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„Food and water are not enough“: das Sarajevo Film Festival und die Krise

Posted on 11. August 2020 by Albrecht Dreißig
Die Kultur in Europa arbeitet auf Sparflamme. Corona schränkt nicht nur das alltägliche Leben ein, sondern sorgt dafür, dass zahlreiche kulturelle Großveranstaltungen ausfallen müssen. Während die bekannten Filmfestivals in Cannes und Venedig abgesagt und andere ins Netz verlegt werden, wird jedoch das 26. Sarajevo Film Festival dieses Jahr vom 14. bis 21. August stattfinden. Die Gründe hierfür liegen in seiner Geschichte…

Die Kultur in Europa arbeitet auf Sparflamme. Corona schränkt nicht nur das alltägliche Leben ein, sondern sorgt dafür, dass zahlreiche kulturelle Großveranstaltungen ausfallen müssen. Während die bekannten Filmfestivals in Cannes und Venedig abgesagt und andere ins Netz verlegt werden, wird jedoch das 26. Sarajevo Film Festival dieses Jahr vom 14. bis 21. August stattfinden. Die Gründe hierfür liegen in seiner Geschichte…

 

 

August 2020. Während vor einem Dreivierteljahr die meisten Menschen mit dem Wort „Corona“, wenn überhaupt, so verschiedene Dinge wie eine mexikanische Biermarke oder die, in mehreren europäische Sprachen geltende Übersetzung aus dem Lateinischen für „Krone“ assoziierten, ist der Begriff heute weder zweideutig noch nebensächlich. Mit großer Schlagkraft hat ein unsichtbarer DNA-Strang dieses Namens die globalisierte Welt in eine Krise gestürzt, die für viele jenseits apokalyptischer Filmwelten kaum denkbar war. Wenngleich die tatsächliche Krise weit weniger atem(be)raubend ist, als dies in jenen Filmwelten gern dargestellt wird, so erleben wir doch täglich ihre Auswirkungen. Und auch wenn das auslösende Virus unsichtbar ist, seine Folgen auf unser Leben sind es nicht. Neben der Reisefreiheit betreffen die europaweiten Einschränkungen v.a. auch das kulturelle Leben, das über Monate vollkommen heruntergefahren war. Theater, Kinos und Museen blieben über Monate geschlossen und sind durch Abstandsregelungen und begrenzte Besucherzahlen bis jetzt weit entfernt von einer Rückkehr zur Normalität. Großveranstaltungen bleiben weiterhin unmöglich. Inwieweit die Krise unsere Kulturlandschaft nachhaltig verändern und – im schlimmsten Fall – veröden wird, lässt sich noch nicht vorhersehen.

 

So hat Corona auch für die Filmbranche einschneidende Auswirkungen. Filmschaffende, wie alle Kulturtreibenden, sind auf Öffentlichkeit angewiesen. Während Streamingdienste und – inzwischen wieder – teilweise geöffnete Kinos diese Öffentlichkeit zwar herstellen können, hilft dies vor allem bereits bekannten und renommierten Filmschaffenden. Die Kreativen dieser Branche sind – normalerweise – auf Filmfestivals angewiesen, die mit allerlei Spezialisierung neben den Filmvorführungen auch als Kontaktbörse für Filmemacher_innen und Filmverleihe dienen. Für unbekannte Produktionen und den an diesen Beteiligten sind Filmfestivals oft die einzige Vermarktungsmöglichkeit und insofern für viele Filmschaffende überlebenswichtig. Gleichzeitig stehen auch die Festivals in stetem Wettbewerb und akzeptieren insofern vor allem neue Produktionen, die als Premierenvorführung vermarktet werden können. Das Absagen von Filmfestivals (wie es im Falle von Cannes, Venedig oder Locarno geschehen ist) führt somit zu einem ‚Aufstauen‘ von Filmen und erhöhtem Wettbewerbsdruck im kommenden Jahr. Das Ausweichen auf Online-Formate (wie es z.B. das DOK.fest München macht) ermöglicht zwar das Zeigen der Filme, kann aber das so wichtige Kontaktknüpfen und -pflegen nur teilweise ersetzen. Filmfestivals sind als solche also nicht nur wichtige Kulturereignisse, sondern sie sichern langfristig auch die Existenz von Filmschaffenden und sorgen insofern für die Vielfalt der Filmlandschaft.

