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Von Briefen in Keilschrift und schwarzweißen Lämmern

Posted on 5. Januar 2011 by Anna Foerster
Mit seinem 2008 erschienenen Debütroman "Milostný dopis klínovým písmem (Liebesbrief in Keilschrift)" avancierte der 1966 geborene Tomáš Zmeškal quasi über Nacht zum neuen Hoffnungsträger der tschechischen Literatur. Sein Roman über die Angehörigen einer Prager Familie bestach vor allem durch seine ungewöhnliche Erzählweise, die allerlei fremde Gattungen wie Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Träume integrierte und sich auf kluge und sehr charmante Weise unzähliger Anleihen nicht aus der tschechischen Literatur bediente.

Mit seinem 2008 erschienenen Debütroman Milostný dopis klínovým písmem (Liebesbrief in Keilschrift) avancierte der 1966 geborene Tomáš Zmeškal quasi über Nacht zum neuen Hoffnungsträger der tschechischen Literatur. Sein Roman über die Angehörigen einer Prager Familie bestach vor allem durch seine ungewöhnliche Erzählweise, die allerlei fremde Gattungen wie Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Träume integrierte und sich auf kluge und sehr charmante Weise unzähliger Anleihen nicht aus der tschechischen Literatur bediente. Einige Kritiker erklärten sich den überraschenden Erfolg des Buches auch mit der Faszination, die von seinem Autor ausging. Es erweckte eine gewisse Ungläubigkeit, dass dieser  Roman, der in einem ausschließlich tschechischen Umfeld spielt und die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel einer Prager Familie erzählt, aus der Feder eines Schriftstellers stammte, der zwar einen typisch tschechischen Namen trägt, aber der Sohn eines Kongolesen und einer Tschechin ist. Von einem solchen Autor, der noch dazu in der ethnisch weitgehend homogenen sozialistischen Tschechoslowakei aufgewachsen war, erwartete man, dass er aufgrund seiner besonderen biographischen Voraussetzungen auch einen besonderen Blick auf diese jüngste tschechische Geschichte haben müsse.

Der Roman fächert sich nicht nur in eine Vielzahl verschiedener narrativer Formen auf, sondern vereint auch mehrere Erzählstränge, die auf Seiten der tschechischen Kritik zu den unterschiedlichsten Lesarten und Interpretationen Anlass gaben. Im Mittelpunkt steht das komplizierte und schmerzbehaftete Dreiecksverhältnis von Josef, Květa und Hynek. Während erstere kurz nach ihrer Heirat Anfang der 50er Jahre durch die zehn Jahre währende politisch motivierte Inhaftierung Josefs getrennt werden, macht Hynek Karriere beim tschechischen  Staatssicherheitsdienst. Hynek, der mit der Untersuchung von Josefs Fall betraut ist, nutzt Květas Notlage und ihre Sorge um den Ehemann schamlos aus und drängt sie zu einer von Abhängigkeit und gleichzeitiger Anziehung getragenen Beziehung. Er droht ihr, ihren Mann für immer verschwinden und ihre Tochter in ein Heim bringen zu lassen, falls sie ihm nicht zu Willen ist. Bleibt Květa zu Beginn keine andere Wahl, beginnt sie später paradoxerweise den Schmerzen, der Erniedrigung immer mehr abzugewinnen. Hynek ist sich dessen bewusst – und genießt die Kontrolle, die er durch abwechselnde Zuwendung und Bestrafung über Květa gewinnt. Ihre Kontakte enden erst mit Josefs Entlassung im Jahr 1960. Die Eheleute versuchen, ihr gemeinsames Leben wieder aufzunehmen, aber als Josef durch einen anonymen Brief erfährt, dass seine Frau, während er im Gefängnis saß, ausgerechnet mit seinem Peiniger ein jahrelanges Verhältnis geführt hat, kommt es zum endgültigen Bruch. Er kann seiner Frau nicht verzeihen. Über Jahre hinweg verharren beide im sprachlosen status quo, er lebt im Wochenendhaus der Familie und die Tochter und später der Enkel werden zum einzigen Verbindungsglied zwischen ihm und seiner Frau. Erst ein Liebesbrief in Keilschrift, den die Tochter nach dem Tod Josefs in dessen Hinterlassenschaften entdeckt und von einem Spezialisten entziffern lässt, offenbart, dass er trotz seines beharrlichen und verletzten Schweigens all die Jahre hindurch eine tiefe Liebe für seine Frau empfunden hat. Dieses Produkt seines einzigen Hobbys, nämlich der Beschäftigung mit unbekannten Schriftsystemen, wird so zur Chiffre für die Unmöglichkeit, seine Gefühle verständlich mitzuteilen, geschweige denn, dem Verlangen nach Versöhnung nachzugeben.

