Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Wo immer du auch hin­gehst – deine Erin­ne­rung wirst du mit­nehmen.“

Alev­tina Kak­hidze im Inter­view mit Teil­neh­me­rinnen der Pro­jekt­se­mi­nar­gruppe „Das Poten­tial des Ästhe­ti­schen im Kon­text von Krise und Krieg“ (Berlin, 13. Juni 2015)

 

Alev­tina Kak­hidze, eine ukrai­ni­sche Künst­lerin mit geor­gi­schen Wur­zeln, wuchs in der rus­sisch­spra­chigen Don­bass-Region unweit des Hei­mat­ortes von Ex-Prä­si­dent Viktor Janu­kovič auf. Mit sieb­zehn Jahren, kurz vor Auf­lö­sung der Sowjet­union, ver­ließ sie ihr Hei­mat­dorf, um später in Kiev an der Natio­nalen Aka­demie der Bil­denden Künste und in den Nie­der­landen zu stu­dieren.
In ihren meis­tens per­for­ma­tiven Arbeiten, aber auch in den bild­ne­ri­schen und schrift­stel­le­ri­schen Werken oder Instal­la­tionen zeigt Kak­hidze die Mög­lich­keiten einer aktiven Refle­xion und Inter­ven­tion durch Kunst. Sie setzt sich kri­tisch mit der post­so­zia­lis­ti­schen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Rea­lität der Ukraine aus­ein­ander und tritt als scharfe Beob­ach­terin neo­ka­pi­ta­lis­ti­scher Aus­wüchse auf.
Viel Beach­tung bekamen Kak­hi­dzes Per­for­mance im Pri­vatjet eines ukrai­ni­schen Olig­ar­chen, bei der sie ankün­digte, die Erde aus dieser Sicht zu zeichnen, ihre auf der 7. Berlin-Bien­nale gezeigten 500 Zeich­nungen von begehrten Luxus-Objekten, denen sie den­selben Wert zuschrieb wie den tat­säch­li­chen Objekten, oder die auf der Mani­festa 2014 in Peters­burg insze­nierte Pres­se­kon­fe­renz unter dem Titel Sieg über die Elek­tri­zität.
Alev­tina Kak­hidze nahm zugleich künst­le­risch und poli­tisch an den Maj­da­n­pro­testen von 2013–2014 teil. Ihre aktive Betei­li­gung stand für sie im Zei­chen einer neuen gesell­schaft­li­chen Dis­kurs­bil­dung und des zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kampfes gegen über­kom­mene Deu­tungs­ho­heiten. In ihren Arbeiten über den Majdan und den Krieg im Osten der Ukraine the­ma­ti­siert Alev­tina Kak­hidze immer wieder die Wech­sel­wir­kungen von Erin­ne­rung, Infor­ma­tion und viel­schich­tigen Iden­ti­täts­bil­dungs­pro­zessen.

 

Mit der Berliner Projektseminargruppe unterhielt sich Alevtina Kakhidze nicht nur über den Majdan als Performance, sondern auch darüber, wie sich Information und Wissen als Gegenstände der Performance-Kunst eignen und wie wichtig die künstlerische Reflexion über gemeinsame Erinnerung ist.

Mit der Ber­liner Pro­jekt­se­mi­nar­gruppe unter­hielt sich Alev­tina Kak­hidze nicht nur über den Majdan als Per­for­mance, son­dern auch dar­über, wie sich Infor­ma­tion und Wissen als Gegen­stände der Per­for­mance-Kunst eignen und wie wichtig die künst­le­ri­sche Refle­xion über gemein­same Erin­ne­rung ist.

 

 

novinki: Du warst von Anfang an und die ganze Zeit beim Majdan dabei. Wie schätzt Du den Majdan gerade aus deiner Per­spek­tive als Künst­lerin ein?

