Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Berlin ist eine meiner intimen Städte.“

Inter­view mit dem ukrai­ni­schen Schrift­steller Jurij Andruchovyč

Im Som­mer­se­mester 2014 war Jurij Andruchovyč Sieg­fried-Unseld-Gast­pro­fessor an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin. Das Seminar „Erfun­dene Dichter“ und eine anschlie­ßende Exkur­sion nach Gali­zien und in die Buko­vina, auf wel­cher die Stu­die­renden am Lyrik­fes­tival “Meri­dian Czer­no­witz” teil­nahmen (siehe: nachgegangen), machten diese Gast­pro­fessur zu einem beson­ders inten­siven Ereignis. novinki nimmt dies zum Anlass für ein zweites Inter­view mit Jurij Andruchovyč, der novinki bereits 2006 einmal Rede und Ant­wort gestanden hat.

 

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novinki: Herr Andruchovyč, Sie haben sich schon oft­mals in Deutsch­land auf­ge­halten. Was bedeutet Deutsch­land für Sie?

 

Jurij Andruchovyč: Das ist natür­lich nicht so ein­fach zu sagen. Ich ver­binde Deutsch­land vor allem mit der deut­schen Sprache, die schon seit meiner Kind­heit sehr wichtig für mich war. Ich habe Deutsch bereits in der Schule gelernt, aber so richtig anwenden konnte ich es erst im Jahr 1992, als ich das erste Mal nach Deutsch­land reiste. Damals war ich in der Ukraine bereits als Dichter, aber auch als Schrift­steller bekannt, da ich kurz zuvor meinen ersten Roman ver­öf­fent­licht hatte. In Deutsch­land habe ich meinen zweiten Roman Mos­ko­wiada geschrieben. Seitdem ist Deutsch­land für mich ein Land gewesen, das für mich einige Türen geöffnet hat.

 

n: Welche Orte ver­binden Sie vor allem mit Deutsch­land?

 

A.J.: In Berlin habe ich mich drei Mal länger auf­ge­halten: Im Jahr 2005/06, als ich hier mit dem Ber­liner Künst­ler­pro­gramm war, 2008/09 im Rahmen des Fel­low­ships im Wis­sen­schafts­kolleg zu Berlin, und in diesem Jahr, 2014, als ich als Gast­pro­fessor an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin tätig war. Nach diesen Auf­ent­halten kann ich sagen, dass Berlin zu meiner Stadt in Deutsch­land und all­ge­mein zu einer meiner intimen Städte geworden ist. Der Begriff „intime Stadt“ hat dabei eine beson­dere Bedeu­tung für mich, in meinem jüngsten Buch Lexikon der intimen Städte (Lek­sykon intymnyh mist) habe ich 111 Texte zu 111 Städten in alpha­be­ti­scher Rei­hen­folge auf­ge­listet, die ich besucht habe und die mich beein­flusst haben. Unter anderem schreibe ich dort auch über Berlin.
Weniger kann ich über Deutsch­land im Ganzen sagen. In meinem Kopf trenne ich irgendwie Deutsch­land von Berlin, da Berlin für mich „ganz“ ist, wäh­rend andere Orte nur „Epi­soden“ sind. Sicher­lich hängt das damit zusammen, dass ich in Berlin gelebt, andere Orte aber nur kurz besucht habe. In Düs­sel­dorf etwa hatte ich ein Thea­ter­pro­jekt, in Ham­burg ein paar Lesungen, in Leipzig habe ich einen Lite­ra­tur­preis bekommen. All diese Städte haben auch irgendwie ihre Zei­chen, die für meine Bio­gra­phie wichtig sind, aber wirk­lich, fast wie zu Hause, fühle ich mich nur in Berlin.

 

n: Haben Sie zu Deutsch­land auch auf­grund ihrer Ver­bin­dung zum Suhr­kamp Verlag ein beson­deres Ver­hältnis?

 

A.J.: Ganz bestimmt. Schon seit 2002 arbeite ich mit dem Suhr­kamp Verlag zusammen. Als Autor bin ich dar­über sehr glück­lich, da Suhr­kamp ein Verlag ist, der für mich die Tür zur Welt eröffnet hat.

 

n: Wie kam es zu dieser Zusam­men­ar­beit?

 

A.J.: Ich hatte im Jahr 1999 in der Lite­ra­tur­werk­statt in Berlin eine gemein­same Lesung mit einem Freund, dem pol­ni­schen Schrift­steller Andrzej Sta­siuk. Dort habe ich die Ver­lags­lek­torin, Katha­rina Raabe, ken­nen­ge­lernt. Drei Jahre später hat der Verlag meine Essays ange­nommen, sogar noch ohne sie zu kennen, da das vorher auf Pol­nisch erschie­nene Buch ein großer Erfolg gewesen war. Bei Suhr­kamp erschien das Buch Mein Europa dann 2003 auf Deutsch.

