen Kul­tur­szene der Stadt in Berüh­rung zu kommen. Bitola ist eine Stadt, die eine lange kul­tu­relle Tra­di­tion pflegt: von der Antike erstreckt sie sich über das christ­liche Mit­tel­alter. Ab Ende des 19. Jahr­hun­derts war Bitola osma­ni­sches Ver­wal­tungs­zen­trum, in dem moderne euro­päi­sche Ideen Reso­nanz fanden. Ich bin an der Seite meines Vaters auf­ge­wachsen, der selber einige Pro­sa­werke schrieb; für mich zumin­dest, ist er vor allem als Leser unüber­troffen: er konnte allem ent­sagen, nur einem guten Buch nicht, auch nicht in den Jahren nach dem Aus­ein­an­der­fallen Jugo­sla­wiens und dem wirt­schaft­li­chen Kol­laps, als sein geschrumpftes Gehalt ihn zwang, seine Prio­ri­täten neu zu setzen. Durch ihn habe ich andere Kul­tur­schaf­fende kennen gelernt: Autoren, bil­dende Künstler und Musiker aus Maze­do­nien und dem Aus­land. Eine beson­ders starke Bin­dung an Bitola habe ich durch das Theater, an dem mein Vater eine Zeit lang Inten­dant war. All das – die ganze urbane Topo­gra­phie der Ideen, Gefühle und Jugend­er­leb­nisse – kann mich nie und nimmer ver­lassen, auch wenn ich es wollte.

 

n.: Du hast einige Jahre in den USA gelebt und dort das Gym­na­sium abge­schlossen. Wie hat das dein Welt­bild und die Themen deines Schrei­bens verändert?

 

D.:Meine Erleb­nisse in Ame­rika waren ambi­va­lent. Damals in der Schule, im Kom­mu­nismus, wurden die USA als ideo­lo­gi­scher Feind und Hort der Deka­denz dar­ge­stellt. Als ich 1991 nach Ame­rika ging und in einem kleinen Ort in den Süd­staaten lebte, sah ich ent­gegen allen Hol­ly­wood-Kli­schees vom Gla­mour und Laster, dass die Men­schen in dieser Gegend meis­tens ein ein­fa­ches Leben führen, im Rahmen des all­ge­meinen Dis­kurses der pro­tes­tan­ti­schen Moral. Ande­rer­seits habe ich die Wider­sprüche Ame­rikas auch durch die ame­ri­ka­ni­sche Lite­ratur ent­deckt, die ich gelesen und stu­diert habe. So konnte ich durch per­sön­liche Erfah­rung bei­spiels­weise die mythi­sche Welt der “Yokna­pa­tawpha County” Wil­liam Faulk­ners besser ver­stehen lernen. Mir wurde klar, dass sich das große Drama der Mensch­heit auch in einem kleinen Ort ent­de­cken lässt, wenn der Schrift­steller den Mut und das Talent hat, es zu transportieren.

 

n.: Du hast dann an der Uni in Skopje Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Ame­ri­ka­nistik stu­diert, eine Magis­ter­ar­beit über nar­ra­tive Stra­te­gien in der Lite­ratur geschrieben und seit 2005 arbei­test du an deiner Dok­tor­ar­beit an der Uni­ver­sität Not­tingham. Von dir sind drei Gedicht­bände und ein Erzähl­band erschienen; außerdem hast du ver­schie­dene lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Stu­dien und Thea­ter­kri­tiken geschrieben und einen Essay­band zum Mul­ti­kul­tu­ra­lismus in Maze­do­nien her­aus­ge­geben. Wie passen diese ver­schie­denen Bereiche und Genres für dich zusammen?

 

D.: Also, ich habe zuneh­mend das Gefühl, dass die Aus­drucks­formen unseres Erle­bens der Welt nur Werk­zeuge sind, mit denen jeder von uns seine eigene Geschichte erzählt. Jede For­men­sprache und jedes Genre schreibt bestimmte Regeln vor, und es gibt keine Aus­rede, sich nicht in seinem Hand­werk zu ver­voll­kommnen. Aber wer sich meh­rerer Werk­zeuge zu bedienen weiß, kann aus­wählen, mit wel­chem er die eigene Geschichte erzählt. Manchmal hat man die Qual der Wahl: Eine meiner Erzäh­lungen habe ich zum Bei­spiel unter merk­wür­digen Umständen ver­loren, bevor sie ver­öf­fent­licht werden konnte, aber dann habe ich die gleiche Geschichte zu einem Dreh­buch für einen Kurz­film ver­ar­beitet; heute bin ich mir wie­derum nicht sicher, ob die end­gül­tige Form nicht viel­leicht die einer Novelle oder eines kurzen Romans sein wird. Die gleiche Geschichte ver­folgt mich immer noch.

