Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der Autor als Leser

Inter­view mit Vla­dimir Sorokin anläss­lich seines Semi­nars an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin

Vla­dimir Sorokin ist einer der bekann­testen und wich­tigsten Autoren der rus­si­schen Gegen­warts­li­te­ratur. novinki hat bereits einige Texte über ihn publi­ziert: zuletzt ein von der Zür­cher Redak­tion mit ihm geführtes Gespräch über Schnee aus Anlass seiner Erzäh­lung Metel’ (Der Schnee­sturm) und eine Rezen­sion seines im letzten Jahr auch auf Deutsch erschie­nenen Romans Tel­luria. Im Win­ter­se­mester 2015/16 hat Vla­dimir Sorokin ein Seminar zum Thema Der Autor als Leser an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin gegeben. Aus diesem Anlass hat novinki sich mit ihm über das Seminar und seine Text­aus­wahl unter­halten, dar­über, wie sich ein Schrift­steller als Uni­do­zent fühlt, über seine Arbeit als Autor und ver­schie­dene Aspekte seines Werks, die wäh­rend des Semi­nars beson­ders deut­lich wurden.

 

Sorokin Seminar Interview1

Foto: Susanne Frank.

„Gna­den­lose Texte“

 

novinki: Herr Sorokin, für das Seminar haben Sie Texte unter­schied­li­cher Autoren, Epo­chen und Genres zusam­men­ge­stellt, dar­unter “Skvernyj anekdot” (“Eine gars­tige Anek­dote”) von Fedor Dos­to­evskij, “Starucha” (“Die Alte”) von Daniil Charms und “Les Bien­veil­lantes” (“Die Wohl­ge­sinnten”) von Jona­than Lit­tell. Was ver­bindet all diese Texte?

 

Vla­dimir Sorokin: Es sind alles Texte, die den Kon­flikt zwi­schen dem Men­schen und dem Staat the­ma­ti­sieren. In Dos­to­evs­kijs Eine gars­tige Anek­dote etwa treffen ein Mensch des Staats­ap­pa­rats und gewöhn­liche Bürger auf­ein­ander. Oder nehmen wir die Erzäh­lung V tolpe (In der Menge) von Fedor Sologub, die wir eben­falls im Seminar bespro­chen haben: Das Fest, bei dem es zur Tra­gödie kommt, wurde von Seiten des Staates ver­an­staltet. Man könnte es auch so aus­drü­cken: In all den Texten kommt es zum Kon­flikt zwi­schen dem mensch­li­chen Körper und der staat­li­chen Maschi­nerie. Es geht um die Gewalt und den Schmerz, die ent­stehen, wenn diese beiden auf­ein­an­der­treffen. Wichtig ist, dass es sich in den Texten um einen tota­li­tären Staat han­delt.

 

n.: Die Gemein­sam­keit der Semi­nar­texte exis­tiert aber sicher­lich nicht nur auf der inhalt­li­chen Ebene, oder?

 

V.S.: Genau, es sind Texte, die eine gewisse Grau­sam­keit ent­halten, Texte, die ihr Thema mit gna­den­loser Kon­se­quenz behan­deln und den Leser dadurch scho­ckieren.

 

n.: Inwie­fern haben diese Texte Ihr Schreiben beein­flusst?

 

V.S.: Die Wir­kung von fremden Texten auf den eigenen ist gewaltig und ich bin nicht der Erste, der das fest­stellt. Aber es ist unmög­lich zu sagen, wie dieser Pro­zess genau abläuft. Denn alle Texte zusammen sind wie eine dunkle Materie, die wir nicht sehen können, die uns aber umgibt und auf uns ein­wirkt. Jeder Schrift­steller ist umgeben von einer Viel­zahl von Texten, von denen er viel­leicht zehn Pro­zent bewusst wahr­nimmt. Doch auch die anderen 90 Pro­zent wirken auf sein Schaffen ein.

 

n.: Sie haben nur einen eigenen Text, näm­lich “Tel­luria”, für das Seminar aus­ge­wählt, und wäh­rend des Semi­nars haben Sie gesagt, dass Sie Ihre eigenen Werke nicht gerne inter­pre­tieren. Warum nicht?

 

V.S.: Weil Krea­ti­vität und Ana­lyse zwei ver­schie­dene Dinge sind. Warum soll ich mich mit meinen eigenen Werken beschäf­tigen? Ers­tens sehe ich nicht beson­ders viel in diesen Texten, weil sie ja ein Teil von mir sind. Zwei­tens würde es mir nicht gelingen, meine eigenen Werke aus der Sicht eines Lesers zu betrachten. Und solange ich das nicht kann, kann ich sie nicht ana­ly­sieren.