Zmeškal zeichnet das Eindringen des politischen Systems ins Private stellenweise mit kaum zu ertragender Genauigkeit. Der Masochismus, der die Beziehung zwischen Květa und dem Schergen ihres Mannes prägt, illustriert die P e r v e r s i o n  d e r  M a c h t – die Staatsgewalt macht nicht einmal vor den intimsten Lebensbereichen des Einzelnen halt. Auf fast pornographische Art und Weise erzählt er, wie das System sexuelle Abhängigkeiten schafft, um Menschen politisch gefügig zu machen, wie sich die Opfer am Ende selbst schuldig fühlen für das, was ihnen widerfahren ist. Dabei ist Zmeškal klug genug, nicht einer simplen Personifizierung des Bösen auf den Leim zu gehen – denn immer haben die Peiniger neben ihren politischen und ideologischen auch ganz banale, persönliche Motive.

Die Geschichte von Josef und Květa wird durch weitere, lyrisch-reflexive Erzählstränge ergänzt. Die Art und Weise, wie Zmeškal Elemente in den Text einflicht, die vermeintlich nichts mit der eigentlichen Handlung oder dem Figurenensemble zu tun haben, erinnert dabei fast an die Romane Milan Kunderas. Dort sind philosophische Erörterungen, ja ganze Essays oder Musikstücke in die Romanhandlung integriert – man denke nur an das „Kleine Verzeichnis unverstandener Wörter“, von dem Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins immer wieder unterbrochen wird. Im Liebesbrief in Keilschrift findet sich eine Erzählung über einen Freund Josefs und Květas, einen Psychiater, der die Ursachen menschlicher Grausamkeit erforscht. Sie werden ergänzt von biografischen Abhandlungen oder psychiatrischen Fallstudien. Großen Raum nehmen etwa die wahnhaften Visionen eines Mannes ein, der sich als genetischer Zwilling Adolf Hitlers betrachtet und der Meinung ist, Opfer eines psychologischen Experiments zu sein, mit dem die Rolle der Erbanlagen bei der Entstehung des Bösen untersucht worden sei. Die unzähligen historischen, literarischen, psychologischen und philosophischen Anspielungen und Verweise, die vor allem diese Erzählstränge prägen, erschließen sich unter Umständen erst bei der zweiten oder dritten Lektüre.

All diese einzelnen Elemente verbindet Zmeškal zu einer labyrinthischen Erzählung. Beständig breitet der Text neue Fragen aus, mit deren Beantwortung er sich zumeist viel Zeit lässt. Von der ersten Seite an legt Změškal dabei falsche Fährten, erweckt den Eindruck, jeweils gerade die Geschichte zu erzählen, um die es ihm eigentlich geht – nur um den Leser wenige Seiten später erkennen zu lassen, dass es sich erneut um eine Sackgasse gehandelt hat. Auch wenn das Buch streckenweise stark durchkomponiert wirkt, bleibt der Text doch stets spannend – denn auch noch die letzte Seite ist notwendig, um den Roman als Ganzes verstehen zu können. Erst nachdem man Zmeškals Irrgarten vollständig durchlaufen hat, begreift man die Bedeutung seiner einzelnen Bestandteile. Wie Květa, die den Brief ihres Mannes erst entziffern lassen muss, ehe sie ihn versteht, so muss auch der Leser den komplizierten Aufbau des Romans gewissermaßen dekodieren, um hinter das Geheimnis von Zmeškals erzählerischer Methode zu kommen.

Wovon sich die Kritiker angesichts der Biographie Zmeškals gleichermaßen fasziniert wie irritiert fühlten, war neben der für einen Erstling besonderen Reife des Romans (für die er 2008 den Josef-Škvorecký-Preis für das beste Debüt erhielt) vor allem die völlige Abwesenheit von Exotik und Außenseitertum in seinem Erzählen. Erst das Erscheinen von Zmeškals zweitem Roman, Životopis černobílého jehněte (Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms) beantwortete die Fragen der Kritik teilweise mehr als eindeutig: Zum einen stellte sich heraus, dass Zmeškal dieses zweite Buch lange vor dem Liebesbrief in Keilschrift geschrieben hatte. Bei seinem Erstling handelte es sich also eigentlich um sein zweites Werk. Zum anderen schien diese zweite Veröffentlichung die Forderungen der Kritiker nach dem besonderen, dem anderen Blickwinkel, den sie von Zmeškal erwarteten, einzulösen. Doch dieser begnügte sich in Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms nicht damit, seine eigene Biographie in den Roman einfließen zulassen, sondern er machte das Anderssein an sich zum Thema.