 

n.: Neben deiner schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit ver­folgst du auch eine wis­sen­schaft­liche Schiene; in dieser Arbeit beschäf­tigst du dich mit dem zeit­ge­nös­si­schen Theater der Bal­kan­länder. Gibt es lite­ra­ri­sche oder theo­re­ti­sche Schulen, mit denen du dich ver­stärkt identifizierst?

 

D.: In meiner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit habe ich mich bisher haupt­säch­lich mit dem Gebrauch und der Bewer­tung der Kon­zepte des Struk­tu­ra­lismus und der Semiotik beschäf­tigt, was in meiner Studie Nara­tivni stra­tegii vo psi­ho­loš­kiot roman (Nar­ra­tive Stra­te­gien des psy­cho­lo­gi­schen Romans, 2004) kul­mi­nierte. Heute ist mir wie­derum eine Offen­heit gegen­über post­ko­lo­nialer Kritik sehr wichtig. Diese Inter­essen erwachsen aus dem Bedürfnis, die Lite­ratur ver­stehen und eine sich schnell ändernde Welt erklären zu wollen. Kein Ansatz wird allein aus­rei­chen oder all­ge­mein gültig sein, um ein für alle Mal das Geheimnis der Zeit zu ergründen oder Aus­sagen über die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungen und schließ­lich über unser Leben zu machen.

 

n.: Deine Erzäh­lungen in der Samm­lung Gole­miot kufer sind voll sur­realer und traum­hafter Momente; so ist die Erzäh­lerin der Geschichte Umetnik na revo­lu­ci­jata (Künstler der Revo­lu­tion) keine Freundin oder Ehe­frau des Prot­ago­nisten, son­dern, wie wir erst am Ende erfahren, eine kleine Glie­der­puppe, die den fana­ti­schen, ein­samen Künstler ein Leben lang in seiner Brust­ta­sche begleitet hat; in Sarma erscheint der ernied­rigte Erzähler seinem frü­heren Pei­niger im Traum und rächt sich, indem er diesen mit Sauer­kraut­wi­ckeln erstickt, die in der Zeit seiner poli­ti­schen Inhaf­tie­rung Mittel einer beson­deren Demü­ti­gung waren. Ver­rückt­heit und Tod spielen auch eine Rolle – gleich in zwei Erzäh­lungen spricht der Prot­ago­nist aus dem Grab oder dem Jen­seits. Sind das Dimen­sionen deiner Welt? Oder setzt du diese Ebenen als Stil­mittel ein, um die erd­be­ben­hafte Inten­sität des Sys­tem­wech­sels mitzuteilen?

 

D.: Ursprüng­lich wollte ich die Samm­lung Site moi mrtovci (Alle meine Toten) nennen. Das ist ein Vers aus einem meiner Gedichte, der als Motto des Buches dient. In den Erzäh­lungen in Gole­miot kufer gibt es fan­tas­ti­sche Ele­mente, und der Tod ist ein geis­tiger gemein­samer Nenner aller Figuren. Das hat aber nichts mit schrift­stel­le­ri­schem Exhi­bi­tio­nismus zu tun. Es ist ein­fach so, dass ich einer Welt, die radi­kale soziale Umbrüche erlebt, die Mög­lich­keit geben musste, sich in “umge­kehrter Per­spek­tive” zu äußern. In der Über­gangs­zeit nach Ende des Kalten Krieges, wie auch wäh­rend aller frü­heren his­to­ri­schen Umwäl­zungen, bra­chen die nied­rigsten mensch­li­chen Lei­den­schaften aus, ent­blößten sich alle mensch­li­chen Schwä­chen. Wir können den mensch­li­chen Ver­fall ver­ur­teilen. Gleich­wohl dürfen wir den Mecha­nismus nicht über­sehen, der Men­schen dazu treibt, eine Ideo­logie anzu­nehmen, um sie später zu ver­raten. Die Dar­stel­lung des Unglücks der “Wen­de­ge­schä­digten”, die in meinen Erzäh­lungen zu Wort kommen, ist schließ­lich nur ein Ver­such, die mensch­liche Natur im ewigen Span­nungs­feld zwi­schen der Suche nach Glück und dem Tod zu begreifen.