 

Die Ver­wand­lung eines „schrei­benden Kör­pers“ in einen „inter­pre­tie­renden Körper”

 

n.: Ist es Ihnen schwer gefallen, in die Rolle des Dozenten zu schlüpfen?

 

V.S.: Ich hatte ja schon etwas Erfah­rung im Unter­richten. Ich war ein Semester lang Dozent an der Freien Uni­ver­sität hier in Berlin, außerdem für zwei Jahre in Tokio und einige Monate an der Stan­ford Uni­ver­sity in Kali­for­nien. Trotzdem sind solche Semi­nare für mich nach wie vor eine geheim­nis­volle Sache, denn ich bin ein schrei­bender Körper und im Seminar muss ich in eine für mich neue Rolle schlüpfen: in die eines inter­pre­tie­renden Kör­pers. Es ist inter­es­sant her­aus­zu­finden, inwie­weit das für die Stu­denten nütz­lich ist. Die hohe Teil­neh­mer­zahl hat gezeigt, dass es das wohl war.

 

n.: Sie haben wäh­rend der Semi­nare oft Men­schen, Tiere und Gegen­stände aus den ein­zelnen Texten an die Tafel gezeichnet. Was war die Idee hinter den Tafel­bil­dern?

 

V.S.: Wir leben in einem Zeit­alter der totalen Visua­li­sie­rung und ich habe ver­sucht, meine Ideen so anschau­lich wie mög­lich dar­zu­stellen. Was ich gezeichnet habe, sind eine Art Pik­to­gramme. Wäre ich ein Aka­de­miker, hätte ich vorne gestanden und zwei Stunden lang mit mono­toner Stimme gespro­chen. Aber ich bin eben Künstler.

 

Sorokin Seminar Shalamov

 

„Die Stu­denten sind für mich wie ein Spiegel.“

 

n.: Was hat das Seminar Ihnen als Autor gegeben?

 

V.S.: Viel. Ich kann nicht erklären warum, aber aus­ge­rechnet wäh­rend ich dieses Seminar ver­an­stal­tete, habe ich ange­fangen, an einem neuen Buch zu schreiben. Ein sol­ches Seminar ist für mich wie eine dop­pelte Refle­xion: Die Stu­denten sind wie ein Spiegel, in dem ich jede Menge Neues ent­decke. Das voll­stän­dige Begreifen und Ein­ordnen dieses Pro­jekts wird aber natür­lich erst noch kommen.

 

n.: Haben Sie eine Distanz zwi­schen sich und den Stu­denten gespürt?

 

V.S.: Wir saßen ja glück­li­cher­weise recht nah bei­ein­ander, und obwohl so viele Stu­denten im Raum waren und ich des­halb nicht von jedem das Gesicht sehen konnte, habe ich sie gespürt. Es gab keine Distanz. Ich habe mich selbst als Mode­rator des gemein­samen Dia­logs ver­standen. Das Ein­zige, was ich bedauere, ist, dass ich viel­leicht zu wenig Akti­vität ein­ge­for­dert habe. Ande­rer­seits: Wenn ein Stu­dent schweigt, heißt das ja nicht, dass es ihn nicht gibt und dass er nicht mit­denkt. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

 

n.: Es ist nun fast 20 Jahre her, dass Sie zum ersten Mal unter­richtet haben. Haben sich die Stu­denten seitdem ver­än­dert?

 

V.S.: Früher gab es mehr Kol­lek­ti­vismus, so etwas wie eine stu­den­ti­sche Masse. Heute besteht diese Masse aus vielen ver­schie­denen Per­sön­lich­keiten. Das ist aber natür­lich mein sub­jek­tives Emp­finden. Früher gab es gemein­same Lehr­bü­cher, heute hat jeder sein per­sön­li­ches iPhone.

 

„Schreiben ist ein psy­cho­so­ma­ti­scher Pro­zess.“

 

n.: Das Ver­ständnis des Autors als Leser ist vor allem für die Post­mo­derne essen­tiell. Wie ver­än­dert sich das Ver­hältnis des Autors zur Lite­ratur im Laufe seines Schaf­fens?