 

Allerdings gibt es auch Festivals, die in der Krise einen anderen Weg beschreiten. Das wohl interessanteste Beispiel hierfür ist das Sarajevo Film Festival; eines der renommiertesten Festivals auf dem Balkan, das jährlich Filme der Region von Österreich bis Aserbaidschan, zeigt und dieses Jahr vom 14. bis 21. August stattfindet. Was macht das Sarajevo Film Festival in diesem Kontext so besonders? Es ist sein Verhältnis zur Krise, denn das Festival findet nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise statt. Ein Blick in die Geschichte der Stadt und des Festivals ist hierbei lohnenswert.

 

Sarajevo befindet sich im Dinarischen Gebirge im Osten Bosnien und Herzegowinas. Es ist mit 290.000 Einwohner_innen die größte und zugleich Hauptstadt der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik. Wie viele andere Städte im östlichen und südöstlichen Europa weist auch Sarajevo eine Geschichte als umstrittener Ort, als Grenzstadt und Peripherie verschiedener Imperien auf. Man kann dies gut am Stadtbild ausmachen. Die Altstadt von Sarajevo ist zu drei Himmelsrichtungen von Bergen umschlossen, jeweils im Norden, Osten und Süden. Die heutige Stadt erstreckt sich im Flusstal der Miljacka von Osten Richtung Westen, wohin über die Zeit hinweg die Stadt erweitert wurde. Im östlichen Talkessel, wo die Altstadt liegt, findet sich überwiegend osmanische Architektur. Ab dem 15. Jahrhundert wurde durch die auf dem Balkan herrschenden Osmanen der Bau der Stadt befördert, bis Sarajevo 1660 die größte Stadt des Balkans und ein wichtiger Stützpunkt der imperialen Macht im bergigen Bosnien darstellte. Ab einem bestimmten Punkt in der Stadttopographie, der heute touristisch als „Sarajevo Meeting of the Cultures“ vermarktet wird, ändert sich das Stadtbild abrupt und die umliegende Architektur ist geprägt von der österreichischen Gründerzeit, da Bosnien von 1878 bis 1918 zunächst durch die österreichische Armee besetzt und schließlich annektiert wurde. Folgt man den großen Ausfallstraßen weiter Richtung Westen, so begegnet einem der Brutalismus der jugoslawischen Moderne neben den verglasten Hochhäusern des frühen 21. Jahrhunderts. Ein weiteres unübersehbares ‚architektonisches‘ Merkmal sind zahlreiche Löcher, überall in der Stadt. Löcher in den Straßen oder an Hauswänden, teilweise provisorisch aufgefüllt oder, zur Mahnung, mit roter Farbe ausgemalt. Einzelne Löcher, gestreute oder linienförmig angeordnete Löcher. Kleine wie große: Die nach außen wohl sichtbarsten Spuren der Belagerung von Sarajevo bzw. des Bosnienkrieges, der in Bosnien von 1992 bis 1996 dauerte. Beinahe während der gesamten Kriegsdauer stand die im Talkessel liegende Stadt unter Belagerung durch die serbisch-nationalistische Armee; in der Stadt waren damals vermutlich bis zu 400.000 Zivilist*innen eingeschlossen. Der Krieg forderte in Bosnien mindestens 100.000 Opfer, davon allein an die 11.000 in Sarajevo. Ergebnis des Kriegs ist die bis heute währende Teilung des Landes in zwei ethnisch-religiös geprägte staatliche Entitäten, deren Grenze auch durch das größere Stadtgebiet Sarajevos verläuft; eine Stadt der Grenzen und Grenzerfahrungen. Aber auch die Gründung des Sarajevo Film Festivals war ein Ergebnis des Kriegs.

 

Mit roter Farbe ausgefülltes Einschlagsloch einer Granate, genannt „Sarajevoer Rose“, © Albrecht Dreißig

 