Zmeškal erzählt hier von der Kindheit und Jugend eines Zwillingspaars, das in den 60er und 70er Jahren im sozialistischen Prag aufwächst. In dem Glauben, dass ihre tschechische Mutter und ihr aus einem nicht näher genannten afrikanischen Land stammender Vater kurz nach der Geburt ihrer Kinder bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien, werden die Geschwister von ihrer Großmutter aufgezogen. Ihre Namen könnten tschechischer nicht sein – sie heißen Václav und Lucie – und doch sind sie nicht wie die anderen: sie haben eine dunkle Haut. Ihr Anderssein gründet jedoch weniger in ihnen selbst, als darin, dass die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, nur scheinbar so unterschiedslos ist, wie sie es sich auf ihre ideologische Fahne schreibt. In der Kindheit umsorgt von ihrer behütenden Großmutter, die sie vor den Reaktionen der Außenwelt zu schützen versucht (da werden Anfeindungen und Kommentare von Eltern anderer Kinder auf dem Spielplatz nicht erklärt, sondern damit abgetan, die betreffenden Personen seien betrunken), sehen die Zwillinge sich, je älter sie werden, immer stärker einer Umgebung ausgesetzt, in der sie sichtbarer sind als alle anderen: Obwohl ein talentierter Musiker, wird Václav nicht am Konservatorium aufgenommen und darf seinen Wehrdienst auch nicht bei den Militärmusikern ableisten („’Beim Studium deiner Papiere’, fuhr der Major fort, ‚sind wir auf dein Foto gestoßen. Und uns war gleich klar, dass wir da ein Problem kriegen. (...) Ich kann dich nicht ich einer so repräsentativen Einheit wie dem künstlerischen Musikensemble dienen lassen (...). Und weil die innere und internationale Reaktion nicht schläft, könnte dich jemand sehen, und dass dich jemand gesehen hat, könnte gegen unsere tschechoslowakische Volksarmee verwendet werden, und das könnte dann ihre Kampffähigkeit schwächen, (...) und das können wir doch nicht zulassen!“).
Lucie erfährt die Diskriminierung weniger institutionalisiert und direkt. Je älter sie wird, desto mehr misstraut sie den Menschen in ihrer nächsten Umgebung. Sie glaubt, die Männer, die mit ihr zusammen seien, betrachteten sie als Trophäe an ihrer Seite und als besonders wirksamen Ausdruck der eigenen Unangepasstheit an die unter der sowjetischen Besatzung erstarrte Gesellschaft. Als sie den Kontakt zu anderen Menschen sucht, die ihre Erfahrungen des Nichtdazugehörens teilen und in den Semesterferien als Betreuerin in einem Sommerlager für Roma-Kinder arbeitet, heißt es, eine Schwarze wie sie sei für diese das falsche Vorbild und für eine solche Tätigkeit nicht geeignet.

Beide, Václav und Lucie, begegnen diesem alltäglichen Rassismus seltsam passiv. Als könnten sie der Ablehnung der anderen nichts entgegensetzen, ziehen sie sich völlig zurück. Während Lucie an dieser selbstgewählten tatenlosen Isolation zugrunde geht, bedeutet sie für Václav einen Ausweg aus der Gesellschaft, die ihn nicht annehmen will. Auch wenn die Passivität der Hauptfiguren kaum zu begreifen und bisweilen schwer zu ertragen ist und das Buch sich gerade in der Schilderung der Kindheitsjahre oft belanglosen und langatmigen Schilderungen hingibt, bezieht es seine besondere Kraft gerade daraus, dass es diesen Rückzug absolut konsequent inszeniert. Die Szenen, die Václavs Aufenthalt in der Psychiatrie beschreiben, wohin er sich durch die Simulation einer endogenen Depression vor dem Militärdienst flüchtet, gehören zu den besten des Buches. Freilich, es ist kein neues Motiv, dass sich gerade unter den vermeintlich Geisteskranken die Einzigen finden, die sich einen klaren Blick auf die gesellschaftliche Realität erhalten haben, aber dennoch ist es ein überaus schlüssiges Bild, dass das Irrenhaus bei Zmeškal der einzige Ort ist, an dem Václav nicht auffällt und behandelt wird wie jeder andere.