 

V.S.: Der Autor altert trotz allem und es setzten gewisse unab­wend­bare Pro­zesse ein, die sich auch auf die Bezie­hung zur Lite­ratur aus­wirken. Alles, was pas­siert, zeigt Aus­wir­kungen. Nehmen Sie zum Bei­spiel Ernest Hemingway: Er kam in die Psych­ia­trie und wurde mit Elek­tro­schock­the­ra­pien behan­delt. Dadurch vergaß er viele Wörter. Er lernte zwar wieder zu schreiben, aber er war ein anderer Mensch.

 

n.: Einige Künstler geben zu, dass ihr Schaffen für sie eine Art the­ra­peu­ti­sche Funk­tion erfüllt. Ist das bei Ihnen auch so?

 

V.S.: Ja, das Schreiben ist für mich ein sehr phy­sio­lo­gi­scher Pro­zess. Ich schreibe nicht spe­ku­lativ, son­dern werde gewis­ser­maßen zu den Per­sonen, über die ich schreibe. Das Schreiben ist des­halb ein psy­cho­so­ma­ti­scher Pro­zess. Ich erin­nere mich an eine Situa­tion 1980 in Moskau, als ich in der Metro auf dem Weg zur Arbeit war. Ich schrieb damals gerade an einer Erzäh­lung, die später in den Roman Norma ein­ge­flossen ist. Die Erzäh­lung war schon so gut wie abge­schlossen, es fehlte nur noch ein pas­sendes Ende, aber ich fand ein­fach nicht die rich­tigen Worte. Das Pro­blem ist, dass man als Schrift­steller in sol­chen Momenten an nichts anderes denken kann und ständig die Antennen aus­ge­fahren hat auf der Suche nach Inspi­ra­tion. Als ich dann an einer Metro­sta­tion umge­stiegen bin, habe ich einen inter­es­santen Men­schen ent­deckt, der vor mir weg­lief. Ich bin ihm hin­terher und dabei ver­se­hent­lich auf die Roll­treppe gestiegen, die mir ent­gegen kam. (lacht) Men­schen, die einem nahe stehen, merken, dass man oft phy­sisch da ist, aber psy­chisch woan­ders. Es ist nicht leicht, mit Schrift­stel­lern zu leben.

 

n.: In der letzten Semi­nar­sit­zung haben Sie gesagt, dass der Text die Ver­län­ge­rung des Kör­pers ist. Was meinen Sie damit?

 

V.S.: Es wurden schon viele wis­sen­schaft­liche Arbeiten dar­über geschrieben, dass sich die Psy­cho­so­matik des Autors auf den Text aus­breitet, unter anderem von Sig­mund Freud. Es ist eigent­lich offen­sicht­lich: Der Text ist etwas Phy­sio­lo­gi­sches, er fließt gewis­ser­maßen aus dem Körper heraus, so wie Spei­chel. Doch sobald die Spucke den Körper ver­lassen hat, ist sie nicht mehr Teil von ihm. Viele Schrift­steller ent­wi­ckeln des­halb regel­recht eine Para­noia, wenn ihr Werk in den Druck geht, bis zum letzten Augen­blick ändern sie irgend­etwas. Ich kenne das auch, das ist wie eine Krank­heit.

 

n.: In vielen Ihrer Werke lassen sich Wie­der­ho­lungen aus frü­heren Werken beob­achten, also auto­tex­tu­elle Ele­mente wie zum Bei­spiel Kan­ni­ba­lismus, detail­liert beschrie­bene Sexu­al­akte und Gewalt­szenen. Ist das ein bewusstes selbst­iro­ni­sches Ver­fahren, eine Art „Marke Sorokin“?

 

V.S.: Nein, ich bemühe mich ein­fach, mich mit meiner Lieb­lings­sache zu beschäf­tigen und das kommt dann eben dabei heraus. Das Wich­tigste ist, dem schrei­benden Men­schen in mir seine innere Frei­heit zu lassen, ich lasse ihn ein­fach leben und atmen. Ich werfe in meinen Werken Fragen auf, auf die ich die Ant­wort nicht kenne, aber spüre. Man kann sagen, dass Intui­tion das Haupt­ele­ment der Lite­ratur ist.

 

n.: Apropos Intui­tion: Haben Sie denn wäh­rend des Schrei­bens auch ein Gespür für das, was über das ein­zelne Buch hinaus geht, was Ihr lite­ra­ri­sches Werk als Ganzes betrifft? Bei­spiels­weise hatten wir das Gefühl, dass “Tel­luria” eine Art Summe Ihres bis­he­rigen Schaf­fens dar­stellt.