Liest man Zeitzeugenberichte aus der Zeit der Belagerung (eine empfehlenswerte Lektüre in dem Zusammenhang ist Ivana Mačeks Sarajevo under Siege. Anthropology in Wartime), so wird deutlich, dass sich nach der abrupten Zerstörung der bekannten – auch semantischen – Ordnung und der nachfolgenden Phase permanenter Unsicherheit und Todesangst eine neue, eigentümliche Art von Kriegsnormalität entwickelte, die auch den Drang nach Abwechslung und kulturellem Ausdruck als Widerstandshandlung hervorbrachte. Elma Tataragić, heute Chefin des Spielfilmwettbewerbs und Mitbegründerin des Sarajevo Film Festivals, schrieb über diese Zeit: „In war we have realized that in order to survive food and water are not enough.” Eine Aussage, die einem sinngemäß immer wieder begegnet im Zusammenhang mit der Gründung des Festivals. Die Reduktion des Lebens auf das, was allein zum physischen Überleben notwendig ist, kann nur für eine sehr begrenzte Zeit ertragen werden. Auch heute machen viele Menschen diese Erfahrung – wenngleich die aktuelle Pandemie mit den Schrecken des Bosnienkrieges kaum zu vergleichen ist. Ausgangspunkt für das spätere Festival waren Filmvorführungen und Kinowochen im belagerten Sarajevo. Die Initiative ging dabei vom 1984 gegründeten Obala Art Centar aus, einem Zentrum und Zusammenschluss von Kreativen. 1993 wurde im Rahmen dieses Zentrums das „Kriegskino Apollo“ (bosnisch „Ratno Kino Apollo“) gegründet, in dem Filme aus aller Welt gezeigt wurden. Apollo war damals das einzige funktionierende Kino in der Stadt. Seine Vorstellungen schufen für ein paar Stunden ein Gefühl von Vorkriegsnormalität. Die Vorführungen mussten dabei unter denkbar widrigen Bedingungen stattgefunden haben, da Energie in Sarajevo nur spärlich zur Verfügung stand. Ein erstes kleines Filmfestival wurde im Jahr 1993 von Regisseur Haris Pasović organisiert. Dieses blieb jedoch einmalig. Im Kriegskino Apollo wurden neben den regelmäßigen Vorführungen auch Retrospektiven internationaler Filmfestivals gezeigt, so z.B. des Locarno Filmfestival 1994. Das Team von Obala und das Team des Kriegskinos standen in Kontakt mit dem Locarno Filmfestival. Zusammen mit dessen damaligem Direktor Marco Müller entstand im Winter 1994/95 das Projekt eines eigenen jährlichen Filmfestivals in Sarajevo. Die erste Ausgabe des Festivals war für Sommer 1995 geplant. Ein Team aus zehn jungen Kunstschaffenden, von denen heute alle noch mit dem Sarajevo Film Festival verbunden sind, arbeitete an seiner Realisierung, allen voran Festivaldirektor Mirsad Purivatra. Jahre später beschreibt er im Spiegel, wie Equipment und Filmrollen durch einen geheimen Tunnel, der die eingeschlossene Stadt mit dem restlichen durch die bosnische Regierung kontrollierten Gebiet verband, in die Stadt geschmuggelt wurden. Obwohl die Organisator_innen planten, das Festival trotz der Widrigkeiten des Kriegs stattfinden zu lassen, musste es um einige Monate verschoben werden, da im Sommer 1995 die Situation eskalierte: Der Völkermord in Srebrenica fand in dieser Zeit statt. Am 27. Oktober 1995 eröffnete schließlich das erste Sarajevo Film Festival. 37 Filme aus 15 Ländern wurden gezeigt, teilweise von VHS-Kassetten, und trotz Lebensgefahr gab es zahlreiche internationale Gäste.

 

Seither hat sich das Erscheinungsbild des Festivals stark gewandelt: Der Festivalbesuch ist nicht mehr mit direkter Lebensgefahr verbunden, Filme müssen nicht mehr von Videokassetten abgespielt werden und Energie nicht mehr über den Stromgenerator erzeugt werden. Doch die Anfänge im Krieg haben die Identität des Festivals geprägt. Seit 2004 wird die von Agnès B. designte Trophäe „Heart of Sarajevo“ vergeben, die sich an ein inoffizielles Logo des Festivals aus den 1990er Jahren anlehnt. Und auch der Drang, trotz aller Widrigkeiten das Leben zu zelebrieren und sich nicht unterkriegen zu lassen, gehört zum Selbstverständnis der Festivalmacher_innen. Und so brauchte es, laut Spielfilmwettbewerbschefin Tataragić, nicht lang, um zu entscheiden, dass man auch dieses Jahr das Festival stattfinden lasse.

 

Man wisse um die Verantwortung, so Festivaldirektor Purivatra. Corona erfordere besondere Maßnahmen im alltäglichen Leben. Auch die 26. Ausgabe des Sarajevo Film Festival könne hier keine Ausnahme machen. Die wohl sichtbarste Veränderung wird das Fehlen des Roten Teppichs sein. Was normalerweise der perfekte Ort ist, um internationale Prominenz vor die eigene Kamera zu bekommen, ist in Coronazeiten leider auch der perfekte Ort für Ansteckungen. Partys und Begleitveranstaltungen sind ebenfalls nicht vorgesehen. Viele Filmvorführungen werden in Freiluftkinos verlegt und für jene in geschlossenen Räumen herrschen Maskenpflicht und Besucher_innenbegrenzung auf 50 Personen. Zur Vermeidung von Menschenansammlungen an Verkaufsstellen werden die Tickets dieses Jahr ausschließlich online verkauft. Darüber hinaus werden auch die parallel stattfindenden Workshops und Foren für Filmschaffende ins Netz verlegt.