Ein wenig bedauerlich ist, dass Zmeškal seine zum Teil überaus interessanten Nebenfiguren so nachlässig behandelt, dass manche im Laufe des Romans einfach verloren gehen. So wäre etwa die Geschichte der Mutter der Zwillinge eine, die das zuweilen etwas eindimensional auf die Hauptfiguren konzentrierte Romangeschehen um eine Dimension hätte erweitern können, die den Rahmen des Privaten überschreitet. Wie die beiden nämlich im Alter von 15 Jahren erfahren, ist ihre Mutter nicht bei einem Unfall verstorben, sondern hat, nachdem sie die Feindseligkeit, die ihre Umgebung ihr und ihren beiden dunkelhäutigen Kindern entgegen brachte, nicht mehr ertragen konnte, die ganzen Jahre über ebenfalls in einem Pflegeheim für psychisch Kranke gelebt. Und doch verschwindet sie auf merkwürdige Weise aus dem Roman; der Leser erfährt nach einer einzelnen Begegnung zwischen ihr und ihren Kindern nie wieder etwas über ihren Verbleib oder auch nur darüber, das sich die Zwillinge mit dieser Begegnung auf irgendeine Art und Weise beschäftigen. Das gleiche Schicksal ereilt auch einige andere Familienangehörige, die in den ersten Kapiteln des Buches eine nicht unbedeutende Rolle spielen, dann aber nie mehr Erwähnung finden. Dabei hätten auch diese Figuren das Potenzial, die passive Haltung der Geschwister gegenüber der Intoleranz ihrer Umgebung möglicherweise in Frage zu stellen: da sind die Figuren zweier Onkel, einer ist homosexuell, der andere ist gelähmt und sitzt im Rollstuhl. In beiden Fällen wird angedeutet, dass diese Figuren sich gegen die Diskriminierung, die sie erfahren, zur Wehr setzen und dass sie für ihre Interessen zu kämpfen bereit sind. Dennoch verschwinden auch diese potenziellen Vorbilder im Laufe des Romans. Die merkwürdige Larmoyanz und Untätigkeit der Hauptfiguren gipfelt schließlich darin, dass – und hier löst sich auch der ungewöhnliche Titel des Buches ein – Lucie gewissermaßen zum Opferlamm werden und sich selbst das Leben nehmen muss, um Václav endlich aus seiner Passivität zu reißen und zur Emigration zu bewegen.

Dennoch können diese Inkohärenzen und die manchmal unverständliche Haltung der Protagonisten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms um ein besonderes Buch handelt. Außergewöhnlich ist in erster Linie, dass es ein, in der tschechischen Literaturszene bislang kaum präsentes Thema anspricht: In einem Land, in dem rassistische Haltungen gegenüber Roma oder Vietnamesen auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an der Tagesordnung sind, gibt es so gut wie keine literarischen Werke aus der Feder von Personen, die von diesem Phänomen selbst betroffen sind. Wie ungewöhnlich eine solche Perspektive noch immer ist, zeigt etwa die Affäre um den Roman Bílej kůň, žlutej drak (Weißes Pferd, gelber Drache), das 2009 unter dem Namen einer jungen, in Tschechien aufgewachsenen Vietnamesin erschien. Das Buch erregte großes Aufsehen und wurde als erster tschechischsprachiger Roman aus der Feder einer Autorin mit Migrationshintergrund gefeiert. Die Enthüllung, dass sich hinter dieser Kunstfigur ein etablierter tschechischer Autor verbarg, beschäftigte im vergangenen Jahr die Feuilletons aller namhaften Tageszeitungen und Zeitschriften.
Vor diesem Hintergrund kann man Zmeškal für die Entscheidung, seinen Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms nicht als sein erstes Buch zu veröffentlichen, nur gratulieren. Denn andernfalls wäre über der Diskussion um den Gegenstand des Buches und die Biografie seines Autors sicherlich übersehen worden, dass es sich bei Zmeškal um einen außergewöhnlichen Erzähler handelt. Indem er jedoch den literarisch sicherlich ausgereifteren Liebesbrief in Keilschrift zuerst veröffentlichte, konnte er vermeiden, dass sein Werk allein auf autobiografische Aspekte reduziert wurde.

 

Tomáš Zmeškal: Milostný dopis klínovým písmem (Liebesbrief in Keilschrift), torst, Praha, 2008

Ders.: Životopis černobílého jehněte (Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms), torst, Praha, 2009

Von Briefen in Keilschrift und schwarzweißen Lämmern – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Briefen in Keil­schrift und schwarz­weißen Lämmern

Mit seinem 2008 erschie­nenen Debüt­roman Milostný dopis klí­novým písmem (Lie­bes­brief in Keil­schrift) avan­cierte der 1966 gebo­rene Tomáš Zmeškal quasi über Nacht zum neuen Hoff­nungs­träger der tsche­chi­schen Lite­ratur. Sein Roman über die Ange­hö­rigen einer Prager Familie bestach vor allem durch seine unge­wöhn­liche Erzähl­weise, die allerlei fremde Gat­tungen wie Briefe, Tage­buch­auf­zeich­nungen und Träume inte­grierte und sich auf kluge und sehr char­mante Weise unzäh­liger Anleihen nicht aus der tsche­chi­schen Lite­ratur bediente. Einige Kri­tiker erklärten sich den über­ra­schenden Erfolg des Buches auch mit der Fas­zi­na­tion, die von seinem Autor aus­ging. Es erweckte eine gewisse Ungläu­big­keit, dass dieser  Roman, der in einem aus­schließ­lich tsche­chi­schen Umfeld spielt und die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts aus dem Blick­winkel einer Prager Familie erzählt, aus der Feder eines Schrift­stel­lers stammte, der zwar einen typisch tsche­chi­schen Namen trägt, aber der Sohn eines Kon­go­lesen und einer Tsche­chin ist. Von einem sol­chen Autor, der noch dazu in der eth­nisch weit­ge­hend homo­genen sozia­lis­ti­schen Tsche­cho­slo­wakei auf­ge­wachsen war, erwar­tete man, dass er auf­grund seiner beson­deren bio­gra­phi­schen Vor­aus­set­zungen auch einen beson­deren Blick auf diese jüngste tsche­chi­sche Geschichte haben müsse.