 

V.S.: Die Frage ist also, ob ich an meine gesam­melten Werke denke, wäh­rend ich ein Buch schreibe? Nein, das tue ich nicht. Ich denke dabei nur eines: etwas Neues zu schaffen, jedes Mal eine kleine Atom­bombe zu zünden. Und wenn ich merke, dass mir das gerade nicht gelingt, mache ich eine Pause.

 

„Der Leser in meinem Kopf ist ein Dro­gen­ab­hän­giger, der ein hoch­wer­tiges Pro­dukt von mir möchte.“

 

n.: Haben Sie eine feste Vor­stel­lung von Ihrem Leser? Für wen schreiben Sie?

 

V.S.: Ich habe einige Bilder eines idealen, klugen Lesers im Kopf, der weiß, was Lite­ratur ist. Wenn die Lite­ratur eine Droge ist, so ist der Leser in meinem Kopf ein Dro­gen­ab­hän­giger, der ein hoch­wer­tiges Pro­dukt von mir möchte. Und ich muss es ihm lie­fern, damit er einen starken Rausch hat. Dieser Leser ist also ein schöp­fe­ri­scher Leser, ich spüre ihn sehr stark.

 

n.: Da wären wir bei den Drogen… In “Tel­luria” geht es wie schon in vielen Ihrer Texte um Drogen. Was hat sich daran seit den frühen Werken bis heute ver­än­dert?

 

V.S.: Ich habe immer ver­sucht, die Grenzen der mensch­li­chen Dro­gen­ab­hän­gig­keit zu beschreiben. Die Welt ändert sich, auch das Lust­prinzip ändert sich. Ich habe da kürz­lich eine wit­zige Kari­katur gesehen: Ein Paar schläft mit­ein­ander. Sie schaut aufs iPhone, er aufs iPad. Das zeigt, dass sich mit der Welt auch die Welt unserer Reize, unserer Lust ver­än­dert, und dass Drogen auch gefähr­lich sind. Ich bin gegen die Kom­bi­na­tion von iPhone und Sex, das macht nicht glück­lich.

 

n.: Aber wenn man die Sujet­funk­tion der Drogen betrachtet, lenken sie nicht ab, son­dern helfen, das Leben zu ertragen, z.B. um in den Kreis einer Gemeinde zu gelangen. Das ist doch keine Kul­tur­kritik der Drogen?

 

V.S.: Bei mir gibt es oft Kol­lek­tiv­drogen. In Led (Das Eis) ist es das Eis, das den Men­schen hilft, sich anzu­nä­hern und end­lich dieses Glück der einen Familie, der Ver­schmel­zung zu emp­finden, das der Mensch auf natür­li­chem Weg nicht haben kann. Das hat natür­lich mit dem Sujet zu tun.

 

n.: Die Sujets sind ver­schieden: In “Das Eis” geht es um das Prinzip des Aus­er­wähl­tseins, in “Norma” um das Sowje­ti­sche…

 

V.S.: Im Grunde kann man Norma als typisch sowje­ti­sche Droge inter­pre­tieren, zu deren Sucht einen die Partei zwingt – obwohl sie nicht wirkt. Die Drogen in meinen Texten sind alle ver­schieden. Aber wir sind ja auch von ver­schie­denen Dingen abhängig. Durch unseren Orga­nismus laufen Infor­ma­ti­ons­ströme, auch das sind Drogen. Wenn ich zum Bei­spiel etwas auf Face­book sehe, das auf den ersten Blick sehr inter­es­sant scheint, ver­suche ich davon bewusst nichts mit­zu­be­kommen. Man braucht da eine gewisse Praxis der Dosie­rung von Infor­ma­tionen. Man muss einen Filter ein­bauen, sonst geht man darin unter.

 

„Ich liebe es, Meta­phern buch­stäb­lich im Leben zu rea­li­sieren.“

 

n.: Die Drogen in Ihren Romanen sind rea­li­sierte Meta­phern. Es fällt auch auf, dass Sie in Ihren lite­ra­ri­schen Texten Meta­phern oft ver­buch­stäb­li­chen. In Ihren Essays dagegen argu­men­tieren Sie gerne in Bil­dern. Warum?