 

Kinosaal mit Markierungen für die zugelassenen Sitzplätze, © Sarajevo Film Festival

 

Der Besuch des Festivals – insbesondere aus Deutschland – ist zwar erschwert, aber nicht unmöglich. Bosnien und Herzegowina hatte zum 1. Juni seine Grenzen zu den Nachbarländern wieder geöffnet und Einreisende aus dem Schengen-Raum müssen nicht in Quarantäne, wenn sie einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist, bei der Einreise vorzeigen können.

 

Trotz Einschränkungen hat das diesjährige Festival vieles zu bieten. Das Programm wurde zwar noch nicht komplett veröffentlicht, aber es steht schon fest, dass in den Kategorien Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Studentenfilm insgesamt 49 Produktionen um die „Heart of Sarajevo“-Trophäen konkurrieren werden. Unter den Filmen werden 29 Weltpremieren, sechs internationale sowie zwei europäische Premieren sein. Eröffnet wird das Festival mit dem Film „Focus, Grandma“, der Geschichte einer zerstrittenen und über das ganze ehemalige Jugoslawien zerstreuten Familie, die im Frühjahr 1992 zum Sterbebett der Großmutter nach Sarajevo kommt und über Familienzwistigkeiten die nahende Katastrophe übersieht. Der Film entstand unter der Regie des bosnischen Regisseurs Pjer Žalica, der nun schon zum dritten Mal das Filmfestival eröffnen wird. Daneben wird mit Michel Hazanavicius („The Artist“) ein international bekannter und ausgezeichneter französischer Regisseur mit litauischen Wurzeln der Jury für den Spielfilmwettbewerb vorstehen.

 

Einmal mehr ist das Sarajevo Film Festival mit einer fundamentalen Krise der Kultur konfrontiert. Während im belagerten Sarajevo der 1990er Jahre der Tod menschengemacht war, ist es diesmal ein unsichtbares Virus, welches das Leben lähmt. Doch den Organisator_innen des Festivals ist mehr als bekannt, wie wichtig Kultur ist, um die Krise zu überstehen. Das Sarajevo Film Festival kann dabei nicht nur helfen, die moralischen Kräfte zum Überstehen der Pandemie zu sammeln, sondern auch das tatsächliche Überleben einer vielfältigen Filmlandschaft zu unterstützen. Ob es ratsam ist, sich in diesen Zeiten auf die Reise zum Festival nach Sarajevo zu machen, muss jede_r für sich selbst entscheiden. Ein Tipp für Kurzentschlossene und Unerschrockene ist es allemal. In den Worten von Direktor Mirsad Purivatra: „Unsere Mission bleibt die gleiche, seitdem unser Festival in einer belagerten Stadt gegründet wurde – das Leben, die Menschlichkeit und die Künste zu zelebrieren.“

„Food and water are not enough“: das Sarajevo Film Festival und die Krise – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Food and water are not enough“: das Sara­jevo Film Fes­tival und die Krise

Die Kultur in Europa arbeitet auf Spar­flamme. Corona schränkt nicht nur das all­täg­liche Leben ein, son­dern sorgt dafür, dass zahl­reiche kul­tu­relle Groß­ver­an­stal­tungen aus­fallen müssen. Wäh­rend die bekannten Film­fes­ti­vals in Cannes und Venedig abge­sagt und andere ins Netz ver­legt werden, wird jedoch das 26. Sara­jevo Film Fes­tival dieses Jahr vom 14. bis 21. August statt­finden. Die Gründe hierfür liegen in seiner Geschichte…

 

 