Der Roman fächert sich nicht nur in eine Viel­zahl ver­schie­dener nar­ra­tiver Formen auf, son­dern ver­eint auch meh­rere Erzähl­stränge, die auf Seiten der tsche­chi­schen Kritik zu den unter­schied­lichsten Les­arten und Inter­pre­ta­tionen Anlass gaben. Im Mit­tel­punkt steht das kom­pli­zierte und schmerz­be­haf­tete Drei­ecks­ver­hältnis von Josef, Květa und Hynek. Wäh­rend ers­tere kurz nach ihrer Heirat Anfang der 50er Jahre durch die zehn Jahre wäh­rende poli­tisch moti­vierte Inhaf­tie­rung Josefs getrennt werden, macht Hynek Kar­riere beim tsche­chi­schen  Staats­si­cher­heits­dienst. Hynek, der mit der Unter­su­chung von Josefs Fall betraut ist, nutzt Květas Not­lage und ihre Sorge um den Ehe­mann schamlos aus und drängt sie zu einer von Abhän­gig­keit und gleich­zei­tiger Anzie­hung getra­genen Bezie­hung. Er droht ihr, ihren Mann für immer ver­schwinden und ihre Tochter in ein Heim bringen zu lassen, falls sie ihm nicht zu Willen ist. Bleibt Květa zu Beginn keine andere Wahl, beginnt sie später para­do­xer­weise den Schmerzen, der Ernied­ri­gung immer mehr abzu­ge­winnen. Hynek ist sich dessen bewusst – und genießt die Kon­trolle, die er durch abwech­selnde Zuwen­dung und Bestra­fung über Květa gewinnt. Ihre Kon­takte enden erst mit Josefs Ent­las­sung im Jahr 1960. Die Ehe­leute ver­su­chen, ihr gemein­sames Leben wieder auf­zu­nehmen, aber als Josef durch einen anonymen Brief erfährt, dass seine Frau, wäh­rend er im Gefängnis saß, aus­ge­rechnet mit seinem Pei­niger ein jah­re­langes Ver­hältnis geführt hat, kommt es zum end­gül­tigen Bruch. Er kann seiner Frau nicht ver­zeihen. Über Jahre hinweg ver­harren beide im sprach­losen status quo, er lebt im Wochen­end­haus der Familie und die Tochter und später der Enkel werden zum ein­zigen Ver­bin­dungs­glied zwi­schen ihm und seiner Frau. Erst ein Lie­bes­brief in Keil­schrift, den die Tochter nach dem Tod Josefs in dessen Hin­ter­las­sen­schaften ent­deckt und von einem Spe­zia­listen ent­zif­fern lässt, offen­bart, dass er trotz seines beharr­li­chen und ver­letzten Schwei­gens all die Jahre hin­durch eine tiefe Liebe für seine Frau emp­funden hat. Dieses Pro­dukt seines ein­zigen Hobbys, näm­lich der Beschäf­ti­gung mit unbe­kannten Schrift­sys­temen, wird so zur Chiffre für die Unmög­lich­keit, seine Gefühle ver­ständ­lich mit­zu­teilen, geschweige denn, dem Ver­langen nach Ver­söh­nung nachzugeben.

Zmeškal zeichnet das Ein­dringen des poli­ti­schen Sys­tems ins Pri­vate stel­len­weise mit kaum zu ertra­gender Genau­ig­keit. Der Maso­chismus, der die Bezie­hung zwi­schen Květa und dem Schergen ihres Mannes prägt, illus­triert die P e r v e r s i o n  d e r  M a c h t – die Staats­ge­walt macht nicht einmal vor den intimsten Lebens­be­rei­chen des Ein­zelnen halt. Auf fast por­no­gra­phi­sche Art und Weise erzählt er, wie das System sexu­elle Abhän­gig­keiten schafft, um Men­schen poli­tisch gefügig zu machen, wie sich die Opfer am Ende selbst schuldig fühlen für das, was ihnen wider­fahren ist. Dabei ist Zmeškal klug genug, nicht einer simplen Per­so­ni­fi­zie­rung des Bösen auf den Leim zu gehen – denn immer haben die Pei­niger neben ihren poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen auch ganz banale, per­sön­liche Motive.