 

Alev­tina Kak­hidze: Ich würde sagen, jeg­liche aktive Betei­li­gung am Pro­test war hilf­reich. Aber gerade künst­le­ri­sches Enga­ge­ment war beson­ders wichtig, da der Majdan nach Inno­va­tion ver­langte. Wenn es keine Inno­va­tionen in der Form gibt, kommt man auch mit neuen Inhalten nicht voran. Zum Bei­spiel haben Intel­lek­tu­elle und Künst­le­rInnen bewirkt, dass es auf dem Majdan nicht nur eine Bühne für poli­ti­sche Reden gibt, son­dern auch eine für Lesungen. Schon die offene Äuße­rung, dass poli­ti­sche Reden allein nicht aus­rei­chen, war inno­vativ, die tat­säch­liche zweite Bühne dann umso mehr.

 

n.: Am Anfang war der Majdan fried­lich. Hat sich die künst­le­ri­sche Dimen­sion mit der auf­kom­menden Gewalt ver­än­dert?

 

A.K.: Alle Künst­le­rInnen waren auf dem Majdan auch Akti­vis­tInnen, nicht immer standen künst­le­ri­sche Akti­vi­täten im Vor­der­grund. Ich erin­nere mich, dass ich als Akti­vistin Essen dorthin gebracht habe, später auch Medi­ka­mente. Wir ver­suchten uns mit anderen Akti­vis­tInnen zu orga­ni­sieren, fragten in die Runde, was die Leute wirk­lich brau­chen. So haben wir zum Bei­spiel erfahren, dass kugel­si­chere Westen benö­tigt werden. Dar­aufhin setzten sich Künst­le­rInnen und Desi­gne­rInnen zusammen und ent­warfen solche Westen – circa 35 bis 40 Stück.

 

n.: Die Situa­tio­nisten der 1960er Jahre sahen – ganz in der Tra­di­tion der Avant­garde – Kunst bzw. Per­for­mance und Revo­lu­tion als Ein­heit und hatten ein sehr poli­ti­sches Kunst­ver­ständnis. Wie wür­dest Du in Bezug auf den Majdan dieses Ver­hältnis von Per­for­mance und Revo­lu­tion beschreiben?

 

A.K.: Sehr viele Künst­le­rInnen haben den Majdan unter­stützt, eigent­lich alle, die ich kenne. Wenn man den Majdan und seine Dar­stel­lung in den Medien aus einer wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­tive betrachtet, wird man sehen, dass es um Bilder und Texte geht. Sobald man jedoch ver­sucht, ein kohä­rentes Bild in all diesen Frag­menten der Reprä­sen­ta­tion zu erkennen, wird es schwierig. Schließ­lich ist er kein (Gesamt-)Kunstwerk. Die ästhe­ti­sche und die per­for­ma­tive Dimen­sion haben nicht nur mit der Betei­li­gung von Künst­le­rInnen zu tun. Es gab auch Kinder, die auf dem Majdan Bilder gemalt haben. Ich würde sagen, dass die Künst­le­rInnen in vieler Hin­sicht Impuls­ge­be­rInnen waren. Nam­hafte Per­sonen haben ange­fangen zu malen – aber viele andere eben auch. Inter­es­sant ist der Unter­schied zwi­schen dem nicht-staat­li­chen Majdan und dem staat­li­chen Anti-Majdan: Der „Unab­hän­gige Platz“ war sehr kreativ und dyna­misch, der Anti-Majdan aber hatte nicht dieses Poten­tial. Da konnte keine krea­tive Energie ent­stehen, weil die Leute ein­fach Pla­kate zuge­teilt bekamen.

 

n.: Aber wie konnten so viele unter­schied­liche Arten von ästhe­ti­scher Krea­ti­vität auf dem Majdan Syn­er­gien erzeugen? Wie passt das alles über­haupt zusammen?

 