 

V.S.: Ich liebe es, Meta­phern buch­stäb­lich im Leben zu rea­li­sieren. Ich erin­nere mich noch gut: Einmal habe ich in meiner Jugend einen Nach­bars­jungen gesehen. Er rannte heu­lend zu seiner Mutter. Sie fragte ihn, was pas­siert sei. Er ant­wor­tete: „Ich habe Onkel Sereža gefragt, warum die Tram nicht kommt. Und er hat gesagt, die Fliegen haben sie gefressen.“ Der Junge hat sich das bild­lich vorgestellt – ein schwarzer Flie­gen­schwarm frisst eine Tram. Ich benutze das oft: In Der Schnee­sturm gibt es die 50 Pfer­de­stärken. Dieses Bild hat mich lange ver­folgt. Du öff­nest die Motor­haube, und da sind dann statt eines Motors fünfzig kleine Pferde. Und der Nagel …

 

n.: … im Rus­si­schen gibt es Aus­drücke wie “gvozd‘ v golove” (“Nagel im Kopf”) oder “vbit‘ sebe čto-to v golovu” (sich etwas in den Kopf schlagen).

 

V.S.: Genau. Ein Gedanke hat sich in den Kopf „geschlagen“, das heißt, dass jemand nicht davon lassen kann

 

n.: Auf Deutsch ist das etwas anders: Jemand hat sich etwas in den Kopf „gesetzt“. Aber der Aus­druck „ver­na­gelt“ beschreibt eine ähn­liche Situa­tion wie das Rus­si­sche, etwas Obses­sives. Die Macht der Sprache liegt ja darin, dass sie das Ein­ge­bil­dete ins Wirk­liche ver­wan­deln kann und umge­kehrt. Das hat natür­lich mit ihrer magi­schen Funk­tion zu tun und mit dem, was ein Kind tut, wenn es spre­chen lernt. Gab es bei Ihnen eine „Urszene“, eine erste Erfah­rung mit der Sprache?

 

V.S.: Ja, meine erste Erzäh­lung, Zaplyv (auf Deutsch unter dem Titel Agi­ta­tions-Schwimmen ent­halten in Der Him­mel­blaue Speck, Anm.d.Red.). Hier geht es um die Idee, dass eine poli­ti­sche Losung aus Men­schen bestehen kann. Die Erfah­rung der Ideo­logie, der Demons­tra­tionen auf dem Roten Platz, oder wenn sich in China Men­schen zu Schrift­zei­chen der Ideo­logie for­mieren – das war meine erste Erfah­rung mit Sprache.

 

n.: Noch eine Frage zu “Tel­luria”: Ist das letzte, 50. Kapitel ein “Happy End”?

 

V.S.: Natür­lich kann man das so sagen: Dieser Mensch, um den es darin geht, ist frei von ver­buch­stäb­lichten Meta­phern. Er ist ein echter Zim­mer­mann, er baut wirk­lich ein Haus – und zwar ohne einen ein­zigen Nagel. Er möchte in diesem Haus ohne Nägel leben, natür­lich ist das eine Utopie. Aber wir wissen ja nicht, wie lange er das aus­hält. Es gibt schließ­lich solche Dinge wie Ein­sam­keit, Depres­sion und Krank­heiten. Doch er glaubt, dass er sich von dieser Welt abge­trennt hat, er glaubt an seine Utopie – sie ist radikal, nicht weniger radikal als die Utopie der Nägel: dass der Mensch ohne andere Leute über­leben könne, nur mit den Tieren und der Natur. Das öko­lo­gi­sche Abso­lute.

 

n.: Ande­rer­seits könnte man sagen, dass die Tell­ur­süch­tigen die wahren öko­lo­gi­schen Radi­kalen sind: Sie sind abhängig von einem Ele­ment aus der Erde – das ist kein künst­li­ches Pro­dukt wie der aus Autor-Klonen syn­the­ti­sierte „him­mel­blaue Speck“.

 

V.S.: Ja, aber man muss die Nägel trotzdem her­stellen. Heroin wird aus wun­der­schönen Mohn­fel­dern her­ge­stellt – auch das ist reine Öko­logie. Ich glaube, sowohl der erste als auch der letzte Teil des Buchs sind Uto­pien.

 

n.: Es könnte auch ein Abschied von der Utopie sein: Wäh­rend jeder Mensch, jede Repu­blik, ihren Nagel, ihre Utopie hat, ver­ab­schiedet sich dieser Mann im letzten Kapitel ein­fach von allem, wie Vol­taires Can­dide. Das ist doch ein recht resi­gna­tives Ende.

 

V.S.: Er ver­ab­schiedet sich von der kol­lek­tiven Utopie und sucht den Ausweg im Eska­pismus, in der indi­vi­du­ellen Utopie.