Die Geschichte von Josef und Květa wird durch wei­tere, lyrisch-refle­xive Erzähl­stränge ergänzt. Die Art und Weise, wie Zmeškal Ele­mente in den Text ein­flicht, die ver­meint­lich nichts mit der eigent­li­chen Hand­lung oder dem Figu­ren­en­semble zu tun haben, erin­nert dabei fast an die Romane Milan Kun­deras. Dort sind phi­lo­so­phi­sche Erör­te­rungen, ja ganze Essays oder Musik­stücke in die Roman­hand­lung inte­griert – man denke nur an das „Kleine Ver­zeichnis unver­stan­dener Wörter“, von dem Die uner­träg­liche Leich­tig­keit des Seins immer wieder unter­bro­chen wird. Im Lie­bes­brief in Keil­schrift findet sich eine Erzäh­lung über einen Freund Josefs und Květas, einen Psych­iater, der die Ursa­chen mensch­li­cher Grau­sam­keit erforscht. Sie werden ergänzt von bio­gra­fi­schen Abhand­lungen oder psych­ia­tri­schen Fall­stu­dien. Großen Raum nehmen etwa die wahn­haften Visionen eines Mannes ein, der sich als gene­ti­scher Zwil­ling Adolf Hit­lers betrachtet und der Mei­nung ist, Opfer eines psy­cho­lo­gi­schen Expe­ri­ments zu sein, mit dem die Rolle der Erb­an­lagen bei der Ent­ste­hung des Bösen unter­sucht worden sei. Die unzäh­ligen his­to­ri­schen, lite­ra­ri­schen, psy­cho­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Anspie­lungen und Ver­weise, die vor allem diese Erzähl­stränge prägen, erschließen sich unter Umständen erst bei der zweiten oder dritten Lektüre.

All diese ein­zelnen Ele­mente ver­bindet Zmeškal zu einer laby­rin­thi­schen Erzäh­lung. Beständig breitet der Text neue Fragen aus, mit deren Beant­wor­tung er sich zumeist viel Zeit lässt. Von der ersten Seite an legt Změškal dabei fal­sche Fährten, erweckt den Ein­druck, jeweils gerade die Geschichte zu erzählen, um die es ihm eigent­lich geht – nur um den Leser wenige Seiten später erkennen zu lassen, dass es sich erneut um eine Sack­gasse gehan­delt hat. Auch wenn das Buch stre­cken­weise stark durch­kom­po­niert wirkt, bleibt der Text doch stets span­nend – denn auch noch die letzte Seite ist not­wendig, um den Roman als Ganzes ver­stehen zu können. Erst nachdem man Zmeš­kals Irr­garten voll­ständig durch­laufen hat, begreift man die Bedeu­tung seiner ein­zelnen Bestand­teile. Wie Květa, die den Brief ihres Mannes erst ent­zif­fern lassen muss, ehe sie ihn ver­steht, so muss auch der Leser den kom­pli­zierten Aufbau des Romans gewis­ser­maßen deko­dieren, um hinter das Geheimnis von Zmeš­kals erzäh­le­ri­scher Methode zu kommen.

Wovon sich die Kri­tiker ange­sichts der Bio­gra­phie Zmeš­kals glei­cher­maßen fas­zi­niert wie irri­tiert fühlten, war neben der für einen Erst­ling beson­deren Reife des Romans (für die er 2008 den Josef-Škvor­ecký-Preis für das beste Debüt erhielt) vor allem die völ­lige Abwe­sen­heit von Exotik und Außen­sei­tertum in seinem Erzählen. Erst das Erscheinen von Zmeš­kals zweitem Roman, Živo­topis čern­o­bí­lého jehněte (Lebens­lauf eines schwarz­weißen Lamms) beant­wor­tete die Fragen der Kritik teil­weise mehr als ein­deutig: Zum einen stellte sich heraus, dass Zmeškal dieses zweite Buch lange vor dem Lie­bes­brief in Keil­schrift geschrieben hatte. Bei seinem Erst­ling han­delte es sich also eigent­lich um sein zweites Werk. Zum anderen schien diese zweite Ver­öf­fent­li­chung die For­de­rungen der Kri­tiker nach dem beson­deren, dem anderen Blick­winkel, den sie von Zmeškal erwar­teten, ein­zu­lösen. Doch dieser begnügte sich in Lebens­lauf eines schwarz­weißen Lamms nicht damit, seine eigene Bio­gra­phie in den Roman ein­fließen zulassen, son­dern er machte das Anders­sein an sich zum Thema.