A.K.: Es passt zusammen, Inno­va­tion ist das Bin­de­glied.
Viele Leute haben pro­tes­tiert, weil Janu­kovič dieses umstrit­tene Abkommen nicht unter­schrieben hatte. Was das aber genau für ein Doku­ment war, wussten die wenigsten. Ich kam auf die Idee, einen Juristen aus dem Über­set­zer­büro der Regie­rung ein­zu­laden, um uns den Inhalt – über den es viele Gerüchte gab – in einer offenen Runde zu erläu­tern. Der Jurist brachte das zwei­tau­send­sei­tige (!) Doku­ment in einem Koffer mit und beant­wor­tete sämt­liche Fragen. Eigent­lich ging es zu 95 Pro­zent um öko­no­mi­sche Ver­än­de­rungen, nur ein kleiner Teil betraf poli­ti­sche Umge­stal­tungen. Genau das haben wir the­ma­ti­siert.
Das war auch Inno­va­tion – Wissen und prä­zise Infor­ma­tionen an die Leute wei­ter­geben zu können, die an den Pro­testen teil­nahmen und unter der unsi­cheren Situa­tion litten. Sie brauchten Gewiss­heit. Für mich ist das auch ein künst­le­ri­scher Weg, weil es mehr ist als nur ein Papier her­aus­zu­geben. Wir könnten es als Hap­pe­ning bezeichnen. Das war einer meiner Bei­träge zum Majdan.
Es gab auch viele andere krea­tive Bei­träge, auf die sogar wir Künst­le­rInnen nei­disch waren, weil sie großes Poten­tial hatten. Kon­kret erin­nere ich mich bei­spiels­weise an die Frau­en­gruppe, die den Poli­zisten Spiegel vor­hielt, damit sie ihre eigenen ver­knif­fenen Gesichter sehen konnten. Das war eine wun­der­volle Per­for­mance. Oder es gab in der Presse dieses Foto – viel­leicht habt Ihr es gesehen –, das einen Musiker zeigt, der vor dem Poli­zei­spa­lier Kla­vier spielt. Vor der Macht sieht man einen Akt der Kultur.
Der Majdan brauchte ver­schie­dene Leute – auch um über ihn zu spre­chen. Geschäfts­leute kamen zum Pro­test, weil das Regime von Janu­kovič ihnen die Arbeit unnötig erschwerte. Auch Intel­lek­tu­elle nahmen daran teil, aus Ent­täu­schung dar­über, dass sie ihre Pro­jekte unter dieser Regie­rung nicht umsetzen konnten. All­ge­mein waren viele dort – sogar die Natio­na­lis­tInnen – und auch die Genera­tion der Groß­el­tern betei­ligte sich. Die Politik hat etwas ver­spro­chen und es nicht gehalten. Das war der zen­trale Beweg­grund, der alle zusam­men­brachte.

 

n.: Du bist bil­dende Künst­lerin, machst Per­for­mances, aber Du schreibst auch viele, fast immer doku­men­ta­ri­sche, Texte. Wie ord­nest Du dich zwi­schen den Medien ein?

 

A.K.: Ich bin eman­zi­piert, was den Umgang mit Medien anbe­langt. Manchmal werde ich als Autorin bezeichnet, aber das ist nur ein Teil meines Schaf­fens. Ich schreibe gerne, aber ich komme eher aus der bil­denden Kunst, ich zeichne auch und arbeite als Per­for­mance-Künst­lerin. Das Geschrie­bene ver­wende ich für meine Per­for­mances.

 

n.: Wie haben sich die Ereig­nisse der letzten andert­halb Jahre auf deinen Stil und auf die Wahl deiner künst­le­ri­schen Medien aus­ge­wirkt? Gab es eine Ver­än­de­rung? Muss­test Du nach einer neuen Sprache suchen? 

 

A.K.: Für mich war diese Zeit dra­ma­tisch – meine Mutter ist noch immer im umkämpften Gebiet und kann diesen Ort nicht ver­lassen. Ich war auf dem Majdan. Seither treffe ich überall Leute mit unter­schied­li­chen Hin­ter­gründen, viel­leicht auch in einem Café wie diesem, weit weg von allem, was ich erlebt habe und durch den stän­digen Kon­takt mit meiner Mutter erlebe… und dann kommt man nach Hause. Das ist sehr hart. Ich habe beschlossen, nicht iro­nisch zu werden, son­dern ein­fach reflek­tiert, und mit ein wenig Humor.

 

n.: Wieso ist Humor so wichtig?

 

A.K.: Er hält dich gesund. Und er unter­scheidet uns von den Tieren, die können weder Ironie noch Humor her­vor­bringen. Humor lässt dich die Dinge aus der Distanz betrachten und hin­dert dich daran, pathe­tisch oder natio­na­lis­tisch zu werden. Du bist dann nur noch auf eine Sache fokus­siert und ver­gisst die anderen. Ein Text zum Bei­spiel sollte aus der Per­spek­tive der ein­fa­chen Leute erzählt werden. Ich berichte, was ihnen pas­siert.