August 2020. Wäh­rend vor einem Drei­vier­tel­jahr die meisten Men­schen mit dem Wort „Corona“, wenn über­haupt, so ver­schie­dene Dinge wie eine mexi­ka­ni­sche Bier­marke oder die, in meh­reren euro­päi­sche Spra­chen gel­tende Über­set­zung aus dem Latei­ni­schen für „Krone“ asso­zi­ierten, ist der Begriff heute weder zwei­deutig noch neben­säch­lich. Mit großer Schlag­kraft hat ein unsicht­barer DNA-Strang dieses Namens die glo­ba­li­sierte Welt in eine Krise gestürzt, die für viele jen­seits apo­ka­lyp­ti­scher Film­welten kaum denkbar war. Wenn­gleich die tat­säch­liche Krise weit weniger atem(be)raubend ist, als dies in jenen Film­welten gern dar­ge­stellt wird, so erleben wir doch täg­lich ihre Aus­wir­kungen. Und auch wenn das aus­lö­sende Virus unsichtbar ist, seine Folgen auf unser Leben sind es nicht. Neben der Rei­se­frei­heit betreffen die euro­pa­weiten Ein­schrän­kungen v.a. auch das kul­tu­relle Leben, das über Monate voll­kommen her­un­ter­ge­fahren war. Theater, Kinos und Museen blieben über Monate geschlossen und sind durch Abstands­re­ge­lungen und begrenzte Besu­cher­zahlen bis jetzt weit ent­fernt von einer Rück­kehr zur Nor­ma­lität. Groß­ver­an­stal­tungen bleiben wei­terhin unmög­lich. Inwie­weit die Krise unsere Kul­tur­land­schaft nach­haltig ver­än­dern und – im schlimmsten Fall – ver­öden wird, lässt sich noch nicht vorhersehen.

 

So hat Corona auch für die Film­branche ein­schnei­dende Aus­wir­kungen. Film­schaf­fende, wie alle Kul­tur­trei­benden, sind auf Öffent­lich­keit ange­wiesen. Wäh­rend Strea­ming­dienste und – inzwi­schen wieder – teil­weise geöff­nete Kinos diese Öffent­lich­keit zwar her­stellen können, hilft dies vor allem bereits bekannten und renom­mierten Film­schaf­fenden. Die Krea­tiven dieser Branche sind – nor­ma­ler­weise – auf Film­fes­ti­vals ange­wiesen, die mit allerlei Spe­zia­li­sie­rung neben den Film­vor­füh­rungen auch als Kon­takt­börse für Filmemacher_innen und Film­ver­leihe dienen. Für unbe­kannte Pro­duk­tionen und den an diesen Betei­ligten sind Film­fes­ti­vals oft die ein­zige Ver­mark­tungs­mög­lich­keit und inso­fern für viele Film­schaf­fende über­le­bens­wichtig. Gleich­zeitig stehen auch die Fes­ti­vals in stetem Wett­be­werb und akzep­tieren inso­fern vor allem neue Pro­duk­tionen, die als Pre­mie­ren­vor­füh­rung ver­marktet werden können. Das Absagen von Film­fes­ti­vals (wie es im Falle von Cannes, Venedig oder Locarno geschehen ist) führt somit zu einem ‚Auf­stauen‘ von Filmen und erhöhtem Wett­be­werbs­druck im kom­menden Jahr. Das Aus­wei­chen auf Online-For­mate (wie es z.B. das DOK.fest Mün­chen macht) ermög­licht zwar das Zeigen der Filme, kann aber das so wich­tige Kon­takt­knüpfen und ‑pflegen nur teil­weise ersetzen. Film­fes­ti­vals sind als solche also nicht nur wich­tige Kul­tur­er­eig­nisse, son­dern sie sichern lang­fristig auch die Exis­tenz von Film­schaf­fenden und sorgen inso­fern für die Viel­falt der Filmlandschaft.

 

Aller­dings gibt es auch Fes­ti­vals, die in der Krise einen anderen Weg beschreiten. Das wohl inter­es­san­teste Bei­spiel hierfür ist das Sara­jevo Film Fes­tival; eines der renom­mier­testen Fes­ti­vals auf dem Balkan, das jähr­lich Filme der Region von Öster­reich bis Aser­bai­dschan, zeigt und dieses Jahr vom 14. bis 21. August statt­findet. Was macht das Sara­jevo Film Fes­tival in diesem Kon­text so beson­ders? Es ist sein Ver­hältnis zur Krise, denn das Fes­tival findet nicht trotz, son­dern gerade wegen der Krise statt. Ein Blick in die Geschichte der Stadt und des Fes­ti­vals ist hierbei lohnenswert.