 

n: Sehen Sie es als Ihre Ver­ant­wor­tung, einen Weg für junge ukrai­ni­sche Autoren zu schaffen?

 

A.J.: Ver­ant­wor­tung ist das fal­sche Wort, ich würde es eher als Ver­gnügen bezeichnen. Ich bin davon über­zeugt, dass wir heut­zu­tage in der Ukraine eine sehr gute Lite­ratur haben, die zum großen Teil immer noch unge­recht­fer­tigter Weise unbe­kannt bleibt. Dafür gibt es auch rein tech­ni­sche Gründe, wie zum Bei­spiel, dass es zu wenige Men­schen gibt, die ukrai­ni­sche Texte über­setzen können. Des­wegen kon­zen­trieren sich die schon seit Jahren tra­di­tio­nell guten Über­setzer auf die glei­chen Autoren, die immer neue Werke ver­öf­fent­li­chen. Ich würde sagen, dass somit eine Unge­rech­tig­keit für viele andere Autoren herrscht, die doch auch die Chance ver­dient hätten. Aber ja, ich bemühe mich, den Kreis von ukrai­ni­schen Autoren, die in deutsch­spra­chigen Län­dern gelesen werden, zu ver­grö­ßern.

 

n: Gibt es in letzter Zeit solche lite­ra­ri­schen Ent­de­ckungen aus der Ukraine, die in Deutsch­land noch nicht ver­treten sind und für die Sie sich stark machen würden?

 

A.J.: Ja, natür­lich. Aller­dings muss ich sagen, dass es immer solche Autoren gibt und nicht nur aus der Ukraine. Ich habe bei Suhr­kamp mehr­mals einige Kan­di­daten vor­ge­schlagen, aber diese Emp­feh­lungen sind nicht immer positiv auf­ge­nommen worden. Nur weil ich jemanden emp­fehle, bedeutet das nicht auto­ma­tisch, dass die Person genommen wird. Der Verlag berück­sich­tigt eine Viel­zahl von Mei­nungen und Kri­te­rien. Natür­lich bemühe ich mich darum, in Deutsch­land Wer­bung für junge Autoren zu machen, aber ich ver­stehe auch, dass die Ent­schei­dungen des Ver­lages an Geld und Renommee geknüpft sind. Die Autoren, die ich emp­fehle, befinde ich natür­lich für sehr gut.
Außerdem muss ich sagen, dass es für junge Autoren nicht immer Suhr­kamp sein muss. In der letzten Zeit sind auch ein paar andere Ver­lage in Erschei­nung getreten, die viel­leicht nicht so pro­mi­nent wie Suhr­kamp sind, sich aber glück­li­cher­weise eben­falls für junge Autoren inter­es­sieren.

 

n: Lassen Sie uns doch kon­kreter werden – wel­cher Künstler oder welche Künst­lerin hat Sie zum Bei­spiel auf dem Majdan über­zeugt?

 

A.J.: Ich finde Evge­nija Belo­rusec mit ihrem Bil­der­bei­trag, mit den Fotos und ihrem kurzen Essay sehr inter­es­sant.

 

n: Haben Sie in der ukrai­ni­schen Lite­ratur seit den Gescheh­nissen auf dem Majdan Ver­än­de­rungen beob­achtet?

 

A.J.: Die Lite­ra­tur­kri­tiker haben jetzt plötz­lich ent­deckt, wie viele Kriegs­mo­tive in der jüngsten ukrai­ni­schen Lyrik vor­handen sind. Also Motive mit Gewalt, Blut und Tod, aber das ist schon fast uni­versal. Doch auch ganz kon­krete Kriegs­bilder tau­chen auf: mit ver­letzten Sol­daten, mit Gefal­lenen. Die Leute, die das bemerken, haben tiefer geforscht und her­aus­ge­funden, dass diese Motivik schon seit einiger Zeit stark prä­sent war. Und das alles bei Autoren, die im Alter zwi­schen zwanzig und dreißig sind. Man spricht jetzt von phä­no­me­nalen Vor­ah­nungen, weil die Gedichte von 2006 oder 2007 sind, und es damals ja kei­nerlei Hin­weise auf einen Krieg gab.
Ich per­sön­lich finde das nicht so mys­tisch oder geheim­nis­voll, da schon alleine das Wort „Krieg“ ziem­lich stark ist; es ist ein Wort, zu dem sich Lite­ratur ein­fach hin­ge­zogen fühlt. Die The­matik des Krieges kann meiner Mei­nung nach schnell zu einer Mode in der Lyrik werden, ohne dass sie dabei das „nor­male“ Leben abbildet.

 

n: Sie gelten als Autor mit einem Sinn fürs Iro­ni­sche. Wie schwer fiel es Ihnen, zu einem emo­tional auf­ge­la­denen Thema wie Majdan über­haupt noch Distanz auf­zu­bauen – oder haben Sie es gar nicht ver­sucht? So zum Bei­spiel war der letzte Satz Ihres Bei­trags in der Antho­logie Euro­maidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht förm­lich mit Pathos auf­ge­laden.