 

n.: Du kommst aus dem Don­bass, bist in Žda­novka auf­ge­wachsen und hast die gesamte Schul­zeit in diesem Ort (unweit des Wohn­sitzes von Janu­kovič) ver­bracht. Mit sieb­zehn bist Du von dort weg und hast dann zum Teil im Aus­land (im hol­län­di­schen Maas­tricht) stu­diert. Heute lebst Du wieder auf dem Land, aber nicht mehr in Žda­novka. Wel­ches Ver­hältnis hast Du heute zu diesem Ort?

 

A.K.: Als ich noch in den Nie­der­landen stu­dierte, tippte ich einmal wäh­rend einer Inter­net­re­cherche „Žda­novka” – den Namen des Orts, wo meine Mutter nach wie vor lebt – ein. Mir wurde bewusst, dass zwanzig wei­tere Orte auf dem Gebiet der ehe­ma­ligen Sowjet­union genauso heißen. Ich stellte fest, dass es kaum mög­lich war, zwi­schen diesen ver­schie­denen „Žda­novkas“ zu unter­scheiden. Aber eigent­lich ist das logisch, denn Žda­novka ist offen­sicht­lich vom kom­mu­nis­ti­schen Anführer Ždanov abge­leitet. „Žda­novka“ ist eher der Name für einen Typus von Ort, benannt nach einem angeb­li­chen Beschützer des Volkes, der ein harter Kerl gewesen sein soll. Viele kleine Orte wurden nach ihm benannt. Heute wird in den Selbst­dar­stel­lungen dieser Orte bevor­zugt geschrieben, dass „Žda­novka“ von „ždat‘“ (warten) komme.
Eben­falls inter­es­sant ist, dass in der Gegend, in der meine Mutter lebt, Unter­su­chungen durch­ge­führt wurden, die darauf hin­weisen, dass es dort ein Gas­vor­kommen gibt: Schie­fergas, das zur Gewin­nung alter­na­tiver Energie ver­wendet werden kann. Aber um an dieses Gas zu kommen, müsste sehr viel Geld inves­tiert werden. Der­zeit läuft eine inter­na­tio­nale Debatte zu diesem Thema – die USA sind auch daran betei­ligt. Um die nötige Infra­struktur zu schaffen, bräuchte es einen Investor. Aber leider ist im Moment nicht klar, was dort in Zukunft pas­sieren wird. Poli­ti­sche Sta­bi­lität wäre eine wich­tige Vor­aus­set­zung, um einen Finanz- und Invest­ment­plan zu erstellen. Erst muss es wieder fried­lich werden, muss der Krieg auf­hören.

 

n.: Du bist rus­sisch­spra­chig in einem domi­nant rus­sisch­spra­chigen Gebiet auf­ge­wachsen. Wie wichtig ist die Sprache bzw. sprach­liche Zuge­hö­rig­keit in der momen­tanen Kriegs­si­tua­tion?

 

A.K.: Sprache ist nicht das Haupt­pro­blem. Auf­grund meiner Her­kunft werde ich oft mit Mit­leid über­schüttet. Aber Mit­leid gegen­über Leuten, die aus Kriegs­ge­bieten kommen, ist nicht das Rich­tige. Mit­leid gibt vor, etwas zu wissen, wo man gar nichts weiß. Wir sollten das Wissen und die Erfah­rungen der Leute im Kriegs­ge­biet respek­tieren. Eine Schwie­rig­keit ist auch die Infor­ma­ti­ons­flut. Man müsste täg­lich meh­rere Stunden Nach­richten schauen, um wirk­lich auf dem Lau­fenden zu sein. Und wenn ich in anderen Län­dern bin, weiß ich, dass mir mit großer Wahr­schein­lich­keit die Frage gestellt wird, wer denn die Schuld an diesem Kon­flikt habe. Ich bin Künst­lerin, keine Minis­terin.