 

Sara­jevo befindet sich im Dina­ri­schen Gebirge im Osten Bos­nien und Her­ze­go­winas. Es ist mit 290.000 Einwohner_innen die größte und zugleich Haupt­stadt der ehe­ma­ligen jugo­sla­wi­schen Teil­re­pu­blik. Wie viele andere Städte im öst­li­chen und süd­öst­li­chen Europa weist auch Sara­jevo eine Geschichte als umstrit­tener Ort, als Grenz­stadt und Peri­pherie ver­schie­dener Impe­rien auf. Man kann dies gut am Stadt­bild aus­ma­chen. Die Alt­stadt von Sara­jevo ist zu drei Him­mels­rich­tungen von Bergen umschlossen, jeweils im Norden, Osten und Süden. Die heu­tige Stadt erstreckt sich im Flusstal der Mil­jacka von Osten Rich­tung Westen, wohin über die Zeit hinweg die Stadt erwei­tert wurde. Im öst­li­chen Tal­kessel, wo die Alt­stadt liegt, findet sich über­wie­gend osma­ni­sche Archi­tektur. Ab dem 15. Jahr­hun­dert wurde durch die auf dem Balkan herr­schenden Osmanen der Bau der Stadt beför­dert, bis Sara­jevo 1660 die größte Stadt des Bal­kans und ein wich­tiger Stütz­punkt der impe­rialen Macht im ber­gigen Bos­nien dar­stellte. Ab einem bestimmten Punkt in der Stadt­to­po­gra­phie, der heute tou­ris­tisch als „Sara­jevo Mee­ting of the Cul­tures“ ver­marktet wird, ändert sich das Stadt­bild abrupt und die umlie­gende Archi­tektur ist geprägt von der öster­rei­chi­schen Grün­der­zeit, da Bos­nien von 1878 bis 1918 zunächst durch die öster­rei­chi­sche Armee besetzt und schließ­lich annek­tiert wurde. Folgt man den großen Aus­fall­straßen weiter Rich­tung Westen, so begegnet einem der Bru­ta­lismus der jugo­sla­wi­schen Moderne neben den ver­glasten Hoch­häu­sern des frühen 21. Jahr­hun­derts. Ein wei­teres unüber­seh­bares ‚archi­tek­to­ni­sches‘ Merkmal sind zahl­reiche Löcher, überall in der Stadt. Löcher in den Straßen oder an Haus­wänden, teil­weise pro­vi­so­risch auf­ge­füllt oder, zur Mah­nung, mit roter Farbe aus­ge­malt. Ein­zelne Löcher, gestreute oder lini­en­förmig ange­ord­nete Löcher. Kleine wie große: Die nach außen wohl sicht­barsten Spuren der Bela­ge­rung von Sara­jevo bzw. des Bos­ni­en­krieges, der in Bos­nien von 1992 bis 1996 dau­erte. Bei­nahe wäh­rend der gesamten Kriegs­dauer stand die im Tal­kessel lie­gende Stadt unter Bela­ge­rung durch die ser­bisch-natio­na­lis­ti­sche Armee; in der Stadt waren damals ver­mut­lich bis zu 400.000 Zivilist*innen ein­ge­schlossen. Der Krieg for­derte in Bos­nien min­des­tens 100.000 Opfer, davon allein an die 11.000 in Sara­jevo. Ergebnis des Kriegs ist die bis heute wäh­rende Tei­lung des Landes in zwei eth­nisch-reli­giös geprägte staat­liche Enti­täten, deren Grenze auch durch das grö­ßere Stadt­ge­biet Sara­jevos ver­läuft; eine Stadt der Grenzen und Grenz­erfah­rungen. Aber auch die Grün­dung des Sara­jevo Film Fes­ti­vals war ein Ergebnis des Kriegs.

 

Mit roter Farbe aus­ge­fülltes Ein­schlags­loch einer Gra­nate, genannt „Sara­je­voer Rose“, © Albrecht Dreißig

 