 

A.J.: Diese ganze Zeit war voller Pathos. Zusammen mit einem engen Kreis von Teil­neh­mern auf dem Majdan haben wir bis zu einem bestimmten Moment ver­sucht, uns mit Ironie und Humor zu schützen. Bis zu einem bestimmten Zeit­punkt funk­tio­nierte das auch, etwa auf dem Oran­genen Majdan im Jahr 2004, bei dem es keine Gewalt gab, obwohl die Angst immer da war und die Befürch­tung, dass es zu Gewalt­tä­tig­keiten kommt. Ironie war damals ein Schutz­mittel, um nicht zu pathe­tisch über das Momentum zu spre­chen. Diesmal war es ein anderer Fall: Viele von uns erlebten exis­ten­zi­elle Tiefen, nicht zuletzt auch Tra­gö­dien mit dem Tod. Vor dem Hin­ter­grund dieser Erfah­rungen waren Humor und Ironie viel weniger akzen­tu­iert – zumin­dest in meinem Schreiben.
Wahr­schein­lich spielt dabei auch die zeit­liche Per­spek­tive eine wich­tige Rolle. Den Text für die Antho­logie habe ich wenige Wochen nach den Ereig­nissen geschrieben, als ich noch nichts reflek­tiert hatte und keine Distanz zu der Situa­tion hatte. Ich finde, dass Pathos bis heute seine Berech­ti­gung in der Lite­ratur hat, auch wenn er natür­lich auch einen gewissen Unterton hat. Jemand hat mal gesagt, dass Ironie sich darum bemüht, das zu rekon­stru­ieren, was schon vom Pathos zer­stört wurde.

 

n: Wie haben Sie per­sön­lich von Deutsch­land aus die Krise wahr­ge­nommen?

 

A.J.: Ich kann nicht sagen, dass ich jeden Tag in die Ukraine wollte. Ich habe meine Zeit hier so wahr­ge­nommen, dass ich eine gewisse Auf­gabe hatte. Davor hatte ich doch auch schon eine bewusste Ent­schei­dung getroffen, die Stelle als Gast­pro­fessor an der Hum­boldt-Uni­ver­sität anzu­nehmen. Ich sah es als eine Mög­lich­keit, öffent­lich über die Situa­tion in der Ukraine zu spre­chen. Ich konnte hier ständig im Kon­text der deut­schen öffent­li­chen Mei­nung sein und somit besser spüren, wie meine Aus­sagen inter­pre­tiert werden.
Außerdem war ich zwi­schen­durch dreimal in der Ukraine und habe an den Pro­jekten weiter gear­beitet, die ich dort vorher ange­fangen hatte. Das Ziel war es, alle Auf­tritte und Kul­tur­pro­jekte, die wir noch vor dem Krieg, zum Teil vor dem Majdan ange­kün­digt hatten, auch zu ver­wirk­li­chen. Wir wollten nichts auf­geben, um ein Zei­chen dafür zu setzen, dass wir dazu fähig sind, neben dem Krieg zu leben. Auch wenn uns das viel Kraft nimmt, wollen wir gleich­zeitig zeigen, dass unsere Welt viel größer als der Krieg ist.

 

n: An wel­chen Pro­jekten arbeiten Sie der­zeit?

 

A.J.: Ich arbeite der­zeit an dem Pro­jekt „Erfun­dene Dichter“. Es war ein Seminar, das ich an der Hum­boldt-Uni­ver­sität ange­boten habe. In diesem Seminar ging es um das Erfinden neuer Dich­te­rinnen und Dichter, also um eine lite­ra­ri­sche Mys­ti­fi­ka­tion von Dich­ter­bio­gra­phien und Texten. Mein Ziel ist es jetzt, gemeinsam mit den Stu­die­renden eine Antho­logie mit den im Seminar ent­stan­denen Texten her­aus­zu­bringen. Der­zeit bin ich auf der Suche nach einem Ver­leger. Es soll eine mehr­spra­chige Lyrikan­tho­logie mit sehr unter­schied­li­chen Autoren und Bei­trägen werden.
Außerdem betei­lige ich mich an einem Foto­kunst-Pro­jekt. Ich ver­fasse Texte, Minia­turen zu einem Foto­band der Ber­liner Foto­grafin Johanna Diehl, der im Früh­jahr erscheinen soll. Das Buch beinhaltet mehr als 100 Auf­nahmen von Räumen ehe­ma­liger Syn­agogen in der Ukraine. Die Haupt­idee ist, zu zeigen, dass die Räume, die früher einmal Syn­agogen waren, heute einem anderen Zweck, zum Bei­spiel als Laden, Woh­nungen oder Sport­halle dienen.

 

n: Herr Andruchovyč, wir danken für das Gespräch.

 

Das Gespräch führten Susanne Frank, Helena Nagelmaa und Jan Lin­denau.

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