 

n.: Du inter­es­sierst dich als Künst­lerin schon seit Jahren für den Don­bass, die Region deiner Her­kunft. 2006 schon hast Du ein Büch­lein über „Žda­novka“ ver­öf­fent­licht. Zugleich warst Du von Anfang an eine sehr inter­na­tional ori­en­tierte Künst­lerin, die oft auf Klas­siker der Moderne wie z.B. Joseph Beuys ver­weist. Du behan­delst lokale Themen mit einer inter­na­tional sehr gut ver­mit­tel­baren künst­le­ri­schen Sprache. Wie ist die Idee zu diesem Buch ent­standen? Wie hat sie sich ent­wi­ckelt? Und wie hat man in deiner Hei­mat­stadt darauf reagiert?

 

A.K.: In den Nie­der­landen kann man Bücher zu jeder klei­neren Stadt finden. Über meinen Hei­matort gab es nie solche Bücher – also musste ich eins machen. Ins Eng­li­sche ist es über­setzt, weil die Leute an der Aka­demie wissen wollten, was ich mache, und natür­lich kein Rus­sisch konnten. Im Nach­hinein kann ich sagen, dass das keine schlechte Stra­tegie war. Ich nahm alle Texte, die ich zu „Žda­novka” gesam­melt hatte, und ver­mischte sie mit meinen Kind­heits­er­in­ne­rungen. Zur Beschrei­bung eines bewachten Denk­mals konnte ich mich bei­spiels­weise daran erin­nern, dass wir dort immer Blumen nie­der­ge­legt haben, wenn an der Schule eine Abschluss­feier war. Wenn man etwas liest, hat man auch immer bestimmte Asso­zia­tionen. Und wenn man einmal an einem Ort war, dann ist er auch ein Ort in deiner Erin­ne­rung. Ich habe dieses moder­nis­ti­sche Buch gemacht, weil ich die Dinge, die ich gefunden, und die Dinge, die ich bereits geschrieben hatte, zusammen bringen wollte. Danach habe ich das Buch der Bücherei in ‚meinem’ Žda­novka ange­boten, aber sie sagten mir, dass es nicht zu den Büchern gehöre, die sie suchen. Es sei ein wenig depressiv und nicht über die Haupt­stadt, des­wegen wollten sie es nicht ins Regal stellen. Natür­lich konnte man mir das so sagen, ich bin schließ­lich erwachsen und kann Absagen ertragen (lächelt), aber diese ver­ständ­nis­lose Reak­tion schmä­lerte doch meine Sym­pa­thie für die Leute, die dort nach wie vor arbeiten.

 

n.: Hast Du eine Mis­sion als Künst­lerin? Wie wür­dest Du die Auf­gabe, die Du dir als Künst­lerin stellst, beschreiben?

 

A.K.: Meine Arbeit berührt viele Punkte. Die wich­tigsten sind Amnesie und Vor­stel­lungs­kraft. Ein Mensch kann ver­gessen – viel­leicht auch andere Men­schen, die ver­letzt wurden. Und die Vor­stel­lungs­kraft basiert auf Erin­ne­rung. Ohne Erin­ne­rung kann kein Bild kon­stru­iert werden. Der Umgang mit Münd­lich­keit gehört auch dazu. Es ist ein Medium, wenn man es so will. Wenn ich Münd­li­ches auf­schreibe, ist es eine Rück­ver­si­che­rungs­stra­tegie – aber es ist nicht wirk­lich Lite­ratur, son­dern alter­na­tiver Jour­na­lismus – und ich kon­trol­liere die Gedächt­nis­fehler.

 

n.: Letztes Jahr hast Du – obwohl viele russ­land­kri­ti­sche Künst­le­rInnen zum Boy­kott auf­ge­rufen haben – an der Mani­festa in St. Peters­burg teil­ge­nommen. Warum war das wichtig für dich? Welche Pro­jekte hast du dort prä­sen­tiert?