 

n.: Ja, das merkt man. Auch wenn die Haupt­fi­guren unglück­lich sind, zeugt die Sprache von einem Drang, einem Streben; sie ist reich an Wort­spielen, Asso­nanz und Alli­te­ra­tion. Manchmal wird das bewusst über­trieben, zum Bei­spiel in der Titel­ge­schichte der Samm­lung, um eine bom­bas­ti­sche Figur dar­zu­stellen. Aber diese Ver­spielt­heit scheint auch ein gene­relles Merkmal deiner Erzäh­lungen zu sein. Welche Rolle spielt sie für dich?

 

D.: Wie gesagt, jeder von uns hat das Bedürfnis, seine eigene Geschichte zu erzählen. Sie offen­bart sich aber erst in der Sprache; sie eilt der Sprache nicht voraus, son­dern koexis­tiert in ihr. Daher wan­deln wir in der Sprache und ver­su­chen, das Unaus­drück­bare aus­zu­drü­cken. Und alles, was wir in diesem sprach­li­chen Exil ent­de­cken, sind Bruch­stücke der Wahr­heit, die uns inso­fern befrie­digen können, als dass wir einen Vor­ge­schmack auf den ulti­ma­tiven Akt der Erkenntnis bekommen, der sonst Gott vor­ent­halten ist. Sowohl vor als auch nach James Joyce ist klar, dass Erkennt­nis­mo­mente, wie auch gute Lite­ratur, nur durch Erfor­schung der Sprache, durch Ver­schie­bung der Grenzen der gespürten Befrie­di­gung beim Leser, mög­lich sind. Das ist, ver­steht sich, eine überaus müh­same Arbeit, die nie­mals voll­endet sein wird.

 

n.: Welche Aspekte des Lebens im post­so­zia­lis­ti­schen Maze­do­nien, seien sie beflü­gelnde oder hem­mende Momente, bewegen dich als Autor am meisten?

 

D.: Einige Schrift­steller recht­fer­tigen ihre feh­lende Inspi­ra­tion damit, dass sie den Krieg nicht erlebt haben. Andere wie­derum, die den Krieg erleben mussten, behaupten, sie müssten Abstand davon gewinnen, daher schreiben sie über ent­fernte Zeiten und Räume. Ich möchte gern glauben, dass ich weder der einen, noch der anderen Gruppe ange­höre. Ich habe das Glück oder das Unglück, in einer dra­ma­ti­schen Zeit zu leben, in der sich ein Sys­tem­wechsel voll­zogen hat und Ideale neu bewertet werden; diese Iden­ti­täts­krise mani­fes­tiert sich in wider­sprüch­li­chen Formen glo­baler Ver­ein­heit­li­chung auf der einen Seite und in zuneh­menden sozialen, eth­ni­schen und anderen Kon­flikten auf der anderen. Maze­do­nien ist in dieser Hin­sicht kein Ein­zel­fall. Die Spe­zi­fika seiner Geschichte und Gegen­wart lie­fern maze­do­ni­schen Schrift­stel­lern Impulse, sind ihnen aber gleich­zeitig eine Last. Ich gehöre nicht zu denen, die vor dieser Wirk­lich­keit fliehen oder sie durch exo­ti­sche Para­beln deuten wollen. Unsere Zeit braucht eine authen­ti­sche Stimme und ich bemühe mich, diese Stimme zu finden.

 

n.: Die Lite­ra­tur­land­schaft Maze­do­niens ist seit über 15 Jahren im Fluss. Neben eta­blierten Insti­tu­tionen, wie dem Schrift­stel­ler­ver­band (DPM), dem Maze­do­ni­schen PEN-Zen­trum und dem tra­di­tio­nellen all­jähr­li­chen Poe­sie­fes­tival in Struga, ent­stehen neue Formen, die nach der Implo­sion der öffent­li­chen Kul­tur­för­de­rung größ­ten­teils aus der Not geboren sind. Es gibt einige lite­ra­ri­sche Inter­net­zeit­schriften, die auch ver­le­ge­risch und über­set­ze­risch aktiv sind, ins­be­son­dere Blesok (Glanz) oder die non­kon­for­mis­ti­sche Mar­gina (Rand). Schrift­steller der jün­geren Genera­tion wie Goce Smi­levski und Lidija Dim­kovska expe­ri­men­tieren mit neuen Stil­rich­tungen, andere kopieren aber auch unre­flek­tiert Moden und Modelle aus dem Aus­land. Wie schätzt du die aktu­elle mate­ri­elle Situa­tion und die Rah­men­be­din­gungen für Schrift­steller in Maze­do­nien ein? Gibt es Fak­toren, die zu einer Aus­wan­de­rung führen?