Zmeškal erzählt hier von der Kind­heit und Jugend eines Zwil­lings­paars, das in den 60er und 70er Jahren im sozia­lis­ti­schen Prag auf­wächst. In dem Glauben, dass ihre tsche­chi­sche Mutter und ihr aus einem nicht näher genannten afri­ka­ni­schen Land stam­mender Vater kurz nach der Geburt ihrer Kinder bei einem Auto­un­fall ums Leben gekommen seien, werden die Geschwister von ihrer Groß­mutter auf­ge­zogen. Ihre Namen könnten tsche­chi­scher nicht sein – sie heißen Václav und Lucie – und doch sind sie nicht wie die anderen: sie haben eine dunkle Haut. Ihr Anders­sein gründet jedoch weniger in ihnen selbst, als darin, dass die Gesell­schaft, in der sie auf­wachsen, nur scheinbar so unter­schiedslos ist, wie sie es sich auf ihre ideo­lo­gi­sche Fahne schreibt. In der Kind­heit umsorgt von ihrer behü­tenden Groß­mutter, die sie vor den Reak­tionen der Außen­welt zu schützen ver­sucht (da werden Anfein­dungen und Kom­men­tare von Eltern anderer Kinder auf dem Spiel­platz nicht erklärt, son­dern damit abgetan, die betref­fenden Per­sonen seien betrunken), sehen die Zwil­linge sich, je älter sie werden, immer stärker einer Umge­bung aus­ge­setzt, in der sie sicht­barer sind als alle anderen: Obwohl ein talen­tierter Musiker, wird Václav nicht am Kon­ser­va­to­rium auf­ge­nommen und darf seinen Wehr­dienst auch nicht bei den Mili­tär­mu­si­kern ableisten („’Beim Stu­dium deiner Papiere’, fuhr der Major fort, ‚sind wir auf dein Foto gestoßen. Und uns war gleich klar, dass wir da ein Pro­blem kriegen. (…) Ich kann dich nicht ich einer so reprä­sen­ta­tiven Ein­heit wie dem künst­le­ri­schen Musik­ensemble dienen lassen (…). Und weil die innere und inter­na­tio­nale Reak­tion nicht schläft, könnte dich jemand sehen, und dass dich jemand gesehen hat, könnte gegen unsere tsche­cho­slo­wa­ki­sche Volks­armee ver­wendet werden, und das könnte dann ihre Kampf­fä­hig­keit schwä­chen, (…) und das können wir doch nicht zulassen!“).
Lucie erfährt die Dis­kri­mi­nie­rung weniger insti­tu­tio­na­li­siert und direkt. Je älter sie wird, desto mehr miss­traut sie den Men­schen in ihrer nächsten Umge­bung. Sie glaubt, die Männer, die mit ihr zusammen seien, betrach­teten sie als Tro­phäe an ihrer Seite und als beson­ders wirk­samen Aus­druck der eigenen Unan­ge­passt­heit an die unter der sowje­ti­schen Besat­zung erstarrte Gesell­schaft. Als sie den Kon­takt zu anderen Men­schen sucht, die ihre Erfah­rungen des Nicht­da­zu­ge­hö­rens teilen und in den Semes­ter­fe­rien als Betreuerin in einem Som­mer­lager für Roma-Kinder arbeitet, heißt es, eine Schwarze wie sie sei für diese das fal­sche Vor­bild und für eine solche Tätig­keit nicht geeignet.

Beide, Václav und Lucie, begegnen diesem all­täg­li­chen Ras­sismus seltsam passiv. Als könnten sie der Ableh­nung der anderen nichts ent­ge­gen­setzen, ziehen sie sich völlig zurück. Wäh­rend Lucie an dieser selbst­ge­wählten taten­losen Iso­la­tion zugrunde geht, bedeutet sie für Václav einen Ausweg aus der Gesell­schaft, die ihn nicht annehmen will. Auch wenn die Pas­si­vität der Haupt­fi­guren kaum zu begreifen und bis­weilen schwer zu ertragen ist und das Buch sich gerade in der Schil­de­rung der Kind­heits­jahre oft belang­losen und lang­at­migen Schil­de­rungen hin­gibt, bezieht es seine beson­dere Kraft gerade daraus, dass es diesen Rückzug absolut kon­se­quent insze­niert. Die Szenen, die Václavs Auf­ent­halt in der Psych­ia­trie beschreiben, wohin er sich durch die Simu­la­tion einer endo­genen Depres­sion vor dem Mili­tär­dienst flüchtet, gehören zu den besten des Buches. Frei­lich, es ist kein neues Motiv, dass sich gerade unter den ver­meint­lich Geis­tes­kranken die Ein­zigen finden, die sich einen klaren Blick auf die gesell­schaft­liche Rea­lität erhalten haben, aber den­noch ist es ein überaus schlüs­siges Bild, dass das Irren­haus bei Zmeškal der ein­zige Ort ist, an dem Václav nicht auf­fällt und behan­delt wird wie jeder andere.