 

A.K.: Ich hatte eine per­sön­liche Inten­tion: Ich arbeite gegen den Wis­sens­mangel. Außerdem ist es wichtig zu begreifen, dass du, wo auch immer du hin­gehst, deine Erin­ne­rung mit­nehmen wirst – Erin­ne­rung ist ein pri­vater Ort. Dar­über hinaus ist es auch nicht unbe­deu­tend, dass die Situa­tion, die Person und der Moment des Gespro­chenen über dessen Inter­pre­ta­tion bestimmen. Ich habe auf der Mani­festa zwei Per­for­mance-Pro­jekte prä­sen­tiert. Zusammen mit Kris­tina Norman – einer est­ni­schen Künst­lerin mit großem Inter­esse an der Ukraine, die auch einen inter­es­santen Doku­men­tar­film, About Prid­ne­st­rovje, gemacht hat – habe ich einen Film gedreht. In diesem Film über­nehme ich die Rolle einer Frem­den­füh­rerin, die die Leute über den Majdan führt – auf der dvor­co­vaja ploščad (Platz vor dem Win­ter­pa­lais) in St. Peters­burg. Wir haben wäh­rend der Weißen Nächte gedreht und ich bin dar­über hinaus in einer Win­ter­jacke zwi­schen den Men­schen in T‑Shirts zu sehen, was die Situa­tion zusätz­lich ver­fremdet. Kris­tina hatte mich im April in Kiew wäh­rend ihrer Recher­che­ar­beit getroffen und mich ein­fach gefragt, ob ich ihr Guide sein könne. Sie hat meine Erläu­te­rungen auf­ge­nommen und ein Skript daraus gemacht.
Ein wei­teres Pro­jekt war die Inter­view­per­for­mance Sieg über die Elek­tri­zität, die auf dem Stück Sieg über die Sonne der rus­si­schen Futu­risten V. Chleb­nikov und A. Kručënych (1913) basiert. Ich habe drei fik­tive Cha­rak­tere, d.h. den „Tou­risten“, den „Mediator“ und den „Kämpfer gegen die Elek­tri­zität“, dafür genommen und sie mit einem Fragen- und Ant­wort­skript ver­sehen. Wäh­rend meiner Per­for­mance konnten mir die Leute Fragen stellen – ich bin dabei aller­dings meinem festen Plan gefolgt. Es gab sehr viele Fragen, auch über die Zuläs­sig­keit von Humor… und über Odessa – das war eine schwie­rige Situa­tion für mich wäh­rend dieser Per­for­mance. Auf einmal gab es unter den Leuten Streit über den Vor­fall in Odessa, bei dem Men­schen wäh­rend der Pro­teste in einem Haus ver­brannt waren. Die rus­si­schen Medien hatten die Situa­tion in ihrem Inter­esse genutzt und berichtet, dass es haupt­säch­lich rus­si­sche Bürger gewesen seien, die dort ums Leben gekommen sind. Wäh­rend der Per­for­mance wurde ich gefragt, was nun mit Odessa sei und wer dort plün­dere. Ich stand auf und ant­wor­tete gemäß meinem Plan, dass sie gerne mich dafür ver­ant­wort­lich machen könnten und dass Odessa ein Schock für uns alle gewesen sei. Danach schal­tete ich das Mikro­phon um und sagte, dass es sich zuvor nicht um meine Worte gehan­delt habe. Dabei ging es mir darum, den Moment zu zeigen, in dem du nichts erklären kannst, um die Unmit­tel­bar­keit des Schocks.

 

n.: Die beiden Mani­festa-Pro­jekte haben ganz deut­liche Bezüge zu Russ­land und zur rus­si­schen Kunst: Indem Du den Platz vor dem Win­ter­pa­lais in St. Peters­burg als Majdan ima­gi­nierst, über­trägst Du die Vision der neuen Revo­lu­tion auf den Schau­platz der Revo­lu­tion, mit der das sowje­ti­sche 20. Jahr­hun­dert begonnen hat. Und in der Inter­view­per­for­mance mit den drei fik­tiven Figuren ver­stehst Du den „Kämpfer gegen Elek­tri­zität“ – mit dem Du dich eigent­lich iden­ti­fi­zierst – als Kon­tra­faktur des Dramas Sieg über die Sonne.
Kann man gene­rell sagen, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit der rus­si­schen Kunst und Kultur für dein Schaffen sehr wichtig ist?