Liest man Zeit­zeu­gen­be­richte aus der Zeit der Bela­ge­rung (eine emp­feh­lens­werte Lek­türe in dem Zusam­men­hang ist Ivana Mačeks Sara­jevo under Siege. Anthro­po­logy in War­time), so wird deut­lich, dass sich nach der abrupten Zer­stö­rung der bekannten – auch seman­ti­schen – Ord­nung und der nach­fol­genden Phase per­ma­nenter Unsi­cher­heit und Todes­angst eine neue, eigen­tüm­liche Art von Kriegs­nor­ma­lität ent­wi­ckelte, die auch den Drang nach Abwechs­lung und kul­tu­rellem Aus­druck als Wider­stands­hand­lung her­vor­brachte. Elma Tata­ragić, heute Chefin des Spiel­film­wett­be­werbs und Mit­be­grün­derin des Sara­jevo Film Fes­ti­vals, schrieb über diese Zeit: „In war we have rea­lized that in order to sur­vive food and water are not enough.” Eine Aus­sage, die einem sinn­gemäß immer wieder begegnet im Zusam­men­hang mit der Grün­dung des Fes­ti­vals. Die Reduk­tion des Lebens auf das, was allein zum phy­si­schen Über­leben not­wendig ist, kann nur für eine sehr begrenzte Zeit ertragen werden. Auch heute machen viele Men­schen diese Erfah­rung – wenn­gleich die aktu­elle Pan­demie mit den Schre­cken des Bos­ni­en­krieges kaum zu ver­glei­chen ist. Aus­gangs­punkt für das spä­tere Fes­tival waren Film­vor­füh­rungen und Kino­wo­chen im bela­gerten Sara­jevo. Die Initia­tive ging dabei vom 1984 gegrün­deten Obala Art Centar aus, einem Zen­trum und Zusam­men­schluss von Krea­tiven. 1993 wurde im Rahmen dieses Zen­trums das „Kriegs­kino Apollo“ (bos­nisch „Ratno Kino Apollo“) gegründet, in dem Filme aus aller Welt gezeigt wurden. Apollo war damals das ein­zige funk­tio­nie­rende Kino in der Stadt. Seine Vor­stel­lungen schufen für ein paar Stunden ein Gefühl von Vor­kriegs­nor­ma­lität. Die Vor­füh­rungen mussten dabei unter denkbar wid­rigen Bedin­gungen statt­ge­funden haben, da Energie in Sara­jevo nur spär­lich zur Ver­fü­gung stand. Ein erstes kleines Film­fes­tival wurde im Jahr 1993 von Regis­seur Haris Pasović orga­ni­siert. Dieses blieb jedoch ein­malig. Im Kriegs­kino Apollo wurden neben den regel­mä­ßigen Vor­füh­rungen auch Retro­spek­tiven inter­na­tio­naler Film­fes­ti­vals gezeigt, so z.B. des Locarno Film­fes­tival 1994. Das Team von Obala und das Team des Kriegs­kinos standen in Kon­takt mit dem Locarno Film­fes­tival. Zusammen mit dessen dama­ligem Direktor Marco Müller ent­stand im Winter 1994/95 das Pro­jekt eines eigenen jähr­li­chen Film­fes­ti­vals in Sara­jevo. Die erste Aus­gabe des Fes­ti­vals war für Sommer 1995 geplant. Ein Team aus zehn jungen Kunst­schaf­fenden, von denen heute alle noch mit dem Sara­jevo Film Fes­tival ver­bunden sind, arbei­tete an seiner Rea­li­sie­rung, allen voran Fes­ti­val­di­rektor Mirsad Puri­vatra. Jahre später beschreibt er im Spiegel, wie Equip­ment und Film­rollen durch einen geheimen Tunnel, der die ein­ge­schlos­sene Stadt mit dem rest­li­chen durch die bos­ni­sche Regie­rung kon­trol­lierten Gebiet ver­band, in die Stadt geschmug­gelt wurden. Obwohl die Organisator_innen planten, das Fes­tival trotz der Wid­rig­keiten des Kriegs statt­finden zu lassen, musste es um einige Monate ver­schoben werden, da im Sommer 1995 die Situa­tion eska­lierte: Der Völ­ker­mord in Sre­bre­nica fand in dieser Zeit statt. Am 27. Oktober 1995 eröff­nete schließ­lich das erste Sara­jevo Film Fes­tival. 37 Filme aus 15 Län­dern wurden gezeigt, teil­weise von VHS-Kas­setten, und trotz Lebens­ge­fahr gab es zahl­reiche inter­na­tio­nale Gäste.

 

Seither hat sich das Erschei­nungs­bild des Fes­ti­vals stark gewan­delt: Der Fes­ti­val­be­such ist nicht mehr mit direkter Lebens­ge­fahr ver­bunden, Filme müssen nicht mehr von Video­kas­setten abge­spielt werden und Energie nicht mehr über den Strom­ge­ne­rator erzeugt werden. Doch die Anfänge im Krieg haben die Iden­tität des Fes­ti­vals geprägt. Seit 2004 wird die von Agnès B. designte Tro­phäe „Heart of Sara­jevo“ ver­geben, die sich an ein inof­fi­zi­elles Logo des Fes­ti­vals aus den 1990er Jahren anlehnt. Und auch der Drang, trotz aller Wid­rig­keiten das Leben zu zele­brieren und sich nicht unter­kriegen zu lassen, gehört zum Selbst­ver­ständnis der Festivalmacher_innen. Und so brauchte es, laut Spiel­film­wett­be­werbs­chefin Tata­ragić, nicht lang, um zu ent­scheiden, dass man auch dieses Jahr das Fes­tival statt­finden lasse.