 

n.: Oder es ist ein Abschied von der lite­ra­ri­schen Sprache – dieser Mensch spricht sehr ein­fach. Warum lesen die Leute in “Tel­luria” nicht?

 

V.S.: Es wird doch gelesen! Zwei Wesen mit Hun­de­köpfen zitieren Alek­sandr Puškin, der phal­li­sche Orga­nismus (der im Schloss Char­lot­ten­burg gefangen gehalten wird, Anm.d.Red.) hat auch viel gelesen. (schmun­zelt)

 

„Das heu­tige neue Mit­tel­alter ist per defi­ni­tionem auf­ge­klärt.“

 

n.: Gerade diese Post-Men­schen sind belesen. Und was hat es mit diesem „geseg­neten auf­ge­klärten Mit­tel­alter“ in “Tel­luria” auf sich? Damit ist doch etwas anderes gemeint als das, was Nikolaj Ber­d­jaev zu Beginn des 20. Jahr­hun­dert unter dem „Neuen Mit­tel­alter“ ver­stand?

 

V.S.: Das heu­tige neue Mit­tel­alter ist per defi­ni­tionem auf­ge­klärt, weil die Men­schen heute wissen, was das Mit­tel­alter ist. (Auf Deutsch) Ewige Wie­der­kunft. Der IS weiß genau, was das Mit­tel­alter ist. Und in Russ­land weiß man das auch. Es ist eine bewusste Wahl. Wenn sich in Europa genü­gend Kräfte fänden, einen neuen Kreuzzug aus­zu­rufen, dann würden Tau­sende junge Leute diesem Aufruf folgen. Auch auf dem Majdan konnte man eine Menge junger Leute in Rit­ter­rüs­tungen beob­achten, mit mit­tel­al­ter­li­chen Waffen (zeichnet einen Mor­gen­stern auf Papier). Diese Leute sind in der Zeit gereist. Sie haben sich mit dem Bild des mit­tel­al­ter­li­chen Rit­ters iden­ti­fi­ziert, der für die christ­li­chen Werte kämpft, gegen die sowje­ti­schen bösen Geister.

 

n.: Viel­leicht haben Sie noch eine Frage an uns?

 

V.S.: Eine Frage habe ich: Was hat Sie an meinem Seminar inter­es­siert?

Maria Leskova: Mich haben ver­schie­dene Dinge inter­es­siert: Wie lesen Sie eigent­lich? Warum haben Sie genau diese Werke aus­ge­wählt? Wie unter­scheiden sich die Per­spek­tiven und Inter­pre­ta­tionen der Stu­die­renden von Ihren? Wie erklären Sie den Lese­pro­zess durch die Bedeu­tung eines Werks, durch seine Beson­der­heit?

Hannah Wagner: Früher habe ich sehr intensiv den Schnee­sturm gelesen, weil ich meine Bachelor-Arbeit dar­über geschrieben habe. Es gibt ja Texte, die ganz offen­sicht­lich darauf Ein­fluss hatten, z.B. Herr und Knecht von Tol­stoj. Des­halb hätte ich erwartet, dass wir bei­spiels­weise diesen Text lesen – aber es kamen ganz andere Texte. Des­halb hat mich heute so inter­es­siert, wie Sie die Texte aus­ge­wählt haben.

V.S.: Also habe ich Sie doch über­rascht!

Philipp Kohl: Neben den Tafel­bil­dern, die nie eine fer­tige Inter­pre­ta­tion vor­ge­geben haben, hat mich v.a die Lang­sam­keit fas­zi­niert. In vielen Semi­naren an deut­schen Uni­ver­si­täten herrscht eine Kultur der Akze­le­ra­tion – alles so schnell wie mög­lich zu Ende bringen. Bei Ihnen gab es kein sol­ches Ende.

Susi Frank: Mir gefiel die Inten­sität der Lek­türen, der Sit­zungen. Des­halb habe ich sogar die Stu­denten aus dem ersten Semester ein­ge­laden. Ich dachte: Wenn sie zu den Sit­zungen kommen, werden sie sich immer an diese Texte erin­nern.

V.S.: Das freut mich. Ich werde diese Semi­nare jeden­falls in Erin­ne­rung behalten.

 

Das Gespräch führten Susi K. Frank, Philipp Kohl, Maria Leskova, Vla­dislav Over­chuk (in absentia) und Hannah Wagner am 18. Februar 2016.

Aus dem Rus­si­schen von Philipp Kohl und Hannah Wagner.
Fotos: Susi K. Frank

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