 

A.K.: Es ist wichtig sich damit zu beschäf­tigen. Wie zu sowje­ti­schen Zeiten. Wenn gesagt wird, dass der Majdan mit seinem selbst­ge­stal­teten Weih­nachts­baum die größte Angst für Russ­land dar­stellt, heißt das, dass wir mit der Per­for­mance die Angst direkt in die „Mitte“ des Landes gebracht haben, an einen his­to­risch enorm bedeut­samen Ort, näm­lich jenen, wo die Revo­lu­tionen von 1917 statt­fanden. 1905 war hier auch der Blut­sonntag, nur um ein wei­teres his­to­ri­sches Ereignis zu nennen. Für die rus­si­schen Revo­lu­tionen waren Plätze als Orte der Ereig­nisse von enormer Bedeu­tung. Aber kann man sich den Majdan auf dem Platz direkt vor der Ere­mi­tage vor­stellen? Wir konnten es. Das war auch, denke ich, der Haupt­grund, warum der Direktor der Ere­mi­tage, Michail Petrovskij, so wütend dar­über war. Die Reak­tionen waren heftig. Petrovskij, der bisher nie ein Wort zu einem Kunst­werk der Mani­festa ver­loren hatte, gab einen Kom­mentar ab. Er sagte, dass die Men­schen heut­zu­tage wüssten, dass öffent­liche Plätze ver­wundbar sind und sich leicht in Müll­halden ver­wan­deln können. Hin­terher wurde über unsere Per­for­mance gesagt, dass irgend­eine Frau AUF UNSEREN PLÄTZEN her­um­laufe und wie in intel­lek­tu­ellem Wahn spreche. Natür­lich hatte Petrovskij das Recht, das zu sagen – es ist seine Inter­pre­ta­tion. Uns ging es in erster Linie darum zu demons­trieren, dass auch wir unsere Sicht der Dinge haben und unseren Dis­kurs. Es war wie ein Kampf, also war es für uns vor Ort sehr wichtig, sofort zu reagieren. Kris­tina bei­spiels­weise wurde dar­aufhin von COLTA.RU, einem alter­na­tiven Online-Kultur-Magazin, inter­viewt und konnte so ihren eigenen Stand­punkt dar­stellen. Aber es geht auch um Humor. In meiner Inter­view-Per­for­mance bin ich immer wieder den Fragen aus­ge­wi­chen und habe im Prinzip geant­wortet, wie es alle wich­tigen Leute tun. So habe ich in meinen Ant­worten ein­fach die Sätze wich­tiger rus­si­scher, interner Helden nach­ge­spro­chen. Das berührt die rus­si­schen Zuhö­re­rInnen, Teil­neh­me­rInnen in ganz unmit­tel­barer Weise.

 

n.: Auf der einen Seite scheint der Majdan – wenn man ihn wie Du als Per­for­mance betrachtet – die Voll­endung der Avant­garde-Tra­di­tion dar­zu­stellen, inso­fern es hier wirk­lich gelungen ist, die Kunst ins Leben und damit zugleich an ihre abso­luten Anfänge – zum Ritual und, im Fall der Dich­tung, zur Wort­magie – zurück­zu­führen. Auf der anderen Seite kann man einige wich­tige Unter­schiede zur Avant­garde fest­stellen: Zum einen ist der Majdan weit ent­fernt von der der Avant­garde eigenen radi­kalen Zukunfts­ori­en­tie­rung und ihrem Uto­pismus. Und zum anderen wurde im Gegen­satz zum durchaus gewalt­be­reiten Kunst­ver­ständnis der Avant­garde die Kunst auf dem Majdan gerade als Instru­ment gegen Gewalt ver­standen. Wie siehst Du das?