 

Man wisse um die Ver­ant­wor­tung, so Fes­ti­val­di­rektor Puri­vatra. Corona erfor­dere beson­dere Maß­nahmen im all­täg­li­chen Leben. Auch die 26. Aus­gabe des Sara­jevo Film Fes­tival könne hier keine Aus­nahme machen. Die wohl sicht­barste Ver­än­de­rung wird das Fehlen des Roten Tep­pichs sein. Was nor­ma­ler­weise der per­fekte Ort ist, um inter­na­tio­nale Pro­mi­nenz vor die eigene Kamera zu bekommen, ist in Coro­na­zeiten leider auch der per­fekte Ort für Anste­ckungen. Partys und Begleit­ver­an­stal­tungen sind eben­falls nicht vor­ge­sehen. Viele Film­vor­füh­rungen werden in Frei­luft­kinos ver­legt und für jene in geschlos­senen Räumen herr­schen Mas­ken­pflicht und Besucher_innenbegrenzung auf 50 Per­sonen. Zur Ver­mei­dung von Men­schen­an­samm­lungen an Ver­kaufs­stellen werden die Tickets dieses Jahr aus­schließ­lich online ver­kauft. Dar­über hinaus werden auch die par­allel statt­fin­denden Work­shops und Foren für Film­schaf­fende ins Netz verlegt.

 

Kino­saal mit Mar­kie­rungen für die zuge­las­senen Sitz­plätze, © Sara­jevo Film Festival

 

Der Besuch des Fes­ti­vals – ins­be­son­dere aus Deutsch­land – ist zwar erschwert, aber nicht unmög­lich. Bos­nien und Her­ze­go­wina hatte zum 1. Juni seine Grenzen zu den Nach­bar­län­dern wieder geöffnet und Ein­rei­sende aus dem Schengen-Raum müssen nicht in Qua­ran­täne, wenn sie einen nega­tiven Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist, bei der Ein­reise vor­zeigen können.

 

Trotz Ein­schrän­kungen hat das dies­jäh­rige Fes­tival vieles zu bieten. Das Pro­gramm wurde zwar noch nicht kom­plett ver­öf­fent­licht, aber es steht schon fest, dass in den Kate­go­rien Spiel‑, Dokumentar‑, Kurz- und Stu­den­ten­film ins­ge­samt 49 Pro­duk­tionen um die „Heart of Sarajevo“-Trophäen kon­kur­rieren werden. Unter den Filmen werden 29 Welt­pre­mieren, sechs inter­na­tio­nale sowie zwei euro­päi­sche Pre­mieren sein. Eröffnet wird das Fes­tival mit dem Film „Focus, Grandma“, der Geschichte einer zer­strit­tenen und über das ganze ehe­ma­lige Jugo­sla­wien zer­streuten Familie, die im Früh­jahr 1992 zum Ster­be­bett der Groß­mutter nach Sara­jevo kommt und über Fami­li­en­zwis­tig­keiten die nahende Kata­strophe über­sieht. Der Film ent­stand unter der Regie des bos­ni­schen Regis­seurs Pjer Žalica, der nun schon zum dritten Mal das Film­fes­tival eröffnen wird. Daneben wird mit Michel Hazana­vicius („The Artist“) ein inter­na­tional bekannter und aus­ge­zeich­neter fran­zö­si­scher Regis­seur mit litaui­schen Wur­zeln der Jury für den Spiel­film­wett­be­werb vorstehen.

 

Einmal mehr ist das Sara­jevo Film Fes­tival mit einer fun­da­men­talen Krise der Kultur kon­fron­tiert. Wäh­rend im bela­gerten Sara­jevo der 1990er Jahre der Tod men­schen­ge­macht war, ist es diesmal ein unsicht­bares Virus, wel­ches das Leben lähmt. Doch den Organisator_innen des Fes­ti­vals ist mehr als bekannt, wie wichtig Kultur ist, um die Krise zu über­stehen. Das Sara­jevo Film Fes­tival kann dabei nicht nur helfen, die mora­li­schen Kräfte zum Über­stehen der Pan­demie zu sam­meln, son­dern auch das tat­säch­liche Über­leben einer viel­fäl­tigen Film­land­schaft zu unter­stützen. Ob es ratsam ist, sich in diesen Zeiten auf die Reise zum Fes­tival nach Sara­jevo zu machen, muss jede_r für sich selbst ent­scheiden. Ein Tipp für Kurz­ent­schlos­sene und Uner­schro­ckene ist es allemal. In den Worten von Direktor Mirsad Puri­vatra: „Unsere Mis­sion bleibt die gleiche, seitdem unser Fes­tival in einer bela­gerten Stadt gegründet wurde – das Leben, die Mensch­lich­keit und die Künste zu zelebrieren.“