Ein wenig bedau­er­lich ist, dass Zmeškal seine zum Teil überaus inter­es­santen Neben­fi­guren so nach­lässig behan­delt, dass manche im Laufe des Romans ein­fach ver­loren gehen. So wäre etwa die Geschichte der Mutter der Zwil­linge eine, die das zuweilen etwas ein­di­men­sional auf die Haupt­fi­guren kon­zen­trierte Roman­ge­schehen um eine Dimen­sion hätte erwei­tern können, die den Rahmen des Pri­vaten über­schreitet. Wie die beiden näm­lich im Alter von 15 Jahren erfahren, ist ihre Mutter nicht bei einem Unfall ver­storben, son­dern hat, nachdem sie die Feind­se­lig­keit, die ihre Umge­bung ihr und ihren beiden dun­kel­häu­tigen Kin­dern ent­gegen brachte, nicht mehr ertragen konnte, die ganzen Jahre über eben­falls in einem Pfle­ge­heim für psy­chisch Kranke gelebt. Und doch ver­schwindet sie auf merk­wür­dige Weise aus dem Roman; der Leser erfährt nach einer ein­zelnen Begeg­nung zwi­schen ihr und ihren Kin­dern nie wieder etwas über ihren Ver­bleib oder auch nur dar­über, das sich die Zwil­linge mit dieser Begeg­nung auf irgend­eine Art und Weise beschäf­tigen. Das gleiche Schicksal ereilt auch einige andere Fami­li­en­an­ge­hö­rige, die in den ersten Kapi­teln des Buches eine nicht unbe­deu­tende Rolle spielen, dann aber nie mehr Erwäh­nung finden. Dabei hätten auch diese Figuren das Poten­zial, die pas­sive Hal­tung der Geschwister gegen­über der Into­le­ranz ihrer Umge­bung mög­li­cher­weise in Frage zu stellen: da sind die Figuren zweier Onkel, einer ist homo­se­xuell, der andere ist gelähmt und sitzt im Roll­stuhl. In beiden Fällen wird ange­deutet, dass diese Figuren sich gegen die Dis­kri­mi­nie­rung, die sie erfahren, zur Wehr setzen und dass sie für ihre Inter­essen zu kämpfen bereit sind. Den­noch ver­schwinden auch diese poten­zi­ellen Vor­bilder im Laufe des Romans. Die merk­wür­dige Lar­moyanz und Untä­tig­keit der Haupt­fi­guren gip­felt schließ­lich darin, dass – und hier löst sich auch der unge­wöhn­liche Titel des Buches ein – Lucie gewis­ser­maßen zum Opfer­lamm werden und sich selbst das Leben nehmen muss, um Václav end­lich aus seiner Pas­si­vität zu reißen und zur Emi­gra­tion zu bewegen.

Den­noch können diese Inko­hä­renzen und die manchmal unver­ständ­liche Hal­tung der Prot­ago­nisten nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es sich bei Lebens­lauf eines schwarz­weißen Lamms um ein beson­deres Buch han­delt. Außer­ge­wöhn­lich ist in erster Linie, dass es ein, in der tsche­chi­schen Lite­ra­tur­szene bis­lang kaum prä­sentes Thema anspricht: In einem Land, in dem ras­sis­ti­sche Hal­tungen gegen­über Roma oder Viet­na­mesen auch nach dem Fall des Eisernen Vor­hangs an der Tages­ord­nung sind, gibt es so gut wie keine lite­ra­ri­schen Werke aus der Feder von Per­sonen, die von diesem Phä­nomen selbst betroffen sind. Wie unge­wöhn­lich eine solche Per­spek­tive noch immer ist, zeigt etwa die Affäre um den Roman Bílej kůň, žlutej drak (Weißes Pferd, gelber Drache), das 2009 unter dem Namen einer jungen, in Tsche­chien auf­ge­wach­senen Viet­na­mesin erschien. Das Buch erregte großes Auf­sehen und wurde als erster tsche­chisch­spra­chiger Roman aus der Feder einer Autorin mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund gefeiert. Die Ent­hül­lung, dass sich hinter dieser Kunst­figur ein eta­blierter tsche­chi­scher Autor ver­barg, beschäf­tigte im ver­gan­genen Jahr die Feuil­le­tons aller nam­haften Tages­zei­tungen und Zeitschriften.
Vor diesem Hin­ter­grund kann man Zmeškal für die Ent­schei­dung, seinen Lebens­lauf eines schwarz­weißen Lamms nicht als sein erstes Buch zu ver­öf­fent­li­chen, nur gra­tu­lieren. Denn andern­falls wäre über der Dis­kus­sion um den Gegen­stand des Buches und die Bio­grafie seines Autors sicher­lich über­sehen worden, dass es sich bei Zmeškal um einen außer­ge­wöhn­li­chen Erzähler han­delt. Indem er jedoch den lite­ra­risch sicher­lich aus­ge­reif­teren Lie­bes­brief in Keil­schrift zuerst ver­öf­fent­lichte, konnte er ver­meiden, dass sein Werk allein auf auto­bio­gra­fi­sche Aspekte redu­ziert wurde.

 

Tomáš Zmeškal: Milostný dopis klí­novým písmem (Lie­bes­brief in Keil­schrift), torst, Praha, 2008

Ders.: Živo­topis čern­o­bí­lého jehněte (Lebens­lauf eines schwarz­weißen Lamms), torst, Praha, 2009