 

A.K.: Wir können in Bezug auf den Majdan durchaus von einer Archai­sie­rung der Kunst spre­chen, einer Per­for­mance, die Kunst wieder in ein Ritual ver­wan­delt, das jeder durch­führen kann – also eine Kunst, die sich an den Bedürf­nissen der Men­schen ori­en­tiert. Wichtig am Majdan ist aber auch, dass die Intel­lek­tu­ellen, ins­be­son­dere die Wis­sen­schaft­le­rInnen, den Majdan in die Nähe der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion rücken. Das war eine bour­geoise, natio­nale Revo­lu­tion – keine sozia­lis­ti­sche, wie die Ereig­nisse im Februar oder Oktober 1917 in Russ­land – das ist sehr wichtig. Revo­lu­tionen sind sehr ver­schieden und es wäre sehr inter­es­sant her­aus­zu­finden, welche Art von Revo­lu­tion der Majdan wirk­lich war. Der Ter­minus Welt­re­vo­lu­tion kommt allen Ukrai­ne­rInnen, die ich getroffen habe, sehr leicht über die Lippen. Es scheint Kon­sens zu sein, dass es eine Revo­lu­tion war, die sich von den rus­si­schen Revo­lu­tionen unter­scheidet. Es gibt bereits Bücher zu diesem Thema, was wirk­lich toll ist. Ich kann leider die genauen Zusam­men­hänge nicht wirk­lich prä­zise wie­der­geben. Aber z.B. das Buch­pro­jekt der Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Olga Onuch (Univ. Man­chester) findet schon Erklä­rungen. Da geht es im wei­testen Sinne um unsere erste Revo­lu­tion, nicht nur um den Majdan. Kon­kret wird ein Bezug zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion in der Ver­bin­dung zwi­schen Pro­test und Sozialer Revo­lu­tion her­ge­stellt.

 

n.: Und was sind deine neuen Pro­jekte? Du hast uns von den täg­li­chen Tele­fo­naten mit deiner Mutter, die in der Kriegs­zone lebt, erzählt. Der­zeit doku­men­tierst du sie in einem Blog. Willst Du daraus ein Buch machen?

 

A.K.: Ja. Ich enga­giere mich der­zeit auch im Pro­jekt der Life Library Don­bass und möchte dar­über auch ein ‚Lokal­nar­rativ’ schreiben. Es ist nun schon acht Jahre her, seitdem ich das letzte Mal über Žda­novka geschrieben habe. Alle meine aktu­ellen Texte resul­tieren aus den Fragen, die ich meiner Mutter stelle. Sie hat eine beson­dere Art Weis­heit, die selbst meine Freun­dInnen fas­zi­niert. Wenn ich sie frage, wer die Schüsse abgibt, sagt sie ledig­lich, dass ich solche Fragen nicht stellen solle. Da ich nicht mit ihr zusammen im Keller sitze, könne ich ja nach­sehen gehen. Durch solche unmit­telbar aus Erfah­rungen abge­lei­teten Ein­sichten ver­wan­delt sich meine Mutter für mich in eine sehr starke Person. In allen meinen aktu­ellen Texten geht es um die ein­fa­chen Leute, die in dieser lebens­be­droh­li­chen Situa­tion leben. Die meisten Leute ima­gi­nieren ein Nar­rativ, an das sie gerne glauben würden. Also erzählt mir meine Mutter, dass die Kanin­chen nach den ersten Gefechten – tat­säch­lich! – an gebro­chenem Herzen gestorben sind und die Hunde nichts fraßen, weil sie Angst hatten. In man­chen Texten wird man die Hal­tung meiner Mutter wie­der­finden, aber es geht nicht um ihre poli­ti­sche Posi­tion. Ich schreibe über Elek­tri­zität, Wasser oder die Rente – und die Frage, ob es sie dort gibt oder nicht. Und alle diese Infor­ma­tionen stehen in einem Span­nungs­ver­hältnis zu den jour­na­lis­ti­schen Berichten, die oft­mals etwas aus­lassen, weil die Jour­na­listen zu sehr in Eile sind, um die Erzäh­lungen der ein­fa­chen Leute anzu­hören, und zu den Mythen, die täg­lich in den Medien kon­stru­iert werden.

 

n.: Vielen Dank für das Inter­view, Alev­tina!

 

Teil­neh­me­rinnen: Chris­tina Schwigon, Chris­tina Kühn, Maja Zuche­wicz, Lisa Vogt, Sophie Pod­hayets
Über­set­zung aus dem Rus­si­schen und Eng­li­schen: Chris­tina Schwigon
Redak­tion: Susanne Frank

 

Wei­ter­füh­rende Lek­türe:

http://www.alevtinakakhidze.com/

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