 

D.: Heute Schrift­steller zu sein, ist etwas anderes als damals im Kom­mu­nismus, das ist ganz klar. Meine Vor­gänger hatten den Status wich­tiger Per­sön­lich­keiten, ihre Werke oder öffent­li­chen Auf­tritte fanden ein gesell­schaft­li­ches Echo. Egal ob sie Dis­si­denten oder Apo­lo­geten des Regimes waren, hatten sie die Macht, die öffent­liche Mei­nung zu gestalten, und so konnten sie große his­to­ri­sche Nar­ra­tive schaffen. Die Dis­si­denten ihrer­seits wurden im Westen umju­belt und zu Hause unter­drückt. Heute sind maze­do­ni­sche Schrift­steller zu Hause mar­gi­na­li­siert, aber sie besitzen noch keine Aura ideo­lo­gi­scher Mär­tyrer, um im Westen akzep­tiert zu werden. Keiner von ihnen kann vom Schreiben leben und ihr Ein­fluss ist in der Regel auf iso­lierte Ziel­gruppen beschränkt. Dabei ver­blasst die Auf­tei­lung in West- und Ost­eu­ropa und die EU-Inte­gra­tion des Bal­kans (jenes “unvoll­stän­digen Selbsts”, wie Maria Todo­rova ihn in ihrem Buch Ima­gi­ning the Bal­kans nannte) ver­wischt die letzten Ele­mente der west­li­chen Wahr­neh­mung dieser Region als “exo­tisch”. So bleiben Schrift­steller, die auf Maze­do­nisch schrieben, für andere Kul­turen relativ unat­traktiv und unbe­kannt. In den letzten fünf­zehn Jahren erreichte nur eine ver­schwin­dend kleine Zahl von Autoren irgend­einen Erfolg außer­halb Maze­do­niens, und noch kleiner ist die Zahl der­je­nigen, die außer­halb des Landes leben und schreiben. Allein die Über­set­zung eines Werkes gilt schon als Erfolg, auch ohne dass das Werk sich einer breiten Rezep­tion erfreut. Sym­pto­ma­tisch ist auch, dass die Schrift­steller, von wenigen Aus­nahmen abge­sehen, nicht die maze­do­ni­sche Wirk­lich­keit the­ma­ti­sieren, son­dern sich nach Trends richten und ver­su­chen, dem aktu­ellen Erwar­tungs­ho­ri­zont des Aus­lands zu entsprechen.

 

n.: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

 

D.: Zur Zeit widme ich mich vor allem der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit. Die For­schung für meine Dok­tor­ar­beit an der Uni­ver­sität Not­tingham bezieht sich auf die Reprä­sen­ta­tion von Bal­ka­ni­den­ti­täten im Theater der Bal­kan­länder heute. Wer sind wir? Wie sehen wir uns dem Westen und dem Osten gegen­über? Welche Geschichte möchten wir über uns erzählen? Das sind Fragen, die mich sowohl per­sön­lich als auch pro­fes­sio­nell fas­zi­nieren, wie man sich nach dem, was ich bisher gesagt habe, vor­stellen kann. Diese intel­lek­tu­elle Neu­gierde, wie auch meine Erfah­rungen in Eng­land, zwängen mir auch neue schrift­stel­le­ri­sche Obses­sionen auf. Ich stehle mir die Zeit zusammen, so viel ich nur kann, um diesen Schreib­auf­trag zu erfüllen.

 

 

Gole­miot kufer (Der große Koffer). Templum. Skopje 2005.

Der große Koffer. Aus dem Maze­do­ni­schen von Will Firth. Edi­tion Erata. Leipzig 2008. [www.erata.de]

Nara­tivni stra­tegii vo psi­ho­loš­kiot roman (Nar­ra­tive Stra­te­gien des psy­cho­lo­gi­schen Romans). Kul­tura. Skopje 2004.

Sveta ludost (Hei­lige Manie). Kul­tura. Skopje 1999.

Luda luna (Der mani­sche Mond). Zum­pres. Skopje 1995.

Sedenka so likot (Party mit Bildnis). Klub na pis­ateli Bitola. Bitola 1991.

Dodovski, Ivan (Hg.): Mul­ti­kul­tu­ra­lizmot vo Make­do­nija: model vo nasta­nu­vanje (Mul­ti­kul­tu­ra­lismus in Maze­do­nien: Ent­ste­hung eines Modells). FIOOM. Skopje 2005.

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